Fokus: Dada Xiamen Dada: Die radikalste Gruppe der Neuen Welle ’85

„Brandstifter“
„Brandstifter“ | © DOON 東

2016 wird der Dadaismus hundert Jahre alt. Auch in der zeitgenössischen chinesischen Kunstgeschichte gibt es ein Gruppe, die sich nach dieser Strömung benannte: „Xiamen Dada“ (厦门达达) - die radikalste Künstlergruppe innerhalb der „Neuen Welle ’85” (八五新潮).

Xiamen Dada vor dem Hintergrund der Neuen Welle ’85

Die sogenannte Kunstbewegung der neuen Tendenzen (新潮美术运动), die um 1980 aufkam und die von der Kunstgeschichte später in Neue Welle ’85 umbenannt wurde, war ein äußerst spannendes Kapitel innerhalb der Geschichte chinesischer Gegenwartskunst. Die chinesische Avantgardekunst wies zu dieser Zeit einige wichtige historische Merkmale auf: Erstens entstand und entwickelte sie sich im Umfeld der Akademien, so dass die kreativsten Künstler mit den Kunsthochschulen meist in enger Verbindung standen. Zudem waren die Achtzigerjahre die Ära der „Gruppen“ und „Bewegungen“: Angefangen bei Künstlergruppen wie Die Sterne (星星画会) oder Die Namenlosen (无名画会), die sich unmittelbar nach der Kulturrevolution gebildet hatten, bis hin zu den diversen Gruppierungen, die Mitte bis Ende der Achtziger Jahre aufkamen, als die Künstler den Funken der Avantgarde von den Akademien ins ganze Land getragen hatten. Zum Beispiel: Die von Wang Guangyi (王广义) im Nordosten Chinas gegründete Künstlergruppe Nord (北方艺术群体), die sich der „Rationalen Malerei“ (理性绘画) verschrieben hatte; die von Zhang Peili (张培力) und Geng Jianyi (耿建翌) in Hangzhou begründete Teich-Gesellschaft (池社), die zu den Ursprüngen der Kunst zurückfinden wollte und über das Wesen der Kunst nachdachte; der von Wu Shanzhuan (吴山专) und einigen Leuten in Zhoushan gegründete Künstlerkreis Roter Humor (红色幽默), der sich dem Medium der Schriftzeichen bediente und eine Popart-Serie über die Kulturrevolution schuf; und nicht zuletzt der von Huang Yongping (黄永砅) in der Provinz Fujian gegründete Xiamen Dada. Diese Gruppen waren nicht nur organisiert, sie vertraten jeweils auch klare Forderungen und Positionen. Auch wenn die Kunstkritik in der Kunstbewegung der Achtzigerjahre eine ausschlaggebende Rolle spielte, stammten die profundesten kunsttheoretischen Überlegungen und Texte nicht von Theoretikern und Kritikern, sondern von den Künstlern selbst. 1989 schließlich, als in Beijing die Ausstellung China/Avantgarde (中国现代艺术展) von den Behörden geschlossen wurde, ging auch die Dekade der Kunst der Neuen Welle zu Ende.

Xiamen Dada

Der sich in der südchinesischen Küstenstadt Xiamen formierende Xiamen Dada gehörte zu den Künstlergruppen, die innerhalb der Kunstbewegung Neue Welle ’85 relativ spät, doch dafür umso radikaler auf den Plan traten. Die kritische Speerspitze des Xiamen Dada richtete sich direkt gegen die Kunst als Institution. Innerhalb der Bewegung ’85 unterlief die Gruppe die Kunstgeschichte und künstlerische Weltanschauung sowie die Regeln für das, was als Kunst galt, an vorderster Front und zugleich am gründlichsten. Zu den wichtigsten Mitgliedern von Xiamen Dada zählten: Huang Yongping, Lin Jiahua (林嘉华), Jiao Yaoming (焦耀明), Yu Xiaogang (俞晓刚), Xu Chengdou (许成斗), Cai Lixiong (蔡立雄), Lin Chun (林春), Chen Chengzong (陈承宗), Li Shixiong (李世雄), Zeng Yinghong (曾颖宏) und Wu Yiming (吴艺明). Doch die Teilnehmer des Künstlerkollektivs, das von 1983 bis 1989 bestand, variierten bei jeder Aktion.

Im September 1986, als die Gruppe in der New Art Gallery in Xiamen (厦门新艺术馆) die Moderne Kunstausstellung Xiamen Dada (厦门达达现代艺术展) organisierte, traten Xiamen Dada und der Geist des Dadaismus in China erstmals offen in Erscheinung. Dies war gleichsam die offizielle Geburt der Künstlergruppe. Die künstlerische Praxis von Xiamen Dada umfasste nicht nur Aktionen, die als antitraditionalistisch gelten konnten, vielmehr zeigte sich in ihren Überlegungen und Performances viel grundlegender eine Skepsis und Kritik gegenüber dem geltenden Kunstsystem mit seiner Kunstgeschichte, seinen Kunstmuseen und Kunstwerken. Vor allem in diesem Punkt unterschieden sie sich von den anderen Gruppierungen der Neuen Welle ’85. Die „Auflehnung gegen das Establishment“ wird in der Kunstwelt oft unter dem Terminus der „Institutional Critique“ geführt. Der Begriff der „Institutionellen Kritik“ kam zwar erst Ende der Sechzigerjahre auf, tatsächlich aber bediente man sich schon zur Zeit des Dadaismus ähnlicher künstlerischer Strategien. Auch die Aktionen von Xiamen Dada bezogen sich in ihrem Kerngehalt auf das Reflektieren und Kritisieren des Kunstsystems. Analysiert man die Versuche von Xiamen Dada im Sinne der Institutionskritik, lassen sich konkret zwei Ansätze herausstellen:

Der erste Ansatz betrifft das in Frage stellen des künstlerischen Establishments mit seinen Museen, Ausstellungshäusern, Kunstsammlungen, Kunstakademien und –schulen sowie den Betrachtern von Kunst. Am 23. November 1986 veranstalteten die Mitglieder von Xiamen Dada auf dem Platz vor der New Art Gallery in Xiamen die Performance Burning Works (改装-破坏-焚烧活动), in der sie die Werke aus ihrer Ausstellung „deformierten, zerstörten und verbrannten“. In dem von ihnen dazu veröffentlichten Statement of burning (焚烧声明) hieß es dazu: „Kunstwerke sind für den Künstler das, was Opium für die Menschen ist. Solange die Kunst nicht zerstört ist, gibt es keinen Frieden im Leben.“ Im Dezember 1986 schafften sie im Rahmen der Ausstellung The Fujian Art Museum Incident (发生在福建省美术展览馆内的事件展览) alle möglichen Fundstücke sowie Materialien und Gerätschaften von einer nahgelegenen Baustelle direkt in den Ausstellungsraum und brachten alles nach Schließung der Ausstellung wieder an den Fundort zurück. Im Vorwort der Ausstellung erklärten sie: dieses Kunstevent „richtet sich nicht gegen die Besucher, sondern gegen die Meinung der Besucher über ‚Kunst’; ebenso richtet es sich nicht gegen dieses Kunstmuseum, sondern gegen das Kunstmuseum als Repräsentant des Kunstsystems.“
 

  • 1986: Die Performance Burning Works vor der New Art Gallery in Xiamen I Courtesy: Huang Yongping
    1986: Die Performance Burning Works vor der New Art Gallery in Xiamen I
  • 1986: Die Performance Burning Works vor der New Art Gallery in Xiamen II Courtesy: Huang Yongping
    1986: Die Performance Burning Works vor der New Art Gallery in Xiamen II
  • Dezember 1986: Vorwort zu The Fujian Art Museum Incident Courtesy: Huang Yongping
    Dezember 1986: Vorwort zu The Fujian Art Museum Incident
  • Dezember 1986: The Fujian Art Museum Incident Courtesy: Huang Yongping
    Dezember 1986: The Fujian Art Museum Incident
  • 1989: Konzept zu Dragging the National Art Museum Courtesy: Huang Yongping
    1989: Konzept zu Dragging the National Art Museum

Abstellhalle (废品仓库活动) war eine Performance, die im März 1987 weder an einem offiziellen Ausstellungsort noch vor Publikum stattfand. Huang Yongping, die zentrale Figur von Xiamen Dada, notierte damals auf einem Zettel ein Memorandum für die Aktionen der Dada-Gruppe und schlug neun „Unorte“ für Ausstellungen vor: Lagerhallen, Schlachthäuser, öffentliche Toiletten, Krankenhäuser, Straßen, Bushaltestellen, Kaufhäuser, Müllkippen und Ruinen. Für die Arbeit Aufbereitung von Kunstwerken (作品-垃圾处理) wurde im November 1987 ein Dutzend Werke aus einer Ausstellung von fünf Künstlern auf einer Müllhalde in der Nähe eines Ateliers deponiert. Dann beobachte und dokumentierte man die „künstlerischen Methoden“, denen die Kunstwerke dort unterzogen wurden. Die von Xiamen Dada-Mitglied Lin Jiahua organisierte Aktion Entanglement/Binding (纠缠——捆绑活动) fand im Dezember desselben Jahres auf offenem Gelände statt. Die Performance, bei der sich die Künstler mit Hanfseilen und Nylonschnüren fesselten, setzte ein Zeichen gegen die Selbstdarstellung. In dem Projekt Dragging the National Art Gallery (逃离美术馆) von 1989 machten die Mitglieder von Xiamen Dada das Kunstmuseum selbst zum Thema, indem sie bekundeten, ihre Arbeiten nur an inoffiziellen Ausstellungsorten auszustellen. Auf diese Weise wollten sie auf die Kunstmuseen und deren Rolle in der zeitgenössischen Kunst aufmerksam machen.

Der zweite Ansatzpunkt von Xiamen Dada bezog sich auf Überlegungen zur Aspekten wie Kunstgeschichte, Status des Werkautors, Originalwerk, Malerei und Readymades. 1986 und 87 machte Huang Yongping eine Reihe von Arbeiten, die klassische Werke der Kunstgeschichte direkt verfremdeten, darunter The beard was easier to burn (胡子最易燃烧), Ruben’s lion bites Ruben’s horse (鲁本斯的狮子在吃鲁本斯的马) und Self-portrait, Da Vinci or Mona Lisa? (是自画像还是达芬奇还是蒙娜丽莎). In einem Text verkündete Huang Yongping „den Tod der Malerei“. Seiner Meinung nach sollten die Künstler die traditionelle Malerei und Skulptur und das mit ihnen verbundene Modell der Auftragsarbeit aufgeben und stattdessen das eigene schöpferische Potential freisetzen. Mit Beginn von Serien wie The Kitchen (厨房) und Dust (灰尘) (bei denen sich die unsichtbaren Texturen des Alltagslebens zeitbedingt von selbst ergaben und die Einflussnahme des Werkautors auf ein Minimum reduziert wurde) bis hin zu seiner durch große Roulette-Installationen vollendeten „Anti-Selbstausdrucks-Kunst“ (非表达绘画) verfolgte Huang Yongping ein Ziel: Die Funktion des eigenen Sehens und Denkens zurückzudrängen, die Rolle des Künstlers im Schaffensprozess zu überdenken und die Frage nach der „Selbstaufgabe“ bei der künstlerischen Arbeit zu stellen. 
 

  • Huang Yongping in seinem Atelier in Xiamen bei der Arbeit an Großes Roulette Courtesy: Huang Yongping
    Huang Yongping in seinem Atelier in Xiamen bei der Arbeit an Großes Roulette
  • Huang Yongping, 1986/1987: Self-portrait, Da Vinci or Mona Lisa? Courtesy: Huang Yongping
    Huang Yongping, 1986/1987: Self-portrait, Da Vinci or Mona Lisa?
  • Küche (1987) Courtesy: Huang Yongpin
    Küche (1987)

Xiamen Dada und der Dadaismus

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der europäische Dadaismus und die „Neue Kulturbewegung des Vierten Mai“ (五四新文化运动) fast zur selben Zeit stattfanden.Beide Bewegungen waren gleichsam radikal, rebellisch und laut; durchzogen von dem gleichen anarchistischen und nihilistischen Grundton. Ein halbes Jahrhundert später schließlich knüpfte Xiamen Dada nicht nur an die gegen das Establishment gerichtete radikale Tradition der Vierten-Mai-Bewegung an, sondern war gleichzeitig der modernen westlichen Kunstgeschichte, nämlich der „Systemkritik“ Duchamps und seiner Dada-Bewegung eng verbunden. Allerdings war „Dada“ für Xiamen Dada nichts als ein leerer Signifikant. Die Gruppe hatte keineswegs den Anspruch innerhalb der Kunstgeschichte als echte Vertreterin des „Dada“ zu gelten, sondern war der Meinung, dass „ein hundertprozentiger Dadaismus unmöglich ist und nicht existiert“. Bei ihnen fungierte Dada nur als Instrument des Zweifels und der Zerstörung, als ewiges Mahnmal selbst in jedem Moment eine klare und kritische Haltung zu bewahren. Gleichzeitig bedeutete „Dada“ für sie einerseits, dass man sich jedes Begriffs frei bedienen konnte, andererseits, dass zwischen Begriffen und ihren Bedeutungen nur ein diffuser Zusammenhang besteht. Um mit Huang Yongping zu sprechen: „Zen ist Dada, Dada ist Zen.“