Olympia 2032 Manila 2032

Manila 2032
© DOON 東

Gewalt ist im Jahr 2032 ein fester Bestandteil der Eventkultur rund um die Olympischen Spiele. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Virtual und Non-Virtual Reality.

In dem Augenblick, als Kim Mendoza, eine kleine, drahtige Filipina, den Polizeiknüppel auf sich zufliegen sah, dachte sie, kurz bevor sie gar nichts mehr dachte: „Hey, habe ich jetzt eigentlich noch ein Leben oder muss ich rebooten?“ Aber dann fiel ihr ein, dass sie gar nicht rebooten konnte, weil diese Straßenschlacht real life war und nicht VR – obwohl sich dieses RL auch nicht realer anfühlt als virtuelle Wirklichkeit, eher etwas unwirklicher, ein bisschen schlecht simuliert. Und dann dachte sie, kurz bevor sie gar nichts mehr dachte, noch einmal: „Verdammt, dann spaltet mir dieser bescheuerte Schlagstock am Ende wirklich noch den Kopf.“

Lässt den Schädel wie eine Melone platzen.
Wie in einem Game.
Dabei war es gar kein Game.
Hatte nur als Spiel angefangen. Damals, vor ein paar Jahrzehnten.
Als es bei den Fußballgroßereignissen zu den ersten Straßenschlachten kam.

Ziemlich durchgeknallt war das gewesen. Die Leute hatten in eine Fanmeile gewollt, aber die Bullen sie nicht reingelassen. Angeblich wegen Überfüllung. Also war es zu Krawallen gekommen, direkt hinter der Großleinwand. Die Medien waren Sturm gelaufen hinterher, das alles habe mit Sport doch nichts mehr tun, aber den Leuten im Netz hatte es gefallen. Besser als das lahme Gekicke zumindest. Der Fußball war in diesen Jahren auch so öde geworden.

Zwei Jahre später in Russland 2018 war bereits jemand auf die glorreiche Idee gekommen, die Riots im Netz zu streamen. Es gab 20 Tote und Rekordeinschaltquoten. Und bei der EM 2020, die dezentral in mehreren Ländern ausgetragen worden war, brachen in sechs europäischen Ländern gleichzeitig Krawalle aus, die schließlich zehn Tage lang dauerten.

Kim Mendoza war damals noch ein Kind gewesen, aber würde später einiges darüber lesen. Man interessiert sich schließlich für die Jugendkultur, zu der man sich zugehörig fühlt. Die Politik hatte ein härteres Vorgehen der Polizei eingefordert, aber genau das die Sache noch attraktiver gemacht: ungezügelte Gewaltausbrüche der Cops, der kollektive Amoklauf von mehreren Tausend Jugendlichen. Rioting hatte dem Fußball schnell den Rang abgelaufen.

So begannen sich schließlich auch Spieleentwickler für das Phänomen zu interessieren; erst mehr oder weniger halblegal, dann waren auch die großen Game-Konzerne auf den Zug aufgesprungen. Man entwickelte Plattformen, auf denen rioters sich virtuell beteiligen konnten. Zunächst mit VR-Brille und Konsole, später auch mit sensitiver suit. Kim Mendoza, die aus einer philippinischen Kleinstadt stammte, spielte mit zwölf zum ersten Mal und gehörte schon bald zur Gamer-Elite. Seit dem Kindergarten praktizierte sie Wii-Kung-Fu, das an der Konsole gelehrt wurde und deshalb eine Spezialisierung auf besonders rücksichtslose Kampfpraktiken zuließ. Schon bald träumte sie davon, auch einmal live dabei sein zu können. Aber wo wollte man als einfache Filipina schon hin? Auslandsreisen? Die Grenzen waren dicht – wenn man nicht gerade zum erlesenen Kreis der Yuan-Millionäre gehörte.

Wie glücklich war sie gewesen, als sie erfuhr, dass die Olympischen Spiele 2032 wegen des Staatsbankrotts der USA kurzfristig nach Manila verlegt werden würden. Zwar steckte die Riothools-Kultur in Südostasien noch in den Kinderschuhen, und religiöser Fanatismus war bei den meisten Jugendlichen viel angesagter als Straßengewalt. Aber Mendoza, und mit ihr Tausende gleichaltrige Gamer, ließ sich die Gelegenheit trotzdem nicht entgehen. Während das Nationale Olympische Komitee der Philippinen die Sportstätten errichtete, bereitete auch Mendoza sich vor. Im Netz hatte sie bis dahin fast immer drei Klassen oberhalb ihres tatsächlichen Gewichts gekämpft. Jetzt würde sie schon bald Polizisten gegenüber treten, die fast doppelt so viel wogen wie sie selbst. Sie würde ihre Beweglichkeit einsetzen müssen, was jedoch gar nicht so einfach war, denn anders als in der VR konnte man sich nicht einfach einen Avatar zulegen, um sich vor einer ID-Erfassung zu schützen. Im realen Leben musste man sich etwas einfallen lassen: sich Lappen um Oberkörper und Beine wickeln, damit der Körperbau unter dem Overall nicht zu erkennen war, was einen wiederum schwerfälliger machte. Auch die Brille, die man benötigte, um sich vor Iris-Scans zu schützen, war hinderlich. Das Blickfeld wurde kleiner. Und gegen die Drohnen hatte man außerhalb der VR sowieso keine Chance. Es sei denn, jemand hackte die Sendefrequenz der Cops.

Aber all diese Hindernisse, dachte Kim Mendoza, kurz bevor sie gar nichts mehr dachte, hatten sie nicht davon abhalten können: Sie war hier, war dabei. Bald acht Stunden tobten die Straßenschlachten. Was für ein unvergleichliches Gemeinschaftserlebnis. Das wurde in den Online-Games bis heute nicht vernünftig simuliert. Dieser Enthusiasmus, wenn man mit anderen zusammen zu einer echten Community verschmolz. Sich gegenseitig beistand, vor den Cops rettete, den Schweiß roch, trotz drakonischer Strafen füreinander da war. Kim Mendoza war glücklich, diesen Weg gegangen zu sein.

Dachte sie noch einmal kurz vor dem Aufprall des Knüppels. Dass die Cops so archaische Mittel überhaupt noch einsetzen. Verrückt eigentlich. Wo Betäubungsdrohnen viel wirkungsvoller waren. Ob sie da wohl Geld von den Spieleentwicklern für bekamen?

Aber bevor Kim Mendoza eine Antwort auf diese Frage denken konnte, wurde es auch schon schwarz.

Wie bei einer Konsole, die sich aufgehängt hatte.