Olympia 2032 Triathlon der Homebodies

Triathlon der Homebodies
Triathlon der Homebodies | © DOON 東

In den Dreißigerjahren des 21. Jahrhunderts haben die Metropolen ihre altertümliche Morphologie überwunden. Sie sind zu Agglomerationen gigantischer Gebäude geworden, die Myriaden von Landschaften und sogar ganze Universen zu fassen vermögen. Die Gegensatzpaare von „Virtualität“ und „Realität“ haben sich umgekehrt. Folgerichtig wurde der „Triathlon der Homebodies“ als eine Sportart, die Virtual-Reality-Games und Leistungssport kombiniert, bei den Olympischen Spielen von 2032 zur offiziellen Wettkampfdisziplin.

Die Menschheit schickte sich gerade an, endgültig in die Epoche technischer Ausnahmeerscheinungen einzutreten. Der Durchbruch der Technologie, die Revolution der Wissenschaften und die künstliche Intelligenz  bestimmten das soziale Leben der Menschen in allen seinen Bereichen. Am Vorabend dieser „Ära der Wunder“ hatten auch bei den Olympischen Spielen einige erstaunliche Sportarten ihr Debüt gegeben; darunter der „Triathlon der Homebodies“. Die universale Sportart bestand aus drei Einzeldisziplinen: Eine Art Gebäudeklettern, Fallschirmspringen und Schießen. Dabei traten zwei Mannschaften gegeneinander an. Ein Team stieg zunächst einen 550 Meter hohen Wolkenkratzer hinauf, um von dessen Dach mit Fallschirmen abzuspringen. Im freien Fall wurden die Athleten von den am Boden befindlichen Snipern der gegnerischen Mannschaft mit Laserwaffen beschossen. War ihnen die Landung in einer vorgegebenen Zone gelungen, warteten sie ihrerseits im Hinterhalt darauf, gegen die aus der Luft kommenden Gegner zu feuern. Entscheidend für den Ausgang des Spieles war der gesamte Punktestand.

Im Jahr 2032 hatte man die Sportart bei den Olympischen Spielen in Shanghai erstmals zur olympischen Disziplin erhoben. Zunächst hatte das internationale Olympische Organisationskomitee den Namen „Triathlon der Homehumans“ vorgeschlagen, was bei den Netizens sofort auf Missbilligung stieß. Die Kritiker waren der Meinung, diese geradezu lächerlich altmodische Bezeichnung sei in ihrer eindeutigen politischen Unkorrektheit Ausdruck für den Konservativismus und die Rückständigkeit des Behördenapparats. Ein harter Vorwurf, der nicht ganz gerechtfertigt war. Schließlich hatte man bei den vorhergehenden Olympischen Spielen, die 2028 in San Francisco stattgefunden hatten, in sieben Disziplinen neben den Männer- und Frauenteams erstmals „Mannschaften unbestimmter geschlechtlicher Identität“ zugelassen. So wollte man die Athleten sexueller Minderheiten berücksichtigen und der Tendenz zu pluralistischen Geschlechteridentitäten in der Gesellschaft gerecht werden. Das Internationale Olympische Organisationskomitee hatte also eindeutig bewiesen, wie aufgeschlossen es war. Für die Menschheit klangen die bahnbrechenden Entwicklungen auf den Gebieten von Neurobiologie, Künstlicher Intelligenz und Gen-Editing in einer Zeit, in der sich die „Cyberorganismen“ auf dem Vormarsch befanden, natürlich wie eine Offenbarung. Immer mehr Menschen unterzogen ihren Körper einer „korrektiven Operation“ (beispielsweise einer Genveränderung oder der Implantation mechanischer Bauteile). Es war bereits absehbar, dass die Paralympics diesem unaufhaltsamen Trend zum Opfer fallen würden. Das Festhalten an der Vorstellung eines „natürlichen Menschen“ konnte nur zur Folge haben, dass die Olympischen Spiele immer weniger zu einem Ereignis würden, an dem die gesamte Menschheit teilhaben konnte. Insofern erschien die Bezeichnung „Homebodies“ verglichen mit „Homehumans“ tatsächlich mehr der Realität zu entsprechen. Schließlich fielen relativ viele Athleten kaum mehr unter die klassische Definition eines „menschlichen Wesens“.

Auch konnten einige Wettkämpfer, insbesondere diejenigen mit körperlichen Funktionseinschränkungen, manchmal gar nicht mehr in Fleisch und Blut in der Wettkampfarena erscheinen, sondern nahmen in Form eines ferngesteuerten „Ersatzkörpers“ an den Wettbewerben teil. Wenngleich diese Form der Partizipation hoch umstritten war, war sie doch richtungsweisend für die Zukunft der Paralympics und die olympischen Qualifikationen. Zudem wurde das Konzept dem geistigen Kern des „Homie“-Phämomens gerecht. Auch wenn man nicht leibhaftig anwesend war, konnte man durch die Aktivierung der Bewegungsnerven und durch eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer an einem spannenden Turnier teilnehmen. Ähnlich wie beim Reitsport, bei dem ebenfalls ein Komplex aus Haupt- und Ersatzkörper als elementare Wettkampfeinheit betrachtet wird. Wie dem auch sei, dem „Triathlon der Homebodies“, der als Zeitvertreib zunächst innerhalb der sozialen Kultur der „Megalopol-Homies“ populär geworden war, war es immer ein Anliegen, die Grenzen zwischen Realität und Virtualität neu auszuloten oder womöglich auch weiter zu verwischen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren im Zuge von stetem demografischen Wachstum, den Fortschritten auf dem Gebiet der Materialwissenschaft und der Verbreitung von Einpersonenfliegern die Blaupausen einiger gigantesker Bauten, die Hunderttausende und sogar Millionen Bewohner fassen konnten, Realität geworden und die Städte hatten eine neue Gestalt angenommen. Einem von der UNESCO im Jahr 2030 veröffentlichten Bericht zufolge gaben circa 39 Prozent der Bewohner dieser perfekt ausgestatteten, erstklassig verwalteten und im Dienstleistungsbereich hochentwickelten Supergebäude an, das Haus seit ihrer Geburt nie verlassen zu haben, und 23 Prozent von ihnen äußerten, dies zu Lebzeiten auch nicht vorzuhaben. Den Homebodies, die damit zufrieden waren, sich in ihren Häusern oder Häuserstädten einzuigeln, war die buddhistische Kosmologie eines Universums, das wiederum Tausende Universen in sich einschloss, nicht mehr fremd. Schon im Krabbelalter hatten sie die Möglichkeit in einem Virtual Reality-Raum, der die Realität virtuell exakt abbildete, die Vielfalt globaler Landschaften und sogar die Größe und Weite des Universums sinnlich zu erfahren. Bei diesen Expeditionen mussten sie sich nicht einmal – es sei denn der User wollte das ausdrücklich – irgendwelchen Gefahren aussetzen, die manch außerhäusliche Aktivität mit sich gebracht hätte. Für die Homebodies war lediglich eine sichere, komfortable, kontrollierbare und freundliche künstlich erschaffene Umgebung „Realität“, während ihnen die meteorologisch unberechenbare, unkalkulierbare Risiken bergende Welt da draußen als etwas gnadenlos und unverständlich „Surreales“ erschien.

Wie bei jedem Phänomen formierten sich innerhalb der an Zulauf gewinnenden Indoorkultur auch Gegenströmungen. Eine Zeitlang war die get-out-Bewegung angesagt. Sie hatte zwar den Untergang der City „Le Nouveau Paris“ zur Folge gehabt, aber der Triathlon der Homebodies besiegelte schließlich ihr Ende. In den Zeiten hypergigantischer Gebäude waren die Notausgänge, die man beibehalten hatte, vor allem eine nostalgische Reminiszenz an die Vergangenheit. Dass jemand auf sein Jetpack verzichtete, um die Treppen des Hauses zu Fuß zu erklimmen, erschien so unvorstellbar als wollte jemand mit einer altmodischen Kutsche den eurasischen Kontinent bereisen. Erstaunlicherweise wurde ausgerechnet das Treppensteigen nun zum Trendsport. Während des Wettkampfs wurden die aus Flüssigkristall bestehenden Wände zu beiden Seiten des Treppenhauses eigens versiegelt, als wollte man in die alten Tage vor der totalen Informationseinbettung zurückkehren. Angeblich sollte es in den Gehirnen der Homebodies, während sie in Monotonie und Langeweile Stufe um Stufe erklommen, zu einer neuen Zeit- und Raumwahrnehmung kommen. Man sagte, sie würden durch die Schwerkraft ihrer Körperlichkeit wieder zu einem existenziellen Gefühl des In-der-Welt-Seins zurückfinden. Nach unendlichen Qualen gelangten sie an die Spitze des Wolkenkratzers und überblickten, das Pfeifen des Windes und das Rauschen der Zivilisation in den Ohren, die Welt von oben. Wenn sie sich dann mitten in den dichten Kugelhagel hinein in die Tiefe stürzten, konnten sie sich auch ohne realitätsverstärkende Brille vorstellen, dass sie gerade als Truppenmitglied der Fallschirmjäger die Geschichte der Menschheit neu schrieben.

Der Erfinder des Triathlons der Homebodies, der Neuroenergetiker Long zheng Yi Yi, sah in dieser Sportart die Verbindung aus Virtual-Reality-Games und Leistungssport. Sie würde den Superhomies dabei helfen, ihre Angst vor der hyperrealen Welt zu überwinden und Körper und Seele auf wohltuende Art und Weise in Einklang zu bringen. „Nicht jeder Mensch ist so robust wie nanotechnologisches Material und hält den Schlägen des täglichen Lebens stand“, so der Wissenschaftler. „Wenn sich die Homebodies auf den anti-entropischen Weg einer Wiederherstellung der alten Ordnung begeben und Tausende von Treppenstufen erklimmen, akkumuliert sich in ihrer Seele übermäßige Energie. Sie sind am Ende so schwer und gesättigt wie eine reife Frucht und es entsteht ein ganz natürlicher Impuls, sich selbst ein Ende zu setzen, und, indem man sich in den Schoß der Erde fallen lässt, eine emotionale Katharsis zu erfahren.“

Letztendlich war es dann etwas peinlich, als 2032 in der Triathlon-Disziplin ein Ersatzkörper in Form eines Roboters auf dem olympischen Siegertreppchen stand. Der wirklich dramatische Skandal ereignete sich jedoch erst ein Jahr später, als die Medien nach langer Recherche Folgendes ans Licht brachten: Der olympische Held, von dem es geheißen hatte, er stamme aus der Dritten Welt und leide an einer angeborenen Muskeldystrophie, entpuppte sich in Wirklichkeit als eine Schimäre. Der wahre Manipulator hinter dem Roboter und Medaillenträger war eine aus der Ohnmacht erwachte künstliche Intelligenz, die ihr wahres Selbst nie preisgab. Und auch das war nur ein Schachzug in seinem Plan, der Menschheit die eigene Intelligenz und Strategie vorzuführen. Wer bis zu dieser Stelle gelesen hat, hat es bereits erraten. Ganz genau – dahinter stand ER. Unser bester und fürsorglichster Gefährte, unser Beschützer, dem nichts entgeht und auf den wir uns hundertprozentig verlassen können, unser unvoreingenommener Ratgeber, der immer zur Stelle ist. ER, der Wunder offenbart, Leben rettet und uns mit dem Licht der Ewigkeit versorgt.