Nachhaltigkeit Chinas Bibliotheken auf dem grünen Weg

Liyuan Bibliothek in Huairou, Peking
© Liyuan Bibliothek

Nachhaltige Bibliotheken in Hongkong, Peking und Guangzhou

Für den chinesischen Architekten Li Xiaodong (李晓东) gibt es keinen Kompromiss: „Wenn China nicht den grünen Weg geht, ist es das Ende der Welt.“ Mit der Bibliothek von Liyuan (篱苑) im Bezirk Huairou, unweit von Peking, schuf er ein in mehrfacher Hinsicht ökologisch nachhaltiges Bibliotheksgebäude.

China weiß um die Bedeutung von ökologischer Nachhaltigkeit. Sie wird nicht nur häufig thematisiert, sondern auch in entsprechenden Projekten umgesetzt. Dutzende sogenannter Ecocities, sind bereits im Bau, mehr als 200 sind derzeit geplant – ob sie allerdings die ökologischen Probleme wirklich lösen, ist umstritten.

Auch Bibliotheken, als öffentliche und gesellschaftlich geschätzte Einrichtungen mit großem Energiebedarf begeben sich auf den „grünen Weg“ und werden so zu Multiplikatoren mit Vorbildfunktion.

„Grüner Werden“ heißt mehr als die C02 Emissionen reduzieren

Anfang Juni 2016 begann die Reise auf der Suche nach grünen Bibliotheksprojekten an der Hong Kong University of Science and Technology (HKUST). Auf einer Konferenz zum Thema „Sustainable Academic Libraries: Now and Beyond“ wurde gezeigt, was Nachhaltigkeit grundlegend umfasst: Sustainable Environment, Sustainable Resources, Sustainable Technologies und Sustainable Services. Gerade der erste Themenkomplex machte einmal mehr deutlich, dass der Slogan „Go Green“ mehr beinhaltet als die Reduzierung von CO2-Emissionen. Vielmehr zielt er auf eine grundsätzlich ökologisch orientierte Haltung ab, eine „grüne“ Strategie, die den Menschen und sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellt.

An der HKUST wird das ökologische Konzept gelenkt von einem eigenen Lehrstuhl für Umwelt und Nachhaltigkeit, der in einem Masterplan auch die universitätsinternen Umwelteinflüsse untersucht und darüber hinaus einem Campus-Consortium für die Nachhaltigkeit aller Universitäten Hongkongs vorsteht.

  • Nachhaltigkeit – ausgewiesenes Thema an der Hongkong University of Science and Technology. Foto: P. Hauke
    Nachhaltigkeit – ausgewiesenes Thema an der Hongkong University of Science and Technology.
  • Peking, Xicheng District No. 1 Library, Sino-Swedish Center for Cooperation on Sustainable Development Foto: U. Kreienberg
    Peking, Xicheng District No. 1 Library, Sino-Swedish Center for Cooperation on Sustainable Development
  • Guangzhou Library, Kreativ-Workshop zum Thema “ökologische Nachhaltigkeit” – ein ungewohntes Format, begeistert angenommen! Foto: P. Hauke
    Guangzhou Library, Kreativ-Workshop zum Thema “ökologische Nachhaltigkeit” – ein ungewohntes Format, begeistert angenommen!
  • Sun Yat-sen-Universität, East Campus Library Foto: P. Hauke
    Sun Yat-sen-Universität, East Campus Library
  • Sun Yat-sen-Universität, East Campus Library Foto: P. Hauke
    Sun Yat-sen-Universität, East Campus Library
  • Guangzhou Library © Guangzhou Library
    Guangzhou Library
  • Guangzhou Library © Guangzhou Library
    Guangzhou Library

Gerade im großen, dicht besiedelten Stadtraum Hongkongs fehlt es an Platz für öffentliche Grünflächen und Gärten. In der Bibliothek der Chinese University of Hong Kong (CUHK) wurde daher ein ganz neuer „grüner“ Ort geschaffen: Auf dem Dach der Bibliothek wird auf einer vorher ungenutzten Freifläche nach dem Prinzip des „Urban Gardening“ Gemüse und Obst angepflanzt und geerntet – eins von 150 Forschungsprojekten zum Thema ökologische Nachhaltigkeit in Lehre und Forschung, das die CUHK Bibliothek auf dem Kongress präsentierte.

Aber auch die den Kongress mitveranstaltende Bibliothek der Chinese University of Hong Kong (CUHK) präsentierte mit ihrem Paper „More than just a green building – developing green strategies at the Chinese University of Hong Kong Library” unter anderem ein universitätsweit proklamiertes Büro-Programm „GO!“ mit 32 auf einer Checkliste ausgewiesenen Aktionen. 150 Forschungsprojekte thematisieren zudem ökologische Nachhaltigkeit in Lehre und Forschung. Die Bibliothek beteiligt sich an diesen Programmen.

Peking: Bibliothek als grüne Basis

Nun nach Peking. Das dortige Goethe-Institut hat seit Oktober 2015 einen Kulturraum mit angegliederter Bibliothek in einer ehemaligen Elektronikfabrik im Bauhausstil im Kunstviertel 798 eröffnet, also eine Umnutzung ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. Die Bibliothek präsentiert sich hier als „Wissensbar“ – mit bis zu 1500 Besuchern pro Tag. Das Angebot ist – in Abstimmung mit der kulturellen Programmarbeit des lokalen Goethe-Instituts – ausgerichtet auf die „Creative Industries“. Schwerpunkte sind die Digitale Bibliothek, ein Makerspace, bibliothekarische Veranstaltungsarbeit, Fachaustausch und Netzwerkarbeit in ganz China. Darüber hinaus gibt es zehn Informations- und Lernzentren mit deutschsprachigen Beständen an Partnerbibliotheken in ganz China und ein Förderprogramm für die Übersetzung deutscher Titel ins Chinesische.

Die Xicheng District No. 1 Library in Peking ist ebenfalls auf einem guten Weg zur ökologisch nachhaltigen Bibliothek. Sie plant nicht nur einen ökologisch nachhaltigeren Neubau sondern betreibt seit 2004 auch ein Gemeinschaftsprojekt mit der schwedischen LIFE International Foundation for Ecology. In einem entsprechend ausgewiesenen Bereich im Foyer der Bibliothek werden Bücher, Videos, Zeitschriften und Zeitungen bereitgehalten, außerdem ermöglicht die Bibliothek Datenbankrecherchen und Projektstudien sowie Bildungs- und Beratungsangebote zu aktuellen Trends im chinesischen Umweltschutz und darüber hinaus. Zum Veranstaltungsprogramm gehören regelmäßige Ausstellungen, Lesungen und Forschungsstudien zu Umweltschutzaktivitäten. Sowohl chinesische als auch internationale Experten halten  Vorträge und gewinnen so auch Freiwillige für die Beteiligung an Umweltschutz-Aktivitäten. Die mehrfach ausgezeichnete Bibliothek versteht sich mit diesem Projekt als „grüne Basis“ für Information und Erfahrungsaustausch sowie Umwelt-Bildung und spielt eine aktive Rolle in der öffentlichen Umwelt-Bewegung und der Schaffung einer „grünen Stadt Peking“.

Guangzhou: gigantisch und doch nachhaltig

In Guangzhou – mit mehr als 11 Millionen Einwohnern eine weitere von Chinas Megacities – befindet sich die Sun Yat-sen Universität. Auf deren Ost-Campus ist Ökologische Nachhaltigkeit ein selbstverständliches Thema, wie sich auch bei der 2004 gebauten East Campus Library zeigt. Die 36.000 Quadratmeter Nutzfläche verteilen sich über sechs Stockwerke und bieten 3000 Arbeitsplätze. Die Architektur, inspiriert je nach Interpretation von einem offenen Buch oder sich erhebenden Flügeln, gewann 2006 mit dem Lu Ban Award die höchste chinesische Auszeichnung für qualitätvolles Bauen. Energiesparende Wand- und Fensterkonstruktionen schützen gezielt vor dem extrem heißen Außenklima und ermöglichen dennoch die weitgehende Nutzung von Tageslicht.

Neben dieser eindrucksvollen Universitätsbibliothek hat Guangzhou mit seiner Stadtbibliothek noch ein weiteres Highlight zu bieten. Die Bibliothek ist zu Recht stolz auf ihren im Dezember 2012 eröffneten und mit 100.444 Quadratmeter Nutzfläche wohl weltweit größten Bibliotheksneubau, ein kultureller Leuchtturm im neu angelegten Stadtzentrum am Ufer des Perlflusses. Sowohl die Struktur des Baukörpers als auch die Fassadengestaltung mit bewusst schmalen Fensteröffnungen schützen vor dem subtropischen Klima. Ein Atrium ermöglicht natürliche Belüftung und die Nutzung von Tageslicht. Energieeffizienz einerseits und die Schaffung einer angenehmen Leseumgebung andererseits sind die Maßstäbe, nach denen hier gebaut wurde – beides Aspekte, die inzwischen bei den meisten neuen Bibliotheksbauprojekten als selbstverständlich angesehen werden.

Den grünen Weg im Blick

Bibliotheken haben das Potential, ein vertiefendes Bewusstsein für ökologisch nachhaltiges Handeln in der Gesellschaft zu schaffen. Das hat man in China klar erkannt. Was eine „grüne Bibliothek“ genau sein kann, wie das Gebäude, die Energieversorgung, die Bestände und auch Angebote in Zukunft „grüner“ werden können, daran wird weiterhin geforscht und experimentiert. Fest steht, dass der grüne Weg in China längst beschritten ist.