Stadtgeschichten: München Dieser unglaubliche Reichtum

Christine Knödler
Christine Knödler | © Nell Killius

Christine Knödler liebt und tadelt München.

Vor dem schmiedeeisernen Tor, das den Garten des Lenbachhauses beschützt, hält ein teures, ein sehr teures Auto. Zwei Männer steigen aus; einer ist europäisch, einer asiatisch. Sie schauen durch das Tor auf die Villa im toskanischen Stil. Der europäische Fahrer sagt ein paar Sätze auf Englisch, der asiatische Reisende nickt. Schon steigen sie wieder ein und fahren weg. So schnell kann also Stadtführung gehen. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus hat für heute geschlossen. Der Garten hat sich geleert, und strahlt jene Ruhe aus, die ihm von Anfang beschieden gewesen sein muss, als der berühmte bayerische Maler Franz von Lenbach sich 1890 dieses Haus in einer der besten Lagen Münchens erbauen ließ.

Für Christine Knödler, die freie Journalistin, Lektorin und Herausgeberin von sehr schönen Anthologien der Kinder- und Jugendliteratur, ist es genau diese Ruhe, die sie zum Lenbachhaus zieht. „Es ist der erste Ort, an dem ich mich in dieser merkwürdigen Stadt heimisch gefühlt habe. Wann immer es geht, bin ich dort.“ Knödler hat Kunstgeschichte studiert und ist auch mit der Gemäldesammlung bestens vertraut. Die international berühmte Künstlergruppe Der Blaue Reiter, in der Gabriele Münter, Franz Marc, Wassily Kandinsky und andere zusammenfanden, bestimmt mit ihren Gemälden die Kunstgalerie. Man könnte meinen, dass Marcs berühmte Tierbilder gerade für Kinder und Jugendliche einen Zugang zur Kunst darstellen. Knödler betont demgegenüber gerade die abstrakten Bilder eines Kandinsky, bei denen Kinder gar keine Vermittlung bräuchten. „Wenn man sie schauen lässt und ihnen gar nichts vorgibt, können sie unglaubliche Geschichten dazu erzählen.“ Man dürfe sie nicht mit zielgerichteten Fragen konfrontieren, Epoche oder Bedeutung eines Künstlers seien ihnen egal – ob in der Kunst oder in der Literatur.

Zum Kinder- und Jugendbuch gelangte Christine Knödler eher zufällig. Sie arbeitete fürs Fernsehen und kam zur Redaktion einer entsprechenden Sendung. „Es war Liebe auf den dritten Blick“, sagt sie. Bei dieser Liebe ist sie jedoch geblieben. „Man hat da weniger die Metaebene, das verschlüsselte Erzählen, sondern die Unmittelbarkeit, die vielen ersten Male. Große Themen - Liebe, Abschied, wohin will ich gehen, es ist eine Art Initiation aus zweiter Hand.“ Knödler glaubt, dass Lesen die Menschen verändert. Und sie geht mit Verve daran, die Spreu vom Weizen zu trennen, zu empfehlen und abzuraten.

Auch die Vermittlung an Erwachsene ist ihr dabei wichtig. Sie stellt in Diskussionsrunden Jugendbücher vor, fragt nach Lese-Erfahrungen und bemüht sich um Einordnung. All das geschieht nicht akademisch, sondern mit viel Freude an der Sache und sehr konkret. Bedauerlich findet sie, dass das Kinder- und Jugendbuch in einer gesellschaftlichen Nische hockt. Es müsse deutlich mehr Foren dafür geben. Viele Autoren hätten Vorbehalte, für junge Leser zu schreiben. Sie wollten nicht als „Kinderonkel“ gelten. Wenn Knödler eine Anthologie macht, trennt sie nicht scharf zwischen Erwachsenen- und Kinderliteratur. „Ich nehme auch Gedichte von Bachmann oder Celan mit hinein.“

Wir kommen noch einmal auf das Haus zu sprechen. Lenbachs an Meistern wie Tizian und Rubens geschulte Malweise fand zu seinen Lebzeiten großen Anklang. Er wurde zum berühmten Gestalter der Bildnisse noch berühmterer Menschen, etwa des Papstes, der Kaisers oder des Fürsten Bismarck. Auch seine beiden Töchter malte er gern und liebevoll. Am Rande des antikisierenden Ensembles auf dem Königsplatz, an der Straße, die von der Königsresidenz zum Schloss Nymphenburg führte, lebte er ein großbürgerliches Leben, malte teilweise vor Publikum und hatte die halbe Welt zu Gast. Der damals bekannteste Münchener Architekt Seidl baute ihm eine Villa und ein Atelierhaus, in dem sich toskanische mit römischen Stilelementen aufs Gelungenste verbinden. Das Haus ist weit von der Straße zurückgesetzt, der Garten davor, obwohl geometrisch und mit gestutzten Buchsbaumhecken angelegt, wirkt verspielt mit seiner Brunnenschale, den Terrakotten und der Freitreppe.

Für seine neue Nutzung als städtische Galerie wurde die Anlage 1929 um einen dritten Flügel erweitert.

Im Krieg zerstörten Bomben das Haus beinahe, doch 1947 fand schon wieder eine Ausstellung statt. Ein zweiter Erweiterungsbau vom Anfang der 1970er-Jahre musste einem 2013 eröffneten Neubau von Norman Foster weichen. Dieser Teil der Galerie gibt sich betont heutig und stellt doch eine zurückhaltende Ergänzung des Ensembles dar. Seine messingfarbenen Paneele passen gut zu dem dunklen Gelb des alten Hauses. „Innen“, lobt Knödler, „hat man jetzt viel mehr Platz für all die Kostbarkeiten. Es ist viel, viel heller. Früher war es düster und eng. Die Bilder verändern sich dadurch.“ Ihr gefällt auch, wie der Neubau den ursprünglichen umarmt. „Plötzlich merkt man, oh, das ist ja die alte Außenwand, die jetzt innen ist. Das ist schon klug gemacht.“

Es fällt auf, dass Christine Knödler einige schöne Orte in München nennen kann, aber „keinen richtig schrecklichen“. Allerdings ist das dunkle Kapitel der NS-Vergangenheit für die geschichtsbewusste Frau immer präsent, sehr deutlich auf dem benachbarten Königsplatz, wo die Nazis ihre Aufmärsche hielten und so genannte „Ehrentempel“ für die Gefallenen des hitlerschen Putschversuchs von 1923 errichteten.

Auch die „grantlige“ Mentalität, das leicht averse Auftreten mancher eingesessener Münchener, hat die verbindliche Schwäbin befremdet, als sie vor vielen Jahren herkam. Auch wünscht sie den Leuten hier mehr Realitätssinn. Vielen sei nicht klar, „dass es nicht selbstverständlich ist, in den Osterferien nach Südafrika zu fliegen, auf die eigene Straußenfarm.“ Als die Münchener sich so entschieden gegen Pegida einsetzten, haben sie allerdings viel bei ihr wettgemacht.

„Aber der unglaubliche Reichtum“, sagt sie nun wieder, „wenn man etwa durch die Maximilianstraße läuft, das ist einfach absurd.“ Franz von Lenbach ist bereits Teilhaber dieses großen Reichtums gewesen. Der Glanz seiner Großbürgerresidenz kommt inzwischen Vielen zugute. Nicht umsonst leuchtet neonblau ein Kunstwerk von Maurizio Nannucci von der Fassade über der Freitreppe. Die Schrift sagt: „You can imagine the opposite.“