Fokus: Körper Dazwischen

Mr. C
Mr. C | © C先生

Mr C. lebt als Transmann in China und sprach mit der Online-Redaktion des Goethe-Instituts über seine Vergangenheit als Frau und sein Ziel ein Mann zu werden: „Ich möchte einfach zu dem werden, was mir vorschwebt und keinen Schritt mehr zurück tun.“

Die Fotos von früher hat meine Familie bis heute aufgehoben. Meine Eltern würden die Bilder aber nie jemand zeigen, weil sie wissen, wie sehr mich das verletzen würde.

Viele Kinder stellen ihren Müttern ja die Frage, wo sie herkämen, weil sie das Gefühl, als sie noch ganz klein waren, nicht begreifen können. Ich hingegen fragte meine Mama, warum ich nicht im Stehen pinkeln konnte. Da war sicherlich etwas Neid dabei, weil ich das bei den Jungs gesehen hatte.

Als ich die untere Mittelschule besuchte, kam ich in die Pubertät. Damals fingen viele Mädchen bereits an BHs zu tragen. Ich mochte die Dinger nicht. Irgendwann besorgte ich mir auf dem Markt elastische Bandagen wie man sie dazu verwendet seinen Bauch flacher erscheinen zu lassen. Ich aber band mir damit die Brüste ab. Nur so habe ich mich einigermaßen wohlgefühlt. Im Sommer trugen die Mädchen gerne weiße und etwas durchscheinende Kleidung, durch die sich am Rücken der BH-Gurt abzeichnete. Und bei mir wirkte der eben ziemlich breit. „Hey, siehst du, was die trägt - was ist das?“, stießen sich die Leute an, „womit andere sich die Taille schnüren, schnürt die sich den Busen ab. Das ist doch nicht normal!“. Erst später erfuhr ich, dass es sogenannte „Binder“ für die Brust gab und bestellte welche im Internet. Einmal hat mir meine Mutter von einer Reise aus einer anderen Stadt ein Prinzessinnenkleid aus Tüll mitgebracht. Ich habe es nicht einmal anprobiert. Soweit ich mich erinnere, habe ich niemals ein Kleid getragen. Ich fühlte mich schon immer in Sportklamotten wohl und kleidete mich eher geschlechtsneutral bis jungenhaft.

Mit der Menstruation kann ich gar nichts anfangen, am liebsten würde ich sie gar nicht haben. Wenn ich Hygieneartikel benötige, kaufe ich sie mir nicht selber, sondern lasse sie mir von meiner Mutter oder einer Freundin besorgen. Gerade überlege ich mir, ob ich den Zyklus nicht mit Hormonen stoppen sollte.

Weil ich von klein auf sehr androgyn aussah, kam es auch in den Schultoiletten häufig zu Missverständnissen. Ich wurde sogar schon von Toilettenfrauen mit dem Besen verjagt. Irgendwann kam ich auf die Idee während des Unterrichts aufs Klo zu gehen, weil da weniger los war. Also bat ich im Unterricht darum austreten zu dürfen. Zum Glück wohnten wir auch nicht weit von der Schule entfernt. Wenn sich gar keine Gelegenheit ergab, wartete ich eben bis nach der Stunde oder nach dem Unterricht und löste das Problem daheim.

Als ich wegen des Studiums von zuhause auszog, fing ich an, mich wirklich wie ein Mann zu kleiden. Mein Look war total maskulin: kurze Haare, Männerfrisur. Ich wollte einfach, dass man mich von außen ganz klar einordnen kann. Wenn man nach dem Unterricht ins Studentenwohnheim zurückkehrte, kam man an einer Pförtnerin vorbei. Obwohl sie mich praktisch jeden Tag sah, hatte sie mein Gesicht immer wieder vergessen. „Was hat der Mann hier zu suchen“, fragte sie jedes Mal wieder und forderte mich auf, meinen Ausweis vorzeigen. Ich würde hier wohnen, klärte ich sich auf, und dass sie mich doch gestern erst gefragt hätte. „Ach so, das hatten wir gestern schon...“, meinte sie daraufhin immer und ließ mich passieren. Zu solchen Situationen kam es regelmäßig und wenn mich die Pförtnerin befragte, stand garantiert immer gerade jemand daneben. Es war peinlich. Mit meinen Zimmergenossinnen hatte ich allerdings Glück. Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich nicht dazugehöre. Alle waren war nett zu mir. Später gab mir meine Mutter etwas Geld, damit ich mir außerhalb der Uni ein Zimmer mieten konnte, und das obwohl es meiner Familie finanziell nicht besonders gut ging. Manchmal frage ich mich schon, warum ich so anders bin als andere. Warum habe ich es im Gegensatz zu anderen so schwer? Auch meinen Eltern gegenüber habe ich Schuldgefühle, so als wäre meine Geburt eine karmische Schuld, die sie zu tragen haben. Dabei haben sich meine Eltern mir gegenüber nie ablehnend verhalten, sondern mich im Gegenteil immer bedingungslos unterstützt. Deshalb habe ich mich trotz all dem, was ich durchmachen musste, auch nie aufgegeben.

Versuche

Einmal hatte ich mich in dem Restaurant eines Freundes für einen Job als Koch beworben. Außer ihm wusste niemand Bescheid über mich. Ich trat den Küchenjob also als Mann an. Damals hatte ich das Gefühl, es gäbe es keinerlei Unterschiede zwischen mir und den anderen Jungs. Wir alle hatten dieselben Startbedingungen, als es darum ging zu lernen, wie man mit dem Messer schneidet oder mit dem Wok hantiert. Auch wenn ich, was das Schwenken des Woks angeht, vielleicht etwas schlechter war, weil ich nicht so viel Kraft in den Armen hatte, legte ich mich mächtig ins Zeug, um den anderen in nichts nachzustehen. Damals kam ich mir extrem maskulin vor, ich fühlte mich großartig.

Ich bin nicht damit einverstanden, wenn man die Geschlechter rein nach den zwei Gegensätzen von männlich und weiblich einteilt, denn ich werde immer wieder daran erinnert, dass ich zu keiner Seite gehöre. Auch in schwulen und lesbischen Kreisen habe ich mich fehl am Platz gefühlt und bin auf Ablehnung gestoßen. Früher war mir der Unterschied zwischen Homosexualität und Transgender überhaupt nicht bewusst. Was bin ich nun eigentlich, Mann oder Frau, fragte ich mich damals auch. Warum repräsentiert mich mein biologisches Geschlecht nicht als den Menschen, der ich sein möchte? Ich habe auch schon ausprobiert, wie es ist, wenn ich mich etwas weiblicher zurecht mache, habe jedoch festgestellt, dass mir die weiblichen Ausdrucksformen einfach nicht liegen. Erst als ich ein Coaching mit Joanne Leung, einer Transgender-Aktivistin aus Hongkong, machte, lernte ich das Transgender-Konzept kennen. 2012 wurde mir klar, dass ich eigentlich schon immer ein Junge sein wollte, das war meine eigene Entscheidung. Ich finde, dass ich für meinen andersartigen Status kämpfen muss, weil die Öffentlichkeit mit der Transgender-Idee noch kaum vertraut ist. Ich möchte, dass durch mich mehr Menschen davon erfahren. Nur das kann helfen. Allerdings lastet jedes Mal wenn ich als öffentliche Persönlichkeit auftrete ein großer Druck auf mir: Ich möchte für keinen anderen Menschen sprechen, schließlich ist die Transgender-Community tatsächlich sehr bunt. In meinen Augen sind nach dem Gender-Gedanken die Übergänge zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen fließend. Mein eigenes Geschlecht sehe ich als eine Art evolutionären Gender-Prozess. Früher war ich eine Frau, aber mein Wunschziel ist das männliche Geschlecht. Auch wenn es mir unmöglich sein wird zu hundert Prozent wie ein Mann zu leben, werde ich mich schrittweise meinem Ziel annähern. Wie auch immer, ich möchte einfach das Wunschbild von mir verwirklichen, für mich gibt es keinen Weg zurück.“

Wünsche

Ich denke, dass mein Körper gut mit Androgenen ausgestattet ist, ansonsten würden mir keine Barthaare wachsen. Was die Stimme betrifft, so spreche ich allerdings absichtlich etwas tiefer. Seitdem ich jetzt in Peking lebe, überlege ich mir ob ich nicht anfangen sollte, Hormone zu nehmen, auch wenn das kostspielig wäre und gewisse Nebenwirkungen hätte. Womöglich würden sich dadurch meine Einsamkeitsgefühle verstärken. Andererseits werde ich immer neidisch, wenn ich die Kerle sehe, die Hormone nehmen – wahrscheinlich sollte ich keine Sekunde länger zögern.

Ich bin transsexuell und würde mich sehr gerne operieren lassen. In punkto OP sind die Hoffnungen größer als die Ängste. Schließlich habe ich im Leben schon so einiges durchgestanden. Doch realistisch gesehen sind mir die Hände gebunden, denn meiner Familie geht es finanziell wirklich sehr schlecht. Zudem ist das ein extrem komplizierter Eingriff. Verglichen damit ist die Geschlechtsumwandlung Mann-zu Frau ein Kinderspiel. Die Frau-zu-Mann-OP ist infolge der Komplexität des Eingriffs einerseits sehr teuer, andererseits lassen sich auch nicht alle Funktionen realisieren. Die Sexualeigenschaften (im klassischen Sinn) bekommt man beispielsweise so nicht hin. Was man in erster Linie verändert, ist das Äußere und den Personalausweis. Bei der OP gibt es einen Eingriff, bei der alle inneren weiblichen Organe entfernt werden. Anschließend beginnt man mit dem Genitalaufbau teilweise aus eigenem Gewebe. Man bildet die Genitalien so nach, dass du äußerlich ein Mann wirst. Aber das Innere, das was einem mit der Geburt mitgegeben wurde, lässt sich prinzipiell nicht verändern. Ich würde also nie zu einer vollständigen Person werden. Allerdings kann man den Personenstand wechseln und mit einer anderen Rolle leben. Das würde es mir etwas leichter machen.

Ich wünsche mir sehr, dass ich die Operation machen kann. Dann würde ich alles verheimlichen, was davor lag. Ich würde an einem Ort leben, an dem mich niemand von früher kennt, jemanden finden, den ich liebe und heiraten. Meine ganze Vergangenheit würde ich ihr nicht erzählen, es lieber ein ganzes Leben lang vor ihr geheim halten und wie ein ganz normaler Mann leben. Dieser Wunsch ist jedoch wohl etwas unrealistisch, weil ich mittlerweile eine öffentliche Person bin. Außerdem bin ich von der Liebe ziemlich enttäuscht. Von den Menschen, die ich getroffen habe, war keiner bereit, mit allen Konsequenzen zu mir zu stehen. Sie wollten entweder eine Zweckehe oder eine konventionelle Heirat. Aber es wäre schon schön, wenn es einen Menschen gäbe, den ich liebe und der bei allem, was ich tue, hinter mir steht.