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Fokus: Handgemacht
Imker der neuen Generation

Die Bienen von Guo Tao
Die Bienen von Guo Tao | © Goethe-Institut China

Die Bienenfarm Puritanis (拙朴坊) liegt an einer gewundenen Bergstraße im Pekinger Umland. Betritt man den Hof, erstreckt sich zur einen Seite ein massiver Ziegelbau während der Blick zur anderen Seite über eine weite Hügellandschaft schweift. Untermalt vom Summen der Bienen, das aus den dutzenden mitten im Hof platzierten Bienenstöcken dringt, erzählt Guo Tao (郭涛), der einzige Nachwuchsimker im Pekinger Bezirk Fangshan (房山), wie er vom Industriekaufmann zum Bienenzüchter wurde.

Guo Tao ist als Sohn eines Imkers aufgewachsen. Sein Großvater mütterlicherseits stammte aus einer Imkerfamilie und gab seiner Tochter einen Bienenstock als Mitgift mit. Dieser legte den Grundstein dafür, dass Guo Taos Vater schließlich 1998 als bester Bienenzüchter von Peking ausgezeichnet wurde. Obwohl der Vater 2012 schwer erkrankte, kümmerte er sich weiterhin unbeirrt ganz alleine um seine über vierzig Bienenvölker. Guo Tao beschloss damals beim Vertrieb des Honigs zu helfen. Nach dem Tod des Vaters kehrte Guo Tao schließlich endgültig nach Fangshan zurück, um die Bienen zu übernehmen. Er begann mit der Produktion und Verarbeitung von Bio-Honig und wurde so zu einem Landwirt der neuen Generation.

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 Nach dem Tod des Vaters kehrte Guo Tao endgültig zurück, um die Bienen zu übernehmen. Nach dem Tod des Vaters kehrte Guo Tao endgültig zurück, um die Bienen zu übernehmen. | © Goethe-Institut China

Wie kamen Sie zur Bienenhaltung und wo haben Sie das Handwerk gelernt?

Auch wenn ich in einer Imkerfamilie groß geworden bin, hatte ich zu dem Zeitpunkt kaum Ahnung von Bienenhaltung. Die alten Bauern hofften schließlich, dass es ihre Söhne einmal besser haben würden. Aber im Jahr 2015 nahm sich mein Vater einen Schemel, setzte sich an meine Seite und behielt mich im Auge. Von dort aus dirigierte er mich - wie ein Schachmeister den Debütanten. Ich kam kaum noch hinterher. Als mein Vater gestorben war, stand ich alleine vor vierzig Bienenvölkern, und das, ohne dass ich viel Ahnung davon gehabt hätte. Glücklicherweise hielt ein Cousin von mir ebenfalls Honigbienen. Spätestens jeden dritten Tag aß ich nach getaner Arbeit schnell ein paar Happen, um anschließend mit dem Auto zu ihm rüber zu fahren. Ein Jahr lang habe ich ihn ausgefragt und dabei oft doppelt nachgehakt. Was ist nächste Woche zu tun? Was in den kommenden drei Tagen? Heute läuft das viel entspannter. Nachdem ich den Zyklus einmal komplett durchlaufen hatte, war ich in der Lage die klimatischen Veränderungen innerhalb der 24 Jahresabschnitte des chinesischen Mondkalenders einzuschätzen und die Produktion danach auszurichten. Für die Landwirtschaft braucht man das nötige Know-how und das kann man nicht in kürzester Zeit einfach so kopieren. Das Wissen kommt mit der Erfahrung. Man macht Fehler, aus denen man lernt. Allerdings denke ich, dass ich schneller lerne als meine Vorfahren, weil unserer Generation das Internet zur Verfügung steht. Auch unsere Einstellung hat sich im Vergleich zu früher verändert. Beispielsweise investiere ich auch mal gerne etwas, um mir die besten Imkereigeräte anzuschaffen.

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Guo Tao: „Auch wenn ich in einer Imkerfamilie groß geworden bin, hatte ich zu dem Zeitpunkt kaum Ahnung von Bienenhaltung." Guo Tao: „Auch wenn ich in einer Imkerfamilie groß geworden bin, hatte ich zu dem Zeitpunkt kaum Ahnung von Bienenhaltung." | © Goethe-Institut

Wie sieht Ihr normaler Tagesablauf aus?

Abgesehen von den Wochenenden, an denen ich auf die Bauernmärkte fahre, stehe ich grundsätzlich zwischen sieben und acht Uhr auf. Nachdem ich den Hof gefegt habe, beginne ich mit der Inspektion der Bienenstöcke, bei der ich eine Beute nach der anderen überprüfe. Wir Landwirte sind keine Angestellten, die nach der Stechuhr arbeiten und dann Feierabend machen. In der Hochsaison wird bei uns vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang geschuftet. In einem Bienenstock schlüpfen täglich etwa zweitausend Bienen. Zu Beginn des Frühjahrs hat ein Bienenstock vier bis fünftausend Bienen, aber bis zu der Jahreszeit, in der der Nektar gesammelt wird, muss er auf 40.000 bis 50.000 anwachsen. Im Bienenstock entsteht alle einundzwanzig Tage eine neue Generation, wobei das Bienenvolk exponentiell wächst. Das zieht ein Platzproblem für die Bienen nach sich. Im Frühling wohnen die Bienen quasi „Parterre“, doch wenn das Volk anwächst, wird von oben eine Etage aufgestockt und manchmal kommt sogar noch eine dritte Zarge obenauf. Man muss den Bienen einfach genügend Platz zum Leben geben. Nur wenn sie ein angenehmes Umfeld und ausreichend Nahrung haben, können sie sich normal vermehren. Und nur so haben sie zur Blütezeit genügend Arbeiterinnen, um den Blütenstaub einzusammeln. „Man muss ein Heer tausend Tage lang nähren, damit es für einen Tag in die Schlacht zieht“, lautete ein chinesisches Sprichwort. Doch nach der Erntezeit hört die Pflege nicht auf. Man muss die Bienen auch gut über den langen Winter bringen, damit sie im nächsten Jahr wieder ausschwärmen können. Deshalb sagt man, wenn es Honig gibt, ist das der Dienst der Biene am Menschen, aber in der Zeit, in der es keinen Honig gibt, dient der Mensch der Biene. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Imker © Goethe-Institut

Welche Grundvoraussetzungen braucht man für dieses Handwerk?

Abgesehen von Geduld und der Schmerzunempfindlichkeit bei Stichen braucht man eine hohe psychische Belastbarkeit. In der Landwirtschaft muss man die Auswirkungen des Wetters aushalten können. Beispielsweise ist im Jahr 2015 wegen einer großen Dürre die Honigernte in Nordchina fast komplett ausgefallen.

Anfang der achtziger Jahre ist unsere Familie mit den Bienen noch auf Wanderschaft gegangen. Im Winter sind wir nach Süden in die Provinz Guangdong gezogen und nach dem Frühlingsfest nach Hubei, um Rapshonig zu ernten. Am ersten Mai jedes Jahres waren wir dann zurück in Peking, um Akazienhonig zu produzieren. Dieses Wanderleben war für die Bienen jedoch äußerst strapaziös und verursachte zudem hohe Kosten. Der springende Punkt ist der unkontrollierbare Wetterfaktor. In einem Jahr wollten wir die Bienen in Hubei zum Raps ausschwärmen lassen. Sechzehn Tage lang gab es so heftige Regenfälle, dass die Bienen in ihren Stöcken ausharren mussten. Die Futterreserven gingen zur Neige, so dass die Bienenvölker kurz vor dem Verhungern standen. Gerade als wir uns begannen ernsthaft Sorgen zu machen, hörte es für einen halben Tag auf zu regnen. Schnell waren die Beuten aufgefüllt, ohne dass man den Honig sofort ernten konnte. In den Bienenstöcken wurde es eng. Eine derartige Situation ist extrem, das hat man nicht mehr in der Hand.

Wie schätzen Sie die Perspektive des Imkerberufs ein?

Ich bin da nicht sehr optimistisch. Es gibt immer weniger Bienenzüchter und die jungen Leute entscheiden sich nur selten für diesen Beruf. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage müssten die Honigpreise allerdings steigen.

  Guo Tao: „Es gibt immer weniger Bienenzüchter und die jungen Leute entscheiden sich nur selten für diesen Beruf." Guo Tao: „Es gibt immer weniger Bienenzüchter und die jungen Leute entscheiden sich nur selten für diesen Beruf." | © Goethe-Institut

Hat Ihnen die Berufserfahrung aus dem Vertrieb von Industrieanlagen bei der Imkerei geholfen?

Natürlich, schließlich läuft der Vertrieb in jeder Branche ähnlich ab. Ich hatte dadurch schon ein gewisses Verständnis von diesem Metier. Zum Beispiel war ich von selbst bereit meinen Vertriebspartnern Gewinne abzutreten. Früher habe ich mich außerdem für die Errichtung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft eingesetzt und Kontakt zu ein paar Bienenfarmen aufgenommen. Nach dem Modell der Vertragslandwirtschaft sollte die Genossenschaft Honig ohne Pestizidrückstände zu einem hohen Preis ankaufen. Aber das war alles nicht so einfach. Es kam öfters vor, dass ein Bauer sein Wort brach. Man hatte mit ihm eigentlich eine Absprache getroffen. Dann sprach er zuhause mit seiner Frau darüber, die war dagegen, es gab einen Ehekrach und der Bauer knickte ein. In einem anderen Fall hatten wir bereits viel Arbeit in die sorgfältige Qualitätskontrolle des Honigs gesteckt. Eines Tages brachte der Bauer eine Fuhre Getreide ins Lager und traf am Ortseingang jemanden, der an seinem Honig interessiert war. Der Preis, den er bekam, lag zwar nur fünf Mao über dem, was wir ausgemacht hatten, aber das reichte dem Bauern um seine Meinung zu ändern. Chinesische Bauern haben wenig Bewusstsein für Vertragstreue. Es ist sehr schwierig die Einstellung der Menschen zu verändern, das geht nicht von heute auf morgen.

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  Guo Tao bei der Inspektion der Bienen. Guo Tao bei der Inspektion der Bienen. | © Goethe-Institut

Als in der Tangzeit der Dichter Liu Yuxi (刘禹锡) vom Kaiser aufs Land verbannt wurde, tröstete er sich mit den Worten: „Weder stört dort höfische Musik meine Ohren, noch muss ich über offiziellen Dokumenten brüten“. Auch wenn Guo Tao das Zitat ironisch aufgreift, um sein Leben auf dem Land zu beschreiben, schwingt dabei auch Unmut mit. Darüber, dass die Bauern heute ihre Würde verloren haben und die Landwirtschaft nicht mehr wertgeschätzt wird. „In den ehemaligen Rapsfeldern sieht man heute eine Geschäftsgelegenheit, weil sie helfen den Tourismus zu entwickeln. Die Landwirtschaft fungiert nur noch als Aushängeschild und ist zur reinen Kulisse verkommen.“ Die Bauern, die hier noch die Stellung halten, können kaum ihre Existenz sichern und die Krise der Nahrungsmittelsicherheit ist nur das zwangsläufige Ergebnis der ausbeuterischen Bedingungen, unter denen die Bauern arbeiten müssen.

In punkto ökologische Landwirtschaft hat Guo Tao eine pragmatische und ehrliche Haltung: „Meine Konsumenten wollen Produkte ohne Pestizide und chemische Düngemittel, das können sie bei mir bekommen. Weil das mehr Kosten verursacht, muss ich auch einen etwas höheren Preis verlangen. Das ist eine ganz simple Rechnung.“

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