Fokus: Handgemacht Zwischen Restaurierung und Eigenkreation

Liu Kai in der Verbotenen Stadt
Liu Kai in der Verbotenen Stadt | © Liu Kai (刘恺)

Während Liu Kai tagsüber Holzobjekte im Palastmuseum restauriert, arbeitet er abends an seinen eigenen Holzskulpturen im Pekinger Künstlerdorf Heiqiao. So setzt sich Liu Kai von früh bis spät mit dem Werkstoff Holz auseinander. Bei einem Treffen im Pekinger Kunstbezirk 798 sprach der Künstler über sein „Doppelleben“ zwischen Holzrestaurierung und Holzbildhauerei.

Wann haben Sie begonnen, sich für Holzbildhauerei oder ganz allgemein für Skulpturen zu interessieren?

Ich habe Skulpturen schon als Kind gemocht. Das hat einen interessanten Hintergrund: Ich war als Kind ziemlich mager und ein schlechter Esser. Um mich zum Essen zu animieren fabrizierte mein Vater für mich Backwaren in allen erdenklichen Formen. Die ersten „Kunstwerke“, für die ich mich begeisterte, waren wahrscheinlich die Teigfiguren meines Vaters. Beispielsweise formte er aus Teig ein Häschen, in dessen Gesicht er als Augen zwei rote Bohnen setzte. Damals habe ich mir von meinem Vater schon einiges abgeschaut. Als Grundschüler spielte ich besonders gern mit Knetmasse und in der Mittelschule nahm ich dann bei einem Skulpturenlehrer aus der Gegend Unterricht. Weil ich Bildhauerei studieren wollte, habe ich später auch Zeichnen gelernt und bin auf die Kunstakademie gegangen.

Warum haben Sie sich letztlich für den Werkstoff Holz entschieden?

Als ich klein war, habe ich mit plastischen Materialien gearbeitet. Doch je älter ich wurde, desto mehr reizte es mich, mich mit härteren Werkstoffen auseinanderzusetzen. Die Bearbeitung von Holz oder Ton fühlt sich sehr unterschiedlich an. Jedes Stück Holz hat irgendwie seine eigene Logik. Manchmal hat man erst das Gefühl ihm wirklich Herr geworden zu sein, wenn das Kunstwerk ganz fertig ist. Das ist sehr diffizil.

Warum haben Sie sich nach dem Studium entschieden als Holzrestaurator im Palastmuseum zu arbeiten?

Damals habe ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass ein zu ungeregeltes Leben nichts für mich ist. Es kann deprimierend sein, immer alleine im Atelier zu hocken. Später wurde mir bewusst, dass sich die Arbeit im Palastmuseum von der als freischaffender Künstler tatsächlich stark unterscheidet. Dadurch aber, dass ich zwischen beiden Tätigkeiten wechsle, kommt kein Überdruss auf. Das einzige Problem ist, dass ich nie genug Zeit habe. Im Kaiserpalast sind die Arbeitszeiten streng reglementiert. Von morgens neun bis abends fünf Uhr. Das wird ganz penibel per Fingerabdruck gestempelt (lacht). Sobald noch irgendetwas anderes dazwischenkommt, wird es dann schon eng mit der Zeit für meine eigene Kunst.
 

Liu Kai in der Verbotenen Stadt © Liu Kai (刘恺)

 

Wie sieht ihre Arbeit im Palastmuseum als Mitglied im Team für Holzobjekte konkret aus?

Die Hauptaufgabe des Teams für Holzobjekte ist die Restaurierung von Mobiliar aus der Ming- und Qing-Dynastie. Dazu kommen ab und zu auch Buddhafiguren aus Holz. Hat sich die innere Holzkonstruktion einer Buddhastatue gelockert, müssen wir sie neu befestigen. Ist eines der in Holz ausgearbeiteten Kleiderbänder kaputt gegangen oder ein Finger abgebrochen, müssen wir das ergänzen. Auch wenn es nur um kleine Schäden geht, lässt sich das nicht auf die Schnelle reparieren. Bevor man sich an die Arbeit macht, muss zunächst der Originalzustand des Objekts bestimmt werden. Man muss Skizzen heraussuchen oder andere Modelle aus dem Kaiserpalast zum Vergleich heranziehen. Erst nachdem man etliche Entwürfe gemacht hat, kann man sich ans eigentliche Werk machen. Das Restaurieren ist detaillierte Kleinstarbeit, bei der man den persönlichen Geschmack und eigene künstlerische Ambitionen zurückstellen muss. Vielmehr muss dem originalen Zustand des Kulturgegenstands möglichst genau Rechnung getragen werden. Das ist etwas ganz anderes als mein eigenes holzbildhauerisches Schaffen.

Gibt es im Palastmuseum auch Meister, die Sie anleiten?

Ja, wir haben solche Meister. Sie haben je nach Fähigkeit sehr unterschiedliche Spezialgebiete. Mein Meister ist zuständig für „großes Mobiliar“, also im Grunde genommen für die Restaurierung von größeren Möbeln wie Tische, Stühle und Betten. Manchmal sind wir aber auch zuständig für die inneren Konstruktionselemente von Holzgebäuden. Ein anderer Bereich meines Meisters sind „kleinere Holzarbeiten“, darunter fallen kleinere Stücke wie Sockel oder Spiegelrahmen. Im Team für Holzobjekte gibt es momentan vor allem drei ältere Meister, wobei jeder von ihnen zwei bis drei Gehilfen hat.

Liu Kai in der Verbotenen Stadt © Liu Kai (刘恺)
Liu Kai in der Verbotenen Stadt

Was für Fähigkeiten braucht man als Holzrestaurator im Palastmuseum?

Vor allem braucht man ein Gefühl für Ästhetik. Technisch gesehen ist das Restaurieren nicht so schwierig. Deshalb nimmt man auch Absolventen von der Kunsthochschule und nicht einen Meister, der lediglich jahrzehntelange Arbeitserfahrung mitbringt. Entscheidend ist, dass man das richtige Gespür für das einzelne Objekt hat. An zweiter Stelle steht das handwerkliche Geschick, schließlich muss das subtile Gespür für die Objekte auch zum Ausdruck gebracht werden. Woran liegt es, dass wir maschinell geschnitzte Werke immer noch als ausdruckslos empfinden, wo doch Maschinen und Technologien heute schon so gut sind? Die Maschine kann das Gefühl von „Lebendigkeit“, das durch menschliche Handarbeit entsteht, nicht transportieren. Drittens braucht man in diesem Job noch Verantwortungsbewusstsein und Geduld sowie ein hohes Maß an Sorgfalt.

Wie hat die Arbeit als Holzrestaurator Ihr Schaffen als zeitgenössischer Künstler beeinflusst?

Viele der Einflüsse sind eher unterschwellig. Dadurch, dass ich die alten buddhistischen Bildwerke ständig vor Augen habe, hat sich der Faltenwurf meiner eigenen Holzfiguren ganz automatisch an diese angeglichen. Man übernimmt zwar auch gewisse Techniken, doch so viele unter Verschluss gehaltene „Geheimtricks“ wie der Außenstehende immer meint, gibt es dann auch wieder nicht. Es wird ja gerne behauptet, dass etwas „abgekupfert“ ist. Dabei kann man jemandem noch so lange über die Schulter schauen, ohne hinter das eigentliche Geheimnis zu kommen. In den meisten Fällen werden ja auch eher simple Methoden verwendet. Die reine „künstlerische Technik“ ist also nicht das Problem, was nicht heißen soll, dass man diese nur vom Zuschauen lernt. Entscheidend ist die Übung. Hat man die Technik erst einmal verinnerlicht, gelingen einem die Dinge ganz automatisch. Man mag das als einen sehr langsamen Prozess empfinden, aber manchmal führt Langsamkeit eben schneller zum Ziel.

Liu Kai in der Verbotenen Stadt © Liu Kai (刘恺)



Welchen Teil Ihrer Arbeit mögen Sie am liebsten: Kulturgegenstände im Palastmuseum zu restaurieren oder selbst künstlerisch tätig zu werden?

Die Tätigkeit im Kaiserpalast und die Arbeit an meiner eigenen Kunst sind zwei komplett verschiedene Welten. Sie ergänzen sich nicht, sondern stehen eher in einem starken Kontrast zueinander. Tagsüber im Palastmuseum kann sich mein Geist entspannen. Ich muss mich in meiner Kreativität zurücknehmen, kann dabei aber meine Akkus aufladen. Wenn ich abends nach Hause komme, arbeite ich an meinen eigenen Sachen. Ich kann meiner Kreativität freien Lauf lassen, aber das ist auch anstrengend. Allerdings eine Anspannung und Abwechslung, die mich glücklich macht. Meine Frau bezeichnet das als eine Form von „Masochismus“. Aber ich glaube ich brauche diesen Druck.

Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht gerade im Kaiserpalast oder in Ihrem Atelier arbeiten?

Momentan habe ich wirklich keine freie Minute. Ich bin gezwungen mein früheres Atelier in Heiqiao aufzugeben und kümmere mich vor allem darum, eine neue Werkstatt zu suchen.

Liu Kai (刘恺) wurde in Hohhot (呼和浩特) in der Inneren Mongolei geboren und hat an der China Central Academy of Fine Arts (中央美术学院) in Peking einen Master in Bildhauerei gemacht. Seit 2013 arbeitet er im Holzbildhauerteam der Abteilung für Denkmalschutz und Technologie des Pekinger Palastmuseums (故宫博物院文保科技部).

In letzter Zeit ist Liu Kai wegen der Abrissarbeiten bei Heiqiao damit beschäftigt, ein neues Atelier zu suchen. Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit, seine Ideen zu ordnen, die ihm anlässlich seiner ersten Einzelausstellung im letzten Jahr kamen. Durch die Arbeit im Palastmuseum hat er gelernt gelassen zu bleiben, auch wenn der Schaffensprozess vorübergehend ins Stocken gerät. „In der Ruhe liegt die Kraft“, heißt es schließlich auch im Chinesischen, und manchmal kommt man langsamer schneller ans Ziel.