Future Perfect Die Dahua-Baumwollspinnerei: Wiedergeburt alter Architektur

Der alte Hof beim Südeingang
Der alte Hof beim Südeingang | Foto: Aurelien-Chen

Spricht man in Xi’an über Geschichte, begibt man sich auf eine Zeitreise durch die Jahrtausende. Schnell landet man da in der Tang oder Han Dynastie, wenn nicht gar etwas weiter zurück im Reich der Zhou oder Qin. Die Historie der letzten hundert Jahre erscheint im Vergleich dazu nicht der Rede wert. Das mag auch der Grund dafür sein, dass Gebäude der chinesischen Moderne bisher in Xi’an noch wenig Wertschätzung und Schutz erfahren.
 

Das anschaulichste Bespiel für dieses Phänomen ist wohl der Anfang der fünfziger Jahre erbaute Overseas Chinese Store (华侨商店), dessen Abriss im Jahr 2010 durchaus umstritten war. Dass dieses Paradebeispiel eines Geschäftshauses im Stil der fünfziger Jahre aus dem Stadtbild verschwunden ist, ist unendlich bedauerlich. Es ist die logische Konsequenz urbaner Entwicklung, dass eine Stadt in ihren architektonischen Funktionen immer anspruchsvoller wird. Die sich dabei stellende Frage, ob man das historische Erbe zugunsten von Neubauten abreißen soll oder es teilweise erhält, ist eigentlich nicht neu. Und auch die Antwort liegt auf der Hand: Die Zukunft liegt darin, dass sich Alt und Neu ergänzen und nebeneinander bestehen. Tatsächlich aber ist es niemals einfach zu einem Ergebnis zu kommen, das allen Seiten gerecht wird und mit dem alle zufrieden sind. Gefragt sind hierbei nicht nur Sachverstand, sondern vielmehr Ausgewogenheit und Kompromissbereitschaft.

Im Vergleich zum Neubauprojekt des Overseas Chinese Store führen Umbau und Umnutzung der zu Beginn der Republikzeit errichteten Dahua-Baumwollspinnerei (大华纱厂) uns hingegen völlig andere Möglichkeiten vor Augen.  

Architektur muss den Lauf der Zeit sichtbar machen

Die Dahua-Baumwollspinnerei wurde 1935 erbaut. Ihr Gründer, der Großkaufmann Shi Fengxian (石凤翔) war ein angeheirateter Verwandter von Chiang Kai-shek (蒋介石), der damals in der Volksregierung der Republik China der Kommission für militärische Angelegenheiten vorstand. Die sich aus einer zufälligen Begegnung im Zug entwickelnde Liebesgeschichte der Kaufmannstochter mit Chiang Kai-sheks Adoptivsohn Chiang Wei-kuo (蒋纬国) ist eine der Legenden, die sich um die Geschichte der Baumwollspinnerei ranken. Nach schwierigen Jahren und einer wechselvollen Geschichte musste der ehemalige Vorzeigebetrieb nationaler Industrie schließlich im Jahr 2008 seine Produktion einstellen und sich reformieren. Insofern stehen die auf dem Fabrikgelände verteilten Gebäude, die aus unterschiedlichen Phasen eines Jahrhunderts stammen und ein geschlossenes Ensemble bilden, als sprechendes Zeugnis für den Wandel der Stadt Xi’an in moderner und neuerer Zeit.
 
Nach dem Umbau umfasst die Dahua-Baumwollspinnerei, die direkt gegenüber des 3,2 Quadratkilometer großen Daming-Palast-Geländes (大明宫) mit Ruinen aus der Tangzeit liegt, auf einem Areal von beinahe zehn Hektar eine Gebäudefläche von 87.000 Quadratmetern. Das Bauprojekt wurde unter der Anleitung von Cui Kai (崔恺), Mitglied der China Engineering Academy, von den zwei Nachwuchsarchitekten Wang Keyao (王可尧) und Zhang Rubing (张汝冰) und dem französischen Architekt Aurelien Chen durchgeführt.
 
Durch seine besondere Lage geht der urbane Gebäudekomplex der Dahua Cotton Mill mit dem gegenüber liegenden historischen Relikten ein reizvolles Zusammenspiel von Innovation und Tradition ein, bei dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinandergreifen. Wang Keyao und Zhang Rubing formulieren das so: „Entwicklung und Gedächtnis einer Stadt müssen Kontinuität aufweisen. Jedes Gebäude ist materielles Vehikel und Dokument seiner Zeit. Deshalb sollten im Zuge der Umgestaltung der Baumwollspinnerei Vielfalt und Reichtum des ursprünglichen architektonischen Organismus möglichst erhalten werden. In jedem Raum und an jedem Ort auf dem Areal sollte das Gefühl eines dynamischen Wandels zum Ausdruck gebracht werden. Der italienische Architekt Aldo Rossi hat die Zeit überdauernde Baukörper einer Stadt einmal so beschrieben: Diese Gebäude brächten die ‚Vergangenheit’ in die ‚Gegenwart’ und machten so für die Menschen der ‚Gegenwart’ die ‚Vergangenheit’ weiterhin erfahrbar.“
  • Dahua-Baumwollspinnerei von 1935 Foto: Li Xin (李鑫)
    Dahua-Baumwollspinnerei von 1935
  • Dahua Foto: Feng Jun (冯君)
    Dahua
  • Semi-Außenspielplatz Foto: Zhang Guangyuan (张广源)
    Semi-Außenspielplatz
  • Zhi-Raum Foto: Wang Keyao (王可尧)
    Zhi-Raum
  • Dahua von oben Foto: Frederique Henriques
    Dahua von oben

Behutsame Ergänzung und aktiver Rückbau

Die Architekten der Dahua-Baumwollspinnerei haben sich an das Prinzip einer „behutsamen Ergänzung bei aktivem Rückbau“ gehalten und haben dies auch konsequent umgesetzt.
 
Bei der Methode „behutsamer Ergänzung“ ging es vor allem darum, das ursprüngliche Gebäude wieder in Stand zu setzen und zu restaurieren sowie entsprechend der funktionalen Anforderungen des Baus mit dem richtigen Fingerspitzengefühl wenige neue Gebäude, Verbindungen, Details und Strukturen zu ergänzen. Bei den konservierten Gebäuden sollten bei gleichzeitiger Stabilisierung der Konstruktion und unter Einhaltung der Sicherheitsanforderungen nach Möglichkeit die ursprünglichen Materialien der Fassade, die Innenräume und architektonischen Details erhalten werden. Darüber hinaus sollten Baustoffe zum Einsatz kommen, die sich deutlich von den traditionellen Materialien abheben. Durch diese eindeutige Unterscheidbarkeit entsteht zwischen alten und neuen Gebäuden ein kontrastreiches Zusammenspiel.  
 
Im Ergebnis bedeutet dies, dass die eher jüngeren Gebäude für Nutzungen herangezogen wurden, die komplexere Eingriffe in den Innenraum erforderten. Beispielsweise richtete man ein kleines Theater, Kunstausstellungsräume oder Lokale ein. Bei den älteren Gebäuden wurde darauf geachtet, die innere architektonische Struktur weitgehend zu erhalten und sich dabei die Möglichkeit vorzubehalten, den kommerziellen oder öffentlichen Raum später nach Bedarf zu erweitern.
 
Die Methode des „aktiven Rückbaus“ wurde hingegen vor allem auf die Areale mit einer relativ hohen architektonischen Dichte angewandt. Dabei wurden die Anforderungen der urbanen Viertel was Räume und Dimensionen betrifft gleichermaßen berücksichtigt. So wurden nach Bedarf teilweise beengte Produktionsräume und Passagen abgerissen um ein neues System von Durchgängen und Fußgängerzonen zu öffnen. Gleichzeitig hat man die Anordnung der Gebäude vorsichtig modifiziert und teilweise offenere Strukturen geschaffen, so dass neue Passagen und die typisch urbanen öffentlichen Knotenpunkte entstanden sind. Durch diese Rückbaumaßnahmen wurde mehr Ordnung in den architektonischen Raum gebracht und gleichzeitig hat man neue Verkehrswege für die Bewohner geschaffen.
 
Interessanterweise lieferten „unerwartete Entdeckungen“ über die zweijährige Bauphase hinweg immer wieder wichtige Anhaltspunkte für die Korrektur und Abänderung der Baupläne. „Beispielsweise wurden die Pläne bei versteckten Räume, denen man zunächst keine Beachtung geschenkt hatte, bei mit politischen Slogans beschrifteten Wänden oder Ecken mit markanten Spuren der Vergangenheit gezielt überarbeitet und angepasst und teilweise sogar revidiert.“ Durch dieses dynamische Wechselspiel wurden sowohl in der Planung als auch in der Architektur zeitliche Bezüge sichtbar gemacht. 

Die Zukunft geht weiter

Auch wenn die Produktion in der Fabrik still steht, wohnt die Belegschaft mit ihren Familien immer noch vor Ort. Die Bevölkerungsdichte ist hoch, man wohnt relativ beengt und der verfügbare öffentliche Raum ist begrenzt. In dieser Hinsicht wurde schon zu Beginn der Planung daran gedacht für die ansässigen Familien sowie die unmittelbare Nachbarschaft mehr Bewegungsraum, öffentliche Plätze sowie geschützte Außenbereiche vorzusehen. So steht das Alltagsleben der Anwohner auch weiterhin im Bezug zur umgebauten Fabrik. Heute versammeln sich dort in der Früh die Senioren zur Morgengymnastik und abends kommen die Kinder zum Spielen auf die Straße.
 
Wie in vielen staatlichen Fabriken Chinas ist die Wiederbeschäftigung der Belegschaft nach dem betrieblichen Systemwechsel das größte Problem. Auch bei diesem Projekt bleiben noch viele Fragen ungelöst: Wie können die ehemaligen Mitarbeiter wieder in die Baumwollspinnerei eingebunden werden? Gibt es für sie abgesehen von einer Anstellung in der Verwaltung der Liegenschaft oder bei öffentlichen Dienstleistungseinrichtungen noch besserer Beschäftigungsformen? Wie lassen sich für sie Existenz- und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen? Die Umgestaltung alter Gebäude ist immer ein komplexes systemisches Unterfangen, bei dem sich langfristige Probleme stellen. Ob die einzelnen Probleme gelöst oder zumindest abgemildert werden können und ob sich die Planung aus der Perspektive der Architekten als zielführend und effektiv erweist, wird letztlich die Zeit zeigen.
 
Heute ist die Dahua-Baumwollspinnerei für die alte Stadt Xi’an von besonderer exemplarischer Bedeutung. Durch sie werden die Menschen vielleicht allmählich lernen, auch das historische Erbe der neueren Geschichte zu schätzen und dass es nicht immer nur um die altehrwürdigen Dynastien der Zhou, Qin, Han und Tang gehen muss. Gästen aus aller Welt führt dieser Modellversuch, bei dem der Umbau eines historischen Baus im Dialog mit jahrtausendealten Relikten steht, nicht nur eine einmalige Zeitspanne vor Augen, sondern dient gleichzeitig als Anschauungsmaterial für die typisch chinesische Interpretation eines nachhaltigen Entwicklungsmodells.