Ein Gespräch zwischen Regisseur und Produzent von Waving (纺织城) Aus den Schwierigkeiten internationaler Koproduktionen lernen

Waving
© Wang Yang

Angesichts eines sich schnell verändernden Marktes und verschiedenster Beteiligter mit ihren jeweiligen Erwartungen braucht man einen klaren Standpunkt, damit ein Film eine Chance hat. Hervorragende Filme brauchen einen langen Atem und das Zusammenspiel mit anderen damit sich aus der anfänglichen Chance etwas entwickeln kann.

Wang Yang (王杨, Regisseur): Als wir darangingen, den Film zu machen, dachten wir an eine Koproduktion mit dem Westen. So hofften wir, die Produktionsstandards im Dokumentarfilm etwas anzuheben, indem wir uns nämlich selbst in die Hand von Spezialisten begeben. Doch mit der Zeit merkten wir, wie wenig der Westen von China weiß, sodass sie weder den Boden, aus dem der Film entspringt, noch Charakter oder Hintergrund verstehen konnten. Aber gerade das war uns wichtig. Der künstlerische Entwicklungsprozess des Films stand der Globalisierung diametral gegenüber. Sein Wert liegt im Lokalen. Zwischen der Kultur und den Menschen hier gibt es unzählige Verbindungen.

Eine solche Zusammenarbeit fordert von den Beteiligten immer wieder Neuanpassungen, denn die Geldgeber und der Markt drängen dich zu Veränderungen, sodass deine große Filmidee immer kleiner wird. Im Westen sind Produzenten meist die Verbündeten der Filmemacher, was dazu führt, dass deine Vorstellungen von ihm übernommen werden.Das war zumindest unsere Vorstellung von der westlichen Herangehensweise- eine heile Welt. Jetzt, wo der Film fertig ist, sehen wir das ganz anders. (Glaubst du, dass die Schwierigkeiten weniger werden?) Ich bin da eigentlich nicht so optimistisch. Ich denke, Asien muss eine eigene Haltung entwickeln und mutig die eigenen Werte im Dokumentarfilm betonen.

Huang Jiaqing (黄嘉清, Produzent): Das ist in der Tat ein großes Problem. Aber unsere Erfahrung ist eine andere. Unser Film will den Markt nicht bedienen, weder den für Dokumentarfilme, noch den in- oder ausländischen. Am Ende haben wir gemerkt, als Macher, egal ob aus Perspektive des Editors oder des Produzenten, am Ende kommt es darauf an, dass du die Sache vorantreibst und eine eigene Haltung hast, erst dann kannst du wirklich weitermachen und hast die Kraft den Film zu vollenden. Und das ist das Wichtigste. Das ist für alle Beteiligten wie ein Spiel. Du musst mit den Investoren, den anderen Produzenten, dem Regisseur, dem Drehbuchautor, dem Kameramann, mit dem Editor - mit jedem einzelnen müssen immer wieder Kompromisse ausgehandelt werden. Und mittendrin musst du ganz klar wissen, was du eigentlich willst, nur so kannst du die Richtung vorgeben. Das heißt nicht, an der Filmidee starr festzuhalten, aber immer klar zu wissen, wofür man sich einsetzt und warum, wann man Kompromisse macht und wann man unnachgiebig ist.

Das klingt vielleicht nicht nach einer Lösung, aber wie soll ich mich klarer ausdrücken? Ein ganz wichtiger Punkt ist, du darfst nicht für die Geldgeber und Investoren arbeiten. Auch wenn deren Bedingungen oft verlockend sind. Aber wenn du nicht klarmachst, was du eigentlich willst, wissen deine Partner auch nicht, was dein Film eigentlich braucht. Sie haben alle ihre eigenen Ideen und Ziele. Sie möchten es jedem Zuschauer recht machen und suchen deshalb einen Stoff aus, bei dem sie hoffen, dass du ihnen hilfst diese Ziele zu erreichen. Aber Kern der Geschichte sind die Filmemacher, die Erzähler. Du bist es, der die passende Form für die Geschichte aussucht. Natürlich ist das zuerst purer Idealismus, doch bei der Umsetzung triffst du schnell genug auf Probleme.

Zum Beispiel haben wir an mehreren internationalen Pitchings teilgenommen, sowohl an öffentlichen Runden als auch an Eins-zu-eins Treffen. Zunächst sieht es so aus, als sei eine solche Platform eine gute Chance für dich, aber im großen Pitching-Ozean ist dein Projekt plötzlich winzig klein. Oft machst du vor Ort deine Sache gut, aber kaum hast du die Runde verlassen, passiert gar nichts mehr. Meine frustrierendste Erfahrung war bei so einem Eins-zu-eins-Pitching: mein Gegenüber war der Chef eines weltbekannten Fernsehsenders und ich merkte schon am Anfang, dass er nicht interessiert ist. Und während ich alles tat, um ihm den Inhalt nahezubringen sah ich, dass er einfach die Augen geschlossen hatte und schlief. In so einem Moment zweifelt man echt an sich selbst. (lacht) Aber das hat uns auch daran erinnert, dass wir unseren eigenen Film machen wollen und nicht von Idealbedingungen abhängig sind.

Wang Yang: Das stimmt. Das wurde auch uns klar. Irgendwie musst du am Ende all diese Dinge, wie die Verlockungen, von denen du sprichst und das ursprüngliche Konzept zusammenbringen, gegeneinander abwägen. Denn es ist nicht ewig Zeit. Am Ende stellt du fest, was von deinem anfänglichen Konzept geblieben ist und fragst dich, was du selbst eigentlich willst. So wie du gerade gesagt hast, warum willst du denn einen Dokumentarfilm machen? - um wieder auf das Wesentliche zurückzukommen.Als wir in der Arbeit merkten, die Zusammenarbeit klappt nicht, bedeutete das für das Projekt, es bleibt faktisch eine heimische Produktion, ist sehr genau ausgearbeitet, ist weder effektheischend, noch ein Enthüllungsfilm.Wir haben beide die gleiche Erfahrung gemacht. Aber als Produzent, der an westlichen Koproduktionen beteiligt war, das schließt auch die beabsichtigte Koproduktion unseres Films ein, frage ich: Was daran ist für dich von Nutzen? Vielleicht wird die ein oder andere Zusammenarbeit vorzeitig beendet, aber auch das bringt ja etwas. Was gibt es jenseits des optimistischen Blickwinkels über internationale Koproduktionen zu sagen?

Huang Jiaqing: Insgesamt gesehen hat uns das sehr geholfen, sowohl das Verständnis von Filmen betreffend, als auch das Verhältnis von Bild und Zuschauer. Ebenso die Sichtweisen auf die Entwicklung des Marktes. Wie arbeiten die Leute, wie tauschen sie sich aus, wie sehen sie bestimmte Filme? Das hat mit Sicherheit unsere Erfahrungen bereichert. Andersherum haben wir uns auf diese Weise unaufhörlich selbst hinterfragt. Das war schon spannend.

Wang Yang: Und sehr aufschlussreich.

Huang Jiaqing: Ja und für den Film von praktischem Nutzen. Wir sind dabei gereift und haben viel gelernt. Das ist wie bei alten Menschen, was ihnen auch begegnet, sie haben Lebenserfahrung, die sie erdet und ihnen sagt, was der nächste Schritt ist. Obwohl es beim Fernsehen als großer Filmfinanzier jedes Mal schwer war, unsere Vorstellung durchzusetzen, wissen wir jetzt, das heißt nicht, die eigenen Ideen seien schlecht oder das Gegenüber lehne sie schlichtweg ab. Sondern der Markt, der viele verschiedene Menschen mit deren Wünschen und Forderungen abbildet, reagiert auch emotional und verändert sich ständig.

Doch wenn du eine klare Position hast, hast du auch eine Chance. Gute Werke, auch wenn viele daran beteiligt sind, haben immer bessere Chancen auch gezeigt zu werden. Blenden wir den Link zwischen Markt und internationaler Koproduktion mal aus, weil unser Film dafür zu persönlich und ambitioniert ist. Wenn wir uns erst in dieses Fahrwasser hineinbegeben haben, werden sich viele neue Möglichkeiten eröffnen. Das kann für dich und den künstlerischen Prozess eine Bereicherung sein. Egal ob Produzent, Geldgeber, die Filmemacher selbst oder auch die Mitarbeiter eines Fernsehsenders, sie alle gewinnen auf ihrem Gebiet neue Einsichten.

Ich denke also, es gibt viele Möglichkeiten, auch wenn sie nicht gleich offen liegen. Der Dokumentarfilm besitzt die größten Präsenz in einigen westlichen Medien und dem Fernsehen. Ein durch und durch chinesischer Stoff wird dort zwar geschätzt, aber er muss bestimmte Standards erfüllen. Vielleicht ist Standards nicht das richtige Wort, aber er muss ein Alleinstellungsmerkmal besitzen. Oft hört man Insider sagen "kleine Leute und großer Hintergrund" (小人物,大背景), das heißt, man soll Geschichten normaler Menschen vor dem Hintergrund einer großen Zeit erzählen. So wie in unserem Film: vieles wurde auf eigene Faust gemacht, hing von persönlichen Interessen ab und diese individuelle Motivation macht den Film aus. Er hat aber eher eine umgekehrte Entstehenslogik: Zunächst gab es eine Zusammenarbeit (mit dem Fernsehen), aber die repräsentiert nicht das Fernsehen insgesamt. Der Film ist nicht so schwarz-weiß, was nicht heißen soll, dass das Fernsehen immer so ist. Immerhin haben sie deinen Film genommen und so verpackt, dass er als einer der ihren durchgeht, wobei jedem der Deal klar war. Du hast ihnen etwas geliefert und die anderen haben dir ein Forum gegeben, ganz einfach. Dann aber wurde es kompliziert. Du wolltest ursprünglich ein Portrait drehen, was einfach zu realisieren gewesen wäre. Aber als deine Idee dann auf die Vorstellungen der anderen traf und sich mit diesen auseinandersetzen musste, entstand logischerweise etwas Drittes.

Wang Yang: Deshalb fand ich ja den ganzen Prozess so interessant, Es war,als würden wir immer wieder Anträge stellen und begründen, warum gerade sie das Projekt unterstützen sollten, was das überhaupt für ein Projekt ist etc. Dann aber wurden unsere Vorschläge jedes Mal so lange gedreht und gewendet, bis Schritt für Schritt das gegenwärtige Skript herauskam. Es[PK1]  war das Ergebnis langwieriger Diskussionen. Wir befinden uns noch im Lernprozess, wir können nicht einfach andere imitieren, sondern müssen da selbst durch.

Huang Jiaqing: Ja. Da fällt mir gleich noch eine Geschichte ein: Unser Projekt am Anfang zu pitchen war praktisch am Besten. Gegen Ende wusste ich immer weniger, was ich noch erzählen sollte. Genau diese Phase bereitet allen das größte Kopfzerbrechen. Je mehr Material du beim Drehen hast, desto schwieriger ist es, die Filmidee kurz zu umreißen. In der Theorie kannst du mit ausreichend viel Material einen perfekten Plan aufstellen. Aber bei uns war es umgekehrt: als wir nichts hatten, bekamen wir viel Interesse und Aufmerksamkeit. Aber als wir dann drehten vernachlässigten wir die Suche nach Finanzierung zunehmend.

Unser Film wurde schließlich von verschiedenen Filmfonds unterstützt. Unter marktwirtschaftlichen Kriterien betrachtet, ist das was ganz anderes. Unser Projekt drohte mehrmals an der Finanzierung zu scheitern und erhielt immer im letzten Moment finanzielle Unterstützung von Filmfonds. In solchen Momenten glaubst du noch stärker an die Einzigartigkeit deines Films, an seine kulturellen und sozialen Werte. Dieses Gefühl schließlich ermutigte uns, unseren eigenen Dokumentarfilm zu drehen. Nach dem Auf und Ab im Morast ost-westlicher Dok'film-Koproduktionen wollten wir nur noch, dass der fertige Film unsere Handschrift trägt. Nur die Filmemacher selbst können entscheiden, was sie erzählen wollen.

BiographIE

Wang Yang ist Independent Regisseur, Filmkritiker und Kurator. Er drehte die Dokumentarfilme Transition (地上-空间,2007), The Sound of Silence (寂静之声, 2008), Der Absolvent (毕业生,2009) und Waving (纺织城, 2017).

Huang Jiaqing studierte an der Londoner Met Film School Produktion und Editing. Er lebt und arbeitet in Tokio, ist Regisseur und Editor bei NHK World "Inside Lens" und besitzt internationale Produktionserfahrung. Der unabhängig produzierte Film Waving wurde vom Sundance-Festival (USA), dem International Documentary Festival Amsterdam (NL) und dem Busan-Filmfestival (KR) finanziell unterstützt. Der von ihm geschnittene Film China-Gate (中国门) lief auf verschiedenen Festivals.