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Brecht mit BOSCH und blinden Kindern

Carl Häser
© Steffen Petereit

Interview mit Carl Häser, als Dramaturg im Auftrag verschiedenster Institutionen tätig, über die Vielschichtigkeit seines Berufs.

Carl Häser arbeitet seit 1973 in Baden-Württemberg als Schauspieler, Dramaturg, Regisseur und Theatererzähler. Zudem schreibt er im Auftrag verschiedener Institutionen Stücke, gibt Workshops und hält Vorträge. Neben seiner Beschäftigung als Dramaturg der Württembergischen Landesbühne in Esslingen und der Leitung des dazugehörigen Kinder- und Jugendtheaters, war er Dramaturg im Nationaltheater Mannheim sowie bis 2005 des Schauspiels der Staatstheater in Stuttgart. Seit 1989 ist er künstlerischer Leiter der Bosch-Theatergruppe in Feuerbach. Als Dozent war Carl Häser, neben weiteren Lehraufträgen, an der Universität Konstanz und der FHS Reutlingen tätig.

Goethe-Institut: Herr Häser, als Dramaturg nutzen Sie oft klassische Theaterstücke als Vorlage für neue Projekte. Wie macht man einen Klassiker, der schon hunderte Male gezeigt wurde, wieder interessant?
 
Prinzipiell handelt es sich bei klassischen Theatertexten um formal extrem gut gebaute Dramen. Oedipus ist z.B. ein analytisches Drama, eine Kriminalgeschichte, in der der eitle Kommissar der ahnungslose Täter ist. Aber auch thematisch starke Texte wie der Widerstand in Antigone sind immer wieder als Erkenntnisträger bestens zu bearbeiten (z.B. Kreons Versagen ist, sich nicht mit den gesellschaftlichen Gruppen der Stadt zu koordinieren, und stattdessen solistisch Alleinherrscherpolitik zu betreiben). Oder Die Schutzbefohlenen von Aischylos – das ist hochaktuell! Die Autor*innen zeigen mit Mitteln des Theaters „klassische“ Konflikte, die ungelöst waren und möglicherweise noch immer sind.
 
Wie wichtig ist dabei die Verarbeitung aktueller politischer und gesellschaftskritischer Themen?
 
Generell gilt für jede Bearbeitung für mich die Bezugnahme auf aktuelle sozialkritische Themenkomplexe. Nehmen wir als Beispiel meine aktuelle Stücksuche für die BOSCH-Theatergruppe. Die Diskussionen über die Rolle von sehr unterschiedlichen Frauen in der Politik (Nahles, Kramp-Karrenbauer, Sarah Palin, Merkel, Theresa May etc.) gaben den Suchrahmen vor. Als Basis habe ich das Stück Frauen in der Volksversammlung von Aristophanes gewählt. Die erste Szene bleibt als Ausgangspunkt. Frauen wollen die bisherige Politik des „weiter so“ nicht mehr akzeptieren. Da bisher nur Männer bestimmen dürfen, verkleiden sie sich und ziehen als Männer ins Plenum. Dort bestimmen sie, dass ab jetzt nur noch Frauen das Sagen haben. Abweichend von der klassischen Vorgabe entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf der Kampf der Männer, um die Vormachtstellung wieder zurück zu erobern. Wichtig ist für mich dabei immer der nachvollziehbarer Zeitbezug: sozialkritisch und unterhaltsam.

Welche weiteren Kriterien sind bei der Stückauswahl von Bedeutung?
 
Die Kriterien für die Erstellung eines Spielplans sind vielfältig. Geeignete Stücke müssen regelmäßig und begründet der Theaterleitung vorgeschlagen werden. Man richtet sich zunächst nach der Zusammensetzung des Publikums. Zu berücksichtigen sind außerdem sowohl die modischen Erscheinungen der europäischen Theaterlandschaft, als auch das Angebot der lokalen Szene. Unerlässlich sind hierbei die Kontakte zu Theaterverlagen (Uraufführungen), Kunstschaffenden, Musikern und Jugendzentren. Auch übergreifende Spielzeitthemen, wie z.B. mein letztes großes Projekt „ein Jahrhundert wird besichtigt“, sind strukturbildend. Nicht zuletzt ist bei der Spielplangestaltung natürlich die „Besetzbarkeit“ wichtig: Wer aus dem Ensemble kann welche Rolle spielen? Welche Gäste sind finanzierbar? Zeitliche Überschneidungen der Mitwirkenden müssen vermieden und Verträge eingehalten werden. Neue Theatertexte, die nicht von den Verlagen angeboten werden,  entwickle ich gegebenenfalls mithilfe literarischer Vorlagen oder von Filmdrehbüchern, passe sie dabei an die gegebenen Umstände an. In dieser Phase verhalte ich mich wie ein Schwamm, die Wahrnehmung fokussiert sich auf alles, was mit dem Thema des Stückes zu tun haben könnte. Ich lese, sehe, höre, sammle – und bin auf die Überprüfung der Vorlage in der Probenarbeit gespannt.
 
Wie geht es weiter, sobald das Stück geschrieben ist?
 
Wichtig ist dann die Produktionsdramaturgie. Spätestens seit Shakespeare auf deutschsprachigen Bühnen gespielt wird, brauchen Darsteller*innen Unterstützung, um z.B. ihre Dialoge verstehen zu können. Regisseure des 18. Jahrhunderts waren damit überfordert. Hintergründe klären zu können, die Vorstände Bühnenbild, Kostüm anzuregen und die Probenarbeit regelmäßig zu begleiten, dafür sind Dramaturgen da. Das ist auch eine Art Qualitätssicherung. Während der Probenarbeit ist immer darauf zu achten, dass am Ende ein gutes Ergebnis steht, damit Umwege nicht zu Abwegen werden.

In dieser Phase verhalte ich mich wie ein Schwamm, die Wahrnehmung fokussiert sich auf alles, was mit dem Thema des Stückes zu tun haben könnte.


Das dieses Ergebnis auch gut beim Publikum ankommt hängt nicht zuletzt davon ab, wie es beworben wird. Wie versuchen Sie, Theater vor allem bei jüngeren Generationen wieder beliebt zu machen?
 
Seit der Konkurrenz mit den audiovisuellen Medien ist die Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiger Bestandteil der Dramaturgie. Nicht nur der Kontakt zu Presse, Fernsehen, und sozialen Medien ist von Bedeutung, sondern die Präsenz z.B. in Gesamtlehrerkonferenzen genauso wie im Gemeinderat/Kulturausschuss. Mir liegt hierbei besonders am Herzen, Kinder und Jugendliche, Studierende und Auszubildende für das Theater zu begeistern. Während meiner Zeit am Staatstheater in Stuttgart habe ich daher ca. 50 Prozent aller Schultheatergruppen in Stuttgart und der Region betreut. Dadurch konnte ich die jeweilige Lehrerschaft motivieren, mit Schüler*innen-gruppen Vorstellungen des Schauspiels zu besuchen und den Besuch vor- und nachzubereiten. Regelmäßig habe ich Workshops in den Staatstheatern zu Themen wie Kostüm, Maske, Licht und Regie angeboten, zu denen ich Fachpersonal aus den Abteilungen gewinnen konnte. Im Rahmen ihres Referendariats habe ich zudem zukünftigen Deutschlehrer*innen regelmäßig Literatur und Theater betreffende Seminare gegeben. Auch Führungen im Staatstheater sind bis heute an der Tagesordnung. Dabei wird das Theater als Institution erklärt, Arbeitsprozesse werden vor Ort in den Werkstätten ersichtlich.

Die Zusammenarbeit mit Lehrinstitutionen führen Sie auch auf andere Weise weiter. Seit Juli 2006 arbeiten sie als Dozent an der Schauspielakademie Stuttgart, seit Herbst 2009 unterrichten Sie an der On Stage Akademie für Schauspielkunst in Ludwigsburg Theatergeschichte. Welche anderen Lehranstalten und Institutionen fragen bei Ihnen für Vorträge oder Stücke an?
 
In Schulen (z.B. jahrelang Mörike Gymnasium Esslingen und Stuttgart und Immanuel Kant Gymnasium Leinfelden) helfe ich vor allem bei der Textentwicklung eigener Stücke oder bei der Inszenierungen von Musicals. Im Rahmen der Veranstaltungen der Volkshochschule Stuttgart gebe ich bis heute regelmäßig Vorträge u.a. über Bühnen-Autor*innen. Zudem unterrichte ich zur Zeit an drei Abendgymnasien das Wahlfach „Literatur und Theater“, bzw. das „Seminarfach“. Zum Schuljahresabschluss wird dann eine Inszenierung präsentiert.

Aus jeweils aktuellen Anlässen ergeben sich immer wieder Arbeitsaufträge: ob in den 70er Jahren für das Chile-Komitee und den Deutschen Gewerkschaftsbund, für die evangelische Studenten Gemeinde ESG, Amnesty International, AKW-Gruppen, im Rahmen des DGB Bildungsprogramms für Auszubildenden der IG Metall und für die Kirche (Eröffnung des Kirchenjahres im Hospitalhof).
Thateraufführung der Bosch-Theatergruppe © Ulli Hoffmann
Seit 1989 habe ich die künstlerische Leitung der BOSCH Theatergruppe inne. Neben abendfüllenden Stücken alle zwei Jahre führen wir zwischendurch an verschiedenen Standorten kleine Inszenierung für besondere Anlässe, Jubiläen, Thementage und Verabschiedungen auf.

Theater war für sie das Besondere im alltäglichen Normalvollzug – wie für viele Ensemblemitwirkende der Schul- und Firmentheatergruppen auch.

Diese Firmen-Mitarbeiter*innen sind Laien in der Schauspielbranche. Welche Unterschiede gibt es zu der Arbeit mit professionellen Schauspielern?
 
Die sichtbaren und erfahrbaren Entwicklungsschritte der Amateure sind trotz der geringen Probezeit „gigantisch“. Damit geht auch eine spürbare Steigerung des Selbstwertgefühls einher – also vermeintlich kleine Schritte bei größtmöglicher Wirkung.
 
Ganz besondere Schauspieler waren die blinden Kinder der “Nikolauspflege”, mit denen Sie über zehn Jahre Theater spielten. Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?
 
Nach ersten Momenten der Irritation bedingt durch das ungewöhnliches Aussehen mancher Menschen mit Sehbehinderung, ergibt sich sehr schnell eine völlige Vertrautheit im Umgang mit Blinden. Meine Tätigkeit wurde anfangs von drei engagierten Pädagoginnen begleitet, die mich mit den „Finessen“ der Blindenbetreuung vertraut gemacht haben. Jede(r) agierende Darsteller*in hat eine Betreuerin in unmittelbarer Umgebung, was auch für die erforderliche Textsicherheit sehr von Nutzen ist. Die Themen der vielen gemeinsamen Inszenierungen (z.B. Stadt der blinden Kinder, Königin der Nacht) habe ich vor allem hinsichtlich ihrer Machbarkeit ausgesucht. Um dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums entgegen zu kommen, habe ich viele Jahre lang mit musikalischer Untermalung, Songs, Liedern gearbeitet - bis zum Tode des Musikers, mit dem ich gerne weiterhin gearbeitet hätte. Die Gastspiele haben dann dem Ensemble ermöglicht, vor wirklich fremden Menschen zu zeigen, was sie können. Schön ist, dass ich bis heute Kontakt zu Mitwirkenden habe. Theater war für sie das Besondere im alltäglichen Normalvollzug – wie für viele Ensemblemitwirkende der Schul- und Firmentheatergruppen auch.

Das schriftliche Interview führte Deborah Bartel.

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