Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Stadt- und Landgeschichten: Shanghai
„Der Shanghaier Bund kommt nie zur Ruhe“

 Chen Danyan
Chen Danyan | © Imagine China

Wenn es um Bücher über Shanghai geht, kommt man an der Non-Fiction-Autorin Chen Danyan (陈丹燕) nicht vorbei. Sie sucht nach den verschütteten Perlen der Vergangenheit und verleiht den vergessenen Geschichten durch ihre Literatur neuen Glanz. Für viele Menschen ist die Historie Shanghais erst durch ihre Bücher lebendig geworden.

Von Shen Qilan (沈奇岚)

„Meine Geschichten sprechen Leser in vielfältiger Weise an: für manche sind sie einfach Unterhaltung, andere wollen etwas über die Gesellschaft erfahren. Ein wirklich tiefes Verständnis können vor allem diejenigen bekommen, die sich auch für die Vergangenheit Shanghais und die Menschen der damaligen Zeiten interessieren“, erklärt Chen Danyan, die insgesamt sechs Bücher über Shanghai geschrieben hat: Shanghai Memorabilia (上海的风花雪月), Shanghai Princess (上海的金枝玉叶), Shanghai Beauty (上海的红颜遗事), The Public Gardens (公家花园), Images and Legends of the Shanghai Bund (外滩的影像与传奇) und Being the Peace Hotel (成为和平饭店). Nachdem sie zwanzig Jahre ihres Lebens und unzählige Stunden darauf verwendet hat, am Schreibtisch zu sitzen, Leute zu interviewen und Feldforschung zu betreiben, meint sie, dass sie nun alles über Shanghai geschrieben habe: „Mein eigentliches Interesse an Shanghai gilt einem Zeitraum von 160 Jahren. Bisher hat sich da kein neues Thema aufgetan, das mich reizen würde.“

Wie wurde Shanghai für dich zum literarischen Stoff?

Die Faszination für Shanghai hat mich in Straßburg gepackt. Als ich 1992 eine Reise dorthin unternahm, bemerkte ich zwischen den beiden Städten große Ähnlichkeiten. Die Platanen in Straßburg erinnern an die Phönix-Bäume in Shanghai und die Häuser mit den Dachgauben an das, was wir in Shanghai „Tigerfenster“ nennen. Selbst die Mentalität der Menschen ist vergleichbar. In manchen Punkten sind die Franzosen genau wie die Shanghaier, durch und durch eitel, das macht es interessant, sie zu beobachten. Ich finde das sehr anregend. Als ich von meiner Reise zurückkam, fiel mir auf, dass Shanghai als eine Handels- und Hafenstadt auch stadtplanerisch Parallelen zu anderen Weltstädten aufweist. Das hat mich neugierig gemacht, doch in Shanghai sprach damals niemand über diese Themen, also habe ich begonnen, dazu zu forschen und zu schreiben.
* * *
Chen Danyan verbrachte sechs Jahre in Bibliotheken und Archiven und sprach mit etlichen Wissenschaftlern und Zeitzeugen. Als freie Autorin führte sie lange Interviews und stellte in aller Ruhe ihre Recherchen an. 1998 erschien ihr Buch Shanghai Memorabilia und wurde unerwartet zu einem echten Bestseller. „Durch diese Erfahrung hat sich mir eine sehr kapitalistische Wertvorstellung erschlossen: Wenn man für etwas kämpft und seine Sache gut macht, dann wird sich das am Ende immer auszahlen. Etwas durch Beziehungen oder die Gefälligkeiten anderer Leute zu erreichen, bringt dich hingegen nicht weiter. Für mich ist das zur obersten Maxime geworden.“

Während ihrer Arbeit an Shanghai Memorabilia stieß Chen Danyan auf viel weiteres Material. So entstanden in der Folge zwei Trilogien – eine über Shanghai und eine über den Shanghaier Bund. Nachdem Shanghai Princess erschienen war, kamen viele ältere Leute auf sie zu, um der Autorin ihre eigene Geschichte zu erzählen. Schließlich sei die noch besser als die der Hauptfigur und sie sollte sie zu Papier bringen. „Wenn du anfängst zu schreiben, ahnst du nicht, was für einen Stein du ins Rollen bringst. Solange du dich aber nicht anstrengst, kann sich später auch nichts entwickeln, weil dir die Ernsthaftigkeit fehlt und du für die Leute nicht interessant wirst.“ Bis heute ist Chen Danyan beim Schreiben immer mit vollem Einsatz bei der Sache.

Für ihre Trilogie über den Shanghaier Bund trug Chen noch mehr Details zusammen und näherte sich den persönlichen Schicksalen so noch fundierter. Zwar verkauften sich die Bücher nicht so gut wie die Shanghai Trilogie, doch das kümmert die Autorin nicht: „Mein Ziel ist es nicht, einen Bestseller zu schreiben, sondern das zu tun, was mir am Herzen liegt. Die Bücher über den Bund haben vor allem großen Anklang bei Historikern gefunden, die nicht wie ich die Möglichkeit haben, so intensive Feldforschung zu betreiben. Der Direktor des historischen Instituts an der Shanghaier Akademie der Sozialwissenschaften (上海社会科学院历史研究所), Xiong Yuezhi (熊月之), meinte einmal zu mir, dass meine Bücher für sie als Historiker die wichtigsten Quellen seien. Ich finde, ein größeres Kompliment hätte man mir nicht machen können.“

Chen Danyan schätzt den ehrlichen zwischenmenschlichen Umgang. Nachdem sie Being the Peace Hotel vollendet hatte, war sie längere Zeit nicht mehr in dem Hotel am Shanghaier Bund gewesen. Als sie eines Tages dort vorbeikam, hielt ihr der Portier die Tür auf: „Schön, dass Sie wieder da sind, Frau Chen.“ Dieser Augenblick gehört für sie zu den Glücksmomenten eines Schriftstellerlebens, denn „als Autorin ist das eine große Anerkennung“. Ein befreundeter, sehr erfolgreicher Geschäftsmann meinte einmal zu ihr: „Egal wie viel Geld ich verdiene, finde ich darin immer nur einen kurzen Moment der Befriedigung. Danach kommt sofort der Gedanke an noch mehr Geld. Dich hingegen erfüllt der gesamte Prozess des Schreibens.“

Führt man sich die Jahrzehnte ihrer Schriftstellerkarriere vor Augen, ihren Fleiß und ihren eigenen Anspruch, jeden Tag zehntausend Schriftzeichen zu Papier zu bringen, verwundert es nicht, dass sie heute eine unabhängige und weitsichtige Frau ist: „Weil das Ergebnis des Schreibens immer überraschend ist und man diesen Prozess genießt, bringt es einen auch nicht so sehr aus dem Gleichgewicht, wenn der Erfolg gut oder schlecht ausfällt, man bleibt auf dem Teppich. Es heißt, der Himmel belohne die Fleißigen. Wenn du dich anstrengst, hält Gott auch seine schützende Hand über dich.“, meint Chen Danyan ernst.
 

Du hast über viele Orte in Shanghai geschrieben. Spürst du nicht eine große Verbundenheit, wenn du dort vorbeikommst?

Beim Bund von Shanghai ist das wirklich so. Die kleinste Veränderung fällt mir sofort auf. Meine Verbundenheit geht soweit, dass ich mich über jede winzige Verbesserung freue. Wenn man das Peace Hotel betritt, steigt einem immer dieser besondere Duft in die Nase. Ich finde es schön, dass dieser Geruch immer da ist. In der oberen Etage gibt es einen kleinen Balkon. Dort hatten die Nationalisten ihre Maschinengewehre auf der Brüstung positioniert und aus dem Hinterhalt eine letzte Offensive gegen die Kommunisten geführt. Während der japanischen Besatzung befand sich hier eine der Kommandohöhen, die die Japaner am Bund bezogen hatten. Solange auf dem Balkon nur ein einziges Maschinengewehr in Stellung ging, hat es vom gegenüber liegenden Ufer keiner mehr rüber zum Bund geschafft. Einmal habe ich dort ein Interview geführt, bei dem mich ein Fotograf aus Lettland begleitete. Es wehte ein so starker Wind, dass es ihm nicht gelang, seinen Reflexschirm aufzustellen. Ich erklärte ihm, das wäre der typische Wind am Shanghaier Bund. Der Bund von Shanghai kommt niemals zur Ruhe.
* * *

Bei der Schilderung der von ihr recherchierten Historie und der Figuren bedient sich Chen Danyan stets eines charmanten und authentischen Stils. Sie erweckt sie zu neuem Leben, wobei sich in ihren Ton der Begeisterung immer wieder auch kritische Töne mischen. Ihre Beschreibungen Shanghais sind vielschichtig. „Der Bund hatte damals einen Charakterzug, der mir widerstrebt, er war dem Konsum verfallen. Ich erkenne das als den Geist der Zeit an, den kann man wohl ablehnen kann; aber leugnen darf man ihn deswegen nicht.
 

Findest du nicht, dass in Shanghai auch heute, wie du es in einem deiner Bücher formulierst, ein „glitzernder Konsumrausch“ herrscht?

Richtig, heute ist es nicht anders als zur Zeit der ausländischen Konzessionen. Shanghai ist ein Ort für Abenteurer und Geschäftsleute. „Was willst du hier in Shanghai,“ habe ich den lettischen Fotografen gefragt, „warum bleibst du nicht einfach in Lettland?“, seine Antwort: „Money, Money!“
 

Welchen Ort würdest du einem Ausländer auf Besuch in Shanghai empfehlen?

Wenn du etwas Erfahrung im Reisen hast, weißt du, dass man von Städten wie New York, Paris, Berlin oder London immer nur einen kleinen Ausschnitt sehen kann. Du kannst nicht erwarten, dass du die ganze Stadt kennenlernst. Gehe ohne Ehrgeiz an die Sache heran und überlasse es dem Zufall, was du siehst. Shanghai ist eine Stadt von Migranten, in der die Globalisierung ihre Spuren hinterlassen hat. Wie alle Handels- und Hafenstädte hat das Leben in Shanghai viele Gesichter, es ist Glücksache, welches du zu sehen bekommt.
 

Chen Danyan ist eine Schriftstellerin, deren Werke im In- und Ausland vielfach ausgezeichnet wurden. Über Shanghai hat die Autorin in zwei Jahrzehnten insgesamt sechs Bücher geschrieben: Shanghai Memorabilia (上海的风花雪月), Shanghai Princess (上海的金枝玉叶), Shanghai Beauty (上海的红颜遗事), The Public Gardens (公家花园), Images and Legends of the Shanghai Bund (外滩的影像与传奇) und Being the Peace Hotel (成为和平饭店). Zuletzt erschien von ihr die Buchserie Meine Reisephilosophie (我的旅行哲学). Chen Danyans Buch Neun Leben: Eine Kindheit in Schanghai wurde von der Deutschen Welle als bestes Kinderbuch ausgezeichnet, erhielt den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Goldenen Bücherwurm der Kinder-Akademie.

Top