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Stadt- und Landgeschichten: München
„Als Einzelkämpfer würde ich das nicht schaffen“

Andreas Heckmann
© Nelly Küfner

Andreas Heckmann agiert erfolgreich im Off des Münchener Kulturbetriebs.
 

Von Thomas Lang

Das Lesecafé liegt in einer ruhigen Straße des Münchener Westends. In diesem Viertel trifft Vergangenheit auf Zukunft. Die alten Gewerke in den Höfen, Autoschlosser oder Polsterer sind zum Teil noch da. Eine Brauerei überzieht den Stadtteil je nach Windrichtung mit dem Geruch von gemälztem Getreide. Immer mehr Galerien und Kreativ-Büros kommen jedoch im Viertel auf, ein altes Stoff- und Wäschegeschäft ist zur Kulisse für ein Café geworden. Unverändert zeigen sich dazwischen die türkischen Gemüseläden und Dönerbuden, die gardinenverhangenen Stehkneipen und die Wettbüros.

Andreas Heckmann erwartet mich auf dem Vintage-Sofa der Buchhandlung Kunst- und Textwerk. In den Räumlichkeiten waren früher ein Farbengeschäft bzw. ein Imbiss. Heckmann veranstaltet hier seit sieben Jahren Lesungen. Die Literatur ist seine Leidenschaft. So ist der studierte Germanist und Geschichtswissenschaftler Mitredakteur der traditionsreichen Literaturzeitschrift Am Erker, schreibt selbst und bietet Autoren vor allem aus der Region in München eine Bühne. Zweimal im Jahr stellt er hier im Lesecafé die neue Ausgabe der Zeitschrift vor.

Im Hinterzimmer der nahen Kneipe „Ausstellungspark. Bei Peter“, mitunter auch im dortigen Innenhof, veranstaltet er zusammen mit Anna Serafin und Thomas Glatz den „Salzstangensalon“. Das Konzept ist einfach: Die drei fragen Autoren, ob sie beim Salon lesen wollen. Eingeladen wird per E-Mail. Der Eintritt ist frei, Honorar gibt es nicht. Es lesen oft vier oder fünf Autoren. Um ihnen Getränke und  Anreise zahlen zu können, geht ein Hut herum.

Im Lesecafé lief das bis vor kurzem ähnlich: kein Eintritt, kein Honorar. Nach sieben Jahren mit vorwiegend Münchener Autoren hat die Buchhandlung nun Kulturförderung bei der Stadt beantragt. „Ich bin noch nicht so richtig glücklich damit“, sagt Heckmann. Die Stadt übernimmt 55 bis 60 Prozent der Kosten für Honorar und Reise. Den Rest muss die Buchhandlung erwirtschaften. Eintrittsgelder sind nun Pflicht.

Genau solche Abhängigkeiten hat der Mann, der von sich sagt, er denke über Geld immer erst dann nach, wenn er keines mehr habe, stets gemieden. Als er vor bald zwanzig Jahren nach München kam, war er zunächst fest angestellt, fand seine Kollegen aber bei aller Lockerheit „beruflich deformiert“. – „Ich wollte gerne irgendwas mit Literatur machen“, erzählt er augenzwinkernd. Heute arbeitet er im Hauptberuf als freier Übersetzer unter anderem sprachlich anspruchsvoller Fantasy-Romane. Auch Art Spiegelmans „MetaMaus“ und John Boynes „Mutiny on the Bounty“ hat er übersetzt.

Dass er im Münchener Westend wohnt, schreibt er dem Zufall zu. Als wir über das Viertel sprechen, scheint aber auf, dass seine Art von Kulturarbeit genau hier einen guten Platz hat. Es ist eines der widersprüchlichsten Viertel der Stadt. Alteingesessen sind viele einfache Leute. Der Ausländeranteil liegt hoch, was sich auch im Straßenbild und in der Geschäftskultur niederschlägt. Andererseits sind in den letzten Jahren sehr viele Kreative nachgerückt. Und es gibt eine recht breite alternative Szene. Schräg gegenüber hat sich ein Väterbüro etabliert, ein Stück die Straße runter findet sich ein linker Kulturladen. In der „Ligsalz8“ besteht ein selbstverwaltetes Wohnprojekt des Mietshäusersyndikats. Hier sind die Mieter temporäre Eigentümer ihrer Wohnungen.

Früher lag die Messe im Viertel. Als sie an den Stadtrand verlegt wurde, entstand ein Areal mit schicken Wohn- und Bürohäusern. „Eine Zeitlang“, erzählt Heckmann, „kamen die Anzugträger mittags her und schauten sich die Freaks auf den Straßen an. Und die Freaks schauten sich die Anzugträger an.“ Nach kurzer Zeit blieben die Büroleute aus. Der neueste Teil des Westends ist ein Parallel-Stadtteil geblieben.

Ich frage Heckmann nach dem Publikum seiner Lesungen. Man dürfe sich keine Illusionen machen, meint er. „Es kommen die Freunde derer, die lesen. Es kommen einige Neugierige. Und ein paar Leute, die gerade nichts Besseres vorhaben.“ Aber das sei bei anders gearteten Veranstaltungen oft ähnlich.

Es ist nicht leicht, ihm zu entlocken, warum er das alles tut. Sicher macht es ihm Spaß, Autoren und Literaturfreunde zusammenzuführen, doch allein hätte er längst aufgegeben. Dennoch steckt mehr dahinter, als sich den eigenen kulturellen Kuschelkosmos zu schaffen. „Ich hatte gedacht, man könnte durch diese Art von »Eintritt frei« und »Do-it-yourself« eine Art Gegenöffentlichkeit zu der von Verlagen und Literaturhaus dominierten Öffentlichkeit herstellen. Aber das klappt nur sehr bedingt.“

Dennoch wirkt Heckmann keineswegs frustriert. Die Freude am eigenen Wirken ist ihm anzusehen. Wenn er lachend darüber spricht, dass er bei anderen Veranstaltern manchmal die Euro-Zeichen in den Augen blitzen sieht, zeigt sich seine Freude an Vielem, das nicht vom Geld abhängt. Darin steckt ein veritabler Gegenentwurf zum etablierten Literaturbetrieb ebenso wie zur gegenwärtigen Gesellschaft.

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