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Stadt- und Landgeschichten: Berlin
„24 Stunden – die Digital Bohéme!“

Annika von Trier
Annika von Trier | © Susanne Schleyer

„In einer Stadt wie Berlin ist es schwer, sich auf nur einen Lieblingsort zu beschränken“, sagt AnniKa von Trier, Performancekünstlerin, Sängerin und Akkordeonistin, die es Anfang der Neunziger Jahre wie so viele ins gerade wieder vereinte Berlin verschlagen hat.

Von Tanja Dückers

„Aber dieser Garten hier, ist ein ganz besonderer Ort“. Hinter AnniKa von Trier leuchtet es in allen Farben. Einen so üppigen, verrückten Garten habe ich selber selten gesehen. Klar, dass den nicht irgendjemand angelegt hat. „Ich habe mich immer für Dada, für Sprachexperimente, interessiert“, sagt AnniKa von Trier, die selber komponiert und textet. Dass sie auch Autorin ist, wundert nicht, sie kann nicht nur mit ihrer Stimme und ihrem Lieblingsinstrument, dem Akkordeon, hervorragend umgehen, sondern auch mit Worten. „Ich bin durch eine große Retrospektive im Martin Gropius-Bau nochmal nachdrücklich auf Deutschlands berühmteste Dada-Künstlerin, auf Hannah Höch, aufmerksam geworden. Mich haben ihre Arbeiten einfach begeistert und inspiriert. Und das war hier ihr Garten, den sie ebenso als Kunstwerk betrachtet hat wie ihre Foto-Collagen“.

Hannah Höch, geboren 1889 in Thüringen, verbrachte viele Jahrzehnte, bis zu  ihrem Tod im Jahr 1978, in Berlin. Sie war die einzige wirklich berühmte Künstlerin des Dadaismus -  einer, wie üblich in dieser Zeit, von Männern dominierten Kunstrichtung, die 1916 in Zürich ihren Anfang nahm und sich von dort  u.A. nach Berlin und Paris bis nach New York, ausbreitete. Schriftsteller und Bildende Künstler waren Teil verschiedener dadaistischer Zirkel. In Deutschland assoziiert man den Dadaismus stark mit den Jahren der Weimarer Republik.  Die selbstbewusste und unkonventionelle Hannah Höch, deren Mutter schon Malerin gewesen war, ließ sich nicht einschüchtern. Höch war viele Jahre die Lebensgefährtin des Dadakünstlers Raoul Hausmann, dann fast eine Dekade mit einer Frau, der niederländischen Schrifstellerin Til Brugmann liiert, bis den 21 Jahre jüngeren Pianisten Kurt Heinz Matthias heirate – die Ehe überdauerte den Krieg nicht und wurde 1944 geschieden. Den Nazis war sie ein Dorn im Auge.

AnniKa und ich stehen nun vor dem blauen Holzhaus – einem ehemaligen Bahnwärterhäuschen - , in dem Hanna Höch die bitteren Jahre der Ausgrenzung während der Nazi-Herrschaft über sehr zurückgezogen gelebt hat. Der Garten diente ihr auch immer wieder als Nahrungsgrundlage in kargen Zeiten. Aber nicht nur das: Die dadaistische Kunst war nach Ansicht der Kulturbanausen während der nationalsozialistischen Diktatur „entartete Kunst“. In ihrem Haus hat Hannah Höch einen Teil der gefährdeten Kunstwerke ihrer Freunde und Kollegen, neben eigenen Arbeiten versteckt, und wichtige Bilder sogar im Garten vergraben. Haus und Garten markieren neben ihrem Eigensinn und ihrer Schönheit heute einen wichtigen Ort des Widerstands in Berlin.

„Natürlich“, sagt AnniKa von Trier, die sich selber in ihren Texten oft sehr gesellschaftskritisch äußert, „imponiert mir Hannah Höch nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Mensch: wie sie es geschafft hat, in sehr rückwärtsgewandten Zeiten als Frau ein unkonventionelles Leben zu führen, wie sie ihre Freunde und Kollegen im Krieg unterstützt hat.“
Annika von Trier Annika von Trier | © Susanne Schleyer Die Wege durch den sehr dicht bewachsenen üppigen Garten – eher einer Art Gartencollage - kann man kaum sehen. Auch das war Absicht von Hannah Höch. Es handelt sich hierbei um einen Zaubergarten, ein Versteck, nicht nur für Kunstwerke, sondern auch für sehr empfindsame Menschen.

AnniKa von Trier hat sich von diesem besonderen Ort gleich mehrfach inspirieren lassen. Im Garten von Hannah Höch führt sie jeden Sommer mehrfach ihre der berühmten Dadaistin gewidmete Hommage mit dem Titel #Diptam #Dada #Digitalis oder Ich will mein Löwenmäulchen nicht halten! auf. Das Herzstück ist dabei ein Monolog beinahe nur aus Blumennamen, wie ein dadaistisches Gedicht. Da läutet dann das „Maiglöckchen“, und man hat die „Wa(h)lnuss“, Wetterwechsel inklusive: „Heute gab’s Blauregen, doch jetzt scheint wieder der Sonnenhut!“ Mit Sprache spielt AnniKa von Trier auch in anderen Texten. Bei ihren Performances wird viel gelacht.  Mit ihrem Nadelstreifenkostüm, dem gemustertem Hemd, auf dem Tangopaare tanzen, ihrer orangen Krawatte, den bunten Strümpfen mit floralem Motiv - sieht AnniKa von Trier im Übrigen selbst wie ein Gesamtkunstwerk aus. Den Künstlernamen AnniKa von Trier hat sie sich gegeben, da sie aus Trier stammt – wie Karl Marx. So manches Mal flankiert eine Karl-Marx-Büste ihre Auftritte und wird in die Performance mit einbezogen. In diesem Jahr – Karl Marx, geboren 1818,  hätte  seinen 200. Geburtstag gefeiert - hat sie den „Salon mit MarXperten“ kreiert, zusammen mit der Puppenspielerin Suse Wächter.

Für ihre originellen Performances, die gelungene Synthese aus Text und Musik und ihrem großartigen Akkordeonspiel ist AnniKa von Trier im letzten Jahr mit dem Deutsch-Französischen Chansonpreis ausgezeichnet worden. Sie hatte Gastauftritte u.A. im Chamäleon-Varieté Berlin und im Cirque du Soleil. Konzertreisen haben sie bis zum Adelaide Cabaret Festival in Australien und nach New York geführt.

Wie sie denn nun die Veränderungen Berlins in den letzten Jahren beurteile, würde ich gern von AnniKa von Trier wissen, die seit den Neunziger Jahren im alten Scheunenviertel in Berlin Mitte wohnt. Die günstige Miete hat ihr damals den Einstieg in die professionelle Kunst ermöglicht. Die Veränderungen Berlins von der Wendezeit bis zur Gegenwart hat sie hier hautnah miterlebt.  Anfang der Neunziger hat sie um die Ecke gearbeitet, an der Berliner Volksbühne, zu Beginn der Ära Frank Castorfs. Ihr erstes Akkordeon hat sie 1993 einfach in einem Container gefunden. Ist so etwas heute noch möglich? Hannah Höchs Garten im Norden  Berlins, an der Peripherie. Hat sie mit dem Garten von Hannah Höch gewissermaßen einen Fluchtort aus dem zunehmend von Touristenmassen heimgesuchten „Easy Jet und Air-B’n B-Berlin“ gefunden?

„Es zeigt sich schon, dass sich immer weniger Künstler das Leben in der Innenstadt leisten können“, sagt AnniKa von Trier und wiegt den Kopf mit dem langen brauen Haar, aus dem bei ihren Performances als Kunstfigur „Palma Kunkel - die singende Tellermiene“ eine aufsehenerregende, an eine Vinylplatte erinnernde Frisur gewickelt wurde. Sie kommt nun auf den enormen Anstieg der Mieten in Berlin zu sprechen. Heute könnte sie sich keine neue Wohnung mehr in Mitte leisten, viele kleine, sympathische Läden seien durch Mietverdreifachungen vertrieben worden. Zudem habe sich auch die „Tauschkultur der Kreativen“ – einst eine Grundlage vor allem der Ostberliner Kultur -  untereinander geändert. Alle hätten weniger Zeit und müssten sehen, wie sie irgendwie zurande kämen. Wir drehen noch eine Runde durch den Garten, der mir, obwohl er gar nicht riesig ist, wie ein Labyrinth vorkommt. AnniKa von Trier schrieb mit „Digital Bohème“ einen kritischen Song über die ständige Verfügbarkeit der Kreativen:   


Sei-ei-ei Berli-hi-hi-hin, Sei-ei-ei kreati-hi-hi-hi-v
Sei-ei-ei Berli-hi-hi-hin, sei-ei-ei Du selbst…
24 Stunden 7 Wochentage
24 Stunden ohne Nachtzulage
24 Stunden sind wir kreativ
24 Stunden kein Wochenendtarif
(...)
24 Stunden ICH – AG total
24 Stunden Freiheit maximal
24 Stunden Standby auf aktiv
24 Stunden Denken inklusiv
(...)
24 Stunden – die Digital Bohéme!

Aber, meint AnniKa von Trier jetzt, Berlin sei so groß und im guten Sinne unübersichtlich, dass es eher darum gehe, interessante Orte zu erhalten und zu verteidigen und eine Kultur des Miteinanders zu leben. So veranstaltet sie einen monatlichen Salon im so genannten „Geheimclub“ im Untergrundmuseum – einem urigen Ort mitten in Mitte, der wie ein Museum der DDR aussieht. Solche Orte gibt es noch. Im Rahmen ihres „Geheimclubs“ stellt sie, die dem Zeitgeist zum Trotz, viel Wert auf Kooperation legt, andere Künstler vor, die sie schätzt – Musiker, Schriftsteller, Filmemacher - Leute, mit denen sie dann gemeinsam auftritt. Das Programm ist sehr abwechslungsreich und immer einen Besuch wert.

In allerjüngster Zeit hat Annika von Trier das Gefühl, dass sich am sozialen Klima wieder etwas ändere: Unter den Mitte-Künstlern, die es geschafft haben, trotz Hauptstadtboom und Tourismuswahnsinn zu bleiben, sei eine neue Art von Komplizenschaft und Solidarität entstanden. Man trifft sich bei Undergroundveranstaltungen oder bei der „Demo gegen Rechts“. Vielleicht, sinniert AnniKa von Trier, entstehe bei den „Gebliebenen“ sogar wieder eine neue Kultur des Miteinanders, die an die Neunziger Jahre anknüpft.

Und, verrät sie jetzt noch: Mittlerweile arbeite sie auch sehr gern in ihrem eigenen Garten, ebenfalls im Norden Berlins, im Osten und nicht im Westen! Sie zieht sich dorthin zurück, textet, komponiert, experimentiert mit verschiedenen Blumensorten, baut Kartoffeln an und erntet Äpfel und Quitten. Ein bisschen erinnert auch das an Hannah Höch.

Literatur: Annika Krump (AnniKa von Triers bürgerlicher Name): „Tagebuch einer Hospitantin,  Berlin, Volksbühne 1992/93“. Annika Krump über die bewegten Berliner Umbruchsjahre an der Volksbühne, in der Ära von Frank Castorf, Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und Johann Kresnik. Alexander Verlag Berlin 2015

Musik: AnniKa von Trier: „Gerade jetzt! – live im ORF“, Radiokulturhaus, Wien 2017

 
Förderverein Künstlerhaus Hannah Höch e.V.
An der Wildbahn 33 (Heiligensee), 13503 Berlin
http://hannah-hoech-haus-ev.de/
Christina Bauersachs: anmeldunghoech@gmx.de
 

TERMINE   2019

  • 10. Mai: "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt!“ 22.04 Uhr RBB Kulturradio Hörspiel mit Hannah Höch, Bettine von Arnim und Jenny Marx
  • 26. Mai: #DIPTAM #DADA #DIGITALIS Garten Hannah Höch Berlin-Heiligensee  - karten(at)annika-von-trier.com
  • 07. Juli: #DIPTAM #DADA #DIGITALIS Garten Hannah Höch Berlin-Heiligensee
  • 14. Juli: #DIPTAM #DADA #DIGITALIS Garten Hannah Höch Berlin-Heiligensee

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