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Stadt- und Landgeschichten: Chengdu
Kinderhaut und das Kronblatt des Gänseblümchens: der Kinderbuchillustrator Mango

Vulkan (Buntstift, 2008)
Vulkan (Buntstift, 2008) | © Mango

Mango (芒果) ist Illustrator und in seiner Art zurückhaltend, ruhig und sanft. Er liebt es zu malen, gut zu kochen und hat einen Faible für Gartenkunst. Er ist der Typ best friend, dem man sich als Frau anvertraut und der Typ best buddy, auf den sich Freunde verlassen können.

Von Yi Hong(易鸿)

Mittlerweile ist es gut zehn Jahren her, dass sich Mango aus der Provinz kommend in Chengdu niedergelassen hat. Er arbeitete fünf Jahre als Arbeiter und acht Jahre als Reiseführer, bevor er sich 2005 als freier Illustrator selbständig machte. Sein Kindheitstraum, Maler zu werden, ging so über Umwege doch noch in Erfüllung. Für die Zukunft wünscht sich Mango ein Haus mit einem großen Garten. Er würde dort Blumen züchten und Pflanzen anpflanzen und sich der Gartenkunst widmen. Besser gesagt: Er würde zum botanischen Künstler, der jede Pflanze beobachtet, ihre inneren Naturgesetze freilegt, ihre Geschichte, Geografie und Kunst und schließlich das, was ihm ganz persönlich daran gefällt.

In seiner Anfangszeit in Chengdu, als er in seiner Mietwohnung wie besessen an seinen Bildern arbeitete, zeigten Firmen und Verlage zunächst keinerlei Interesse für seine Kunst. Erst als er finanziell schon völlig abgebrannt war und keinen Ausweg mehr sah, tauchte plötzlich jemand auf, der seine Arbeiten gebrauchen konnte. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten blieb er also in Chengdu und wurde ein freier Illustrator. Heute arbeitet er konstant mit mehreren chinesischen Verlagen zusammen und illustriert für sie regelmäßig neue Kinderbücher.

Doch wie sieht so ein Tag im Leben des Illustrators aus?

Wenn Mango um kurz vor zwölf Uhr mittags aufsteht, wartet Laihu, der vierjährige schwarze Labrador, meist schon hungrig. Dann heißt es erst einmal den Hund füttern und eine Runde Gasse gehen.

Manchmal steigt Mango auch in die direkt vor seinem Haus gelegene U-Bahnlinie Nr. 2 und fährt für ein spätes Frühstück in die Stadt. Denn während Mango früher in einer kleinen Stadtwohnung mit Gartenterrasse wohnte, ist er mittlerweile weit hinaus an den dritten Ring gezogen. In der Stadt angekommen sucht er das Café Nok Nok in einer kleinen Gasse auf, bestellt sich eine Apfeltasche und einen „Dirty Coffee“, bei dem kalte Milch durch einen Espresso marmoriert wird. Er trifft Freunde und plaudert. Mango ist gern unter Menschen, und sei es auch nur um sie zu beobachten.

Anschließend geht es zurück mit der U-Bahn nach Hause. Um drei Uhr sitzt er am Schreibtisch, macht Skizzen und bringt ein paar Ideen zu Papier. Seine eigentliche produktive Zeit fängt jedoch immer erst abends an und zieht sich bis tief in die Nacht.

Das Abendessen fällt üppiger aus. Mango nimmt es gemeinsam mit seiner Frau ein, wenn sie von der Arbeit kommt. Nach dem Abendessen gehen die beiden mit dem Hund noch auf einen gemeinsamen Spaziergang in einen nahe gelegenen Park.

  • Aus: Meine liebe Zitronenstadt (Kinderbuchillustration, Photoshop, 2018) © Mango
  • Aus: Meine liebe Zitronenstadt (Kinderbuchillustration, Photoshop, 2018) © Mango
    Aus: Meine liebe Zitronenstadt (Kinderbuchillustration, Photoshop, 2018)
  • Aus: Meine liebe Zitronenstadt (Kinderbuchillustration, Photoshop, 2018) © Mango
    Aus: Meine liebe Zitronenstadt (Kinderbuchillustration, Photoshop, 2018)
Ich kann mich noch gut erinnern, dass Mango vor ein paar Jahren gerne entlang der Straße joggte, sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt. Mango hat einen Faible für die Road Movies von Abbas Kiarostami. Anders gesagt: Mango ist ein Mensch, der in seiner eigenen Welt lebt, der in den Filmen und Büchern lebt, die er mag, manchmal auch in einem von ihm geliebten Gedicht. Wahrscheinlich erscheint ihm die Welt einfach zu unzulänglich, so dass er sich lieber einer Blume zuwendet, seinen Aquarellstiften oder dem Duft von Kaffee und so den Rückzug in einen ästhetischen Romantizismus sucht.

Zur Stadt Chengdu hat Mango ein so intimes wie zugleich distanziertes Verhältnis. Viele Freunde hat er hier nicht, vielleicht ein oder zwei. Trotzdem sagt er, dass er Sichuan und die Leute aus Sichuan mag. Hier lebt man frei und unbeschwert und es gibt gutes Essen. Die Menschen sind freundlich und herzlich.

Wir sind wie früher im Nok Nok verabredet. Es ist ein Nachmittag im Spätherbst, in die Straßen der Altstadt, die gesäumt sind von kleinen Modeboutiquen, ist Ruhe eingekehrt. Die Blätter der Phönixbäume werden bereits gelb und die Blumen stehen in ihrer letzten Blüte. Die ganze Stadt scheint in eine träge Atmosphäre getaucht.

„Momentan stecke ich in einer Schaffenskrise“, mit diesem Satz eröffnet Mango das Gespräch.

Nach fünfzehn Jahren als Illustrator stellt sich mit der Routine unweigerlich eine gewisse Schaffensmüdigkeit ein. Seine Vertragspartner möchten, dass er liefert und Buchmarkt und Leser haben auch ihre Erwartungen. Doch wenn man wie am Fließband zeichnet, ist die anfängliche Euphorie irgendwann erschöpft. Zu leicht stellt sich Routine ein. Aus rein kreativer Sicht ist es so: Er malt gar nicht mehr für sich selbst, es ist nur noch sein Job.

Dabei möchte Mango seine eigenen Sachen malen, nur weiß er nicht, wie er anfangen soll.

Mir ist gar nicht bewusst, dass Mango alles immer gerne bis auf die letzte Minute aufschiebt, als ich ihm einen Frage stelle: „Stell dir vor, du müsstest morgen ein Projekt abliefern, das nur mit Überstunden zu schaffen ist, und deine Frau würde dich bitten, etwas mit ihr zu unternehmen. Was würdest du tun?“ Mangos Antwort kommt ohne zu zögern: „Ich würde bei ihr bleiben.“。
Wenn ich nur ein Baum wäre (Computer-Rendering, 2010)© Mango
 
    Mit dem Verlag konferiert er wöchentlich über das Internet, um das Kreative, die Zeichnungen und die Kolorierung zu besprechen. Er meldet den Fortschritt seiner Projekte, macht Änderungsvorschläge und dokumentiert seine Arbeit mit PowerPoint. Kommt ihm eine gute Idee, notiert Mango sie auf seinem Smartphone. Bis so ein Werk wirklich abgeschlossen ist, ist es ein langer Prozess.

 

Besteht da eine direkte oder indirekte Verbindung zwischen seiner Berufsmüdigkeit und seiner Prokrastination?

Anders als früher verwendet Mango heute viel Zeit darauf, um ganz genau zu erklären, wie er malt. Ihm geht es bei seinen visuellen Darstellungen nicht um die Realisierung des dreidimensionalen Raums, sondern um die zweidimensionale Bildfläche. Er verzichtet auf die perspektivische Einbettung, so dass es in einer Bildfläche zugleich mehrere Bildzentren geben kann, wie auf den Wandbildern im alten Ägypten. Ganz ähnlich funktionieren auch klassische chinesische Rollbilder, die man in ihrer langsamen Entfaltung und dem Wechsel von einer zur nächsten Bildszene auch als die ersten „Filmszenen“ bezeichnen könnte. Auf einer einzigen Bildebene setzt sich dabei allmählich ein narratives Bild zusammen.

Abgesehen von der reinen Linienzeichnung malt Mango alles am Computer. Dort setzt er die Geschichte wie im Film in Form eines Storyboards zusammen. Vor dem Bildhintergrund lassen sich die Figuren und Elemente im Vordergrund auseinandernehmen und neu komponieren. Anders als bei der Skizze von Hand, bei der man die einzelnen Motive nicht trennen kann, lässt sich so eine Art Bilddatenbank erstellen, aus der man schnell Elemente entnehmen und zu einem Bild zusammensetzen kann. Das erhöht die Effizienz enorm.

So wird die klassische Handzeichnung allmählich durch einen Schaffensprozess ersetzt, bei dem sich Hand- und Computerzeichnung ergänzen. Das gesamte Material stammt aus dem Netz, dort findet man alles was man braucht.

Im Vergleich zu dynamischen Spielen vermag ein statisches Bilderbuch die kindliche Aufmerksamkeit nur schwer zu fesseln. Also müssen sich die Formen des Lesens ändern und den Kindern müssen neue Leseerfahrungen angeboten werden. Mango möchte der Jugend die Kunstformen der Erwachsenen in Form von Bilderbüchern nahebringen, zum Beispiel das Musiktheater. Wie gestaltet man ein Kinderbuch über ein Musical? Wie sollte es aufgebaut sein? Wie kann man es so lustig und interessant gestalten, dass es den Kindern am Ende Spaß macht?

Große berufliche Pläne hat Mango nicht, dazu fehlt ihm der Ehrgeiz. Wollte man ihn mit einer Blume symbolisieren, wäre er eine Lilie, die in einem versteckten Winkel ihre Blüte öffnet, ganz unscheinbar.

Oft schreibt Mango Gedichte, bringt ein paar Sätze zu Papier. Sie lassen eine leichte Trauer durchschimmern oder ein bescheidenes Glück. Zusammen mit den Bildern ergeben sie Traumszenen. Gigantische Tropenpflanzen, eine endlose Wiese mit ein paar Jugendlichen.

Früher malte Mango ganz andere Bilder, die wie Holzschnitte aussahen. Sie wirkten ursprünglich, ungekünstelt und direkt, verströmten Unruhe und Empfindsamkeit. Meist zeigten sie Kinder in der Wildnis, einen Vulkanausbruch, sich ergießende Lava, Kinder, die aus einem Wald rennen und in alle Himmelsrichtungen fliehen. Oder einen hilflos daliegenden jungen Mann, dem aus der gespaltenen Brust ein Baum aus dem Herzen wächst.  
  • Hochwasser (Buntstift, 2008) © Mango
    Hochwasser (Buntstift, 2008)
  • Hochwasser (Buntstift, 2008) © Mango
    Hochwasser (Buntstift, 2008)

    So muss die Welt in den Augen der Kinder aussehen. Beginnt es zu regnen, meinen sie, dass es auf der ganzen Welt regnet. Kinder sehen in Farbflächen: Ein grünes Blatt am Baum, ein Paar graue Füße, die dahinschreiten, ein halbes Weißbrot. Auf diese Weise wird die Welt zu einer Collage verdichteter Farbcluster.
 
Dass in Mango so ein farbenaffines Kind steckt, macht auch eines seiner frühen Gedichte deutlich:
 
Gelb
 
es gibt viele Arten von Gelb
das Gelb der Abenddämmerung
das Gelb der Zitrone
das Gelb der Mango
eine im Juli geöffnete Papaya
Kinderhaut und das Kronblatt des Gänseblümchens
die Beinchen der Biene
die Flügel der Libelle
der Rücken des Marienkäfers
eine am Topfboden festgebackene Süßkartoffel
Kiefernrinde und Bernsteins Geheimnis
Kürbisblüten und Hornbienen
Bier und Maiskuchen
Spinnweben, die sich über Kamillen legen
der Mond in der Nacht vor dem Regen
Abendwolken und durchbrochene Spitze
ein Pfeil, abgeschossen bei Sonnenuntergang
die hübschen Schwanzfedern der Vögel
ein rennender Mensch
nach zwanzig Meilen
die Farbe des Sandsturms
 
Doch was zählt schon die Malerei? Angesichts der Länge und Vergänglichkeit, der Schönheit und Grausamkeit des Lebens erscheint sie belanglos. Und so lebt Mango, immer im Moment, jede Kleinigkeit genießend. Dabei ist jedes Detail schon wie ein Bild, nicht wahr? Solch traurige wie heitere Schönheit wirkt schwach und zerbrechlich im undurchdringlichen Dschungel der menschlichen Gesellschaft. Ich weiß nicht, woher Mango seine unendliche Geduld nimmt. Aus seinem Weltschmerz? Oder einem bitteren Sarkasmus?
 
Mango sagt, man solle auch dunkle Zeiten einfach zulassen, der dunkelste Moment liegt immer kurz vor dem Sonnenaufgang. Ach ja? die Hände in die Erde graben, Kompost machen, das Blumenbeet rasieren und sehen, wie dann die neuen Triebe wieder ausschlagen, das hat auch etwas Heilendes.
 
Ich erinnere mich an das Jahr 2009, als wir in Chengdu gemeinsam das erste Zeichenmagazin Hand Painting (手绘志) auf die Beine stellten. Wir waren alle Fans von Comics wie Persepolis, Maus, Building Stories oder Die Ignoranten und mochten den italienischen  Zeichner Lorenzo Mattotti und die Graphic Novels Das blaue Tagebuch von André Juillard oder Here von Richard McGuire. Was für eine schöne und unverfälschte Zeit wir damals hatten.
  • Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015) © Mango
    Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015)
  • Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015) © Mango
    Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015)
  • Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015) © Mango
    Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015)
  • Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015) © Mango
    Aus: Cao Wenxuans Romanbox (Kinderbuchillustration, Tinte, 2015)
  
Wir sprechen über die Werke des amerikanischen Künstlers Walton Ford, die wir erst kürzlich gesehen haben. Wie er im Stil klassischer Bildtafeln der Naturmalerei die Philosophie und die kulturellen Konflikte der postkolonialen Gesellschaft neu interpretiert. Die mal niedlich mal grimmig wirkenden Vögel und Bestien bekommen eine symbolische Bedeutung, liebend und drohend, honigsüß und heuchlerisch. Eine große Allegorie der Bilder, die einen staunend zurücklässt. Womöglich können sie für Mango in seiner Schaffenskrise eine erhellende Inspiration sein.

Zum Schluss gibt mir Mango noch einen Rat: Kauf dir eine handbetriebene Kaffeemühle. Im Laden gibt es geröstete Bohnen, such dir ein Aroma aus, das dich anspricht. Zuhause reicht eine Füllung für zwei Personen, aber man kann den Kaffee auch wunderbar alleine trinken, frisch aus dem Espressokännchen.

Warum nicht? Während ich mir vorstelle, wie sich das Aroma in meinem Gaumen ausbreitet, macht sich die Vorfreude in mir breit.

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