Chengdu
Unsichere Zukunft für die Musikszene

Natürlich CORONA. Ausgestorbene 2. Ringstraße, 26. Januar 2020.
Natürlich CORONA. Ausgestorbene 2. Ringstraße, 26. Januar 2020. | © Gurl

Während die Kurve der neu gemeldeten Ansteckungen langsam abflacht, erwachen chinesische Städte nach dem staatlich verordneten Stillstand seit dem chinesischen Neujahrsfest endlich wieder zum Leben. Doch während die Beschränkungen aufgehoben werden und das Land zu seinen gewohnten Routinen zurückkehrt, bleibt die Zukunft für Künstler, Veranstaltungsorte, Organisatoren und Publikum gleichermaßen ungewiss.

Von Kristen Ng

„Haben Sie keine Angst?", fragte die Dame am Check-in im Flughafen Auckland. Es war der Vorabend des chinesischen Neujahrsfestes, der weltweit größten jährlichen Wanderbewegung von Menschen. Die Nachrichten über das Coronavirus hatten seit Wochen zugenommen. Wuhan, das Epizentrum des Virus war in den vergangenen 24 Stunden abgeriegelt worden.

„Wahnsinn, das ist alles so beängstigend", fuhr sie – ihre eigene Frage beantwortend – fort, als sie eine Bordkarte in meinen Pass steckte. „Der Flug ist halb leer".

Ich zuckte mit den Achseln und fummelte nervös an dem Handdesinfektionsmittel-Karabiner, den meine Mutter an meine Tasche geklemmt hatte. „Es ist das chinesische Neujahrsfest", murmelte ich und hörte einen Anflug von Zweifel in meiner Stimme. So alptraumhaft die Dinge auch waren, zog es mich doch zurück nach Chengdu, wo ich seit fünf Jahren lebe und in der lokalen Musikszene spiele und arbeite.

Der SARS-Epidemie Anfang der 2000er war ich als Kind nur einmal nahe gekommen, nämlich vor dem kleinen Lebensmittelladen an der Hataitai Road, wo meine Freunde und ich uns vor der Schule heimlich Lutscher kauften und von der Telefonzelle aus zum Spaß kostenlose 0800-Nummern anriefen. Eines Morgens entdeckten wir im Kühlregal des Ladens eine schwarze Dose, auf der die Buchstaben „SARS“ prangten. Ohne eine Spur von Taktgefühl kauften wir eine Dose und bewarfen uns damit gegenseitig auf der Straße. So manifestierte sich die tödliche Abkürzung aus den 18-Uhr-Nachrichten in unserer unmittelbaren Welt in Form klebriger Softdrink-Malzströme aus Sarsaparilla.

Es stand außer Frage, dass mein erstes Ziel nach meiner Ankunft in Chengdu ein Treffen mit meinen Freunden auf ein Corona (Bier) war. Ich weiß, tief hängende Früchte, ein Witz, der zweifellos von Millionen Menschen weltweit – eingelullt vom Alkohol – gerissen wurde. Wegen des Neujahrs war die Stadt menschenleer und unter dem grauen Winterhimmel stießen wir mit einem unbehaglichen „Prost“ unsere Flaschen aneinander. Die Eingänge der Wohnviertel waren mit einem Potpourri aus Lampions, Propagandabannern und Sicherheitsbändern – alles in Rot – geschmückt. An jedem Eingang waren bereits Masken und Temperaturkontrollen vorgeschrieben.

Während meines 12-stündigen Fluges hatte sich die Lage dramatisch verändert und ich war mental überhaupt nicht darauf vorbereitet, was als nächstes passieren würde. In der folgenden Woche war Chengdu eine von hunderten von Städten in China, die vollständig abgeriegelt werden sollten, um die Ausbreitung von SARS-COV-2, dem Coronavirus, das COVID-19 verursacht, einzudämmen.

Die Stadt hatte sich vor den Feiertagen geleert und der örtliche Techno-Klub TAG rüstete sich für das größte Ereignis des Jahres, einen siebentägigen Chinese New Year Party-Marathon im 21. Stock des einst berüchtigten Poly Centers. Inmitten des sich entfaltenden Chaos waren die internationalen Gäste Mama Snake, Roza Terenzi und A. Brehme bereits angereist und bereiteten sich darauf vor, in der zweiten Nacht des Festivals, nach der Shanghaierin MIIIA, in einer komprimierten Aufstellung zusammen zu spielen. Bei meiner Ankunft war das gesamte Festival abgesagt worden – das erste Opfer eines Dominoeffekts von Veranstaltungsabsagen, die die Musikwelt auf Monate hinaus quälen werden. Willkommen im Jahr der Ratte.

Wochenlang blieb alles außer Supermärkten, Apotheken und Krankenhäusern geschlossen. Die Stadt setzte schnell weitreichende Quarantänemaßnahmen durch, die Millionen von Menschen in ihren Wohnungen und Häusern einsperrten. Ab Ende Januar war jedes Gelände nur noch durch einen einzelnen Eingang zu betreten und viele Gebäude wurden mit Wachen in Schutzanzügen und Wagen mit Desinfektionssprays gesichert. Anfang Februar verlangten alle Wohnviertel, dass die Mieter einen Passierschein beantragen, wofür sie ihren Personalausweis und Mietvertrag vorlegen mussten. Täglich durfte nur ein Mitglied pro Haushalt das Gebäude verlassen. Ohne den üblichen Verkehrs- und Baulärm waren die Straßen still, nur das Echo einer fernen Stimme wiederholte unentwegt: „Bekämpft die Epidemie, tragt eine Maske, verlasst nicht das Haus". Einem modernen Megaphon-Mantra gleich drang ihr Nachhall in unsere einsamen Wohnungen.

Unruhe und Frustrationen nahmen mit jedem Tag zu. Fußstreifen patrouillierten die Straßen, um Geschäfte des „nicht-lebensnotwendigen“ Bedarfs, die versuchten zu öffnen, wieder zu schließen. Ich wurde Zeugin so einer Aktion in einer Gasse in der Nachbarschaft, als Polizisten die Besitzerin eines Haushaltswarengeschäfts zur Schließung aufforderten und ihr mit Konsequenzen drohten, falls sie nicht gehorche. Beide Parteien blafften sich in durch Gesichtsmasken gedämpfter Verzweiflung gegenseitig an.

„Sie müssen auch zumachen!“, schrien die Polizisten einen Nudelbudenbesitzer daneben an.

„Ich hab gar nicht auf“, entgegnete der und zündete eine Zigarette an. Seine Maske hing ihm unter dem Kinn. „Ich lüfte nur!“

„Zumachen!”

Gleichzeitig waren ein paar hundert Meter weiter in der Taikoo Li Mall die Geschäfte internationaler Ketten und Luxusmarkenhersteller in besonders geschützten Bereichen geöffnet. Hier stampften Polizisten herum, deren KI-mäßig aufgerüsteten Helme eine Temperaturmessfunktion hatten. Mangels der Bubble Tea schlürfenden Massen, denen sie üblicherweise hinterher wischten, hatte sich das Straßenreinigungspersonal darauf verlegt, Zigarettenkippen mittels Essstäbchen aus den Bodenritzen zu zupfen. Über der Fußgängerzone der Chunxi Road spielten gigantische LED-Werbeflächen pausenlos CCTV Videos über die heroischen Anstrengungen von Krankenhausmitarbeitern in Hubei ab. Die Straße war einwandfrei sauber. Ich kaufte Gemüse bei einem Straßenverkäufer und beeilte mich, wieder nach Hause zu kommen, dabei wurden meine Atemgeräusche von der Maske verstärkt. Ich hatte das Glück, im meiner Wohnung sitzen und abwarten zu können.

Um auf See zu überleben, war es wichtig, sich selber kleine Aufgaben zu stellen – das Deck zu schrubben, das Vergehen der Tage zu dokumentieren, Wolken zu zählen, dir selbst die Illusion zu geben, dass du dein Schicksal unter Kontrolle hast.

Sharon Lam, Autorin des Romans “Lonely Asian Woman”



Es erfordert eine Menge Selbstdisziplin, um in Quarantäne eine normale Routine aufrechtzuerhalten, und Selbstdisziplin ist nicht gerade meine Stärke. Wenn du nirgendwohin gehen kannst und nirgendwo sein musst, dann bist du in der Quarantäne ziemlich auf dich selbst zurückgeworfen.

Du weißt, dass du schon einen Monat in Quarantäne bist, wenn du f.lux auf deinem Laptop deaktivierst und feststellst, dass du von Mitternacht bis fünf Uhr morgens Kochvideos auf Youtube gesehen hast. Es ist schon seltsam, wo wir in der Quarantäne Trost finden – für mich waren es – nachdem ich den WIFI-Router und den Projektor neben meinem Bett installiert hatte – die sanften Anweisungen und das geübte Hacken von Gemüse in den Koch-Sendungen Xiaoying's Kitchen, Marion, Chinese Cooking Demystified und Maangchi. Mal abgesehen von den „101 Dingen, die man an einem Regentag tun kann“ – schließlich haben wird das Jahr 2020, und die Rhythmen der Zikaden lassen sich allzu leicht von Algorithmen verführen.

Nie wurden Ängste so gut genährt wie durch das endlose Scrollen in den nie aufhörenden  Nachrichten-Feeds während der Selbstisolation, angeheizt durch den Mangel an Aktivitäten außerhalb der Wohnung und direkte soziale Kontakte und verschlimmert durch hypernormalisierte Bildschirmzeit und Echtzeit-Updates der viralen Katastrophe. Die Online-Erreichbarkeit ist Segen und Fluch zugleich.

Die Chengduer Musikerin Wu Zhuoling hat die SARS-Epidemie 2003 in Peking miterlebt. „Die Atmosphäre war bedrohlich“, sagt sie. „Es gab ja noch keine sozialen Medien wie WeChat“, und wir hörten alle möglichen Horrorstories von Freunden und Nachbarn, zum Beispiel welches Wohnviertel komplett abgesperrt sei, und dass täglich Wagen durchführen, die die Toten einsammelten; oder dass alle Ärzte und Krankenpfleger eines bestimmten Hospitals infiziert seien.“ Auch wenn die Behörden mit einigen Aspekten um die Aufdeckung von COVID-19 ziemlich jämmerlich umgegangen sind – möge Li Wenliang in Frieden ruhen – so haben moderne Technologien doch viele vor einem ähnlichen Schicksal gerettet.

Während es den meisten von uns gelungen ist, die physischen Symptome des Virus zu vermeiden, ist der psychische Fallout immens. Natürlich habe ich etwas Musik gemacht, Bücher gelesen und ein paar neue Dinge gelernt (Kochen, Yoga, Musikproduktion), aber ich habe auch viel geweint und lange Phasen durchgemacht, in denen ich in einem Gefühl totaler Nutzlosigkeit gefangen war. Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Anrufe und Umarmungen machen einen großen Unterschied. Zeiten wie diese erinnern uns daran, wie wichtig es ist, einander die Hände zu reichen und unsere kollektive menschliche Fähigkeit zur Empathie auszuüben.

Nachdem Zusammenkünfte verboten worden waren, haben Arbeitgeber und Bildungsstätten ihre Aktivitäten und Angebote schnell in den virtuellen Raum verlegt. Das Leben geht weiter, Essen- und Paketlieferungen funktionieren, auch wenn sie nun nur noch bis zum Eingang zum Compound und nicht mehr bis zur Wohnungstür gebracht werden. Mit diesen modernen Annehmlichkeiten hat das Leben in der Stadt ein ungewöhnlich hohes Niveau an Komfort behalten. 

Und in der Tat hat auch die schon immer sehr einfallsreiche chinesische Musikszene Wege gefunden, um den Kontakt zu ihrem Publikum aufrecht zu erhalten, Livestreaming-Sessions auf nutzergetriebenen Plattformen wie Bilibili oder „Cloud“-Parties auf Musikstreaming Websites wie Xiami begleiten die Hörerinnen bis in die frühen Morgenstunden. Wie Leuchttürme in der Dunkelheit haben Online-Initiativen Geld für jene gesammelt, die in der Krise an vorderster Front stehen. Am 29. Februar veranstaltete Another Language Hubei Calling, einen Livestream von Heimauftritten mit Künstlern und Künstlerinnen auf der ganzen Welt, darunter auch der Sängerin Shii aus Wuhan, Josh Love von Proximity Butterfly in den USA und Cosmyte aus Frankreich. Tausende Zuschauer verfolgten die Aktion online und spendeten in einer Nacht 30.000 Yuan für die unabhängige Hilfsorganisation Kouzhao Kuaipao.

Einige Musiker haben sich für spezielle Gemeinschaftsprojekte wie die Home Fitness Compilation zusammengefunden, initiiert von der Beijing-via-Leeds DJ Slowcook, mit der Spenden für Firefly Plan gesammelt werden, eine Initiative für Hygieneprodukte für medizinisches Personal der ersten Reihe. Das Pekinger Kassetten-Label Nugget Records hat unter dem Titel „Tapes for Charity“ eine zweiteilige Musikkollektion (Indie-Pop und Elektronic) herausgebracht, um einen Verein zu unterstützen, der Haustiere in verlassenen Wohnungen in Wuhan rettet.
 

Solche Projekte haben – gerade in einem Land wie China, wo der Wohltätigkeitsgedanke nur bedingt Fuß gefasst hat – das Beste in den Menschen herausgebracht. Aber trotz leidenschaftlicher Äußerungen der Unterstützung und hektischer Wellen von „Jiayou!“ – „Weiter so!“ sowohl in Livestream-Kommentaren als auch in kommerzieller Fahrstuhlwerbung, bleibt es doch eine außergewöhnlich schwere Zeit für die Kreativindustrie, emotional wie finanziell.

Absagen haben jene Künstler in große Schwierigkeiten gebracht, die von Live-Auftritten leben. Kaum jemand hat das härter getroffen als die Chengduer Band Stolen, die erst ihre Japan-Tour mit New Order absagen und dann auch noch ihre chinaweite Jubiläums-Tour, die für Februar und März geplant war, verschieben musste. Das ist eine riesige Enttäuschung, auch für das nun obsolete Tourposter-Kunstwerk, das von Formol, dem bildenden Künstler der Band, mühevoll ausgemessen, ausgeschnitten und auf eine Fabrikmauer im Süden von Chengdu gemalt worden war. 

„Für eine Weile waren wir alle in eine seltsame Gefühlsmischung aus Panik, Enttäuschung und Chaos abgetaucht“, sagt der Sänger der Band, Liang Yi, im WeChat-Interview. „Wir haben so viel in diese Tour gesteckt, u.a. den Release unserer neuen EP, die Proben, das Bühnendesign, Werbung und so weiter... Der Kartenvorkauf war der beste, den wir je hatten, unsere Konzerte waren in den meisten Städten ausverkauft.“  Am Montag gab die Band ein Studio-Konzert per Livestream und spendete die Einnahmen aus dem Verkauf der neuaufgenommen EP, die auf Netease veröffentlicht wurde.

Auch die internationalen Auftritte der Absolventen des Sichuaner Musikkonservatoriums, Hiperson und The Hormones, wurden aus dem Damnably-Showcase bei South by Southwest - SXSW gelöscht. „Als man es uns mitteilte, betraf das nur Bands aus China“, berichtet mir Hiperson-Sänger Chen Sijiang über WeChat aus London und fügt hinzu, dass die Nachricht nicht als Schock kam. Als sich das Virus in die Vereinigten Staaten ausbreitete, gab SXSW etwas mehr als eine Woche später die Absage des gesamten Festivals bekannt.

In China selbst war der tiefste Stich ins Herz der Indie-Szene die Absage des beliebten OpenAir Musikfestivals Chun You, das jährlich an einem Frühlingswochenende rund um den 20. April stattfindet. Die Nachricht brachte die Fans in der Stadt zum Weinen. Während die meisten Veranstaltungen im Frühling noch auf Bestätigung warten, könnte das Chun You Festival laut Zhang Xin, dem Organisator und Chef von Morning, in einer abgespeckten Version auf einem kleinen Campingplatz stattfinden. Die Bestätigung steht noch aus.

Kürzlich traf ich Jef Vreys, den Gründer der Konzertagentur New Noise, im Supermarkt (wo auch sonst…). New Noise, die dafür bekannt sind, in den vergangenen zwölf Jahren die größten Namen der chinesischen Indie-Rock-Szene im ganzen Land vorgestellt zu haben, hat die Situation ebenfalls hart getroffen: Die Agentur mussten alle Events bis August absagen oder verschieben, darunter Konzerttouren von Men I Trust, Big Thief, Alcest und Mouse on the Keys, und auch ein Indoor-Festival, auf dem Godspeed You! Black Emperor, MONO, Envy, World’s End Girlfriend und This Will Destroy You hätten spielen sollen.

Wie Jef Vreys später auf WeChat ausführt, „versuchen wir immer noch, andere Termine in der Zukunft festzumachen, zumal alle Deposits schon bezahlt sind. Weil die Krise jetzt aber auch auf Europa und die USA übergreift, sind Umbuchungen extrem schwierig, weil es so unsicher ist, wie sich alles entwickeln wird.“

Diese Einschätzung wird von anderen Venue-Besitzern wie zum Beispiel Ellen Zhang vom Techno-Klub TAG geteilt. Nach der urplötzlichen Absage ihres Spring Festivals, ist der Klub seit mehreren Monaten geschlossen und hat mit den Folgen zu kämpfen, darunter Miet- und Gehaltszahlungen, die zusätzliche Absage der Feier zum sechsjährigen Bestehen an einem Wochenende im März, ganz zu schweigen von der Stornierung langerwarteter Auftritte der britischen Künstler Pearson Sound, Ben UFO und einiger mehr.

„Für uns ist das wirklich ein großer Kampf”, sagt Ellen über WeChat. „Ich bin sicher, selbst wenn wir TAG wieder aufmachen können, wird es noch langfristige Nachwirkungen geben, zum Beispiel werden wir vielleicht sehr lange keine Künstler aus bestimmten Ländern buchen können. Ende März wäre der 6. Geburtstag von TAG, dafür hatten wir viele Pläne, die sind nun alle hinfällig.“

„Die Unterhaltungsindustrie lebt davon, viele Menschen an einem Ort zusammenzubringen“, sagt Ellen weiter. „Selbst wenn Geschäfte wieder öffnen können, bevor die Epidemie zu Ende ist, bin ich überzeugt, dass unsere Fans und Kunden alle durch ein wirtschaftliches Tief gehen müssen.“

Der alternative Club und Künstlerraum CUE, hinter dem ein Team von Designern und Künstlern steht, machte nach der monatelangen Renovierung im November 2019 wieder auf. Mitbesitzer Shai Dou, alias DJ Postunk von Syncopation, weiß zu berichten, dass CUE einer der ersten Clubs war, die im Januar nach dem Virusausbruch die Entscheidung trafen, den Laden zu zumachen. Weil der Fokus auf weniger traditionellen Formen von Musiker- und Künstleraustausch liegt, hatten die Betreiber gar nicht erwartet, schnell schwarze Zahlen zu schreiben. Die Zeit der Schließung überbrücken sie jetzt mit Grafikdesign und ähnlichen Auftragsarbeiten.

Die Nachbeben ziehen weite Kreise in der Branche: Nachdem es in den Veranstaltungsorten wie 13Lounge, Steam, Little Bar, Funky Town und der Jah Bar seit Anfang Januar keine Konzerte mehr gab, sind auch Videoproduzenten wie HAVOC STUDIO und Fotografen, wie das Kollektiv PH7, die diese sonst dokumentieren, arbeitslos und können ihre Studios im Yulin-Viertel nicht mehr betreten. Andere konnten wiederum sogar von der Ausgangssperre profitieren, wie der Skater Gennady von Chengdudes, der die Gelegenheit nutzt, spannende und bisher verbotene Orte zu erobern. Und cdcr.live versucht sich im Zuge der Aufhebung der Bewegungseinschränkungen und vielen öffentlichen Plätzen auf dem Gebiet der Openair-Sendungen.

Heute hat sich die Situation im Vergleich zum Höhepunkt der Notmaßnahmen im letzten Monat entspannt. Masken, Tests, und Eingangskontrollen sind an den meisten Orten immer noch Standard, aber die pistolenförmigen Temperaturmessgeräte aus Plastik werden jetzt auf das Handgelenk gerichtet, und nicht mehr auf die Schläfe, was diese Routineprozedur, an die man sich anfangs auch erst gewöhnen musste, etwas weniger irritierend macht. Die Passierscheine aus Papier wurden durch digitale „Gesundheitskarten“ ersetzt, die mit WeChat-Codes an Compound-Eingängen geprüft werden, ein unausgegorenes und bisher nur unvollständig eingeführtes System, das zur Zeit nur mit chinesischen Personalausweisen funktioniert. Während Reisende, die aus dem Ausland zurückkehren, zwei Wochen lang unter Quarantäne gestellt werden, um wiederkehrende Infektionen einzudämmen, gehören jene trostlosen Supermarkttrips – den Kopf gebeugt, das Gesicht bedeckt und den Wagen wortlos an leeren Regalen vorbei geschoben –, die auf unheimliche Weise an eine Dystopie aus Zombie-Apokalypse trifft auf Report der Magd erinnern, hoffentlich der Vergangenheit an. Unter seinem Auge.

Was bedeutet es nun, nachdem zehntausende von Veranstaltungen, Festivals und Tourneen abgesagt oder verschoben wurden, wenn internationale Gäste eher nach einer Bedrohung als nach einem aufregenden Publikumsmagneten klingen? Wie und wann wird die Szene wieder auf die Füße kommen und unter welchen Bedingungen – angesichts der ohnehin schon großen Herausforderungen für kleine Veranstaltungsorte und der zunehmenden Einschränkungen für Live-Musik in China? Was erwartet eine Branche, deren Erfolg darauf beruht, dass die Menschen sich versammeln und nicht zu Hause bleiben, jetzt wo die Klubs in Shanghai wieder öffnen und der Rest des Landes zu folgen scheint? Und wie schlimm wird es im Ausland werden?

Die Unsicherheit bleibt, Gürtel werden enger geschnallt und Instrumente zum Pfandhaus gebracht. Wir schauen mit Spannung auf das, was hinter den Kontrollpunkten auf uns wartet.
Mannschaft nach einem cdcr.live x Small Projects Streaming Event im Park. Auf dem Banner steht: „Kampf dem Virus, trag eine Maske, versammelt euch nicht“. 15. März 2020.
Mannschaft nach einem cdcr.live x Small Projects Streaming Event im Park. Auf dem Banner steht: „Kampf dem Virus, trag eine Maske, versammelt euch nicht“. 15. März 2020. | © Aymen
Der Frühling ist da und die Kirschblüten blühen. Die Obstverkäufer sind zurückgekehrt und bevölkern mit ihren Ananasspießen und Lastwagen voller Kiwis, Orangen und Erdbeeren wieder die Straßenecken. Die Boomboxen der Square-Dance-Tanten sind abends wieder mit der gesegneten Regelmäßigkeit zu hören, an die wir gewöhnt sind. Sonnenschein bringt Hoffnung.

„Die Umweltverschmutzung ist in letzter Zeit verschwunden”, sagt Liang Yi über die letzten zwei Monate. „Ich persönlich denke, dass dieser plötzliche Stillstand der Menschheit gezeigt hat, wie sehr die Umwelt davon profitiert. Wir haben zu viel Energie, vielleicht sollten wir einfach öfter mal innehalten.“

Während die Baumaschinen wieder zum Einsatz kommen und die Regierung von Chengdu daran arbeitet, den ehrgeizigen Grüngürtel der Stadt, der 100 neue, landschaftlich reizvolle Plätze im Stadtgebiet verspricht, in diesem Jahr fertigzustellen, wird vielleicht auch ein größerer grundlegender Wandel in Bezug auf das Umweltbewusstsein und übermäßigen Konsum eintreten.

Während andere Länder, darunter Neuseeland, ihren Kampf gegen das gekrönte Virus mit Quarantäne und sozialen Distanzmaßnahmen erst beginnen, versucht China sich inmitten der sozialen und wirtschaftlichen Turbulenzen neu aufzustellen, die durch diese unser neues Jahrzehnt einläutende beispiellose Katastrophe verursacht wurden.

Winterschlaf ist eine verdeckte Vorbereitung für offenes Handeln.

Ralph Ellison, Autor von “Invisible Man”


Seit ich ein Teenager war, habe ich daran geglaubt, dass eine Live-Show dein Leben verändern kann. Live-Musik besitzt etwas Ungeschliffenes, ein unausgesprochenes, spirituelles Band zwischen den Menschen, das ungefilterten Ausdruck möglich macht. Sie kann dich dazu bringen, von der Bühne zu springen, Tränen der Trauer oder der Freude zu weinen, zu brüllen, zu schreien oder wie ein Verrückter zu tanzen. Nicht nur die Bereitschaft, sich dem Flow hinzugeben, sondern etwas zu kreieren, sich zu verbinden und an etwas teilzunehmen, das größer ist als man selbst.

Jetzt, wo wir bleich, übergewichtig und sozial geschädigt wieder aus unseren Wohnungen kriechen, warten wir mit angehaltenem Atem auf die nächste Show, tragen unsere Masken und waschen uns die Hände.

Ursprünglich veröffentlicht auf Kiwese, 19. März 2020. Mit freundlicher Genehmigung von Kristen Ng.

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