Stadt- und Landgeschichten: Guangzhou
Flughafenstadt und Biennale: Wenn die Kunst als Bindeglied agiert

Für die in China im Augenblick äußerst beliebte Praxis der Einmischung von Kunst in den städtischen und ländlichen Aufbau liefert die Flughafen-Biennale in Guangzhou ein neues Beispiel. Jiang Ning, einer ihrer beiden Kuratoren kennt die Metropole schon seit Anfang der 90er Jahre.
Von Zhang Zongxi
„Zahlreich sind die Banyan-Bäume innerhalb des Stadtwalls, und genug an Boten und Gesandte bevölkern die Straßen”. Von Su Yun, der zur Zeit der Tang-Dynastie durch das Lingnan-Gebiet reiste, sind in der Vollständigen Sammlung der Gedichte aus der Tang-Zeit nur diese beiden Sätze enthalten. Aber diese beiden Sätze geben zwei landschaftliche und kulturelle Besonderheiten des Lingnan-Gebietes wieder. Zur Ming- und Qing-Zeit hatte in Guangdong und vor allem in Guangzhou bereits der Seehafenhandel begonnen. Heute gibt es hier eine boomende Flughafen-Ökonomie. Aber die Merkmale der „Kompradorenkultur“, die auf dem Austausch unterschiedlicher Kulturen basiert, setzen sich nach wie vor kontinuierlich fort. Nur dass die „Boten und Gesandten” sich in Reisende aus allen möglichen Gegenden verwandelt haben. Banyan-Bäume gibt es aber nach wie vor. Als ein Dorf der nördlichen Außenbezirke Guangzhous, das 23 Kilometer vom Stadtgebiet entfernt liegt, blickt Fenghe auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. Zum Städtchen Renhe gehörend besitzt es bis heute den Charme der Lingnan-Kultur. Gleichzeitig ist es aufgrund der fortschreitenden Verstädterung ebenfalls von der Aushöhlung des ländlichen Raums betroffen. Seine geografische Lage neben dem Baiyun-Flughafen sowie Guangzhous Politik der Stadterneuerung und Umgestaltung alter Dörfer haben es Fenghe dennoch ermöglicht, einen Anschluss an Kulturtourismus, Flughafenwirtschaft, Altbausanierung, zeitgenössische Kunst und ländlichen Aufbau zu finden. Die Flughafen-Biennale Guangzhou 2019, die am 31. Mai eröffnete und drei Monate lang dauerte, schlägt zu dieser Mischung aus Wirtschaft und Kultur eine Brücke. Ihr Fokus liegt dabei auf mehr als hundert Werken, die von über achtzig Künstler*innen aus China und anderen Ländern stammen.
Erste Erfahrungen in der Flughafenstadt: Wo sich Triebwerkslärm mit Froschquaken mischt und Ahnentempel sich zu Wissenschaft und Technik gesellen
Nimmt man vom Terminal T1 des Baiyun Flughafens die U-Bahn-Linie 3, so hat man einen Halt später schon die Station Gaozeng erreicht. Beim Verlassen des Bahnhofs sieht man auf eine Blumenwiese und schwüle Luft schlägt einem entgegen. Gleichzeitig schieben sich zwei große, mit Luft gefüllte Willkommens-Skulpturen ins Blickfeld: Ein schwarzer Hase in einer Positur des Nachdenkens (He Duolings Denkender Hase), und eine menschliche Figur mit der Körperhaltung einer buddhistischen Gottheit aus Indien (Chen Tianzhuos Beißen – Vergrößern). Auf ganz natürliche Weise wird der Blick der Betrachterin auf eine Reihe sechsstöckiger roter Gebäude im Hintergrund gelenkt, in dessen Mitte ein Banner hängt, das ganze fünf Stockwerke hoch ist: „Die Flügel von Guangzhou – Flughafenstadt des Kulturtourismus“. Und auch das rechts daneben hängende Plakat mit seinem blau-weißem Hintergrund nimmt eine Höhe von vier Stockwerken ein: Extremer Mix – Flughafen-Biennale. Auf dem Dach thront ein Emblem mit blauem Hintergrund: „Cultural Startup Valley der Jugend von Guangdong und Macao“.Weiter östlich befindet sich das Kunstgeschäft „Cooles Nest“, Zhang Dings „GOLDAD CLUB“, eine Bar, die auch nach der Biennale weiter betrieben werden wird, sowie der Ausstellungsbereich „Meisterhalle“. In dessen Untergeschoss stehen Installationen des Künstlers Liu Wei, einem Teilnehmer an der diesjährigen Themenausstellung in Venedig. In den Räumen des Erdgeschosses blicken Eliassons Kristallkugel und Yayoi Kusamas Kürbis einander abwartend an, während im ersten und im zweiten Stock ebenfalls Ausstellungsräume liegen. Das Gebäude ist ein umgebauter Ahnentempel der lokalen Dorfbevölkerung und wird nach Ende der Ausstellung als öffentlicher Raum des Dorfes weiter genutzt werden, zum Beispiel als Bibliothek oder als ein Platz für Indoor-Aktivitäten.
Nachdem man ein Stück zementierte Straße hinter sich gelassen hat, erreicht man eine Abzweigung, wo es geradeaus zur Zone C geht. Biegt man dagegen rechts ab, kommt man zur Zone B. Auf der rechten Seite befindet sich ein kleiner Wald, in dem einzelne Vogelkäfige hängen, über die weiße Tücher gebreitet sind. Es handelt sich um Qin Siyuans Klanginstallation Ökologie. Qin kaufte sich auf dem Blumen- und Vogelmarkt in Guangzhou Singvögel und bat daraufhin die Anwohner des Wäldchens, sich dort um sie zu kümmern. Jeden Abend müssen die Vögel zurückgeholt werden, um ihr Wasser zu erneuern und ihnen Futter zu geben. Morgens werden die Käfige dann wieder aufgehängt. Über einen kleinen Waldpfad gelangt man in eine Gasse des Dorfes, in der zu beiden Seiten mehrere aufgegebene baufällige Häuser stehen. Verteilt auf ihre Höfe oder zwischen die wuchernden Pflanzen an den Straßenrändern steht eine Gruppe von Holzschnitzereien von Xiao Kegang: Die Öffnung verstößt gegen die Moralprinzipien (3). Die Schnitzereien setzen sich aus lauter primitiven Formen zusammen und zeugen von einem starken Gefühl für Rituale. Sie harmonieren so sehr mit ihrer Umgebung, als seien sie an Ort und Stelle aus dem Boden gewachsen. In der Gasse gibt es nur noch wenige bewohnte Häuser. Als ein kleiner Junge die Tür öffnet und den fremden Passanten erblickt, richtet er seinen Blick woanders hin.

Danach kommt Zone D, die sich auf Kunst mit neuen Medien konzentriert. Sie unterteilt sich auf 14 instandgesetzte alte Häuser und ein siebenstöckiges Gebäude, das erst zur Hälfte fertig ist. Hier ist ein wichtiger Teil der gesamten Ausstellung untergebracht: Man kann sich nicht nur neue Werke ansehen oder sich an Interaktionen beteiligen, sondern auch traditionelle Bauten mit ausgeprägten regionalen Merkmalen besichtigen. Diese alten Lingnan-Häuser, die in ihrer Tiefe enge Gassen bilden und insgesamt kammartig angelegt sind, haben in der Mehrzahl nur ein Stockwerk. Sie sind aus roten Ziegeln und hölzernen Balken erbaut und besitzen ein Satteldach. Es gibt aber auch besondere, später errichtete zwei- und dreistöckige Häuser. Innenhöfe, Haupthallen, Küchen, Schlafzimmer, außerdem Weinranken in einer Mauerecke und ungezügelt wachsende Pflanzen auf einem Balkon: Viele Orte und Dinge bewahren noch Spuren, die vom Leben der ehemaligen Eigentümer künden.

Ein Werk, das die Leute zum Bleiben motiviert, ist Yang Jizhens Träumerei, eine akustische Geschichte von zehn Minuten Länge. In einem Zimmer, das noch aus Lehmwänden besteht, verströmt eine große Glühlampe warmes Licht. An seiner Decke verläuft eine Reihe hölzerner Dachsparren. In Endlosschleife wird ein Märchen abgespielt, das die Veränderungen im Erscheinungsbild der Umwelt im Verlauf des eigenen Erwachsenwerdens zum Inhalt hat. Veränderungen, die wiederum eine Folge der Fortschritte in Wissenschaft und Technologie sowie der sich wandelnden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen sind. Im Stil der Vermenschlichung wird aus dem Mund eines kleinen Huhns eine kurze Geschichte erzählt, die reich an märchenhafter Imagination und Allegorien ist. Durch die gesamte Umgebung und das Werk selbst schwingt ein sehr warmer Ton, wobei beides echt und aufrichtig wirkt. Gleichzeitig aber liegt auch eine leichte Sentimentalität darin, die diejenigen, bei denen die Geschichte Resonanz findet, dazu veranlasst, über den Boden, die Menschen, die Erinnerung sowie die Entwicklung der Städte nachzusinnen und zu reflektieren.
Tritt man aus Zone D heraus, kommt man in Zone C, die sich die Straße entlang ausbreitet und Freiluftarbeiten zeigt: Von Xu Zhens Mir geht es gut!, der Figur einer verletzten Winkekatze, bis zu Lu Pingyuans Tetris-Installation 1984 zwischen den „Handshake-Gebäuden“. Außerdem ist da noch Bi Rongrongs Nutzloser idealer Raum (2), der Dorfbewohner zur Nachahmung angeregt hat. Man könnte sagen, dass die ganze Straße eine Landschaft ist. Der erste Tag nach der Eröffnung fällt gerade mit dem 1. Juni, dem Internationalen Kindertag zusammen und es kommen nur vereinzelte Besucher. Am Rand des Teiches liegt der Foku(s) Club, der alle Arten von Snacks verkauft. Jede Familie hat einen Sonnenschirm dabei, der ursprünglich nur dafür gedacht ist, die Sonne abzuschirmen. Ich habe meine Schüssel Reisnudeln mit Rindfleisch noch nicht leer gegessen, da fängt es in Strömen an zu regnen. Erst als ich mit mehreren anderen Gästen unter verschiedenen Regenschirmen feststecke und die Landschaft im Regen genieße, weiß ich, dass die Schirme mehr als einen Nutzen haben.

Die Flügel von Guangzhou – Flughafenstadt des Kulturtourismus: Eine Kombination aus Stadterneuerung, Kunstintervention und Immobilienentwicklung

Damals hatte sich gerade eine Goldgräberwelle in Richtung Süden entwickelt. Jiang Ning war nach seinem Abschluss an der Kunstgewerbeschule in Shanghai der Zweiten Berufsschule für Leichtmaschinen als Lehrer zugeteilt worden. „Lehrer zu sein war zu dieser Zeit sehr schwierig, denn in den späten 1980er und den frühen 1990er Jahren hatten Reform und Öffnung gerade erst begonnen und alle gingen in den Süden, um dort zu arbeiten“, erzählt Jiang Ning im Büro der Kulturreisestadt aus seiner Vergangenheit. „Damals fand eine rein wirtschaftliche Entwicklung statt. Um Geld zu verdienen, konnte man im Grunde genommen nicht an Kultur denken. Unsere Fabrik nahm eine örtliche Schule in Beschlag und verwandelte sie in eine Fabrik. Seinerzeit gab es noch viele Orte, an denen öffentliches Eigentum dazu hergenommen wurde, um Investitionen anzuziehen.
Drei Monate danach kehrte Jiang Ning nach Shanghai zurück, beendete seinen Lehrberuf und verzichtete auf die damit verbundene „eiserne Reisschale” genannte Minimalpension. Er ging in eine größere Kofferfabrik nach Dongguan, um dort weiter als Designer zu arbeiten. 1991 wechselte er nach Guangzhou in die Werbebranche und gründete drei Jahre später seine eigene Werbefirma, in der er bis heute tätig ist. 2015 gründete er in Shanghai eine Firma für künstlerische Planung: Die Flughafen-Biennale ist die zweite große Kunstausstellung, die sie übernommen hat. Mass Energy 1862 - HBC Contemporary Art Exhibition fand Ende 2017 als erste Ausstellung statt. Ihr Veranstaltungsort, die „Werft 1862“, befindet sich in Lujiazui im Shanghaier Stadtteil Pudong. Hierbei handelt es sich um eine alte Werft, die 1972 gebaut wurde und später vom Architekturbüro Kengo Kuma in einen Mehrzweckkomplex umgewandelt wurde. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Shanghai Urban Space Art Season statt und ist eine „Mass-Energy-Praxis“, in der sich Kunst ins urbane Leben einmischt.
Dieses Mal ist es eine Kooperation mit der Kulturreisestadt. Nachdem 2004 Guangzhous neuer Internationaler Flughafen Baiyun offiziell eröffnet wurde, bleibt das Gesamtvolumen der Flughafenwirtschaft weiterhin auf Wachstumskurs und treibt die Entwicklung der Gemeinde Renhe voran. 2017 siedelte sich Chinas erste Flughafenstadt des Kulturtourismus im Dorf Fenghe in der Gemeinde Renhe an und der Aufbau einer Stadt des Kulturtourismus, die kantonesische Kultur und Luftfahrtkultur in sich vereint, wurde begonnen. Sie ist eine von hundert Pilotgemeinden für den Aufbau kleiner Städte und Gemeinden im ganzen Land. Zur Entwicklung des Standorts von einer primären Prozess- und Fertigungsindustrie mit „drei Importen und einer Kompensation“ zur Flughafenwirtschaft sagt Jiang Ning: „Ich denke, dass sich das Wesen der Wirtschaft stark verändert hat. Die jetzige Flughafenwirtschaft kann viel größere Energien erzeugen, besonders vor dem aktuellen Hintergrund des Aufbaus der Greater Bay Area von Guangdong.“
„Wir werden niemals Ausstellungen in Kunsthallen, Galerien oder anderen professionellen Orten machen, aber ich denke, dass wir manchmal professionelle Ausstellungen in öffentlichen Räumen machen müssen. Die öffentlichen Charakter der zeitgenössischen Kunst zu fördern – das ist unsere Absicht.“ Jiang Ning fand seinen Kooperationspartner – Xu Zhen, einen alten Schulkameraden von der Shanghaier Kunstgewerbeschule – und begann die Ausstellung zu planen. Später lud er den Kurator Lu Mingjun dazu ein, sich ihnen anzuschließen. Für Lu Mingjun war die Ausstellung ebenfalls ein neuartiger Versuch. Zuvor hatte er immer zuerst das Thema festgelegt und danach die Künstler dazu ausgewählt. „Dieses Mal hat der Raum einen großen Anteil, so als würden die Werke einen hervorhebenden Hintergrund bilden und das Areal zum Kunstwerk werden. Weil dieser Ort einen relativ hohen Mehrwert besitzt, ist er eine ganz andere Hausnummer.“ Xu Zhen meint auch, dass ein Künstler den Ort weder in ein festes Schema pressen noch an einem augenscheinlich unmöglichen Platz ausstellen sollte. „Das ist eine grundlegende Einstellung der zeitgenössischen Kunst. Die Forderung, die wir an uns selbst stellen, lautet, dass wir nicht den Sichtweisen konventioneller Klassenästhetik folgen. Diese Einstellung lässt sich tatsächlich korrigieren.“
Von der Planung bis zur Eröffnung vergingen fast zwei Jahre. Ende des letzten Jahres begann dann der Eintritt in die eigentliche operative Phase. Zuerst wurden die Gebäude bewertet. Weil sie seit Jahren nicht renoviert worden waren, trat man nach der Sicherheitsbewertung nochmal in Kontakt mit den Dorfbewohnern. Als man alle Entscheidungen getroffen hatte, mussten die Räume, in denen die Ausstellung stattfinden konnte, bautechnisch umgestaltet werden: Die Gebäude mussten stabilisiert, ans Stromnetz angeschlossen und beleuchtet werden, Klimaanlagen waren zu installieren. Die Kuratoren mussten für jedes Zimmer von jedem Haus an Ort und Stelle Messungen durchführen und 3D-Modelle für die Künstler erstellen. Kommunikationspläne, notwendige Vor-Ort-Inaugenscheinahmen durch einige Künstlerinnen, Zollerklärungen für die Werke ausländischer Teilnehmer, Transporte und andere Aufgaben sowie die Koordination mit den Dorfbewohnern während des Umsetzungsprozesses – alles dies wurde in Gang gesetzt.
Eine der Erfahrungen, die Jiang Ning in den vielen Jahren, die er in Guangdong lebt, mit der Lingnan-Kultur gemacht hat, ist, dass es hier ein ziemlich starkes lokales Sippenbewusstsein gibt. Eine andere, dass die Leute hartnäckig an ihren Traditionen festhalten. „Wenn zeitgenössische Kunst in ein solches Dorf mit einem starken kulturellen Anhänglichkeitskomplex eindringt, dann bin ich schon immer der Meinung gewesen, dass es keine Einmischung in nur eine Richtung ist, sondern in beide Richtungen, eine Art gegenseitige Verschmelzung.“ Auf der Grundlage dieser kulturellen Anhänglichkeit lernen auch die Künstler, nachsichtig zu sein und Dinge zu akzeptieren.
Neben der Umgestaltung des alten Dorfes besteht eine andere Funktion der Kulturreisestadt darin, die Lebensbedürfnisse und kulturelle Nachfrage des ständig wachsenden Flughafenpersonals zu befriedigen. Außerdem sind da noch die Touristen, für die ein Service eingerichtet wurde, der ihnen einfaches Boarding ermöglicht. Für in- und ausländische Reisende musste man ein Umfeld schaffen, in dem sie sich ausruhen oder ein Quartier finden können. Das heißt, dass sie auch mitten in der Nacht bequem von hier zum Flughafen kommen können. Die Ausstellung wird es ihnen außerdem leichter machen, mit Kunst in Berührung zu kommen. „Ich hoffe, dass sie mit unserer Kulturreisestadt gute Erfahrungen machen“, wünscht sich Jiang Ning.