Ein kreativer Blick auf Kutaisi
Kreative Workshops und Urbanität: Wandel für Gemeinschaften gestalten
Interview mit Marc Andrews und Christian Degen
Marc Andrews und Christian Degen sind Grafikdesigner mit einem starken sozialen Fokus. Beide wuchsen nahe der deutsch-niederländischen Grenze auf, schlugen beruflich jedoch zunächst unterschiedliche Wege ein. Christian arbeitete in mehreren Designagenturen, während Marc zunächst Psychologie studierte, bevor er zum Grafikdesign wechselte und eine Kunsthochschule in den Niederlanden besuchte. Vor etwa 18 Jahren kreuzten sich ihre Wege, und gemeinsam gründeten sie andrews°en, eine visuelle Designagentur in Amsterdam, die Kreativität mit strategischem Denken verbindet.
Christian Degen, Marc Andrews, Elina Valaite | Bild von Lilly Martha Seintsch
Marc: Unser erster Workshop fand 2012 mit der Kunstakademie in Bukarest, gemeinsam mit Fotograf*innen, statt. Das Magazin, das wir damals produzierten, hatte einen stark dokumentarischen Fokus — und das funktionierte gut. Später, für unser drittes Magazin in China, verbrachten wir drei Monate dort um zu unterrichten und beschlossen, das Konzept von “Mapping the City” erneut aufzugreifen, diesmal jedoch mit Grafikdesigner*innen. Nach dem dokumentarischen Ansatz wurde uns klar, dass wir dem Projekt auch persönlichere Stimmen geben konnten — und es funktionierte. Die Designer*innen hatten drei Monate Zeit, ihre Arbeiten zu entwickeln, und sogar die Lehrer*innen beteiligten sich, was die Erfahrung sehr erfolgreich machte.
Wir waren schon immer daran interessiert, Design als sozial engagierte Praxis zu verstehen. Es geht nicht nur darum, Logos zu gestalten. Wenn man ein Land besucht, erlebt man seine Kunstszene und Kultur. In vielen Designausbildungen lernen Studierende hauptsächlich Logodesign und Webdesign. Wir möchten ihnen zeigen, dass Kreativität auch soziale Fragen aufgreifen kann. Selbst wenn es nur eine Idee ist: Sie eröffnet Gespräche über diese Themen.
Oft dominieren ältere Generationen in Entscheidungsprozessen, und jüngere Menschen bekommen keine Stimme. Durch diese Projekte wollen wir das ändern.
Mehr über das Projekt „Mapping the City“: mappingthecity.com
Christian: Es geht auch um den Forschungsaspekt. Wenn man für einen Auftraggeber arbeitet, ist die Konzeptphase oft sehr komprimiert – begrenzt durch Zeit- und Budgetvorgaben. Man landet schnell in einer Art Design-Autopilot, weil man glaubt, schon zu wissen, was der Kunde braucht. Das lässt kaum Raum für Freiheit oder Exploration.
Unsere Projekte funktionieren anders – sie beginnen mit Feldforschung. Mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten und ihnen etwas beizubringen ist in dieser Phase essenziell. Das Magazin, das wir am Ende produzieren, ist lediglich eine Momentaufnahme, eine Art „So, dieses Kapitel ist abgeschlossen“. In Wirklichkeit ist es aber nur ein Samen, der zu etwas Größerem heranwachsen kann. Der Prozess bringt Menschen zusammen, schafft Freude und ermöglicht den Teilnehmer*innen von uns, wie auch untereinander zu lernen.
Solche Prozesse sind heute selten, weil sich alles auf das finale Ergebnis konzentriert. Die meiste Recherche findet vor dem Computer statt – reine Desktop-Recherche. Wir möchten die Menschen ermutigen, vom Bildschirm wegzutreten, mit anderen zu sprechen, draußen zu erkunden und ihre eigenen Inspirationen zu finden.
Der Workshop in Kutaisi war großartig. Die Ergebnisse waren unglaublich vielfältig, weil wir eine so diverse Gruppe hatten: Musiker*innen, Kunsthistoriker*innen, Grafikdesigner*innen und andere engagierte Menschen. Diese Mischung an Perspektiven hat die Reise so reich und wertvoll gemacht.
Öffentliche Vorstellung des Projektes – Mapping the City: a Creative Approach to Kutaisi. / Gäste und Teilnehmer des Projektes: Gvantsa Todadze, Ana Machavariani, Tako Dzagania | Bild von Elina Valaite
Mappping the City: A creative Approach to Kutaisi | Tatia Topadze & Kristina Kashibadze
Kreative Wege, sich mit der psychischen und physischen Umgebung zu verbinden
Marc: Wenn wir durch Städte wie Amsterdam laufen, eilen wir oft nur von einem Ort zum nächsten und hören auf, die Details wahrzunehmen. Im Deutschen gibt es ein Wort dafür – Scheuklappen – wie jene, die Pferde tragen, sodass sie nur sehen, was direkt vor ihnen liegt. Wir alle haben kulturelle Wahrnehmungslücken und Klischees. Deshalb ermutigen wir Menschen, ihre Komfortzone zu verlassen, mit anderen zu sprechen und Neues zu erkunden.
Motivation ist dabei entscheidend – nicht nur das, was wir den Leuten mitgeben, sondern dass sie ihre eigenen Interessen wählen und Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten können. Wir stellen viele Fragen, denn Designausbildung bedeutet, zu hinterfragen. Lehrende sollten nicht zu bestimmend sein, sondern Fragen stellen, die neue Perspektiven anregen.
City Walk, Tag 2 des Workshops – Mapping the City: A creative approach to Kutaisi | Video von Lilly Martha Seintsch
Wir stellen ständig Fragen, um ihre Denkweise zu öffnen: Warum? Wie? Wer? Bist du sicher? Wie kannst du das zeigen? Manchmal bringen wir sie sogar ein wenig durcheinander, aber gleichzeitig lassen wir sie länger bei einem Thema bleiben, damit sie tiefer eintauchen und Antworten finden können. So entsteht mehr Raum für Reflexion und Entdeckung.
City Walk, Tag 2 des Workshops – Mapping the City: A creative approach to Kutaisi | Video von Lilly Martha Seintsch
Christian: Ich denke, der wertvollste Aspekt ist die Entwicklung der Teilnehmenden – das Projekt ist in erster Linie für sie. Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein Wandel im langfristigen Denken, besonders im Hinblick auf Stakeholder und deren Einbindung. Eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer, die oder der in dieser Woche wächst und ein neues Netzwerk aufbaut, gewinnt bereits etwas sehr Wertvolles. In kleineren Städten wird oft gar nicht erkannt, welchen Beitrag andere Menschen zur eigenen beruflichen Entwicklung leisten können.
Dieses Projekt schafft eine Plattform, auf der Menschen sich begegnen, zusammenarbeiten und voneinander lernen können. Aus dieser Perspektive ist das der größte Gewinn.
Wir ermutigen zu kleinen Schritten, denn selbst kleine Dinge können zu großen Entwicklungen führen. Wir haben uns bewusst abseits der üblichen Wege bewegt. Statt uns auf das Stadtzentrum mit seinem hübschen Brunnen zu konzentrieren, haben wir Viertel erkundet, die echte Geschichten über die Stadt erzählen. Für viele Teilnehmende war es neu, die Stadt durch eine andere Linse zu betrachten.
Eine Stadt vergeht, eine andere entsteht…*
Marc: Wenn man an einem stadtbezogenen Projekt arbeitet, ist es immer mit Vergangenheit und Gegenwart verbunden. Man muss nicht unbedingt über die Zukunft nachdenken — aber man kann. In unseren Workshops formulieren wir Fragen auf unterschiedliche Weise: manchmal beziehen sie sich auf Stadtteile, manchmal auf persönliche Erfahrungen. Gelegentlich suchen wir auch gezielt nach Problemen, für die wir als Designer und als Gruppe potenzielle Lösungen vorschlagen könnten — obwohl das nicht immer notwendig ist.
Wenn man sich mit einer Stadt und ihrem Leben auseinandersetzt, beschäftigt man sich mit dem Status quo, aber man blickt gleichzeitig zurück und nach vorn. Welche Position man dabei einnimmt, hängt davon ab, was die Teilnehmer*innen ausdrücken möchten. Wir fragen immer: Welche Geschichte willst du erzählen?
City Walk, Tag 2 des Workshops – Mapping the City: A creative approach to Kutaisi | Bild von Lilly Martha Seintsch
Interviewed von: Elina Valaite – PR and Event Manager bei Creative Compass Georgia | Goethe-Institut Georgien.
Deutsche Übersetzung von Lilly Martha Seintsch (Kulturweit Freiwillige bei Creative Compass Georgia| Goethe-Institut Georgien).
(Bilder und Videos von Lilly Martha Seintsch (Kulturweit Freiwillige bei Creative Compass Georgia| Goethe-Institut Georgien), Elina Valaite (Creative Compass Georgia | Goethe-Institut Georgien), Luka Kvantaliani (workshop participant), Christian Degen (designer | andrews°en).
Eine Stadt vergeht, eine andere entsteht…* (Cityful Passing Away, Other Cityful Coming…)
James Joyce, Ulysses