Mit Abdullah Maulani

Abdullah Maulani © Goethe-Institut Indonesien

  1. Was sind die wichtigsten technischen und methodischen Herausforderungen bei der Digitalisierung materiellen und immateriellen Kulturerbes, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung von Genauigkeit, Kontextualisierung und langfristiger Erhaltung?
    Indonesien und Südostasien zählen zu den kulturell vielfältigsten Regionen der Welt. Die große Vielfalt an ethnischen Gruppen, Kulturen, Religionen und Traditionen hat eigenständige Identitäten hervorgebracht, von denen viele in schriftlichen Artefakten bewahrt sind. Leider sind heute nur noch wenige Menschen in der Lage, literarische Werke und Handschriften aus der Vergangenheit zu lesen und zu verstehen. Wie viele junge Menschen aus javanischen, sundanesischen, buginesischen, makassarischen oder anderen ethnischen Gemeinschaften können heute noch ihre traditionellen Schriften lesen? Sowohl aus technischer als auch aus methodischer Perspektive lässt sich die Genauigkeit von Inhalten und Kontexten bei der langfristigen Bewahrung kulturellen Erbes nur dann gewährleisten, wenn es weiterhin Gemeinschaften gibt, die diese Materialien lesen, verstehen und sich mit ihnen auseinandersetzen können und dadurch ein Bewusstsein sowie Verantwortungsgefühl für dieses Erbe entwickeln.
  2. Wie verändert die digitale Repräsentation kulturellen Erbes das kollektive Gedächtnis und kulturelle Identitäten, insbesondere bei jüngeren Generationen, die kulturelles Erbe überwiegend online erfahren?
    Digitale Repräsentationen sind eine Möglichkeit, kulturelles Erbe aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Aus meiner Sicht dienen digitale Formate als ein Zugang, um jüngeren Generationen das kulturelle Erbe ihrer eigenen Gemeinschaften und ihres Landes näherzubringen. Zugleich wissen wir, dass der Zugang zu kulturellen Objekten, die sich im kollektiven Besitz bestimmter Gemeinschaften befinden, häufig nur schwer möglich ist. Viele Handschriften und kulturelle Artefakte, die in Königshöfen, islamischen Internaten oder privaten Sammlungen bewahrt werden, unterliegen strengen Zugangsregelungen, sei es aufgrund ihres sakralen Charakters oder ihrer physischen Fragilität.

    Unbestreitbar kann es eine Konsequenz haben, wenn kulturelle Objekte in den digitalen Raum gelangen. Sie verlieren möglicherweise einen Teil ihres sakralen Kontextes. Bei jüngeren Generationen wird dies jedoch häufig durch neue Formen der Wertschätzung ersetzt, die stärker rational und kritisch geprägt sind. Handschriften werden dann nicht mehr allein deshalb geschätzt, weil sie „alt“ sind, sondern weil ihre Inhalte, etwa ethnopharmakologisches Wissen oder lokale Weisheiten, auch für zukünftige Herausforderungen relevant bleiben.
  3. Was sind die wichtigsten rechtlichen und strukturellen Herausforderungen im Zusammenhang mit Urheberrecht und Eigentumsfragen bei der Digitalisierung kulturellen Erbes—sowohl des materiellen als auch immateriellen—insbesondere im Spannungsfeld zwischen Schutz, Zugänglichkeit und den Rechten der Gemeinschaften, aus denen das Kulturerbe stammt?
    Im Prozess der Digitalisierung kulturellen Erbes gibt es zwei wichtige Elemente: das physische Kulturobjekt selbst und seine digitale Repräsentation, sei es in Form von Fotografien oder spezifischen Metadaten. Beide enthalten äußerst wertvolle Informationen. Viele Kulturobjekte sind aufgrund ihres Alters urheberrechtlich inzwischen gemeinfrei geworden. In einigen Rechtssystemen wird jedoch weiterhin darüber diskutiert, ob hochwertige digitale Fotografien solcher Objekte ein „neues Urheberrecht“ begründen, das der Organisation oder Person zusteht, die den Digitalisierungsprozess durchgeführt hat.

    Auch die Ungleichheit beim Zugang stellt eine erhebliche Herausforderung dar, da vielen der Gemeinschaften, die diese kulturellen Objekte kollektiv besitzen, häufig die notwendige Infrastruktur fehlt, etwa Internetzugang oder digitale Endgeräte, um auf ihr eigenes digitalisiertes Erbe zugreifen zu können. Dadurch entsteht die paradoxe Situation, dass diese Materialien für Forschende in industrialisierten Ländern oftmals leichter zugänglich sind als für die Gemeinschaften, aus denen sie ursprünglich stammen.

    Gleichzeitig werden bestimmte Aspekte kulturellen Erbes von den Gemeinschaften, aus denen es stammt, oft als sakral oder geheim betrachtet. Digitalisierungsprojekte, die einen offenen Zugang für ein weltweites Publikum ermöglichen, können daher kulturelle Normen oder Traditionen der Geheimhaltung verletzen. So wurden beispielsweise während der gemeinsamen DREAMSEA-Missionen in entlegene Regionen in den vergangenen acht Jahren immer wieder sakrale Amulett-Manuskripte und sogenannte Rajah-Manuskripte entdeckt. In den meisten Fällen untersagten ihre Besitzer:innen die Digitalisierung, da sie befürchteten, die Materialien könnten ohne angemessene Autorisierung oder Aufsicht missbräuchlich verwendet werden.In einem weiteren Fall wurden bei der Digitalisierung von Manuskripten in einer Region Westsumatras Rechtsdokumente gefunden, deren Eigentümer eine Digitalisierung ablehnten, da sie befürchteten, die Dokumente könnten künftig zu Streitigkeiten oder Konflikten führen.
  4. Welche Rolle sollten Regierungen und Kulturinstitutionen bei der Regulierung und Förderung von Digitalisierungsvorhaben übernehmen, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung ethischer Standards, digitaler Souveränität und eines gerechten Zugangs?
    Regierungen und Kulturinstitutionen müssen die sektorübergreifende Zusammenarbeit stärken, um einen klaren und belastbaren Rechtsrahmen für die Bewahrung von Objekten des kulturellen Erbes zu schaffen. Gegenwärtig dienen mehrere vom indonesischen Staat erlassene Rechtsgrundlagen als wichtige Referenzpunkte, darunter das Gesetz Nr. 28 von 2014 über das Urheberrecht, insbesondere Artikel 38, der ausdrücklich festlegt, dass der Staat die Urheberrechte an traditionellen kulturellen Ausdrucksformen (Traditional Cultural Expressions, TCEs) innehat; das Gesetz Nr. 5 von 2017 zur Förderung der Kultur sowie die Regierungsverordnung Nr. 56 von 2022 über gemeinschaftliches geistiges Eigentum.

    Dennoch gibt es meines Wissens bislang keine spezifischen urheberrechtlichen Regelungen zum rechtlichen Status digitaler Dateien, die beispielsweise durch die fotografische Reproduktion alter handschriftlicher Dokumente entstehen. Dieses Thema muss weitergehend diskutiert werden. Hält die Fotografin oder der Fotograf das Urheberrecht an der Fotografie selbst, oder verbleiben die Rechte an den Inhalten beim Staat? Dabei handelt es sich im Grunde um zwei unterschiedliche Schutzgegenstände, deren besondere rechtliche Eigenheiten weiterhin von Bedeutung sind.
  5. Wie können lokale Gemeinschaften—insbesondere junge Menschen—sinnvoll in die digitale Bewahrung ihres kulturellen Erbes eingebunden werden, ohne dabei Authentizität oder Selbstbestimmung zu verlieren?
    Für mich ist entscheidend, dass sich Technologie an der Kultur orientiert, und nicht die Kultur an Technologie angepasst werden muss. Wenn jüngere Generationen diese Manuskripte nicht nur als institutionelle Verantwortung, sondern als Teil ihrer eigenen Identität und als „Ressourcen für die Zukunft“ begreifen, dann wird sich der Einsatz für ihren Erhalt auf organische und eigenständige Weise entwickeln. Ein Beispiel dafür wäre die Transformation und Adaption visueller Elemente aus Handschriften, etwa in der Form von Illuminationsmotiven, Kalligrafie oder ornamentale Muster, in kreativen Produkten wie Grafikdesign, Mode oder Spiel-Assets, natürlich mit der der Anerkennung ihrer Herkunft und der Beachtung gemeinschaftliche Rechte.

    Außerdem halte ich es für einen der wichtigsten Schritte, das Lesen der lokalen Schriften wieder zu beleben. Junge Menschen aus buginesischen und makassarischen Gemeinschaften sollten wieder in der Lage sein, die Lontara-Schrift zu lesen; junge Menschen in Jambi sollten die Incung-Schrift erlernen; und jüngere Generationen im gesamten Archipel sollten dazu ermutigt werden, ihre regionalen Schriftsysteme wiederzuerkennen und zu verstehen, denn die Kolonialisierung hat früheren Generationen damals die Verwendung des lateinischen Alphabets auferlegt, und diese Auswirkungen bleiben bis heute bestehen. Die Regierung kann sich dabei nicht allein auf lokale Unterrichtsinhalte in Schulen verlassen, insbesondere angesichts der gegenwärtigen Unterschiede im kulturellen Bewusstsein zwischen den Regionen. In vielerlei Hinsicht droht die Digitalisierung von Kulturobjekten, insbesondere von handschriftlichen Manuskripten, bedeutungslos zu werden, wenn die Fähigkeit, regionale Schriften zu lesen weiter zurückgeht und es schließlich keine Gemeinschaften mehr gibt, die sie lesen können.