Mit Matthias Harbeck

Matthias Harbeck © Goethe-Institut Indonesien

  1. Was sind die wichtigsten technischen und methodischen Herausforderungen bei der Digitalisierung materiellen und immateriellen Kulturerbes, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung von Genauigkeit, Kontextualisierung und langfristiger Erhaltung?
    Bei schriftlichen Dokumenten bestehen die größten Herausforderungen bei der Digitalisierung immateriellen Kulturerbes darin, eine möglichst präzise optische Zeichenerkennung (OCR) zu erreichen sowie formbezogene und inhaltliche Metadaten zur Optimierung der Aufrufmöglichkeiten zu erstellen. Dadurch lassen sich Suchanfragen effizienter gestalten. Insbesondere in groß angelegten Digitalisierungsprojekten reicht eine allgemeine Kontextualisierungen (etwa durch Disclaimer) nicht aus. Es muss ein Bezugsrahmen auf Grundlage präziser Entitäten (geografische Orte, Ethnonyme, konkrete Personen) geschaffen werden.
  2. Wie verändert die digitale Repräsentation kulturellen Erbes das kollektive Gedächtnis und kulturelle Identitäten, insbesondere bei jüngeren Generationen, die kulturelles Erbe überwiegend online erfahren?
    Frei zugängliche (wenn auch nicht unbedingt Open-Access-) Online-Materialien sind leichter auffindbar und zugänglich. Dadurch können Ereignisse, Wissensbestände und Orte sichtbar werden, die andernfalls in Vergessenheit geraten würden. Sie könnten dann auch die Ergebnisse von Chatbots auf Basis großer Sprachmodelle und ähnlicher KI-Anwendungen, die insbesondere von jüngeren Generationen häufig genutzt werden, mit prägen. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass sie, insbesondere bei älteren Materialien, die Verzerrungen (bias) solcher Systeme negativ beeinflussen. Losgelöst von akademischen oder kulturellen Kontexten wie Archiven, Bibliotheken und Museen können diese Materialien zudem leicht aus ihrem Zusammenhang geraten und nur schwer korrekt eingeordnet werden.
  3. Was sind die wichtigsten rechtlichen und strukturellen Herausforderungen im Zusammenhang mit Urheberrecht und Eigentumsfragen bei der Digitalisierung kulturellen Erbes—sowohl des materiellen als auch immateriellen—insbesondere im Spannungsfeld zwischen Schutz, Zugänglichkeit und den Rechten der Gemeinschaften, aus denen das Kulturerbe stammt?
    Die meisten nationalen Rechtssysteme erkennen in erster Linie individuelle Urheberrechte an. Kollektive oder gemeinschaftlich geteilte Rechte an lokalem oder traditionellem Wissen lassen sich nur schwer mit diesem Rahmen vereinbaren. Zudem stellt sich bei dem Versuch, langfristige Regelungen für Zuständigkeiten zu etablieren, immer wieder die schwer zu beantwortende Frage, wer befugt ist, im Namen einer Gemeinschaft zu sprechen oder sie zu vertreten. Darüber hinaus ist es ein äußerst zeit- und ressourcenintensiver Prozess, mit den betreffenden Gemeinschaften im Zusammenhang mit einem konkreten Kulturerbeobjekt in Kontakt zu treten und die damit verbundenen kontextuellen, rechtlichen und ethischen Fragen zu klären.
  4. Welche Rolle sollten Regierungen und Kulturinstitutionen bei der Regulierung und Förderung von Digitalisierungsvorhaben übernehmen, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung ethischer Standards, digitaler Souveränität und eines gerechten Zugangs?
    Regierungen und Kulturinstitutionen sollten finanzielle Mittel bereitstellen, um einen substantiellen Dialog mit den Herkunftsgemeinschaften des Kulturerbes zu ermöglichen. Darüber hinaus sollten Forschungs- und Vermittlungsaktivitäten in diesem Bereich gezielt gefördert werden. Förderempfehlungen sollten nicht an die Verpflichtung zur Open-Access-Veröffentlichung geknüpft sein, sondern alternative Möglichkeiten zulassen, um ethischen Fragestellungen Rechnung zu tragen (etwa bei Darstellungen oder Beschreibungen geheimer beziehungsweise sakraler Objekte, Orte und Rituale).
  5. Wie können lokale Gemeinschaften—insbesondere junge Menschen—sinnvoll in die digitale Bewahrung ihres kulturellen Erbes eingebunden werden, ohne dabei Authentizität oder Selbstbestimmung zu verlieren?
    Gemeinschaften sollten gezielt auf Institutionen zugehen, von denen bekannt ist, dass sie für sie relevante Sammlungen verwahren und den Dialog aktiv einfordern. (Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist die Etablierung der FAIR-Prinzipien). Citizen-Science-Projekte sollten unterstützt und gefördert werden, und gemeinsam mit den betreffenden Institutionen sollten Lösungen zum Schutz ethisch oder kulturell sensibler Daten erarbeitet werden. Die Zusammenarbeit mit Organisationen wie Local Contexts kann dabei hilfreich sein.