Auf dem Weg, einen Traum zu erfüllen

Ich war nun offiziell Stipendiat des Studienkollegs Indonesien und sehr dankbar, dass mir die Gelegenheit gegeben wurde, Teil des Studienkollegs Indonesien zu sein.

Auf dem Weg, einen Traum zu erfüllen. © Eijazzidane Bilifian Fitrias

„Herzlichen Glückwunsch!“ Diese Worte sollten mein Leben verändern, mir unschätzbare Erfahrungen schenken und mir den Traum, in Deutschland zu studieren, einen Schritt näherbringen.

Die Monate, die ich zuvor mit der Vorbereitung verbracht hatte, zahlten sich endlich aus. Am 11. September 2025 betrat ich zum ersten Mal das Studienkolleg Indonesien. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, an dem meine Familie mich zu meinem Wohnheim brachte, mir beim Auspacken und Einräumen half und mich dann bis zur Eingangstür des Studienkollegs begleitete. In dem Moment hatte ich Tränen in den Augen, aber gleichzeitig empfand ich auch große Freude. Nachdem ich mich von meinen Eltern verabschiedet hatte, betrat ich das Gebäude des Studienkollegs.

Alles neu und anders

So wie ich den ersten Schritt in den Klassenraum setzte, hatte ich gemischte Gefühle. Wie hätte es auch anders sein können? Auch wenn ich mich sehr darüber freute, das Studienkolleg besuchen zu können, bin ich ein eher schüchterner und zurückhaltender Mensch. Nun musste ich den anderen Mitschüler*innen gegenübertreten, die ich noch nie gesehen hatte. Ich befürchtete, etwas Unhöfliches zu sagen oder etwas Falsches zu tun, und mir gingen noch ein paar andere Dinge durch den Kopf. Glücklicherweise stand für diesen Tag nur das sogenannte Briefing und eine Vorstellungsrunde auf dem Plan. Das ließe sich am ehesten mit der Orientierungszeit oder „Ospek“ in Indonesien vergleichen. Obwohl es sich nur um eine Einführung handelte, war ich überrascht, wie viele Lehrbücher wir ausgehändigt bekamen, deren Inhalte wir alle lesen und lernen mussten. Nach dem umfangreichen Briefing konnten wir nach Hause gehen.

Weit weg von der Familie

Zum Glück begann der Unterricht erst am Montag der folgenden Woche. Das kam mir entgegen, denn so hatte ich zumindest ein paar Tage Zeit, mich in meiner neuen Unterkunft einzuleben. Weit weg von der Familie zu wohnen, ist für mich eigentlich nichts Neues. Schon während der Oberstufe lebte ich getrennt von meiner Familie, weil ich ein Internat besuchte. Trotzdem gab es etliche Unterschiede, an die ich mich erst gewöhnen musste. Im Internat war bereits für alles gesorgt, angefangen bei den Mahlzeiten über die Wäsche bis hin zur Freizeitgestaltung. Ich musste mich einfach nur an den vorgegebenen Zeitplan halten. Rund um meinen Besuch des Studienkollegs musste ich allerdings alles selbst organisieren. Oft musste ich mit dem Fahrrad hin und her fahren, um mir etwas zu essen zu besorgen. Fast jeden Tag zählte ich im Portemonnaie nach, wie viel Geld ich noch zur Verfügung hatte. Auch meinen Wäschesack trug ich selbst und erledigte die Reinigung.
Trotz all dieser Herausforderungen waren diese Erfahrungen eine enorm wertvolle Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben in Deutschland.

Unterricht vor Ort

Während meiner Zeit am Studienkolleg lief natürlich nicht immer alles reibungslos. Als Schüler des T-Kurses wurde ich nicht nur in Deutsch, sondern auch in naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik, Physik, Chemie und Informatik unterrichtet. Bei den naturwissenschaftlichen Fächern brauchte ich manchmal etwas mehr Zeit, um den Unterrichtsstoff zu verstehen, obwohl ich einiges davon eigentlich schon in der Oberstufe gelernt hatte. Außerdem gab es Stoff, der für mich völlig neu war, etwa im Mathematikunterricht.

Ich war ziemlich überrascht, wie detailliert unser Lernstoff war. In der Oberstufe musste ich zum Beispiel nie den Definitionsbereich und den Wertebereich einer Funktion kennen oder deren Extremwerte bestimmen. Solche Themen wurden normalerweise nur oberflächlich behandelt. Oftmals wurde uns dann auch nicht erklärt, wozu der Stoff dienen sollte oder warum die Aufgaben auf eine bestimmte Weise gelöst werden mussten. Daher war ich ziemlich erstaunt, mich zum ersten Mal mit Themen dieser Art zu beschäftigen.

Chemie: eine Herausforderung

Ein anderes Beispiel war das Fach Chemie. Meine Oberschule war nicht nur ein Internat, sondern auch eine Pilotschule, die einen unabhängigen Lehrplan anwendete. Dieser Lehrplan sah keine Unterscheidung mehr in naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Zweige vor. Die Schüler*innen konnten vier Fächer wählen, die ihnen lagen. Da ich Maschinenbau oder Informatik studieren möchte, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, Chemie zu wählen. Ich dachte, dass dieses Fach für den Studiengang, den ich anstrebe, nicht besonders relevant oder notwendig sei.

Außerdem mag ich Chemie nicht besonders. Und dann kam im Studienkolleg die Überraschung, dass Chemie dort ausgerechnet zu den Pflichtfächern gehört. Anfangs konnte ich dem Unterricht noch folgen. Je tiefer wir jedoch in den Stoff eintauchten, desto verwirrender und komplizierter wurde er für mich. Am Ende musste ich Nachhilfe bei einem Chemielehrer der Oberstufe nehmen.

Trotz des holprigen Starts gelang es mir, bei jeder Chemieprüfung befriedigende Noten zu erzielen. Diese Erfahrung war für mich eine Art Weckruf und gleichzeitig eine ziemlich harte Lektion. Ich habe gelernt, dass ich vor dem Schmieden von Zukunftsplänen gründlich recherchieren muss, welche Kenntnisse und Fächer erforderlich sind, um meine Ziele zu erreichen.

Der Physikunterricht

Und als Letztes wäre da noch Physik. In der Oberstufe gehörte Physik tatsächlich zu meinen Wahlfächern. Allerdings wurde der Stoff häufig nicht in der Tiefe und strukturiert erklärt. Daher hatte ich das Gefühl, dass ich Physik im Unterricht am Studienkolleg praktisch von Grund auf neu lernen musste. Meist erstellte ich alle paar Monate Formelsammlungen und Notizen, weil der zu lernende Stoff so umfangreich war. Hinzu kam, dass der Physiklehrer manchmal so schnell war, dass es mir schwerfiel, ihm zu folgen. Wenn ich aber konzentriert war und im Unterricht gut aufpasste, kam ich problemlos mit. Was mir ebenfalls sehr geholfen hat, war der Austausch mit meinen Mitschüler*innen, auch wenn wir dabei manchmal nur einander unser Leid klagten.

Deutsche Sprache und Kultur

Auch im Deutschunterricht erging es mir nicht viel anders. Weil Deutsch die Hauptunterrichtssprache an deutschen Hochschulen ist, musste ich es natürlich fleißig lernen. Ich lernte sehr viele neue Dinge, angefangen bei neuem Wortschatz über das Verfassen guter argumentativer Texte und das Interpretieren von Diagrammen bis hin zu verschiedenen anderen sprachlichen Fertigkeiten. Der Unterricht wurde unmittelbar von Muttersprachler*innen gehalten, sodass wir nicht nur „direkt“ Deutsch lernten, sondern auch die Kultur und die Gepflogenheiten in Deutschland kennenlernten.

Oft verglichen die Lehrer*innen die Bräuche und Traditionen in Indonesien mit denen in Deutschland. Auf diese Weise erhielten wir tiefe Einblicke und eine fundierte Vorbereitung auf einen Aufenthalt in Deutschland.
Dann gab es aber noch ein weiteres Fach, das gründlicher Aufbereitung bedarf, nämlich Informatik.

Das Programmiertraining

Im Studienkolleg lernt man nicht nur Theoretisches über Computer, sondern man muss auch lernen, selber Programme zu schreiben und zu programmieren. Viele meiner Mitschüler*innen hatten Schwierigkeiten damit, da das Programmieren für sie etwas völlig Neues war. Sie hatten sich auch in der Oberstufe noch nie damit beschäftigt.

Ich selbst hatte das Glück, dass an meiner weiterführenden Schule nicht nur Programmieren unterrichtet wurde, sondern dass ich mich bereits seit der Mittelstufe dafür interessierte und damit beschäftigte. Daher kam mir das Programmieren am Studienkolleg mehr wie eine Routineübung vor. Mit meinem Wissen versuchte ich aber meinen Freund*innen, die Schwierigkeiten damit hatten, zu helfen.

Behördengänge und Prüfungen

Neben der Vorbereitung auf das spätere akademische Leben begann ich während der Zeit am Studienkolleg auch damit, verschiedene Dokumente für meinen Visumsantrag vorzubereiten – vor allem Übersetzungen meiner Unterlagen und meines Schulabschlusszeugnisses. Solche Dinge sollten möglichst frühzeitig erledigt werden, um Verzögerungen oder Probleme bei der Beantragung des Visums zu vermeiden, da der Übersetzungsprozess einige Zeit in Anspruch nehmen kann.

Es gab noch eine weitere interessante Erfahrung, mit der ich zuvor nicht gerechnet hätte: Ich wurde als einer von zwei Lernenden des Studienkollegs Indonesien als Kandidat für ein DAAD-Stipendium nominiert. Das war natürlich eine große Überraschung und hat mich sehr gefreut. Um für das Stipendium nominiert zu werden, benötigt man einen sehr guten Notendurchschnitt, der im Bereich von 1 liegen muss. Ich selbst erreichte im ersten Semester einen Notendurchschnitt von 1,2, während mein Freund sogar einen Durchschnitt von 1,05 erzielte.

Zur Information: In Deutschland gilt ein Notensystem von 1 bis 6, wobei 1 die beste und 6 die schlechteste Note ist. Ich bewarb mich dann auch um das Stipendium, wurde aber leider nicht ausgewählt. Das war natürlich sehr ärgerlich, wenn man bedenkt, wie streng das Auswahlverfahren war. Mein Freund hat das Stipendium erhalten. Nichtsdestotrotz, bin ich  dankbar, dass ich diese ziemlich seltene Chance erhalten habe.

Man merkte gar nicht, wie die Monate am Studienkolleg verflogen. Wir schrieben eine Klausur nach der anderen, erledigten eine Hausaufgabe nach der anderen, und ich überwand Erschöpfungszustände, Hürden und Herausforderungen. Schließlich habe ich auch die Feststellungsprüfung abgelegt und bestanden.

Ein schöner Abschluss

Diese Abschlussprüfung ist in gewisser Weise einzigartig, da wir selbst dafür die Fächer auswählen konnten, in denen wir mündlich geprüft werden sollten. Ich habe mich für die mündliche Prüfung in Physik entschieden. Eine für mich ungewöhnliche Wahl, da es mir eigentlich lieber ist, Physikaufgaben schriftlich zu lösen. Ich entschied mich dafür, weil angeblich die schriftliche Physikprüfung sehr schwierig ist. Allerdings kann ich das nicht aus eigener Beobachtung bestätigen, weil schon seit längerer Zeit kein*e Schüler*in mehr diese Wahl getroffen hat.

Informatik wird ebenfalls mündlich geprüft. Ich musste ein Programm erstellen und dessen Funktionsweise vorstellen. Das Studienkolleg ist tatsächlich alles andere als einfach. Es gibt viele Herausforderungen und Dinge, die sich vom Besuch der Oberstufe unterscheiden. Doch gerade dort habe ich viel gelernt – nicht nur den Stoff, der mir den Zugang zu einer Hochschule in Deutschland ermöglicht, sondern auch Zusammenarbeit, Selbstständigkeit und Disziplin.

Deshalb bin ich sehr dankbar, dass mir die Gelegenheit gegeben wurde, Teil des Studienkollegs Indonesien zu sein.

„Deutschland, ich komme!“