Atelierbesuch. Mongolische Künstler*innen im Porträt
#MONGOL DJ: AUF EINEN KAFFEE MIT DJ BILIGUUDEI

Biliguudei im Lantern Club
Biliguudei im Lantern Club | © Foto: Tukso

B. Biliguudei, geboren 1990 in Ulan Bator, ist DJ und ein Pionier der mongolischen Technoszene. Als Label-Gründer und Festival-Organisator schafft er Räume für junge Künstler*innen und internationale Vernetzung. 2019 führte ihn edm.com als einen von „10 influential DJs from rising EDM scenes around the world“. Wir sind auf einen Kaffee in der Stadt verabredet.

Von Alexander Schnorbusch

„Hallo, wie geht’s?“, sagt Biliguudei auf Deutsch und streckt mir zur Begrüßung die Hand entgegen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit Drachen-Motiv, einen langen schwarzen Bart und einen dünnen, goldenen Nasenring. Zwei etwas größere Ringe mit Anhänger blinken an seinen Ohrläppchen.
 
Wir befinden uns im 17. Stockwerk des MN Tower im Stadtzentrum von Ulan Bator, wo eine Galerie zeitgenössische Kunst ausstellt. Aufgrund der Pandemie sind die Räume für Besucher*innen geschlossen. Bilder und Installationen stehen im Dunkeln und man muss aufpassen, dass man nirgendwo anstößt. Im einzigen beleuchteten Raum steht ein DJ-Pult mit bunten Kabeln vor einer weißen Wand. Ein junger Kameramann schraubt an seinem Stativ.  

„Wir sind gerade fertig geworden“, sagt Biliguudei und wechselt ins Englische. Das Equipment für die Aufzeichnung, die wenige Tage später im AVA Club Berlin zu sehen und zu hören sein wird, habe er sich in den letzten Tagen mühsam zusammen suchen müssen. Die Pandemie halte ihn in seiner Geburtsstadt fest. Eigentlich lebe und arbeite er seit 2014 in Peking.
 
Wir nehmen den Fahrstuhl ins Erdgeschoss, wo eine südkoreanische Kaffeehauskette Getränke und Snacks anbietet. Ein Seitenausgang führt auf den großen Platz vor dem Dinosauriermuseum. Es ist bereits Abend und der MN Tower wirft einen langen Schatten. Biliguudei zündet sich eine Zigarette an. 

Bei der Arbeit
Bei der Arbeit | © Goethe-Institut Mongolei

SCHWIERIGE ANFÄNGE

AS: Techno hat sich als eigenständige Musikrichtung in den 80ern aus amerikanischer House Music und deutschem Elektro-Pop entwickelt. Die Mongolei war damals noch „Volksrepublik“ und kulturell vor allem auf Russland bezogen. Wie kam der Techno in die Mongolei?
 
BB: Das ging bei uns in den späten 90ern los mit Trance und Jungle. DJ-Pioniere wie OG, Uuree und Tuvshin haben Breakbeat-Musik gemacht. Techno kam erst in den späten 2000er Jahren mit uns von [KONTROL]. Die Crew-Mitglieder waren Huntushe, Gunbiligt, Deez und ich. Es gab damals nur wenige Clubs in der Mongolei. Das Equipment war sehr teuer und niemand wollte uns helfen. Wir haben dann einfach Locations gesucht und uns gefreut, wenn zweihundert, dreihundert Leute kamen. Es gab jedes Mal Ärger (lacht).

AS: Wie bist Du persönlich zum ersten Mal mit Techno in Berührung gekommen?
 
BB: Ich bin 2006 bis 2007 in Peking zur Schule gegangen. Als Teenager war ich ein großer Trance-Fan. Dann war ich in Peking einmal auf einem Rave, bei dem John Digweed aufgelegt hat. Das hat mich umgehauen und von da an habe ich nur noch Techno und Progressive House gehört. Peking war damals eine sehr freie Stadt. Um uns Ausländer hat sich keiner gekümmert. 

AS: Du stammst aus einer Diplomaten- und Akademiker-Familie und bist daher schon als Kind viel in der Welt herumgekommen. DJ war sicher trotzdem keine naheliegende Berufswahl. Kannst Du Dich noch an den Moment erinnern, an dem Du zum ersten Mal dachtest: „Ich will DJ werden“?
 
BB: Es war am Anfang alles super schwierig. Keine Unterstützung, kein Equipment. Niemand hat verstanden, was ich mache. Ich habe meine Pläne, DJ zu werden, zweimal aufgeben müssen und mich darauf eingestellt, einen normalen Beruf zu lernen. 2013 bin ich zurück nach Peking, um dort International Relations zu studieren. Dann kamen Freunde zu Besuch und am Ende einer langen Nacht sind wir irgendwie im Lantern Club gelandet. Wir stiegen aus dem Taxi und hörten plötzlich diesen Techno-Sound. Als ich am nächsten Tag aufwachte, wusste ich, dass ich es nochmal versuchen muss. 
DJ und Gäste im Lantern Club
DJ und Gäste im Lantern Club | © Foto: Tukso

WENG WENG UND DER LANTERN CLUB

AS: Weng Weng, selbst DJ und Besitzer des Lantern Club, gab Dir eine Chance und ließ Dich bei ihm auflegen. Wie kam es dazu?
 
BB: Bevor wir uns zum ersten Mal trafen, habe ich sieben- oder achtmal von ihm geträumt: Dieser Typ mit dem grimmigen Gesicht! Es war Weng Weng – der König des Pekinger Techno-Undergound. Nach meinem ersten Besuch im Lantern kam ich jedes Wochenende, um ihn auflegen zu sehen. Irgendwann habe ich mich getraut und ihn angesprochen. Er spielte gerade einen bestimmten Track und ich habe ihm vorgeschlagen, danach Who killed Sparky? von Sasha zu spielen. Er sagte: „Wow, gute Idee! Wo kommst Du her?“ – „Ich komme aus der Mongolei.“ Dann haben wir uns auf WeChat geschrieben und ich habe ihn angebettelt, dass er mir eine Chance gibt. 

AS: Du hast Deine Chance genutzt.

BB: Nach meinem ersten Gig rief er mich an und sagte: Den Leuten hat Deine Musik gefallen. Komm nächstes Wochenende wieder! Ich war super glücklich. So hat meine Karriere als DJ begonnen.
 
AS: Weng Weng war es auch, der Dich bald auf Tournee durch China schickte. Du hast in Shanghai, Hongkong und vielen anderen Städten aufgelegt. Was hat den Leuten an Deiner Musik gefallen?
 
BB: Ich will die Leute mit meiner Musik zum Orgasmus bringen. Dafür spiele ich manchmal auch melodischere Sachen. Mein Erfolg in China hängt natürlich auch mit meiner Herkunft zusammen. In Peking gibt es sehr viele gute DJs, aber als Mongole war ich etwas Besonderes. Dazu meine Statur und der lange Bart. Die Leute haben mich gesehen und gedacht: Dschingis Khan! Einer meiner bestens Gigs war auf einem Festival an der Chinesischen Mauer (lacht). 
Intro Festival 2018
Intro Festival 2018 | © Foto: Tukso

SPIRIT OF GOBI

AS: Es lief gut für Dich in China. Warum hast Du Dich 2015 trotzdem entschieden, zurück in die Mongolei zu kommen?
 
BB: Zum einen lief damals mein Regierungsstipendium aus. Zum anderen war es mein Traum, so etwas wie der mongolische Weng Weng zu werden. Im Dezember 2015 haben wir den Temple Club aufgemacht: Platz für 700 Leute, das beste Soundsystem der Mongolei. Zweimal im Monat haben wir internationale DJs gebucht: Ken Ishi war bei uns, Bloody Mary und Martin Eyerer. Außerdem haben wir mit The Majesty Mongolia eine Produktionsfirma gegründet.
 
AS: Aus der Leitung des Temple hast Du Dich ein Jahr später zurückgezogen. Der Club musste, auch infolge der Pandemie, inzwischen schließen. Wie ging es für Dich weiter?
 
BB: Ich war ab 2016 zunächst für einige Zeit in Europa unterwegs. Dann lud mich Weng Weng nach Peking ein, um auf einem Club-Jubiläum zu spielen. Dort traf ich Song Yang, der in China das INTRO-Festival organisiert und mir vorschlug, INTRO in die Mongolei zu bringen. Ich habe gesagt: „Ich weiß nicht, ob wir dazu schon bereit sind!“ Aber er sagte: „Das ist in Ordnung. Lass es uns versuchen!“

AS: Das erste INTRO-Festival 2018 war ein Erfolg. 2019 gab es dann einen Unfall mit Verletzten infolge eines Unwetters.
 
BB: INTRO 2019 war ein Desaster. Ich dachte, jetzt werde ich endlich reich (lacht). Dann kam der Sturm und binnen zehn Minuten war der Traum ausgeträumt. Ich habe viel eigenes Geld verloren. Es gab fünf oder sechs Verletzte und wir mussten für die medizinische Versorgung aufkommen. Mein ganzes Equipment schwamm im Wasser.
 
AS: Eine dritte Auflage des INTRO-Festivals hat es aufgrund der Pandemie bislang nicht gegeben. Stattdessen habt ihr Euch mit SPIRIT OF GOBI ein neues Konzept überlegt. Worum geht es?
 
BB: EDM und zeitgenössische Kunst in der Wüste Gobi! Das erste Festival 2020 war ein Erfolg. Ende August folgt die zweite Auflage. Das Konzept funktioniert wegen Covid. Ob die Leute nach der Pandemie noch Lust haben, 500 Kilometer zu einem Festival zu fahren, weiß ich nicht. Wir wollen aber trotzdem weitermachen und versuchen, damit in Zukunft auch Touristen anzusprechen.
 
AS: Vielen Dank für das Gespräch!
© The Majesty Mongolia
 
Atelierbesuch: Mongolische Künstler*innen im Porträt

Die zeitgenössische mongolische Kunstszene ist vielseitig und dynamisch. In Malerei und elektronischer Musik, Tanz und Film, Literatur und Medienkunst suchen und finden mongolische Künstler*innen neue Ausdrucksformen und ihren je eigenen Zugang zur Welt. Alexander Schnorbusch, Autor und Mitherausgeber zweier Buchreihen des Monsudar Verlags, trifft die Künstler*innen in ihrem Arbeitsumfeld und stellt sie Ihnen vor. 

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