Dokumentarfilm | szenische Lesung | Q&A Eros und Utopie – 'Die Sonneninsel' als Lebensentwurf von Thomas Elsaesser

Eros und Utopie – 'Die Sonneninsel' als Lebensentwurf © 2017 MES / strandfilm / ZDF

Di, 21.11.2017

Goethe-Institut Amsterdam

Herengracht 470
Amsterdam

Szenische Lesung mit Nicola Ruf | Dokumentarfilm und Interview mit Thomas Elsaesser | Interview: Anna Seidl

Wie lässt sich anhand eines Koffers mit Briefen, einer Handvoll Gedichte und einer Blechdose mit Super-8-Filmen eine außergewöhnliche Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts rekonstruieren?
Der Filmhistoriker Thomas Elsaesser erweckt in seinem Essayfilm Die Sonneninsel aus dokumentarischen und persönlichen Filmmaterial und Brieffragmenten den Geist des Auf- und Umbruchs der späten 20er und frühen 30er Jahre in Frankfurt und Berlin wieder zum Leben. Der Zuschauer erlebt diese so folgenschwere Epoche mit ihren Hoffnungen und Verwerfungen, Leidenschaften und Lebensentwürfen, samt der sich als trügerisch erweisenden Utopien einer neuen Gemeinschaft, die Technik und Natur im Kreislauf der Nachhaltigkeit verbinden will.
Im Mittelpunkt stehen die Karriere des bekannten Frankfurter Stadtarchitekten Martin Elsaesser (1884-1957) in den Jahren zwischen 1925-1945 und die turbulente Beziehung seiner Ehefrau Liesel zu dem unangepassten und idealistischen Gartenbauarchitekten Leberecht Migge.
Die Intensität und Komplexität der Dreieckbeziehung, die der Film nur andeutet, wird zuvor in der szenischen Lesung der Berliner Schauspielerin Nicola Ruf – Großenkelin des Ehepaars Elsaesser – neu belebt, wenn sie Auszüge aus Liesels und Migges Liebeskorrespondenz vorträgt. Das Besondere dieser Korrespondenz ist, dass sie von einem allgegenwärtigen Verheißungshorizont beflügelt ist, der die Opferbereitschaft und den Wagemut seiner Akteure zeigt, um neue, noch unbekannte Wege zu beschreiten.
Während dieser Veranstaltung, die eine szenische Lesung, Filmvorführung und ein Interview mit dem Regisseur umfasst, wird das Publikum zum Zeugen von alternativen Lebensentwürfen, die sich damals nicht verwirklichen sollten, aber heute aktueller denn je erscheinen. Sichtbar werden die Visionen einer bürgerlichen Großfamilie, die sich über die noch üblichen Konventionen hinwegzusetzen versuchte und in seiner Radikalität bis heute fasziniert.

Thomas Elsaesser ist emeritierter Professor der Abteilung für Medien und Kultur an der Universität von Amsterdam. Von 2006 bis 2012 war er Visiting Professor der Yale University, und seit 2012 unterrichtet er an der Columbia University, New York. Er ist der Enkel des renommierten deutschen Architekten Martin Elsaesser, einer der Protagonisten der Sonneninsel, und Mitherausgeber von Martin Elsaesser – Schriften (Niggli Verlag, Zürich, 2014).
 
Nicola Ruf ist Schauspielerin und Großenkelin von Martin und Elisabeth Elsaesser.
 
Anna Seidl ist Assistant-Professor im Bereich Kulturwissenschaften an der Universität von Amsterdam.

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