Verbotene Filme in der DDR
Fanal für die Kunst

„Denk bloß nicht, ich heule“ (Frank Vogel, DDR 1965)
„Denk bloß nicht, ich heule“ (Frank Vogel, DDR 1965) | © DEFA-Stiftung/Jörg Erkens)

Im Dezember 1965 tagte in Berlin das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED. Die Parteikonferenz zählt zu den wichtigsten Zäsuren der DDR-Kulturgeschichte. Führende SED-Funktionäre ereiferten sich über „Dekadenz“ und „Skeptizismus“ in Literatur und Film. Eine Welle von Verboten war die Folge.

„Wir sind alle Sklaven!“ In leuchtend weißer Farbe steht dieser Satz an der Wand einer Fabrik, irgendwo in Ostberlin. Geschrieben haben ihn zwei Jugendliche, voller Wut und Frust über die bürokratischen Verhältnisse im Betrieb und über die Bevormundung durch die älteren Kollegen. Ihr Aufbegehren richtet sich jedoch nicht nur gegen die Umstände, unter denen sie arbeiten. Der Satz steht zugleich für ihr gesamtes Leben – ein Leben, das von Ideologie, staatlichen Vorgaben und sozialistischer Planerfüllung geprägt ist. Damit soll endlich Schluss sein.

Die Szene stammt aus Berlin um die Ecke (1965) von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase, und war, wie alle Filme der ehemaligen DDR, vom volkseigenen DEFA-Filmunternehmen produziert worden. Sie war so realistisch, dass sie sich genauso gut in der Wirklichkeit hätte abspielen können. Einigen Funktionären der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, war sie sogar zu „realistisch“. Wegen dieser und anderer „staatsfeindlicher“ Szenen, die den Alltag der DDR nicht verklärten, sondern ungeschönt auf Widersprüche und Probleme hinwiesen, wurde Berlin um die Ecke im Herbst 1966 verboten. Seine Erstaufführung fand erst mehrere Jahrzehnte später statt.

Trailer: „Spur der Steine“ | © DEFA-Stiftung, via youtube.com

Berlin um die Ecke
war kein Einzelfall. Insgesamt wurden im Umfeld des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED, das unter dem Namen „Kahlschlag“ in die DDR-Geschichte eingegangenen ist, ein Dutzend DEFA-Spielfilme verboten oder in der Produktion gestoppt. Darunter waren mit Spur der Steine (1966, Regie: Frank Beyer), Karla (1965, Regie: Herrmann Zschoche), Das Kaninchen bin ich (1965, Regie: Kurt Maetzig) und Jahrgang 45 (1966, Regie: Jürgen Böttcher) einige der besten Filme, die jemals bei der DEFA entstanden sind. Die Verbotswelle beendete auf brachiale Art einen einmaligen künstlerischen Aufbruch im Filmschaffen der DDR. Was viele der verbotenen Filme miteinander verband, war ihr gestalterischer Anspruch: Sie übten Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR – nicht um den Sozialismus abzuschaffen, sondern um ihn zu „verbessern“. Ausschlaggebend für die Verbote war jedoch nicht nur der gesellschaftskritische Unterton mancher Filme, sondern auch ein Streit innerhalb der SED-Führung über die weitere Entwicklung in der DDR.

Künstlerischer Aufbruch in eine sozialistische Moderne?

Nach dem Mauerbau hatte die DDR-Regierung um Walter Ulbricht zunächst verschiedene Reformprojekte angeregt. Auch in der Jugendpolitik setzte die SED-Führung neue Akzente. Mit dem im September 1963 verkündeten „Jugendkommuniqué“ deutete die SED an, den DDR-Jugendlichen größere persönliche Freiheiten und einen alternativen Lebenswandel ermöglichen zu wollen. Auch in der Kultur spiegelte sich die Entwicklung wider: Bis zum Mauerbau waren viele DDR-Künstler und Intellektuelle in den Westen ausgereist, um sich den Repressionen der SED zu entziehen. Andere Künstler hatten sich jedoch aufgrund ihrer politischen Überzeugung bewusst für die DDR entschieden. Sie hofften, dass es jetzt möglich sein würde, aktiv an der Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft mitwirken zu können. Dabei sollten auch die vorhandenen Probleme und Missstände offen angesprochen werden. Unter den Künstlern verbreitete sich eine vorsichtige Aufbruchsstimmung.

Während die Reformpolitik in der Bevölkerung auf große Resonanz stieß, waren die liberalen Tendenzen innerhalb der SED-Führung von Beginn an umstritten. Vor allem die freizügigere Jugendkultur, die sich an westlichen Vorbildern orientierte, war den dogmatischen SED-Funktionären ein Ärgernis. Dass sich zum Beispiel viele DDR-Jugendliche für Beat-Musik interessierten und eigene Bands gründeten, die sich großer Beliebtheit erfreuten, wurde nicht lange toleriert. Die Beat-Gruppen wurden verboten, ihre Fans als „Rowdys“ verunglimpft und wie kriminelle Straftäter behandelt.

Ein symbolisches Tribunal

  • „Hände hoch oder ich schieße“ (Hans-Joachim Kasprzik) © DEFA-Stiftung/ Wolfgang Ebert
    „Hände hoch oder ich schieße“ (Hans-Joachim Kasprzik)
  • „Fräulein Schmetterling“ (Kurt Barthel) © DEFA-Stiftung/ E. Hartkopf, Rolf-Eckardt Rambow
    „Fräulein Schmetterling“ (Kurt Barthel)
  • „Der Frühling braucht Zeit“ (Günter Stahnke) © DEFA-Stiftung/ Kurt Schütt
    „Der Frühling braucht Zeit“ (Günter Stahnke)
  • „Jahrgang 45“ (Jürgen Böttcher) © DEFA-Stiftung
  • „Das Kaninchen bin ich“ (Kurt Maetzig) © DEFA-Stiftung/ Jörg Erkens
    „Das Kaninchen bin ich“ (Kurt Maetzig)
  • „Spur der Steine“ (Frank Beyer) © DEFA-Stiftung/ Jörg Erkens
    „Spur der Steine“ (Frank Beyer)
  • „Karla“ (Hermann Zschoche) © DEFA-Stiftung/ Eberhard Daßdorf
    „Karla“ (Hermann Zschoche)
  • „Berlin um die Ecke“ (Gerhard Klein) © DEFA-Stiftung/ Heinz Wenzel
    „Berlin um die Ecke“ (Gerhard Klein)
  • „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (Egon Günther) © DEFA-Stiftung/ Kurt Schütt
    „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (Egon Günther)
  • „Denk bloß nicht, ich heule“ (Frank Vogel) © DEFA-Stiftung/ Jörg Erkens
    „Denk bloß nicht, ich heule“ (Frank Vogel)
  • „Der verlorene Engel“ (Ralf Kirsten) © DEFA-Stiftung/ Peter Dietrich, Herbert Kroiss
    „Der verlorene Engel“ (Ralf Kirsten)
Die endgültige Abkehr von der liberalen Kultur- und Jugendpolitik vollzog die SED schließlich auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees vom 15. bis 18. Dezember 1965. Führende Funktionäre wie Erich Honecker, Paul Fröhlich oder Paul Verner empörten sich in ihren Reden über das „unmoralische“ Verhalten der DDR-Jugendlichen. Als Schuldige hatte man von vorneherein auch die Künstler ausgemacht. Schriftsteller und Filmemacher würden mit ihrem „spießbürgerlichen Skeptizismus“ in der DDR eine „Kultur des Zweifelns“ verbreiteten und die Jugendlichen zur Gewalt anstacheln. Vor allem die Schriftsteller Wolf Biermann, Werner Bräunig und Stefan Heym wurden auf dem Plenum scharf angefeindet. Darüber hinaus standen die Spielfilme Denk bloß nicht, ich heule (1965) von Frank Vogel und Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig im Zentrum der Kritik. Sie wurden den Teilnehmern als besonders „schädliche“ Beispiele vorgeführt und als „konterrevolutionäre Machwerke“ beschimpft.

Die harte Kritik an der Kultur kam den dogmatischen SED-Funktionären sehr gelegen. Sie nutzten die Auseinandersetzung mit den Künstlern, um sich grundsätzlich gegen alle liberalen Tendenzen in der DDR auszusprechen. Das 11. Plenum war daher auch eine symbolische Auseinandersetzung über die weitere politische Entwicklung in der DDR, bei der sich die Kritiker der reformorientierten Politik durchsetzen konnten. Viele der Argumente, die sie gegen die Künstler vorbrachten, waren vorgeschoben: So waren die beiden DEFA-Filme noch gar nicht öffentlich aufgeführt worden – sie konnten daher keinen negativen Einfluss auf die DDR-Jugendlichen haben. Auch die systemkritischen Texte von Biermann oder Heym durften in der DDR nicht erscheinen. Ausschlaggebend dafür, dass beide auf dem 11. Plenum als Parteifeinde angegriffen wurden, war vielmehr die Tatsache, dass sie ihre Werke im Westen veröffentlicht hatten. Das galt einigen SED-Funktionäre als „Verrat“ am Sozialismus.

Verbotswelle

Das 11. Plenum hatte weitreichende Auswirkungen auf die künstlerische Entwicklung in der DDR. Einige gesellschaftskritische Romane oder Theaterstücke durften nicht erscheinen, zahlreiche Künstler wurden mit Berufs- und Auftrittsverboten belegt. Die DEFA war von den Repressionen besonders stark betroffen. Alle damals geplanten Spielfilme wurden unter ideologischen Gesichtspunkten überprüft. Die Verbotswelle dauerte bis zum Herbst 1966 an und markierte eine der tiefsten Zäsuren der DDR-Filmgeschichte. Gesellschaftskritische Themen konnten in den folgenden Jahren nur noch selten in Angriff genommen werden. Die verbotenen Filme selbst blieben fast alle bis zur Auflösung der DDR 1989/90 unter Verschluss.
 

Andreas Kötzing, Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum, Berlin 2015

Zurück zum Dossier