Viva con Agua Bechersammeln für eine bessere Welt

Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen: Der Verein Viva con Agua hat das für mehr als eine halbe Million Menschen möglich gemacht;
Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen: Der Verein Viva con Agua hat das für mehr als eine halbe Million Menschen möglich gemacht; | © John Broemstrup

Der Hamburger Verein Viva con Agua ermöglicht Menschen in Afrika, Asien und Südamerika den Zugang zu Trinkwasser.

Als Benjamin Adrion im Jahr 2005 aus dem Trainingslager auf Kuba zurückkam, hatte sich alles geändert. Adrion, damals Mittelfeldspieler des Regionalliga-Fußballklubs FC St. Pauli, hatte gesehen, wie schlecht die Menschen auf Kuba mit frischem Trinkwasser versorgt waren. Wieder zurück in Hamburg beschloss er, etwas dagegen zu unternehmen.

Adrion mobilisierte den Kleinkosmos aus Musikern, Fußballfans und Lebenskünstlern im Hamburger Stadtteil St. Pauli und startete einen Spendenaufruf. Zu den Unterstützern der ersten Stunde gehörten Prominente wie die Hip-Hop-Musiker von Fettes Brot oder Bela B von der Punkrockband Die Ärzte. Gemeinsam mit der Welthungerhilfe konnten daraufhin 150 Kindergärten in der kubanischen Hauptstadt Havanna mit Wasserspendern ausgestattet werden. Im Jahr 2006 gründete Adrion offiziell den Verein „Viva con Agua de Sankt Pauli“, eine Initiative, die Menschen in ärmeren Ländern einen Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen ermöglichen will.

Engagement über den Fußballplatz hinaus

Zehn Jahre später hat Viva con Agua 20 festangestellte Mitarbeiter und Unterstützer in mehr als 40 deutschen Städten; in Österreich und der Schweiz gibt es Ableger. In 15 Ländern hat Viva con Agua Projekte realisiert, unter anderem in Äthiopien, Ruanda, Kenia und Uganda. Er habe schon immer die Idee gehabt, sich über den Fußballplatz hinaus mit anderen Dingen zu beschäftigen, sagt Adrion. In der Welthungerhilfe fand er eine Dachorganisation, die sich bereits mit den Strukturen in Kuba auskennt.

Der FC St. Pauli trägt Adrions Idee mit. Der Fußballverein ist bekannt für sein soziales Engagement und seine Verwurzelung in der Künstler- und Alternativen-Szene in Hamburg. Ich glaube, bei keinem anderen Fußballverein wäre das in der Weise möglich gewesen. Viva con Agua ist nur denkbar durch diese spezielle Konstellation“, sagt Adrion.

Zugang zu frischem Trinkwasser

Mehr als eine halbe Million Menschen vor allem in Afrika, Südamerika und Asien haben durch Viva con Agua innerhalb von zehn Jahren Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen erhalten – ermöglicht vor allem durch die Mitarbeit von 9.000 ehrenamtlichen Helfern weltweit. Diese Unterstützer-Basis wird gepflegt wie die Fangruppe eines Fußballklubs: Viva con Agua organisiert Sportturniere, Spendenläufe und Partys für die oft jungen Helfer. Die Werbeaktionen sind witzig und frech: „Lieber einen Brunnen bohren?“ steht beispielsweise auf einer Postkarte, die einen Mann zeigt, der gerade in der Nase popelt. Deutsche Musiker wie der deutsche Rapper Marteria haben für Viva con Agua Songs geschrieben, die man sich auf YouTube anhören kann.
Blue Uganda“ ist der Soundtrack zu einer 14-tägigen Viva con Agua-Projektreise

Die wichtigste Einnahmequelle der Initiative aber ist das Sammeln von Pfandbechern auf Festivals und anderen Großveranstaltungen. Ehrenamtliche Helfer bitten Besucher, ihre leeren Becher nicht am Getränkestand zurückzugeben, sondern in eine Viva-con-Agua-Tonne zu werfen – und damit das Pfand zu spenden. Im Sommer 2014 kamen so laut Viva con Agua fast 100.000 Euro zusammen. Dazu kommt weitere Unterstützung aus öffentlichen und nicht-öffentlichen Mitteln, auf die der Verein als gemeinnützige Organisation zugreifen kann.

Ein Social Business für eine bessere Welt

Seit 2010 vertreibt die Viva con Agua Wasser GmbH ein Mineralwasser, das in Kooperation mit regionalen Wasserabfüllern verkauft wird. 60 Prozent der Gewinne fließen in Wasserprojekte. Die Viva con Agua Wasser GmbH funktioniert als sogenanntes Social Business – als Unternehmen also, das soziale und ökologische Probleme der Gesellschaft lösen will. Solche Initiativen können aus einer Stiftung, einer Nichtregierungsorganisation oder einem Unternehmen heraus entstehen. Manche gehen auch aus Start-ups hervor, beispielsweise das Projekt „Goldeimer“. Diese Initiative aus Kiel arbeitet seit 2010 mit Viva con Agua zusammen. Sie stellt bei Großveranstaltungen mobile Kompost-Toiletten zur Verfügung. Der Großteil der Gewinne fließt in die WASH-Projekte von Viva con Agua, die von der Welthungerhilfe umgesetzt werden.

„WASH“ steht für „Water, Sanitation and Hygiene“ – also Trinkwasser, Abwasserentsorgung und Hygiene. Die Projekte basieren auf dem Prinzip, dass für eine nachhaltige Versorgung alle drei Komponenten berücksichtigt werden müssen. Deshalb bauen die Verantwortlichen nicht nur Brunnen, sondern schulen auch die Dorfbewohner in den Grundsätzen von Hygiene und darin, die Brunnen instand zu halten. Im WASH-Netzwerk haben sich 18 deutsche Nichtregierungsorganisationen zusammengeschlossen.

„Erst einmal etwas bewegen“

Als er 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt – eine Auszeichnung für besondere Verdienste um das Gemeinwohl – war Benjamin Adrion gerade einmal 28 Jahre alt. „Stellvertretend für jeden einzelnen Supporter nehme ich das Ding gerne an“, sagte er in seiner Dankesrede. „Es zeigt, dass wir keine Halligalli-Veranstaltung sind, sondern man uns mit gutem Gewissen ernstnehmen kann.“

„Das Ding“ und „Halligalli“ – auch der Tonfall macht Viva con Agua aus. Ein „gewisses Maß an Dilettantismus“ gehöre dazu, sagte Adrion einmal. „Wir fangen lieber an und optimieren danach. Klar machen wir auch Pläne. Aber hauptsächlich wollen wir erst einmal etwas bewegen.“