Polnische Supermärkte in niederländischen Vororten  Zuhause zwischen Regalen

Zuhause zwischen Regalen. Polnische Supermärkte in niederländischen Vororten Foto: © Elias Bučko

Zwischen eingelegten Gurken, polnischen Süßigkeiten und ukrainischen Warenyky sind in westeuropäischen Vorstädten Orte entstanden, die weit mehr sind als nur Supermärkte. Sie tragen dazu bei, Barrieren, Isolation und soziale Ausgrenzung zu überwinden, die für viele Osteuropäer*innen Teil ihrer Migrationserfahrung sind. Unser Autor Elias Bučko hat zwei dieser besonderen Mikrokosmen in den Niederlanden besucht und eine eigentümliche Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit entdeckt.

Wie viel Trost Lebensmittel und Gerichte aus der Heimat spenden können, wurde mir erst nach einigen Jahren in den Niederlanden richtig bewusst. Als ich eines Abends beschloss, einen Mohnkuchen zu backen, stieß ich auf ein unerwartetes Problem: In normalen Supermärkten Mohn aufzutreiben, war alles andere als einfach. Nach mehreren erfolglosen Versuchen in verschiedenen niederländischen Supermärkten wie Albert Heijn oder Jumbo fand ich die Lösung schließlich am westlichen Rand von Amsterdam, am Ende der Straßenbahnlinie Nummer 6.

Die Regale des polnischen Supermarkts Krakus boten eine Mischung von vertraut-heimischen und fremden Geschmäckern aus Mittel- und Osteuropa, aber auch noch viel mehr. Zwischen frischen Würstchen, Borschtsch-Konserven und tiefgefrorenen Pelmeni hat nach und nach eine Gemeinschaft ihre Wurzeln geschlagen.
 
Einkaufskorb vor den Regalen in der Łowiczanka, einem polnischen Laden am Stadtrand von Utrecht | Eine polnische Flagge über dem Eingang des Supermarkts Krakus in Amsterdam

Einkaufskorb vor den Regalen in der Łowiczanka, einem polnischen Laden am Stadtrand von Utrecht | Eine polnische Flagge über dem Eingang des Supermarkts Krakus in Amsterdam | Foto: © Elias Bučko

Klingeling. Ein paar Jahre später kündigt das Türglöckchen des Supermarkts Krakus einer jungen Frau in einer geblümten Bluse meinen Besuch an. Sie wischt die leere Glasvitrine aus, die sich im Laufe des Tages mit Sernik, Pączki, Babka und anderen polnischen Süßigkeiten füllen wird, die direkt aus einer Bäckerei in Warschau kommen. Agnieszka erzählt mir mit einem Lächeln, dass sie dann so schnell wieder weg sind, wie sie geliefert wurden, denn die Stammkund*innen des Krakus wissen genau, wann was geliefert wird. Sie verspricht mir eine Kostprobe für später und wechselt im nächsten Moment ins Polnische, als eine Kundin sie anspricht, und schnell sind die beiden in ein freundschaftliches Gespräch vertieft. Zwischen einigen bekannten polnischen Wörtern und Lachen verstehe ich lediglich ein Kompliment über Agnieszkas handgefertigte Ohrringe.

Agnieszka kam vor zwei Jahren aus einem Dorf in der Nähe von Poznań nach Amsterdam. Sie zog mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann hierher, weil sie sich ein wirtschaftlich besseres Leben erhofften. Sie fand Arbeit im Supermarkt, wo sie fast ausschließlich mit anderen Pol*innen oder Menschen aus anderen ehemals sozialistischen Ländern zusammenarbeitet. „Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre ich immer noch in Polen“, sagt Agnieszka.

Sie spricht mit mir in schüchternem Englisch, wobei sie ab und zu automatisch ins Polnische wechselt. Obwohl ich das meiste davon nicht verstehen kann, fallen gelegentlich Wörter, die auf Polnisch und Slowakisch gleich sind, oder sie zeigt mir etwas auf ihrem Handy oder verlässt sich auf die Ähnlichkeit der kulturellen Kontexte, aus denen wir stammen. Zwischen all den verschiedenen Kommunikationsarten entsteht so ein zartes Verständnis.
Wo eine Verständigung im direkten Gespräch nicht gelingt, wird sie durch die gemeinsame osteuropäische Migrationserfahrung ersetzt, und durch die Geschmackserlebnisse, die der Supermarkt bietet.
Polnische Migrant*innen bilden die größte und am schnellsten wachsende europäische Minderheit in den Niederlanden - im Jahr 2024 waren es rund 194.400. Viele von ihnen kamen bereits in den Neunzigerjahren oder nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004. Seitdem entstehen in niederländischen Städten Diaspora-Vereine und -Organisationen sowie polnische Betriebe, Läden und Restaurants.
 
Eimer mit eingelegten Gurken im Supermarkt Krakus

Eimer mit eingelegten Gurken im Supermarkt Krakus | Foto: © Elias Bučko

Agnieszka und ich gehen durch die ordentlichen, engen Gänge. Ein älterer Herr mit Hut nickt ihr zum Gruß zu, während er mit einer Zange eingelegte Gurken aus einem Eimer fischt. Er befühlt einzelne Kohlköpfe, bis er schließlich einen in den Korb legt. Agnieszka führt mich an Gefriertruhen mit Piroggen, Syrniki und Tiefkühlgemüse vorbei, an Theken mit Räucherkäse und saurer Sahne, und an einem scheinbar endlosen Regal mit Kompotten und Konserven voller eingelegter Gurken, Paprika und Śledzie. Vor den Regalen mit reduzierten polnischen Drogerie-Artikeln steht eine Frau in einem langen Mantel und hält sich ein geöffnetes Shampoo an die Nase.

Über der österlich geschmückten Kasse ragen Regale voller Medikamente und Kräuter hervor, die aus Polen importiert wurden, sowie handbemalte Keramik aus Bolesławiec. Daneben steht eine Gemeinschaftsbibliothek mit polnischen Büchern und DVDs sowie einem dort ausgestellten Polaroid-Foto eines lächelnden Paares. Ich denke über deren Verbindung zum Laden nach, doch bevor ich fragen kann, ist Agnieszka schon wieder hinter der Kasse.
 
Gemeinschaftsbibliothek mit einer Sammlung polnischer Bücher und DVDs zwischen den Einmachgläser-Regalen – eines der Symbole des kulturellen Lebens der osteuropäischen Gemeinschaft im Krakus.

Gemeinschaftsbibliothek mit einer Sammlung polnischer Bücher und DVDs zwischen den Einmachgläser-Regalen – eines der Symbole des kulturellen Lebens der osteuropäischen Gemeinschaft im Krakus. | Foto: © Elias Bučko

Während einige osteuropäische Migrant*innen in den Niederlanden die ersehnte finanzielle Stabilität finden, kämpfen viele andere mit Einsamkeit, sprachlicher Isolation und sozialer Ausgrenzung. Erfahrungen der Diskriminierung aufgrund ihres Migrantenstatus führen zu weiteren strukturellen Barrieren. Verstärkt wird diese Situation zudem noch durch hartnäckige Stereotype: Viele in der niederländischen Gesellschaft betrachten die Osteuropäer*innen als billige, kulturell minderwertige, wenn auch fleißige Arbeitskräfte.

Agnieszka zeigt mir stolz das Schwarze Brett, wo Dienstleistungen eines polnischen Friseurs, einer Zahnärztin und ein paar Flyer mit Stellenangeboten im Baugewerbe zu finden sind. Neben den Visitenkarten hängt ein vergilbter Zeitungsausschnitt aus der polnischen Presse sowie handgeschriebene Zettel, auf denen Mitbewohner*innen oder Bekanntschaften gesucht werden. Die zerlöcherte Pinnwand erzählt Geschichten von Erfolgen und dem Wunsch nach würdevoller Arbeit, aber auch von osteuropäischer Zusammengehörigkeit in kultureller Isolation.

Die unausgesprochene Trennung in wir und sie zeigt sich in den Details, es gibt keine niederländischen Produktbeschriftungen und niemand spricht hier die Landessprache. Die niederländische sprachliche und kulturelle Hegemonie wurde hier von Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Slowakisch oder den Balkansprachen verdrängt. „Unsere Sprachen“, sagt Agnieszka. Wo eine Verständigung im direkten Gespräch nicht gelingt, wird sie durch die gemeinsame osteuropäische Migrationserfahrung ersetzt, und durch die Geschmackserlebnisse, die der Supermarkt bietet.

Unser Gespräch wird durch eine Frau unterbrochen, die fragt, ob es hier rumänischen Borș (Borschtsch) gibt, denn außerhalb ihrer früheren Heimat Bukarest kann sie ihn nirgendwo auftreiben. Sie fragt mich in einem Mischmasch aus Polnisch und Niederländisch, wann neue Ware eintrifft, und wegen der doppelten Sprachbarriere weiß ich nicht, wie ich ihr erklären soll, dass ich nicht hier arbeite. Agnieszka verschwindet zwischen den Regalen und kehrt mit zwei Kartons Borș und einer Handvoll Pflaumen in Schokolade zurück, von denen sie mir eine reicht. Sie selbst steckt sich eine Krówka in den Mund.
 
Flaschen mit rumänischem Borș

Flaschen mit rumänischem Borș | Foto: © Elias Bučko

Andere Möglichkeiten

Wir bleiben an der Fleischtheke stehen, wo Agnieszkas Kollegin bedient. Sie zieht ihren Gummihandschuh aus, reicht mir die Hand und stellt sich als Karolina vor. Sie lächelt viel, ihre pastellfarbene Kleidung wird von einem türkisfarbenen Hidschab ergänzt. Zwischen uns ist aber nicht nur die Theke, sondern auch eine Sprachbarriere. Gemeinsam schweigen wir in einem langen Moment ohne Kundschaft, in dem nur das polnische Radio in der Stille zu hören ist. Schließlich kommt sie aber hinter der Theke hervor und erklärt in zurückhaltendem Englisch, dass sie erst seit einer Woche im Krakus arbeitet. Sie spricht außerdem Polnisch und Türkisch. Vor zwei Monaten kam sie aus ihrer Heimatstadt in Polen hierher, und zwar wegen ihrem Mann, der aus Syrien stammt, sich aber in Amsterdam niedergelassen hat. Kennengelernt hatten sie sich aber vorher gerade in Amsterdam.

Karolina schiebt ein paar widerspenstige Haarsträhnen unter den Hidschab. Polen vermisst sie nicht. Aus ihrem Heimatland sei sie unter anderem wegen des anhaltenden Rassismus weggegangen. Vor sechs Jahren konvertierte Karolina zum Islam, doch den Hidschab hat sie sich erst kurz vor ihrem Weggang aus Polen gekauft. Sie sagt, dass sie ihn hier – in der Stadt und auch im Krakus dank der religiösen und ethnischen Vielfalt Amsterdams ohne größere Sorgen tragen kann: „Die polnische Gesellschaft ist noch voller Vorurteile. Frauen wie ich sind in der Öffentlichkeit kaum zu sehen, also hatte ich Angst, den Hidschab zu tragen. Viele Polen und Polinnen haben hasserfüllte Vorstellungen von Muslim*innen und Migrant*innen, die sie sich auf der Grundlage einseitiger Darstellung in sozialen Netzwerken oder den Nachrichten gebildet haben.“

Sie zieht die Handschuhe über und schneidet vorsichtig Scheiben von der Szynka chłopska. Sie lacht über die Ironie, dass sie ausgerechnet an der Fleischtheke arbeitet, obwohl sie das meiste, was hier angeboten wird, wegen ihres Glaubens selbst nicht isst. Außerhalb des Krakus geht sie am liebsten in türkische und arabische Lebensmittelläden. All diese Geschäfte geben ihr das Gefühl der Verbundenheit mit den Kulturen, die sie als ihre eigenen betrachtet, die polnische, syrische und türkische. Früher führte sie selbst einen kleinen Imbiss mit Gerichten aus diesen Ländern, doch heute kocht sie sie nur noch zu Hause in ihrer eigenen Küche.
 
Verkäuferin Karolina hinter der Fleischtheke. Sie hat ihr Heimatland Polen wegen der hohen Lebenshaltungskosten und des anhaltenden Rassismus in der polnischen Gesellschaft verlassen.

Verkäuferin Karolina hinter der Fleischtheke. Sie hat ihr Heimatland Polen wegen der hohen Lebenshaltungskosten und des anhaltenden Rassismus in der polnischen Gesellschaft verlassen. | Foto: © Elias Bučko

Karolina arrangiert Narzissen auf der Theke und fügt hinzu, dass sie Polen auch aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hat: „Ich habe sehr hart gearbeitet, viele Stunden für einen niedrigen Lohn. Die Lebenshaltungskosten sind jedoch hoch, sparen konnte man nichts“, sagt sie. „Hier verdiene ich mehr und kann mir für dasselbe Geld mehr kaufen.“

Ich frage sie, ob sie irgendwann zurückgehen möchte. Eine Weile ist nur das Summen der Gefriertruhen zu hören, während Karolina nachdenkt. Schließlich schüttelt sie den Kopf: „Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber erst einmal nicht. Ich bin dankbar für die Menschen, die ich hier treffe, und ich fühle mich hier wohl.“ Unser Gespräch ist zu Ende, als ein Rentnerehepaar kommt und bei Karolina auf Polnisch nach dem Schweinefleisch in der Theke verlangt.

Ich verlasse Krakus einige Stunden später, in den Händen eine geschenkte Box mit Ptasie Mleczko [wörtlich: Vogelmilch – ein polnisches Konfekt aus Schaumzucker mit Schokoglasur, Anm. d. Red.] und eine Tüte Mohn, mit dem ich heute noch Mohnkuchen backen will. Die polnische Flagge über dem Laden weht im Wind, und ich winke Agnieszka ein letztes Mal zu.
 
Zwischen den Regalen im Supermarkt Krakus. Eine Kundin geht durch die mit Lebensmitteln aus Mittel- und Osteuropa vollgestopften Gänge.

Zwischen den Regalen im Supermarkt Krakus. Eine Kundin geht durch die mit Lebensmitteln aus Mittel- und Osteuropa vollgestopften Gänge. | Foto: © Elias Bučko

Gemeinschaft

Am nächsten Tag führt mich mein Weg ins nahe gelegene Utrecht, ebenfalls an den Stadtrand. Zwischen blühenden Bäumen und Backsteinwohnhäusern steht ein niedriges Gebäude mit der rot-weißen Aufschrift Supermarket – Polski Sklep – Poolse Specialiteiten und einem Bild von einer Frau in Tracht. Draußen steht ein geparktes Motorrad und eine leere Flasche Aprikosenwodka Soplica.

Ein schwacher Geruch von Geräuchertem vermischt sich mit dem von Desinfektionsmittel, und in den engen, hell erleuchteten Gängen des polnischen Supermarkts Łowiczanka ist eine Geräuschkulisse aus niederländischem Radio und einem Gemisch slawischer Sprachen zu hören. „Przepraszam“, entschuldigt sich ein Rentnerehepaar mit vollem Einkaufskorb, das versucht zum Regal mit Quark und Sauerrahm zu gelangen. Ein Mann mit Kopfhörern betrachtet die ausgelegten Tischdecken mit Blumenstickereien, überlegt es sich dann anders und wirft ein paar hasenförmige Lollis in den Korb. Es ist der Sonntag vor Ostern und der Laden platzt fast aus den Nähten.

Ich bleibe an der Fleischtheke stehen, die das Herzstück des gesamten Ladens bildet. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schneiden in aller Eile Schinken, wiegen Würstchen und wickeln Fleisch für eine Schlange von Kund*innen ein, die sich bis hinter das Süßigkeitenregal zieht. Ein Mann mit übervollem Korb liest laut von einem handgeschriebenen Einkaufszettel auf Ukrainisch vor, während die Frau hinter ihm eine junge Angestellte auf Polnisch fragt, ob sie noch die guten Kielbasy haben, die sie letzte Woche hier gekauft hat. Haben sie: Unter dem Tresen holt die Verkäuferin eine noch ungeöffnete, beschlagene Tüte Würste hervor und legt sie auf die Waage.
 
Regale mit Nahrungsergänzungsmitteln, Medikamenten und Backwaren an der Kasse im Łowiczanka

Regale mit Nahrungsergänzungsmitteln, Medikamenten und Backwaren an der Kasse im Łowiczanka | Foto: © Elias Bučko

Als die Kundin zufrieden mit der Wurst davongeht und ich an der Reihe bin, spreche ich die Verkäuferin an, die sich mir auf Englisch als Wiktoria vorstellt. Nach einer kurzen Beratung mit ihren Kolleginnen auf Polnisch ist sie offensichtlich im Bilde darüber, was ich hier mache und bittet mich hinter die Theke. Sie kocht mir einen fruchtigen Minutka-Früchtetee und öffnet eine Schachtel Merci-Schokolade, die neben einer Kiste mit abgepacktem Schinken liegt. Heute ist ihr letzter Tag nach fünf Monaten Aushilfstätigkeit im Supermarkt. Sie vertraut mir an, dass sie schon die Tage bis zu ihrer Rückkehr nach Polen zählt, wo sie in einem Café arbeiten möchte. Ein Gefühl von Heimat hat sie in den Niederlanden nicht gefunden und das fehlt ihr. Noch fünf Stunden.

Der Łowiczanka ist zwar ein polnischer Supermarkt, doch in den Gängen ist Ukrainisch fast genauso häufig zu hören wie Polnisch. Ich komme mit einer jungen Kundin ins Gespräch, die zögernd zwischen verschiedenen Kuchen auswählt und schließlich einen Honigkuchen mit Gittermuster neben den Eiersalat in ihren Korb legt. Sie erzählt mir, dass sie heute etwas Neues ausprobieren möchte. Yustyna kam vor vier Jahren nach dem Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine nach Utrecht. Die Produktpalette des Ladens hat sich seitdem nach und nach verändert: Es kamen mehr ukrainische Kund*innen, die nach vertrauten Lebensmitteln suchten, und so auch immer mehr ukrainische Produkte in die Regale.

Was Yustyna am meisten fehlt, sind echte Warenyky, eine Art Teigtaschen, die in ihrer Familie traditionell zu Weihnachten zubereitet werden. Sie erinnert sich an gemeinsame Feiertage mit ihren Schwestern und hausgemachte Warenyky in fast industriellen Mengen überall auf der Arbeitsplatte in der Küche. Jetzt kauft sie sie meistens tiefgekühlt im Supermarkt. Sie kommt etwa einmal pro Woche her, und obwohl sie sich normalerweise nicht an Gesprächen beteiligt, spürt auch sie, dass der Supermarkt mehr bietet als nur importierte Lebensmittel. Er ist ein Ort informeller Begegnungen abseits der Mehrheitsgesellschaft und -sprache, aber auch ein Ort der Unterstützung, die vor allem ältere Menschen und neu angekommene Wirtschaftsmigrant*innen suchen.
 
Einkaufswagen vor den Kühlregalen mit Milchprodukten, Butter und Desserts. Aufgrund des wachsenden ukrainischen Kund*innenstamms erweitert Łowiczanka sein Sortiment schrittweise um ukrainische Produkte.

Einkaufswagen vor den Kühlregalen mit Milchprodukten, Butter und Desserts. Aufgrund des wachsenden ukrainischen Kund*innenstamms erweitert Łowiczanka sein Sortiment schrittweise um ukrainische Produkte. | Foto: © Elias Bučko

Dafür, dass im Łowiczanka ein Gemeinschaftsgefühl herrscht, sorgt Jolanta, die Chefin des Ladens, ganz bewusst. „Ich sehe mich nicht nur als Managerin. Ich bin vor allem für die Menschen da. Ich höre zu, was sie wollen und brauchen. Ich helfe, wo ich kann, und bestelle Waren auf Wunsch. Wir sind hier wie eine Familie“, beschreibt sie ihre Rolle im Supermarkt. Wie in den Krakus kommen auch hier in den Łowiczanka Kund*innen vieler verschiedener Nationalitäten: aus Polen, der Ukraine, aus Tschechien und der Slowakei, aus Rumänien, Bulgarien, gelegentlich aus Russland und Einheimische aus den Niederlanden.

„Was wir hier haben, bekommen Sie in einem holländischen Laden nicht. Deren Würstchen schmecken wie Gummi, und dieses Sauerkraut in Essig ist eine Sünde“, lacht Jolanta. Als Beweis führt sie mich zu den Einmachgläsern, nimmt Gläser mit Kohl und eingemachtem Spinat aus dem Regal und wiegt sie mit sichtlichem Genuss in der Hand. Der eingelegte Spinat wird sogar mit einem Luftkuss angepriesen, was zwei Arbeiter in schmutzigen Overalls amüsiert, die sich nach einer Kiste mit ukrainischem Wein strecken.

„Die Leute kommen manchmal auch einfach nur zum Reden her, wenn sie einsam sind oder niemanden haben, dem sie sich anvertrauen könnten. Manche kennen wir schon seit Jahren und wissen, was sie kaufen. Sie erzählen uns von Krankheiten, Kindern, dem Alltag und ihren Problemen. In einem normalen Supermarkt kauft man ein und geht wieder, bei uns aber nicht“, sagt Jolanta. Durch die Tür winkt sie einem Paar beim Einkaufen zum Gruß und erzählt mir, dass deren Sohn heute zehn Jahre alt wird. Draußen wartet ein neues Fahrrad auf ihn.

Jolanta emigrierte nach der Wende vor über 35 Jahren aus Polen und ist seit einigen Jahren die Chefin des Łowiczanka. Zurück will sie aber nicht: Hier hat sie ihren Mann kennengelernt, mit dem sie eine Familie gegründet hat, und hier ist ihre Enkelin. Die Arbeit erfüllt sie.
 
Jolanta, Chefin des Supermarkts Łowiczanka. Sie kam vor mehr als 35 Jahren in die Niederlande und hat genau hier ihr Zuhause aufgebaut.

Jolanta, Chefin des Supermarkts Łowiczanka. Sie kam vor mehr als 35 Jahren in die Niederlande und hat genau hier ihr Zuhause aufgebaut. | Foto: © Elias Bučko

Mit ihren Kolleginnen und Kollegen pflegt sie einen freundschaftlichen Umgang. Jolanta führt mich zurück zur Fleischtheke, wo sie mich einer kleineren blonden Frau, ihrer Kollegin Paulina, vorstellt. Mit einem vertraulichen Augenzwinkern fängt Paulina an, mir Stücke vom Schinken und Würstchen zum Kosten zu reichen. Sie teilt eine Kabanosy in zwei Hälften, eine bietet sie mir an, die andere Jolanta.

Während sie schneidet, erzählt sie mir, dass sie erst eineinhalb Jahre in Utrecht ist. Nach anfänglichen Zweifeln kam sie wegen ihres Freundes, der zwar auch Pole ist, aber hier Arbeit hat. Am Anfang war sie einsam, aber genau ihre Arbeit hier im Supermarkt hat sie dann gerettet. „Am meisten mag ich an dieser Arbeit die Menschen. Manchmal bin ich wie eine gute, nur eben schlechter bezahlte Therapeutin“, sagt Paulina lachend. „Mit Kunden oder Kundinnen treffen wir uns manchmal auch außerhalb des Ladens, wir erzählen uns gegenseitig von unseren Sorgen, die unsere niederländischen Nachbarn nicht verstehen würden“, fügt sie hinzu.
 
Paulina schneidet Aufschnitt. Die Fleischtheke ist das Herzstück des Łowiczanka; dort steht den ganzen Tag über eine Menschenschlange.

Paulina schneidet Aufschnitt. Die Fleischtheke ist das Herzstück des Łowiczanka; dort steht den ganzen Tag über eine Menschenschlange. | Foto: © Elias Bučko

Der Łowiczanka leert sich langsam. „Do pobachennya“, verabschiede ich mich holprig von der Ukrainerin Irina, die Konserven in ein Regal einräumt. Es ist erst ihr dritter Tag hier, doch die Arbeit geht ihr offensichtlich schon gut von der Hand. Vor der Ladentür stehen Paulina und Jolanta und machen eine Raucherpause. Ich stelle mich noch einen Moment zu ihnen und frage in einer Mischung aus Polnisch und Englisch, was sie für die Zukunft planen und wie lange sie noch im Łowiczanka bleiben möchten.

Paulina stößt den Rauch aus und zuckt mit den Schultern: Sie weiß nicht, ob sie ein paar Monate, ein paar Jahre oder länger bleiben will. Das wird sich zeigen. Jolanta hingegen drückt ihre Zigarette an der Wand aus und antwortet bestimmt: „Für immer.“
 
Eine ruhige Ecke im Łowiczanka mit Kasse, Fernseher und Osterdekoration: Hier vermischt sich der alltägliche Ladenbetrieb mit dem lockeren Gemeinschaftsleben.

Eine ruhige Ecke im Łowiczanka mit Kasse, Fernseher und Osterdekoration: Hier vermischt sich der alltägliche Ladenbetrieb mit dem lockeren Gemeinschaftsleben. | Foto: © Elias Bučko

Ich verlasse Łowiczanka schließlich mit einem Gefühlsgemisch aus Frustration und Verständnis. Mein Besuch in dem Laden hat mir die Komplexität des Lebens einer kulturellen Minderheitengemeinschaft – überwiegend polnisch und ukrainisch – näherbracht, die ich als Student bislang nur am Rande kannte. Zugleich wurde ich jedoch auch an meine eigene Randposition innerhalb dieser Gemeinschaft erinnert. Das zeigt sich unter anderem dadurch, dass mir vertraute slowakische Produkte oder Kund*innen hier nicht anzutreffen sind, aber auch durch die zahlreichen verlegen abgebrochenen oder vorzeitig beendeten Gespräche, da uns eine gemeinsame Sprache fehlte. Doch trotz der vielschichtigen Unterschiede macht sich in mir durch die beständig angebotenen Schinkenscheiben, polnischen Süßigkeiten und vor allem dank des gegenseitigen Bemühens, eine gemeinsame Sprache zu finden, ein fragiles Gefühl der Zugehörigkeit breit.
 
Lücken in den Regalen und Ruhe nach einem geschäftigen Sonntag im Łowiczanka | Eingemachtes, eingelegtes Gemüse und Salate. „Was wir hier haben, bekommen Sie in einem holländischen Laden nicht“, sagt Chefin Jolanta.

Lücken in den Regalen und Ruhe nach einem geschäftigen Sonntag im Łowiczanka | Eingemachtes, eingelegtes Gemüse und Salate. „Was wir hier haben, bekommen Sie in einem holländischen Laden nicht“, sagt Chefin Jolanta. | Foto: © Elias Bučko

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