Berlinale 2026  Große Präsenz aus der SWANA-Region

Ein Paar sitzt auf dem Rücksitz eines Autos. Der Mann hat seinen Arm um die Frau gelegt. Er ist jung, schwarz, die Frau ist älter und hellhäutig.
Szene aus dem Film „Only Rebels Win“ © Easy Riders Films

Das arabische Kino ist auf der 76. Berlinale mit 15 verschiedenen Filmen, darunter Klassiker, Jurybeiträgen und Beiträgen aus dem Nachwuchsprogramm, sowie dem Koproduktionsmarkt und seinen Projekten, außergewöhnlich stark vertreten. Diese Auswahl spiegelt die wachsende Bedeutung wider, die Filmemacher aus dem Nahen Osten und Nordafrika in den letzten Jahren erlangt haben.

Im internationalen Wettbewerb tritt die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid mit ihrem Film „In A Whisper“ (Im Flüsterton) an, dem einzigen arabischen Film im Rennen um den Goldenen Bären. Der Film thematisiert die sensible Frage der sexuellen Freiheit in östlichen Gesellschaften anhand der Geschichte einer jungen Frau, die von Paris nach Tunesien zurückkehrt, um an der Beerdigung ihres plötzlich verstorbenen Onkels teilzunehmen. Dort deckt sie die unausgesprochenen Geheimnisse ihrer Familie auf.

Der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib ist mit seinem Film „Chronicles from the Siege“ (Chroniken der Belagerung) in der Sektion „Perspektiven“ vertreten. Alkhatib wird außerdem gemeinsam mit seinen Teammitgliedern Rana Eid und Talal Khoury an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Filming Under Siege" (Filmen unter Belagerung) teilnehmen.

Die palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass, die auch in „In A Whisper“ und in Danielle Arbids Film „Only Rebels Win“ (Nur Rebellen gewinnen), der Teil der Panorama-Sektion ist, mitwirkt, spricht in einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "The Identity of a Voice" (Identität einer Stimme) über ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit zahlreichen prominenten arabisch-sprachigen und internationalen Regisseuren. „Only Rebels Win“ erzählt die bewegende Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einer älteren Witwe aus der Mittelschicht mit palästinensischen Wurzeln und einem wesentlich jüngeren Sudanesen ohne Aufenthaltsgenehmigung, der in Beirut lebt.

In der Panorama-Sektion werden zwei weitere Filme gezeigt: „Safe Exit“ (Sicherer Ausgang) des ägyptischen Regisseurs Muhamad Hammad und der Dokumentarfilm „The Other Side of the Sun“ (Die andere Seite der Sonne) des syrischen Regisseurs Tawfik Sabouni, der eine Gruppe Überlebender des berüchtigten Saydnaya-Gefängnisses porträtiert.

Im Forum präsentiert die libanesische Regisseurin Rania Rafei den Dokumentarfilm „The Day of Wrath: Tales from Tripoli“ (Der Tag des Zorns: Geschichten aus Tripolis). Ebenfalls gezeigt wird der Dokumentarfilm „Beaucoup parler“ (Viel Reden), gedreht in Ägypten vom französischen Regisseur Pascal Baudet, der den Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung schildert.

Die Berliner Sondervorführungen präsentieren die amerikanische Produktion „Who Killed Alex Odeh?“ (Wer tötete Alex Odeh?), unter der Regie von Jason Osder und William Lafi Youmans (Letzterer palästinensischer Abstammung). Der Film untersucht den unaufgeklärten Mord an dem palästinensisch-amerikanischen Aktivisten Skander Odeh, der 1985 in den USA ermordet wurde.

Das Festival präsentiert außerdem zwei Kurzfilme: „Someday a Child“ (Eines Tages ein Kind) der libanesischen Regisseurin Marie-Rose Osta im Kurzfilmwettbewerb und „White“ (Weiß) des irakisch-kurdischen Regisseurs Navroz Shaban in der Sektion Generation.

Klassische Filme und Ausstellungen

Die Auswahl der Berlinale beschränkt sich nicht nur auf moderne Filme, die auf dem Festival ihre Weltpremiere feiern, sondern umfasst auch vier Klassiker, die im Rahmen der verschiedenen Programme gezeigt werden.

Im Rahmen der Sektion „Berliner Klassiker“ wird der renommierte marokkanische Film „Mirage“ von Ahmed Bouanani aus dem Jahr 1979 in einer restaurierten Fassung gezeigt. Er gilt als einer der wichtigsten Filme der marokkanischen Kinogeschichte und erzählt die Geschichte eines Bauern, der nach einem Geldfund beschließt, in die Stadt zu gehen.

In der Sektion Forum Expanded werden zwei Kurzdokumentarfilme gezeigt: "Sad Song of Touha" (Das traurige Lied von Touha) des ägyptischen Regisseurs Atteyat Al Abnoudi (1972) und „The Dislocation of Amber“ (Die Verschiebung des Bernsteins) des sudanesischen Regisseurs Hussein Shariffe (1975).*

Die Sektion Forum umfasst außerdem die Kunstausstellung "Casting for a Film, Ihsan’s Diary" (Casting für einen Film: Ihsans Tagebuch) mit Werken der Künstlerin Lamia Joreige. Die Ausstellung spielt in Beirut, wo Schauspieler*innen für einen Film vorsprechen, der auf den Memoiren eines Soldaten basiert, die 1915 in Jerusalem verfasst wurden.

Im Rahmen des Programms „Teddy 40“, das die Teddy Awards für LGBTQ+-Filme feiert, wird der libanesische Kurzfilm „Mondial 2010“ von Regisseur Roy Dib gezeigt, der bereits 2014 auf dem Festival lief.

Drei Juroren und acht Talente

Die Präsenz arabischsprachiger Filmemacher*innen erstreckt sich auch auf die Jurys. Die marokkanische Regisseurin Sofia Alaoui ist Mitglied der Jury des Wettbewerbs „Perspectives“, und der syrische Regisseur Ameer Fakher Eldin gehört der Jury des Kurzfilmwettbewerbs an. Die Jury des Internationalen Filmkritikerverbands (FIPRESCI) umfasst unter anderem den palästinensischen Kritiker Saleem Albeik.

Im Programm Berlinale Talents wurden acht arabischsprachige Künstler*innen ausgewählt, die mehrheitlich aus Ägypten stammen. Fünf ägyptische Talente nehmen zum ersten Mal teil: die Produzentin Sawsan Yusuf, die Regisseurin Yomna Khattab, der Komponist Mina Samy, der Schauspieler Mohamed Hatem und die Marketing- und Promotionexpertin Maram El Bedewy. Komplettiert wird der arabische Talentpool durch den sudanesischen Regisseur Ibrahim Snoopy und die Schauspielerin Eiman Yousif, sowie den syrischen Regisseur Anas Zwahri.

Neben der Präsenz von Filmen und Persönlichkeiten ist das Königreich Marokko Ehrengast auf dem Europäischen Filmmarkt. Der Markt rückt die marokkanische Filmindustrie in den Fokus, die beachtliche Erfolge erzielt – sowohl in Bezug auf den  internationalen Erfolg marokkanischer Filme als auch in Marokkos Entwicklung zu einem bevorzugten Drehort für viele westliche Produktionen.

Diese beispiellose Präsenz in ihrer Dichte und Vielfalt spiegelt den wachsenden Wert des arabischen Kinos wider, das sich in den letzten zehn Jahren im Bezug auf die Präsentation neuer Talente und interessanter Filme zu einer der aktivsten Regionen weltweit entwickelt hat.


*Anmerkung der Redaktion, Stand 16.02.26: Der Film "Sad Song of Touha"  und der Film "The Dislocation of Amber" wird anders als geplant nicht im diesjährigen Forum Expanded vorgeführt. Die Cimatheque – Alternative Film Center hat gemeinsam mit den Familien der Filmemacher*innen entschieden, den Film aus dem Festival zurückzuziehen.