Der Krieg im Sudan dauert seit 2023 an. Für sudanesische Menschen mit Behinderungen hat er die strukturelle Ausgrenzung in eine existenzielle Bedrohung verwandelt. Rahma Mustafa berichtet über das Leid von Menschen mit Behinderungen, aber vor allem über ihre Widerstandsfähigkeit und Inititiative inmitten der andauernden Gewalt.
Der Krieg im Sudan dauert nun schon zweieinhalb Jahre. Städte und Fluchtrouten sind verwüstet und eine lange schwelende Krise hat sich verschärft. Für sudanesische Menschen mit Behinderungen hat der Krieg die strukturelle Ausgrenzung in eine existenzielle Bedrohung verwandelt. Häuser wurden zerstört, Krankenhäuser leergeräumt und ganze Viertel von der Außenwelt abgeschnitten. Berichten zufolge wurden einige, die nicht fliehen konnten, hingerichtet. Andere sitzen in unzugänglichen Notunterkünften fest; ihr Leben hängt davon ab, ob eine Rampe vorhanden ist, ein Rollstuhl oder ein Nachbar sie in Sicherheit bringen kann.Doch inmitten des Zusammenbruchs staatlicher Systeme und der Lähmung offizieller humanitärer Hilfsmaßnahmen geschieht etwas anderes – etwas Kraftvolles, Trotziges, das tief in einer auf Rechten basierenden Vision von Gleichberechtigung verwurzelt ist. Sudanesische Behindertenaktivist*innen, viele von ihnen selbst Vertriebene, füllen die Lücken mit einem klaren Ziel, das Gemeinschaften von innen heraus verändert. Sie warten nicht darauf, gerettet zu werden. Sie organisieren sich, klären auf, verhandeln und entwickeln Lösungen, wo es keine gibt.
Dies ist ihre Geschichte – eine Geschichte des Überlebens, ja, aber auch der Führung. Von Gemeinschaften, die sich der Auslöschung widersetzen. Von der Zivilgesellschaft, die in Echtzeit den ersten Entwurf einer inklusiven Zukunft verfasst.
Wenn Ausgrenzung über Leben und Tod entscheidet
Für Menschen mit Behinderungen im Sudan begann die Ausgrenzung nicht erst mit dem Krieg. „Das Leid von Menschen mit Behinderungen begann nicht erst am 15. April“, sagt der Aktivist Anas Alzubair. „Es ist eine lange Geschichte der Marginalisierung und des Fehlens grundlegender Rechte.“Vor dem Konflikt fehlten vielen Schulen Rampen, Kliniken waren rar und unzuverlässig, und Hilfsmittel waren für viele unerschwinglich. Stigmatisierung, nicht Unterstützung, prägte die öffentliche Wahrnehmung.
Doch der Krieg hat diese bereits bestehenden Ungleichheiten in tödliche Hindernisse verwandelt. Gisma, eine sehbehinderte Frau, die heute in Port Sudan lebt, beschreibt, wie schnell das normale Leben verschwunden ist: „Der Krieg hat unser Leid nicht ausgelöst – er hat es nur vervielfacht. Vorher war das Überleben schon schwer. Jetzt fühlt es sich wie ein Privileg an.“
Mariam, eine Rollstuhlfahrerin, die früh im Kampfgeschehen ihr Zuhause verlor, erinnert sich an die Nacht ihrer Flucht: „Ich kann mich im Lager nicht sicher bewegen. Jedes Geräusch fühlt sich bedrohlich an. Ich kann nicht schlafen. Ich fühle mich völlig unsicher.“
Da Krankenhäuser zerstört oder besetzt sind, sind die Rehabilitationsdienste nahezu zusammengebrochen. Hilfsmittel – Rollstühle, Krücken, Hörgerätebatterien – sind kaum zu ersetzen. Gleichzeitig verursachen Sprengwaffen täglich neue Behinderungen. Verbrennungen, traumatische Amputationen und Wirbelsäulenverletzungen haben stark zugenommen, insbesondere bei Kindern.
Mit der Eskalation der Kämpfe – vor allem um Al-Fasher in Nord-Darfur – sind die Folgen brutal. Laut mehreren humanitären Organisationen, darunter Humanity & Inclusion (HI), konnten einige Menschen mit Behinderungen nicht fliehen und wurden Berichten zufolge in ihren Häusern hingerichtet. Andere sind weiterhin eingeschlossen, da Krankenhäuser zusammenbrechen und Versorgungswege abgeschnitten sind.
Vincent Dalonneau, Landesdirektor von Human Rights Watch im Sudan, berichtete: „Diese Welle der Gewalt ist unerträglich und trifft vor allem die Schwächsten, insbesondere Menschen mit Behinderungen.“
Krieg verursacht nicht nur neue Behinderungen durch Sprengwaffen, sondern zerstört auch die Systeme, die den Menschen einst das Überleben ermöglichten. Ohne Rehabilitation werden Kriegsverletzungen zu lebenslangen Beeinträchtigungen. Ohne Schutz wird Behinderung zum Zeichen extremer Verletzlichkeit.
Doch in dem entstandenen Vakuum hat die Behindertenbewegung die Initiative ergriffen und mit dem Wiederaufbau begonnen.
Grassroots Initiativen zur Rettung von Leben
Inmitten der verheerenden Folgen der Pandemie hat sich die Behindertenbewegung im Sudan zu einer starken Triebkraft der Zivilgesellschaft entwickelt. Aktivist*innen – viele von ihnen selbst Vertriebene – haben schneller und effektiver Unterstützungssysteme aufgebaut als formale Strukturen.WhatsApp und Facebook sind zum Rückgrat der gemeinschaftlich organisierten humanitären Hilfsmaßnahmen geworden. Netzwerke wie Safe Passages (Mamarrat Aamina – آمنة ممرات) koordinieren Evakuierungen, verbreiten Sicherheitswarnungen in Echtzeit, suchen nach Vermissten und organisieren barrierefreie Transportmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen.
Diese Netzwerke retten nicht nur Leben, sondern geben auch die Würde zurück. Sie übersetzen Warnmeldungen in Gebärdensprache, erstellen Audioaufnahmen für Blinde und bieten vereinfachte Anleitungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Über Notfälle hinaus richten sie Zentralküchen ein, passen die Lagerbedingungen an, vermitteln Kontakte zu Hilfsangeboten, führen Schulungsprogramme durch und begehen den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Wo formale Systeme versagen, füllen diese Netzwerke Lücken mit Einfallsreichtum, Fürsorge und Inklusion.
Ein historischer Sieg inklusiver Prüfungen in Kairo
Im Exil erreichten sudanesische Behindertenaktivist*innen einen Meilenstein, den kaum jemand für möglich gehalten hatte. Als Familien nach Ägypten flohen, drohte Schüler*innen mit Behinderungen der Verlust ihrer schulischen Zukunft – bis Eltern, Lehrer*innen und Aktivist*innen die erstmalige Durchführung der sudanesischen Abschlussprüfungen außerhalb des eigenen Landes in Kairo organisierten. „Das war ein harter Kampf – wir weigerten uns, ihnen vom Krieg ihre Zukunft rauben zu lassen“, sagt Hayfaa, eine Sonderpädagogin. Mit barrierefreien Prüfungszentren, Gebärdensprachdolmetscher*innen, psychosozialer Unterstützung und offizieller Genehmigung baute die Gemeinschaft inmitten der Vertreibung ein inklusives System wieder auf. Wie ein Lehrer es ausdrückte: „Sie taten alles Mögliche – und manches Unmögliche.“ Für die Diaspora bewies dies, dass Rechte selbst im Krieg verteidigt werden können.Behinderung, Geschlecht und Überleben
Frauen mit Behinderungen, die oft zu den am stärksten marginalisierten Gruppen gehören, haben sich zu einigen der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten entwickelt.Weam, eine prominente Aktivistin, schildert, warum ihre Koalition sich für die Verteilung von Menstruationshygieneartikeln an vertriebene Frauen einsetzt: „Während des Krieges bringt niemand diese Hilfsgüter zu vertriebenen Frauen mit Behinderungen, es sei denn, wir erheben unsere Stimme.“
Ihre Gruppe arbeitete mit etablierten feministischen Organisationen zusammen, um Menstruationshygieneartikel, Produkte für die reproduktive Gesundheit und sogenannte Würdepakete an Hunderte von Frauen in Flüchtlingslagern zu verteilen. Aktivistinnen haben auch die Interessenvertretung auf nationaler Ebene mitgestaltet. In Abstimmung mit dem Sozialentwicklungssektor und UN Women trugen sie zur Entwicklung einer Strategie für die wirtschaftliche und soziale Integration von Frauen mit Behinderungen bei – eine der wenigen zukunftsweisenden politischen Initiativen, die während des Krieges ins Leben gerufen wurden.
„Wir brauchen dringend realistische und nachhaltige Planungen, um die Notlage von Frauen mit Behinderungen zu lindern“, betont Weam.
Politische Erfolge: Wenn Aktivismus zu Reformen führt
Trotz des Chaos haben sudanesische Behindertenorganisationen (OPDs) bedeutende politische Veränderungen bewirkt.1. Wiederherstellung der Identität und des Zugangs zu Hilfsleistungen
Viele Vertriebene verloren auf der Flucht ihre Ausweise. Ohne Dokumente wurde ihnen die finanzielle Unterstützung verweigert. Die OPDs beantragten beim Innenministerium eine Ausnahmeregelung – und gewannen. Das Standesamt erließ alle Gebühren für die Neuausstellung von Ausweisdokumenten für Menschen mit Behinderungen.
2. Abschaffung diskriminierender Bankauflagen
Zuvor mussten Menschen mit Behinderungen einen Vormund mitbringen, um ein Bankkonto zu eröffnen. Nach anhaltendem Engagement schaffte die Zentralbank diese Regelung ab und gewährleistete so den gleichberechtigten Zugang zu Finanzdienstleistungen.
3. Strategische Partnerschaften für inklusive Hilfsleistungen
Lokale OPDs schlossen Bündnisse mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM), dem Sudanesischen Roten Halbmond und von Frauen geführten Gruppen. Gemeinsam registrierten sie Menschen mit Behinderungen in Notunterkünften, stellten eine barrierefreie Verteilung von Hilfsgütern sicher, dokumentierten Menschenrechtsverletzungen und setzten sich für sichere und inklusive Evakuierungsrouten ein.
Diese Erfolge spiegeln eine zentrale Wahrheit wider: Inklusion ist möglich, wenn diejenigen, die die Realität am eigenen Leib erfahren, die Lösungen mitgestalten.
Gemeinschaftliche und basisnahe Interventionen
Im gesamten Sudan und in der Diaspora haben von Menschen mit Behinderungen geführte Netzwerke Mikrosysteme der Unterstützung geschaffen, die weit über formelle Hilfe hinausgehen. Freiwillige nutzten einfache Tabellen, um Neuankömmlinge zu erfassen und sicherzustellen, dass niemand von der Hilfe ausgeschlossen wurde. Lehrkräfte leiteten informelle Lerngruppen, um Kinder mit Behinderungen zu unterstützen, die jahrelang Schulbildung verpasst hatten. Aktivist*innen schufen barrierefreie Informationskanäle, die weit über offizielle Bekanntmachungen hinausgingen. Mütter bildeten Unterstützungsnetzwerke, um Lebensmittel, Medikamente und emotionale Unterstützung zu teilen.Eine Mutter fasst diesen Geist so zusammen: „Wir haben um einen Platz am Tisch gekämpft und gezeigt, dass Behinderung keine Niederlage bedeutet – sie ist Stärke und Willenskraft.“
Was eine inklusive Zukunft erfordert
Sudanesische Behindertenaktivisten leben bereits vor, wie ein inklusiver Wiederaufbau aussehen sollte. Ihre praktischen Vorschläge bilden einen klaren Fahrplan – basierend auf Rechten, nicht auf Wohltätigkeit:1. Volle Teilhabe: Menschen mit Behinderungen müssen in allen Entscheidungsgremien vertreten sein – von Lagerräten bis hin zu nationalen Wiederaufbauforen.
2. Abbau von Barrieren: Barrierefreiheit muss für Unterkünfte, Kliniken und Latrinen gewährleistet sein. Auch die Kommunikation muss gewährleistet sein: Notfallinformationen müssen in Gebärdensprache, Braille und einfacher Sprache verfügbar sein.
3. Geschlechtersensible Unterstützung: Programme müssen auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen mit Behinderungen eingehen, einschließlich sexueller und reproduktiver Gesundheit, Schutz und Teilhabe.
4. Direkte Finanzierung von Behindertenorganisationen: Basisorganisationen sind oft die ersten Helfer in Krisensituationen. Geber*innen müssen in ihre Kapazitäten und ihre Nachhaltigkeit investieren.
5. Inklusive Datensysteme: Aufgeschlüsselte Daten (nach Behinderung) gewährleisten Transparenz, Rechenschaftspflicht und gezieltere Hilfe. Lokale, gemeinschaftlich geführte Registrierung ist unerlässlich.
6. Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung: Menschen mit Behinderungen sind mehr als nur Opfer. Wie Mona, eine bekannte Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, es ausdrückte: „Wir hoffen, als Führungskräfte und nicht als Belastung wahrgenommen zu werden.“
Diejenigen, die sich weigern zurückgelassen zu werden
Sudan ist mit katastrophaler Gewalt konfrontiert, doch die Behindertenbewegung dort geht mit außergewöhnlichem Mut voran. Ihre Botschaft ist klar: Inklusion ist kein Luxus – sie ist ein Menschenrecht, selbst im Krieg.Wahre Resilienz, so zeigen sie, ist nicht bloßes Ausharren, sondern Transformation. Nicht Abwarten, sondern Führen. Nicht Hoffnung ohne Handeln, sondern Handeln, das Hoffnung schafft. Wie eine Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kassala sagte: „Wir organisieren uns, wir bilden uns weiter und wir kümmern uns umeinander. So entsteht Resilienz.“
Sudans Wiederaufbau muss von jenen geleitet werden, die bereits im Schatten des Konflikts Inklusion aufbauen. Die internationale humanitäre Gemeinschaft, Regierungen und Geber*innen müssen ihrem Beispiel folgen: ihre Arbeit finanzieren, ihre Stimmen verstärken und sich für einen systemischen Wandel einsetzen. Diejenigen, die am stärksten betroffen sind, verdienen mehr als nur zu überleben – sie verdienen Partnerschaft und Mitspracherecht bei der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft.
Februar 2026