Algerien

Jun. 2020

Wasser ist Leben4 min Nachhaltige Fischerei in Tipasa

Ein Stehpaddler und ein Taucher im Wasser nahe des Ufers umgeben von Müll Foto (Detail): © Samia Balistrou

Umweltschädliche Praktiken in der Fischerei und Verschmutzung, besonders durch Plastik, bedrohen die Lebenswelt der 1622 km langen algerischen Küste. Der Umweltverband HOME in Tipasa arbeitet mit allen Interessengruppen, um dies zu ändern.

Riesengroß und ungeheuer divers: Algerien erstreckt sich vom azurblauen Mittelmeer bis zu den rotgelben Dünen der Sahara und ist das größte Land Afrikas. Trotz seiner 1622 km langen Küste ist Algerien bislang von den Problemen des Massentourismus verschont geblieben. Das heißt aber nicht, dass die schädlichen Auswirkungen menschlichen Handels hier nicht spürbar wären. Doch statt rücksichtslosen Touristen leidet die Küstenregion unter kommerziellen Aktivitäten wie Fischerei und Abfallverbringung. Auch durch die Verschmutzung durch Abwasser ist sie stark bedroht.

Gesetze, die die Küste schützen sollen, werden kaum eingehalten. Die ernüchternde Realität ist, dass in Industriezonen wie Arzew, Skikda und Ghazaouet Müll direkt ins Meer gepumpt wird. Dazu kommt, dass mit Müll oder anderen Frachten beladene Schiffe, die algerische Häfen anfahren, immer wieder Öllachen hinterlassen.

„HOME“ Umweltverband

Eine der sichtbarsten Formen der Verschmutzung in den Küstengebieten ist Feststoffabfall, insbesondere Plastik, wie Tüten und Verpackungen, Dosen und Bierflaschen, Lumpen und sogar Gummireifen. In ihren 35 Jahren als Taucherin hat Samia Balistrou beobachtet, wie sich der Müll in der hiesigen Unterwasserwelt immer stärker ausbreitete.

Foto der Taucherin Samia Balistrou unter Wasser. Taucherin Samia Balistrou | Samia Balistrou Sie kam zu dem Entschluss, dass Handeln dringend notwendig war. 2015 gründete sie den Umweltverband HOME in Tipasa, einer Küstenstadt siebzig Kilometer östlich von Algier. „Ich habe den Verband ins Leben gerufen, damit er eine wichtige Aufgabe erfüllt: den Schutz von Meer und Küste“, sagt Samia, die das Mittelmeer in und auswendig kennt und die Entwicklung seiner Lebenswelt genau verfolgt hat.
 
Samia begann ihre besondere Einsicht in die sich anbahnende Umweltkatastrophe zu nutzen, um in der Gesellschaft Bewusstsein für die Gefahren für das Meer zu schaffen. Sie schrieb Artikel und produzierte und moderierte zwei Radiosendungen über die Umwelt und das Meer – zweitere mit dem Titel Sawt el-Bahr (Stimme des Meeres). Die Sendungen „erhielten sehr gutes Feedback, blieben aber ohne große Wirkung auf Entscheidungsträger und das Verhalten der Bevölkerung“, sagt Samia.
  So kam ihr die Idee eine Organisation zu gründen, in der Freunde von Meer und Umwelt ihre Bemühungen vereinen könnten, um gemeinsam ein gesellschaftsweites Umdenken zu bewirken. Ihr „Baby“, wie Samia den Verband liebevoll nennt, erhielt den Namen HOME - „in Anerkennung des gleichnamigen Films von Yann Arthus-Bertrand, der mich sehr stark bewegt hat“.

„Responsible Fisherman“

In einer ihrer Radiosendungen sprach Samia mit einem Fischer, der sich darüber beschwerte aus seinen Netzen immer mehr Plastik zu bergen. Auf die Frage, was er denn mit dem Müll mache, erwiderte er nüchtern: „Ich schmeiß‘ ihn zurück ins Meer“. Sie erinnert sich, wie es ihr bei dieser Antwort eiskalt den Rücken hinunterlief. Für sie war es „der Hinweis auf ein ganz grundsätzliches Problem“ unter Fischereiarbeitern, denen die wesentliche Bedeutung des Meeres auch für ihr eigenes Leben gar nicht richtig bewusst war. Samia erkannte, dass die Arbeiter ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder nur dann retten könnten, wenn sie ihren Teil zum Schutz des Mittelmeeres beitrugen. Die Lösung bestand in Nachhaltigkeit – also verantwortungsvollen und umweltfreundlichen Fischereimethoden.

HOME startete das Projekt „Responsible Fischerman“ – zu Deutsch verantwortungsvoller Fischer – mit dem Ziel diejenigen, „die das Meer ausbeuteten“, für die Aggressionen zu sensibilisieren, die sie selbst gegen eine Lebenswelt richteten, auf die sie angewiesen waren. Aggressionen wie die Verwendung von Sprengstoff, Schlepp-, Treib- und Beutelnetzen und die Missachtung biologischer Ruhezeiten, die zur Überfischung führen. Auch über die schädlichen Auswirkungen von Plastik sowie die Notwendigkeit, diese ordnungsgemäß zu entsorgen, sollte informiert werden. Fischer sollten zur ersten Verteidigungslinie der marinen Ressourcen werden, die sie zum Überleben brauchten.

Zunächst organisierte HOME einen großangelegten Infotag, zu dem sie die Fischer aller fünf Häfen der Provinz Tipasa einluden, sowie Beamte aus Tipasas Direktionen für Fischerei, Umwelt und Tourismus und aus Rathäusern; Wissenschaftler der Nationalen Küstenkommission, des Nationalen Zentrums für Forschung und Entwicklung in der Fischerei und Aquakultur (NCRDFA) und der Nationalen Schule für Meereswissenschaften und Küstenplanung (ENSSMAL); dazu kamen Medienvertreter. Anschließend veranstaltete HOME Trainings zu nachhaltiger Fischerei für insgesamt sechzig Fischer, eine gleiche Anzahl aus jedem Hafen. Sie alle hatten sich über die HOME Facebookseite beworben.

Menschen sitzen an Tischen in einem Konferenzsaal, ein Miniaturboot im Vordergrund HOME führte Schulungen zum Thema „Nachhaltige Fischerei“ für 60 Fischer durch, die aus den fünf Häfen ausgewählt wurden | Samia Balistrou In drei Workshops mit je zwanzig Teilnehmern erhielten die Fischer die Gelegenheit, die Schwierigkeiten ihres Berufs ausführlich mit Repräsentanten aus Regierung und Wissenschaft zu diskutieren – alle drei Pfeiler des Sektors an einem Tisch vereint. Auf der Grundlage ihres Austauschs wurde eine „Charta für verantwortungsvolle Fischerei“ und ein „Gute Praxis Guide“ entwickelt, in großer Zahl gedruckt und an die Zielgruppe verteilt.

Die größte Anziehungskraft übten allerdings Tauchstunden aus, die der HOME Umweltverband mit Unterstützung des UNDERSEA Tauchzentrums Tipasa organisierte. Mehr als achtzig Interessierte konnten so bei einem „Schnuppertauchgang“ die Unterwasserwelt des Mittelmeers zum ersten Mal mit eigenen Augen erleben.

Am Ende des 18-monatigen Projekts unterschrieb HOME mit der Kammer für Fischerei und Aquakultur (CAPA) eine Vereinbarung über dauerhafte Zusammenarbeit und den Ausbau des Projekts auf den gesamten Fischereisektor
  • Person in einem Kayak, das gefüllt ist mit Müll aus dem Meer, der Kamera zugewandt ©Samia Balistrou
    Die HOME Environmental Association mit Sitz in Tipaza säubert die Küsten und das Meer.
  • Ein Stehpaddler und ein Taucher im Wasser nahe des Ufers umgeben von Müll © Samia Balistrou
  • Blick auf den Strand von einem vermüllten Sandhügel aus © Samia Balistrou
  • Eine Frau mit vollen Müllsäcken im Wasser © Samia Balistrou

„Die Behörden hatten kein Vertrauen in unsere Fähigkeit, diese Aufgabe zu meistern.“

Samia erinnert sich, dass beim Start des Projekts niemand auch nur im Geringsten geahnt hatte, zu welcher Größe es anwachsen würde. „Die Behörden hatten kein Vertrauen in unsere Fähigkeit, diese Aufgabe zu meistern. Von Anfang an, als wir uns auf die Suche nach Fischern, Kapitänen und Reedern machten, gab es Probleme. Sie zeigten kein Interesse am Projekt. Außerdem war die Abwesenheit zweier Akteure deutlich zu spüren: die der Küstenwache, die für die Einhaltung der relevanten Gesetze Sorge trägt, und der Hafenbehörde, die eine große Rolle bei der Entsorgung des Plastikmülls aus den Netzen der Fischer hätte spielen können. Aber dennoch: wir hatten die Unterstützung der Generaldirektion für Fischereien und Aquakultur, des NCRDFA, der CAPA [und vieler anderer], die auch bei der Abschlussveranstaltung präsent waren.“

Neben der Ermutigung, die der Verband aus dem großen Interesse an seinem Projekt erfahren hat, berichtet Samia außerdem von einer weiteren bedeutenden Geste. Sie sei von der Direktion für Fischerei und Fischereiressourcen (DPRH) eingeladen worden, um mit Vertretern aus Algier und Bourmerdès über das Projekt zu sprechen.

Nun warten die Mitglieder von HOME auf deren Feedback und hoffen, ihr Konzept bald auch in andere Provinzen exportieren zu können. Fraglos besteht dafür allerhöchste Dringlichkeit, “in einer Zeit, in der der Verfall der Umwelt rasend schnell voranschreitet, Entscheidungsträger ihre Blicke abwenden und sich mit der Beschwichtigung der Öffentlichkeit zufriedengeben“.

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