Der Libanon singt seit jeher Lobeshymnen auf seinen einzigartigen Wasserreichtum. Doch heute plagen den Wassersektor gleich mehrere Krisen, von denen die wohl dramatischste die zunehmende Verschmutzung von Flüssen, Meer und Grundwasser ist. Angesichts des „Jahrhundert-Kollapses“, den der Libanon derzeit erlebt: Wohin wird diese Entwicklung führen? Hat das Land etwa einen „Point of no Return“ erreicht?
Das Ergebnis jahrzehntelangen Versagens des libanesischen Staates, den Wassersektor zu regeln und das Abwasserproblem unter Kontrolle zu bringen, entfaltet sich vor unsere Augen. Die Wasserverschmutzung ist zu einer wahren Bedrohung für Umwelt, Landwirtschaft und damit auch für den Menschen, seine Gesundheit, Nahrungsmittelsicherheit und Wasserversorgung geworden. Gewässerökologe Dr. Kamal Salim erklärt, dass die Verschmutzung von Libanons diversen Wasserquellen auf „verschiede Faktoren zurückgeht, die wiederum ein Resultat des Missmanagements dieses Sektors sind. In erster Linie steht dieses Missmanagement im Zusammenhang mit der Nichtbehandlung des Abwassers, das die größte und gefährlichste Ursache der Wasserverschmutzung darstellt. Die Mehrheit der Dörfer und Städte entsorgt ihr Abwasser nämlich direkt in die Flüsse und Wadis, wodurch das Undergrundwasser kontaminiert wird. Dazu kommt natürlich das Industrieabwasser.“ Er fügt hinzu: „Es gab entlang des Flusses Litani mal eine Reihe wichtiger Kläranlagen. Schließlich war nur noch diejenige in Zahlé in Betrieb, aber heute arbeitet auch sie nicht mehr, weil der Vertrag mit dem Betreiber ausgelaufen ist und der Staat sie nicht eigenständig betreiben kann“. Dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, was im libanesischen Wassersektor schon länger schiefläuft. Berichte über die Wasserqualität zeigen, dass etwa 65 Prozent des Schmutzwassers über 53 Abflussstellen entlang der libanesischen Küste ins Meer abgeleitet werden.In den letzten zwei Jahrzehnten betrug der Wert an Investitionen in die Abwasserbehandlung über 1,4 Milliarden US-Dollar – ein Betrag, der gering erscheint, bedenkt man, dass der Libanon jedes Jahr etwa 310 Millionen Kubikmeter Abwasser produziert. Diese Menge setzt sich aus 250 Millionen Kubikmetern Abwasser aus Haushalten und etwa 60 Millionen Kubikmeter Industrieabwasser zusammen.
Paul Abi Rached, Gründer und Präsident des Vereins Terre Liban, sieht deshalb in der Errichtung von Kläranlagen im ganzen Land die einzige Lösung für das Problem. Vor allem müsse der Bau kleinerer Klärwerke, die mit einfachen technologischen Mitteln betrieben werden können, gefördert werden.
Die Gewässer Libanons in beängstigendem Zustand
Der Anblick toter Fische, dreckig-schwarzer Flüsse und Seen und einer von Abfall gesäumten Meeresküste ist zum Alltag für die Menschen im Libanon geworden. Ein Bericht des Nationalrats für wissenschaftliche Forschung mit dem Titel Die ökologische Lage der Gewässer entlang der libanesischen Küste (2021) zeichnet ein düsteres Bild: Nahezu ein Drittel der libanesischen Küste ist dermaßen verschmutzt, dass sie nicht länger zum Baden geeignet ist. Von insgesamt 36 Standorten, an denen im Laufe des Jahres Proben entnommen wurden, sind nur 24 gesundheitlich unbedenklich. Acht Standorte gelten als völlig ungeeignet zum Schwimmen und bei vier Orten röt der Bericht „zur Vorsicht“ und klassifiziert sie als „unsicher“. Sieben Proben wiesen eine starke Verunreinigung mit Fäkalbakterien auf, sodass an diesen Orten weder geschwommen noch gefischt werden kann.Dr. Salim warnt jedoch davor, zu generalisieren und von einer Verschmutzung fast aller Gewässer zu sprechen. Die Lage müsse kontinuierlich beobachtet werden: „Manche Flüsse sind in gutem Zustand und vergleichsweise gering verschmutzt, wie der Damur und der Orontes. Doch ist es offensichtlich, dass im Norden Libanons etwa die Hälfte aller Flüsse bis zu ihrer Mündung ins Meer verschmutzt ist.“ Dr. Salim zufolge liege dies am übermäßigen Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden in der Landwirtschaft und an der Entsorgung des Abwassers aus Hauhalten und einigen Leichtindustrien.
Abi Rached kommt auf das sogenannte Sickerwasser zu sprechen, also Regenfälle, die in Mülldeponien eindringen und anschließend den darunter liegenden Boden kontaminieren. Dieses Wasser stelle eine große Gefahr für das Grundwasser wie auch für Oberflächengewässer dar. Er fügt hinzu: „Auch Stein- und Sandsteinbrüche mit ihren Brechern [Zerkleinerungsmaschinen] spielen eine wichtige Rolle bei der Verschmutzung der Grund- und Oberflächengewässer“. Denn das aus dem Produktionsprozess entstehende Wasser ist mit großen Mengen Steinmehl, Chemikalien und Abwasser verunreinigt, die wiederum die Gewässer im Untergrund und an der Oberfläche verschmutzen.
Als das Ministerium für Energie und Wasser im Juni 2020 seine sogenannte Wasserstrategie veröffentlichte, wurde diese von Terre Liban scharf kritisiert. Der Verein entwarf als Reaktion eine eigene nachhaltige Wasserstrategie für den Libanon (2020-2030). Die wichtigsten Punkte des Plans umfassen die Wartung und Inbetriebnahme von Klärwerken, die Rationierung von Wasser für die Irrigation, den Schutz der Flüsse und Wasserquellen vor Verschmutzung, die strenge Durchsetzung des Wassergesetzes, die Erlassung abschreckender Gesetze und Rechenschaftspflicht von Gesetzesbrechern und Umweltverschmutzern, die Festlegung einer Steuer für alle Besitzer von Grundwasserbrunnen und die Schließung gesetzeswidriger Brunnen, die Stilllegung von potenziell umweltschädlichen Projekten sowie den Schutz bestehender Wälder und Hochgebirge, die dem Libanon als Reservoir von Wasser und Eis dienen. Dazu kommen intensive Aufklärungskampagnen zum Wasserkonsum und zur Vermeidung von Chemikalien und Schadstoffen.
Litani und Qaraoun-See: Eine Tragödie
Der Fluss Litani ist eigentlich die Lebensader der Menschen, die an seinen Ufern leben. Er ist das Fundament für Landwirtschaft, Wirtschaft und Leben dort. Doch die Katastrophe, die sich hier seit langer Zeit immer weiter zuspitzt, ist ein schmerzliches Beispiel für die Misswirtschaft, die der Staat mit den Wasserressourcen des Landes betreibt. Das Industriewasser von rund 300 Betrieben fließt ungereinigt in den Fluss ab, zusätzlich zu den Abfällen. Pro Tag mischen sich 45 Millionen Kubikmeter unbehandeltes Abwasser aus 69 Städten aus seinem oberen Becken in das Wasser. So ist der Litani zu einem Objekt der Sorge und Verbitterung der rund 1,5 Millionen Menschen der Umgebung geworden.Ein in diesem Jahr von der Litani River Authority herausgegebener Bericht hat gezeigt, dass mehr als 1000 Hektar landwirtschaftliche Fläche in der Bekaa-Ebene direkt vom Fluss Litani oder seinen Nebenflüssen bewässert werden. Die Behörde warnt jedoch schon lange davor, dieses schädliche Wasser auf den Feldern zu verwenden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Rate der Krebserkrankungen in der Bekaa-Region, wie in Bar Elias und Houch El-Rafqah, dem neuesten Bericht der Litani River Authority zufolge weit über dem landesweiten Durchschnitt liegt.
Als eine Folge der Verschmutzung des Litani und anderer Faktoren hat sich auch der Qaraoun-See in der westlichen Bekaa-Ebene in einen Sumpf von Abwasser und Müll verwandelt. Die Menge an Abwasser in diesem See beträgt 60 Millionen Kubikmeter. Der Qaraoun-See erstickt in Schadstoffen und krebserregenden Cyanobakteria, die nicht behandelt werden können. Seit 2018 verbietet das Ministerium für Landwirtschaft daher hier den Fischfang. Dr. Salim weist darauf hin, dass es noch schwieriger sei, stehende Gewässer wie den Qaraoun-See von der Verschmutzung zu befreien, als fließende Gewässer.
Lebensmittel(un)sicherheit
Die Wasserverschmutzung richtet über die Irrigation großen Schaden auf den Feldern an, insbesondere beim zarten Blattgemüse. Vor diesem Hintergrund ist der Beschluss des katarischen Gesundheitsministeriums zu verstehen, die Einfuhr bestimmter Anbauprodukte wie Minze, Petersilie, Koriander, Portulak, Thymian und Molokhiyya zu verbieten. Er ist die jüngste in einer langen Reihe von Konsequenzen, die die Verschmutzung der Böden und damit auch der Ernte nach sich zieht. Das Importverbot wurde von Katar mit den immer wieder zu hoch liegenden Werten an Pestizidrückständen, E. coli-Bakterien und Blei in vielen analysierten Proben begründet.Dr. Salim erklärt, dass die Bekaa-Region bei diesen Untersuchungen oft im Mittelpunkt steht, da der Großteil landwirtschaftlicher Erzeugnisse von hier stamme. Darunter fällt auch Weizen, der entweder direkt mit dem schwarz-verdreckten Wasser des Litani oder durch das in seiner Qualität fragwürdige Grundwasser irrigiert wird. Er sagt weiter: „Die größte Gefahr besteht hier aus makrobiologischer Sicht. Gemüse und Pflanzen absorbieren diese Mikroben sowie gefährliche Metalle wie Nickel oder Blei. Sie gelangen über das Flusswasser in die Böden und finden dann unweigerlich ihren Weg in die Nutzpflanzen und schließlich in die Nahrungskette des Menschen“. Doch hier höre das Problem nicht auf, denn auch die Luft, die die Menschen in der Bekaa-Region einatmen, stellt eine Gefahr dar. Die scheußlichen Gerüche und gesundheitsschädigenden Ausdünstungen des Flusses können Atemwegs- und Hauterkrankungen sowie Herzprobleme verursachen.
Wo stehen wir heute?
Jahr um Jahr spitzt sich die Umweltkatastrophe zu. Auch Dr. Selim erscheint das Bild heute noch düsterer als je zuvor. Das liege auch daran, dass inmitten der Wirtschaftskrise und anderer Herausforderungen fast alle Projekte zum Stillstand kommen. Überall fehle es dem Staat an den nötigen Mitteln. Gleichzeitig trete sein Versagen im Wassersektor und bei der Umsetzung gut gemeinter Strategien deutlich zutage. Auch von außen sei keine Hilfe zu erwarten, zum Beispiel für den Bau und Betrieb von Kläranlagen.Abschließend erklärt Dr. Selim, welche Bedeutung die Fließgeschwindigkeit unserer Flüsse hat. Die Strömung befördere das Wasser rasant aus dem Hochgebirge hinab zur Küste und spiele eine überragend wichtige Rolle beim Prozess der sogenannten Selbstreinigung. Bei diesem Prozess könnten sich fließende Gewässer selbst von schädlichen Bakterien und Verunreinigungen befreien. Doch das funktioniere nur, wenn wir externe Schadstoffe von den Gewässern fernhalten, also vor allem Phosphate und Nitrate, die aus der Landwirtschaft, der Industrie, aus dem Abwasser und aus anderen Quellen stammen. „Wenn wir diese Verschmutzung also stoppen“, sagt er, „haben unsere Flüsse und Bäche eine Chance, sich durch Selbstreinigung ökologisch zu normalisieren. Aber gegen die Verschmutzung des Litani und anderer solcher Gewässer gibt es keine Lösung ohne Klärwerke und die rigorose Durchsetzung von Gesetzen, um sie vor schädlichen Eingriffen zu schützen“.
Die Verschmutzung stellt eine unmittelbare und immer gravierender werdende Gefahr für die Wasserressourcen des Libanon dar. Ihre Folgen sind zahlreich und nicht länger zu übersehen – und doch geht der libanesische Staat mit diesem lebenspendenden Element weiter verschwenderisch um. Während die Gewässer des Libanon also im Schmutz und Müll ersticken, müssen wir um unsere Lebensmittelsicherheit, unseren Wasserbedarf und unsere Gesundheit bangen. Für einen Wassernotstand wird es allerhöchste Zeit.
November 2022