Künstlerinnen-Porträt Farben, die hängen bleiben

Portrait Ruohan Wang Foto (Ausschnitt): Portrait Ruohan Wang © Privat

Ruohan Wang zog es 2012 von Peking nach Berlin. Spielerisch wandelt sie zwischen einem Dasein als neugierige Zaungästin und ihrer künstlerischen Identitätsfindung.

Beine wackeln Überkopf durch den knallbunten Raum auf einen unmöglichen Pool zu, ein kleiner Stuhl schwebt in der Ecke, zwei Figuren schauen, eine zwischen ihren Beinen hindurch, aus einem eckigen Tunnel heraus, eine andere halb abgeschnitten ganz am Rand des Bildes, ein Torso hängt in der Luft: Willkommen in der Welt von Ruohan Wang!

Diese Szenen finden sich auf dem Plakat zu einer Ausstellung der chinesischen Illustratorin und Künstlerin, die 2017 im Berliner Migrant Birds Space stattfand. Auch wenn einzelne Motive für sich allein gesehen vielleicht verstörend wirken mögen, so hebt Ruohan Wangs Komposition, die Überzeichnung, die Unmöglichkeit und all die Farben das Ganze ins Absurde, ins Komische. Die Charaktere, die sich in ihren bunten Welten tummeln, das sind oft Abbilder der Künstlerin selbst.

Ruohan Wang wächst in Peking und Shanxi auf, eine Provinz südwestlich der Hauptstadt. In der Schule leitet sie das Kunstkomitee, gestaltet Plakate, „ohne eine Ahnung formaler Layoutregeln“, wie sie sagt. In den Ferien besucht Wang eine Zeichen- und Kalligraphieschule. Eine wichtige Inspiration ist ihr Vater. Als Ingenieur und Architekt hat er einige Gebäude entworfen, was er seiner Tochter mitgibt, ist eine ausgeprägte Praxisorientierung: „Irgendwie findet er für jedes Problem eine Lösung. Das hat mich sehr beeinflusst.“

Es ist Anfang Mai 2020. In vielen Weltregionen gelten Regeln des Social Distancing, das Coronavirus beschäftigt die Menschheit und das Gespräch mit Ruohan Wang findet am Bildschirm statt. Sie sitzt in ihrer großen hellen Altbauwohnung, in der sie auch arbeitet. Direkt gegenüber liegt die Justizvollzugsanstalt Moabit. Wang kann den Gefängnishof sehen und den Insassen beim Fussballspielen zuschauen. Ihr Balkon ist ein bisschen wie Kino.   © Privat Nach ihrem Schulabschluss besucht Ruohan Wang Deutschkurse, lernt die Sprache, sie entscheidet sich gegen das Angebot einer Pekinger Kunsthochschule und für das Studium an der Universität der Künste (UdK) in Berlin. Wer sich ihre Arbeiten anschaut, erkennt mit der Zeit, das Wang zwischen den Welten wandelt. Illustration, Malerei, Skulptur, Zeichnung, da schwirrt alles Mögliche mit. Für das Studium wählt sie den Bereich Visuelle Kommunikation und Illustration, weil sie, so sagt sie, „hier am besten zwischen den Disziplinen hin- und herwechseln kann.“

Es hilft mir sehr, mich auf mich selbst zu konzentrieren und darin bin ich ganz gut.

Berlin hat einen direkten Einfluss darauf, wie Ruohan Wang arbeitet. Das hat etwas mit ihrer Definition von persönlicher Freiheit zu tun: „In Peking würde ich mich eingeschränkt fühlen. Hier ist meine Familie, mein erweitertes Netzwerk und das Umfeld dort spiegelt mir ständig meine eigene Identität.“ Selbst wenn es einem Menschen nicht extrem wichtig ist, wie das Umfeld einen selbst definiert, so kann man diesen Zuschreibungen nicht immer entgehen. In Berlin scheint das für Wang etwas leichtfüßiger als in Peking.

Ruohan Wang wirkt gut angekommen, in Berlin. Ihr Studium beendet sie 2016 und lebt sich in der Szene gut ein. Deutsch versteht sie gut, am Sprechen arbeitet sie kontinuierlich. Auch wenn es die Stadt Neuankömmlingen immer noch nicht allzu schwer macht, so trifft Wang manchmal auf kulturelle Barrieren, die sie ein wenig in die Rolle des interessierten Zaungastes versetzen. Sie ist drinnen und draußen zugleich. Das bedeutet für sie aber nichts Negatives: „Es hilft mir sehr, mich auf mich selbst zu konzentrieren und darin bin ich ganz gut,“ sagt sie, „das ist Freiheit für mich, ich mag das Gefühl, ignoriert zu werden.“ In Berlin interessiert es eben kaum jemanden, wie die Menschen herumlaufen, wie sie aussehen oder wie sie sich kleiden. Vielleicht steht hier aber auch das Individualistische, westeuropäische Menschenbild dem tendenziell eher kollektivistischen in China entgegen.

Um aus der Masse der Kreativen herauszustechen, nicht nur in Berlin sondern überall, greifen Künstler*innen heute stark auf die sozialen Medien zurück. Es liegt in der Natur der Sache des Bildmediums Instagram, dass sich künstlerische Inhalte hier gut verbreiten lassen. Von den mehr als eine Milliarden Nutzer*innen weltweit folgen Ruohan Wang immerhin schon mehr als 36.000.  Für Wang ist Instagram ein wichtiger Kanal, um ihre Arbeit und die Prozesse dahinter zu zeigen. „Kunst braucht ein Publikum“, weiß Wang, „und Menschen, die Kunst schaffen, stecken ihre Leidenschaft dort hinein und teilen das.“ Ruohans Arbeiten haben im endlosen Feed der Bilder einen Vorteil. Sie verwendet viele fluoreszierende Farben. „Die lassen sich gut auf RGB-Bildschirmen darstellen“ verrät sie, vor allem also auf Rechnern und auf Smartphones.

Kunst hat etwas mit Zeit zu tun, sie repräsentiert die Zeit, in der sie entstanden ist, sie ist wie ein Ausschnitt der Vergangenheit, der, in die Galerie gestellt, ein Spannungsfeld zwischen der Gegenwart und der Entstehungszeit des Werks herstellt.

Auf die Darstellbarkeit auf kleinen Bildschirmen kann Wangs Arbeit aber keineswegs reduziert werden. Sie arbeitet mit Stoffen, auf Leinwänden, für Magazine oder Medien wie die New York Times oder aber sie skaliert ihre Charaktere und deren bunte Welten ganz groß: 2018 bemalte sie eine riesige Wand in Jerusalem mit einem Wandgemälde. „Das war ein Meilenstein für mich“ sagt sie und es ist ein Hinweis darauf, wie problemlos Wang zwischen den Welten wechselt, zwischen dem digitalen und dem analogen Raum.   © Privat Einer ihrer Lieblingsorte in Berlin ist das Times Art Center in der Brunnenstraße, Berlin-Mitte. Ein Raum, der die physische Dar- und Ausstellung der Kunst feiert. „Kunst hat etwas mit Zeit zu tun, sie repräsentiert die Zeit, in der sie entstanden ist, sie ist wie ein Ausschnitt der Vergangenheit, der, in die Galerie gestellt, ein Spannungsfeld zwischen der Gegenwart und der Entstehungszeit des Werks herstellt,“ denkt Wang nach, gleich nachlegend, dass Kunst, „wenn über sie geredet wird, wenn sie ausgestellt wird, schon kein Trend mehr ist.“

Sie mag diesen Ort, weil er „einer der besten Orte Deutschlands ist, um zeitgenössische Chinesische Kunst anzuschauen.“ Das Times Art Center ist dem Guangdong Times Museum in Guangzhou im Südosten Chinas zugeordnet. „Auch die Räume und das Gebäude sind sehr schön gestaltet, das finde ich anziehend“, sagt Wang. Der Architekt Arno Brandlhuber entwarf das Gebäude, das sich in seiner zurückgenommen Rohheit fein in diesen Teil Berlin-Mittes einfügt.

Ruohan Wang beschäftigt sich in ihrer Arbeit vor allem auch mit sich selbst, wie sie sagt. Warum sie sich in ihre bunten Welten als Charakter einfügt? „Weil ich andere nicht repräsentieren kann, nur mich selbst.“ Vielleicht ist das ein Schlüssel in Ruohan Wangs Welt, eine Zurückgenommenheit und Fokussiertheit, die in bunte Farben gegossen nicht zwanghaft ernst ist, sondern aufgeschlossen und einladend.

Ruohan Wang vermisst ihre Heimat Peking nicht allzu sehr, auch wenn es „immer ein schönes Gefühl ist, dort anzukommen. Wenn mein Vater mich am Flughafen abholt bin ich sorgenfrei, dann ist es wie damals, als ich ein Kind war.“ Für den Moment will sie also in Berlin bleiben. Ihre Wohnung, ihren Arbeitsbereich, all das hat sie sich über die Jahre aufgebaut. Allerdings gibt es einen ganz wichtigen Grund, der sie wieder nach Hause ziehen würde: „Wenn meine Eltern irgendwann meine Unterstützung brauchen, Pflege, dann gehe ich zurück. Ohne Zögern.“
 

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