Wohnungskrise Warum ich mitten im Winter fast aus meiner Pekinger WG geflogen bin

Eierschalen und Stinkefinger © Roman Kierst

„Wollen die mich verarschen?”, sagt meine Mitbewohnerin aus dem anderen Zimmer laut in meine Richtung. Mit „die” meint sie das riesengroße Immobilien-Unternehmen Danke, das unsere WG betreibt. Danke, das heißt übersetzt Eierschale. Auf jeden Fall extrem faule Eier, wie sich schnell herausstellen sollte.

Danke hat im Namen meiner Mitbewohnerin einen Kredit aufgenommen, ohne dass sie was davon wusste. „Einen Kredit auf deinen Namen, ohne dein Wissen”, sag ich zu ihr, „das kann einfach nicht sein!” Sie schaut mich mit diesem Blick an, den man als Ausländer in China gut kennt, der sagen will: Oh doch, hier kann so einiges sein, ihr naiven Laowais schnallt halt nichts.
 
Sie schaut ungläubig auf ihr Handy und schlägt in irgendeinem Kredit-Register ihren Namen nach und da steht es tatsächlich, sie ist als Schuldnerin eingetragen, Höhe des Kredits: exakt die Gesamtmiete ihrer Mietvertragslaufzeit. Mit der Miete, die sie an Danke zahlt, tilgt das Unternehmen im Hintergrund Monat für Monat langsam diesen Kredit.
 
Kurzer Exkurs, um das zu verstehen. Das Geschäftsmodell von Danke funktioniert so: Das Unternehmen mietet in größeren chinesischen Städten Wohnungen an, baut sie zu WGs um, renoviert und möbliert sie. Danach werden die frisch renovierten und möblierten WGs an Leute wie uns untervermietet. Studierende, Berufseinsteiger usw. Die eigentlichen Eigentümer der Wohnung brauchen sich um nichts zu kümmern, bekommen monatlich von Danke die Miete aufs Konto, Danke verdient natürlich prozentual was mit.
 
Aber das bisschen Provision war den gierigen, größenwahnsinnigen Managern von Danke wohl nicht genug. Es musste schneller gehen, mehr Geld, mehr Wohnungen, mehr Mieter, mehr Macht. Da muss dann irgendwann jemand auf die geniale Idee gekommen sein, einfach im Namen der Mieter Kredite aufzunehmen, die die Mieter dann selbst mit ihren monatlichen „Mietzahlungen” tilgen. Wie das rechtlich sein kann? Keine Ahnung, aber hier kann eben so einiges sein, was man sich manchmal kaum vorstellen kann. Besonders der Mietmarkt und Finanzmarkt scheinen, sagen wir mal, eher lose reguliert zu sein. Und dann werden halt mal im großen Stil irgendwelche undurchsichtigen Mietkredit-Modelle gefahren.

Überwachungskamera mit Bewegungsmelder Kam zum Glück nie zum Einsatz: Überwachungskamera mit Bewegungsmelder | © Roman Kierst
Als das öffentlich wurde, liefen die Hotlines bei Danke natürlich heiß. Viele Kunden hatten genau wie meine Mitbewohnerin wenig Lust auf diese krumme Nummer und kündigten ihre Verträge oder zwangen Danke dazu, den Kredit sofort zu tilgen. Es gab dann schnell Gerüchte, Danke stehe kurz vor der Insolvenz. Keine Ahnung. Auf jeden Fall vorstellbar, wenn plötzlich Zehntausende ihre Verträge kündigen oder aus dem Mietkredit-Modell raus wollen und das finanzielle Kartenhaus einkracht.

Das ist gefühlt ewig her, das war vor COVID. Wir hätten damals auch unsere Verträge kündigen und ausziehen sollen, aber diese Danke-WGs sind einfach zu komfortabel: Man kann per App die Miete zahlen, man kann per App Handwerker rufen, man kann per App die Tür-Codes ändern oder Gäste in die Wohnung lassen, außerdem wird alle zwei Wochen saubergemacht. Und die Lage der Wohnung ist einfach zu gut. Meine Mitbewohnerin ändert ihre Zahlungsmodalitäten, steigt aus dem Mietkredit-Modell aus, wir bleiben in der Wohnung.
 
Ein paar Monate später wieder Gerüchte, Danke stehe kurz vor der Insolvenz. Ein paar andere kleinere Immobilien-Unternehmen wie Danke sind schon pleite, aber Danke ist einfach zu groß, rede ich mir ein – too big to fail. Während der Epidemie in China gibt es sogar eine Mietreduktion. Dann kann es denen finanziell ja nicht so schlecht gehen.

Seit Wochen wurde nicht mehr saubergemacht, der Boden im Flur an einigen Stellen schon so klebrig, dass er einem fast die Schuhe auszieht.

„Hast du von der Danke-Sache gehört?”, fragt mich irgendwann eine Freundin per WeChat. In Peking seien die ersten Mieter aus ihren Wohnungen geflogen, weil Danke seit Wochen zahlungsunfähig sei und nicht mehr an die Wohnungseigentümer überweise. „Bei uns ist noch alles normal”, schreibe ich ihr. Aber das stimmt eigentlich gar nicht, fällt mir dann auf. Seit Wochen wurde nicht mehr saubergemacht, der Boden im Flur an einigen Stellen schon so klebrig, dass er einem fast die Schuhe auszieht. Handwerker kann man per App auch nicht mehr rufen, und wenn man bei der Hotline anruft und nachfragen will, geht keiner ran.

Ein paar Tage später steht dann plötzlich die Wohnungseigentümerin vor der Tür. „Hallo, ich bin so und so, mir gehört die Wohnung.” OK, das sind keine Gerüchte, hier stimmt echt was nicht. Seit drei Monaten überweist Danke schon keine Miete mehr an die Eigentümerin, erfahren wir. Wir hätten unsere Jobs verloren und könnten im Moment nicht zahlen, haben die ihr erzählt. Ich hab meine Miete ein halbes Jahr im Voraus bezahlt, meine Mitbewohner ein ganzes Jahr im Voraus (etwas günstiger so) – das Geld ist weg.
 
Die Wohnungseigentümerin kommt am nächsten Tag wieder. Sie ist freundlich, aber fängt an Druck zu machen, irgendwann fällt das Wort: shoufang – die Wohnung zurücknehmen. Ich bekomme einen Schweißausbruch. Wir sollen aus der Wohnung raus oder sofort mit ihr einen Vertrag schließen und an sie zahlen. Moment, ganz kurz mal eben: Miete hab ich doch an Danke gezahlt, was hab ich damit zu tun, wenn Danke nicht mehr an die Wohnungseigentümerin zahlen kann. Und warum hört man kaum was davon in den Medien? Es müssen doch Zehntausende in ganz China betroffen sein.

Hinweis an der Wohnungstür Damit die Wohnungseigentümerin nicht auf komische Gedanken kommt: „Bitte nicht in die Wohnung einbrechen” | © Roman Kierst
Später erfahr ich dann, dass genau deswegen nichts in den Medien war. Weil zu viele betroffen waren, durfte nicht groß drüber berichtet werden. Angst vor Unruhe, besonders in Städten wie Peking.
 
Die Bezirke reagieren schnell und richten überall in Peking Schlichtungsstellen ein, man kann sich dort kostenlos beraten lassen von Anwälten und Vertretern der Nachbarschaftskomitees und Bezirksverwaltungen. Per SMS werde ich informiert, wann ich wo erscheinen soll. Der Anwalt und die anderen Anwesenden sind peinlich berührt, das sehe ich sofort. Sie entschuldigen sich bei mir, dass ich als Ausländer, als Gast in diesem Land sowas mitmachen muss. „Kann man nichts machen, werden schon irgendeine Lösung finden.”
 
An meiner Wohnungstür klebt mittlerweile ein Zettel: „Bitte nicht in die Wohnung einbrechen” – das haben meine Mitbewohner drangemacht, soll wohl die Wohnungseigentümerin abschrecken. Ich werd auch langsam paranoid und bestelle eine kleine Überwachungskamera mit Bewegungsmelder – damit ich tagsüber im Büro mitbekomme, falls jemand in mein Zimmer einbrechen sollte.
 
Soweit kommt es zum Glück nicht, nach mehreren Treffen bei der Schlichtungsstelle können wir einen Deal mit der Wohnungseigentümerin aushandeln. Die Überwachungskamera mit Bewegungsmelder steht noch verpackt in meinem Regal. Mein finanzieller Verlust: umgerechnet ca. 1000 Euro. Aber ich bin glimpflich davongekommen. Andere haben wesentlich mehr verloren oder saßen mitten im Pekinger Winter auf der Straße. Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack und die Enttäuschung, das Unverständnis, wie sowas in einem Land passieren konnte, das sich als sozialistisch versteht. Die Manager von Danke sind mittlerweile wahrscheinlich irgendwo in Rio am Strand.
 
Sollte ich irgendwann nochmal umziehen, dann nur noch klassisch mit Vertrag direkt zwischen Wohnungseigentümer und mir. Nochmal ein größenwahnsinniges, hyperkapitalistisches Immobilien-Unternehmen dazwischen? Nein, danke.

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