Zivilgesellschaft Enninglu: Guangzhouer „Denk-mal“ der Stadterneuerung

Abriss-Zeichen in Guangzhou © Bettina Gransow
Enninglu, eine Straße und ein Altstadtviertel in der südchinesischen Metropole Guangzhou, wird im Lonely Planet nicht nur empfohlen, um sich an der Arkaden-Architektur (骑楼 qilou) der Straße zu erfreuen, die bei Sonne und Regen zum Flanieren entlang zahlloser kleiner Läden und Restaurants einlädt, sondern auch, weil hier ein Zentrum der Kanton-Oper war, an das noch so einiges erinnert.

Memoiren eines Altstadt-Viertels

Da gibt es zum Beispiel die große, massive Holztür des 1889 errichteten Gebäudes der Guangdonger Vereinigung der Kanton-Opernkünstler (八和会馆 bahehuiguan), die erst das japanische Bombardement 1937 überstand und dann ihre Verwendung als Parkunterlage für 4-Tonnen-Lastwagen im „Großen Sprung“ Ende der 50er Jahre. In diesem Viertel lebten zahlreiche bekannte Schauspieler der Kanton-Oper, unter ihnen Li Haiquan, der Vater des berühmten Kungfu-Kämpfers Bruce Lee. 2009 wurde die Kanton-Oper auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO gesetzt und 2016 wurde inmitten des Enninglu-Viertels ein etwas überdimensionierter Museumskomplex zur Kanton-Oper im lokal-traditionellen Lingnan-Stil eröffnet, ganz im Trend einer rasant wachsenden Zahl von Museumsbauten in China. Interessant ist aber nicht nur, was hier erinnert wird (und was nicht), sondern auch, wie es dazu kam.

Die Entdeckung des Wertes und der Bedeutung des Enninglu-Viertels gingen mit seiner Zerstörung einher. Denn Enninglu steht auch für ein Sanierungsprojekt, das 2006 begann und bis heute (2021) andauert. Damals war Enninglu ein gewachsenes, authentisches Altstadtviertel, ein bisschen heruntergekommen, aber eine Entdeckung inmitten quirliger und lauter Einkaufsstraßen im Bezirk Liwan. Von einem Moment auf den anderen beschauliche Ruhe, schmale Gassen, die kein Auto durchlassen, aber viel Licht, gepflastert mit schönen länglichen Granitplatten (麻石 mashi), einladend zu einem Schwätzchen hier und da. Ein Gemisch architektonischer Stilrichtungen, besonders die Xiguan-Gebäude (西关大屋 xiguan dawu) mit ihren hohen Räumen und dreifachen Türen sind Zeugnisse des 18. und 19. Jahrhunderts, als sich die Gegend unter dem Namen Xiguan (für „westlicher Vorort“) zu einem blühenden Handelszentrum entwickelte. Hier lebten die ausländischen Händler und Kaufleute, denen der Zuzug in die eigentliche (ummauerte) Stadt verwehrt war.

Leben im „Abriss-Themenpark“

Aber die Idylle geriet in den Fokus einer zunehmend unternehmerisch denkenden Lokalregierung und eines profitliebenden, zupackenden Immobiliensektors, die aus dem „Filetstück“ Enninglu einen kommerziellen Erfolg im Stil des Xintiandi (新天地 „Neue Welt“), eines Shopping- und Ausgehviertels in Shanghai, machen wollten. Knapp 2000 Haushalte sollten umgesiedelt werden und im November 2008 wurde mit dem Abriss begonnen.
Abriss-Zeichen 拆 <i>chai</i> im Enninglu-Viertel Abriss-Zeichen 拆 chai im Enninglu-Viertel | © Bettina Gransow Knapp ein Drittel der Bewohner, nämlich die Mieter in öffentlichem Wohnraum, zogen in kurzer Zeit in die zur Verfügung gestellten Ersatzwohnungen um. Schwierig wurde es für die restlichen Bewohner, die entweder Mieter in privatem Wohnraum waren oder private Eigentümer von Häusern oder Wohnungen. Viele blieben, weil sie entweder nicht gehen wollten (sondern zum Beispiel lieber ihre eigenen Häuser selbst renovieren wollten) oder nicht gehen konnten (zum Beispiel wegen fehlender Mietverträge oder unzureichender Entschädigungen, besonders bei großen Familien in kleinen Apartments). Im Frühjahr 2010 lebten noch weit über 500 Haushalte im Sanierungsgebiet Enninglu, die noch keinen Kompensationsvertrag unterschrieben hatten, während sich das Viertel vor ihrer Haustür zunehmend in einen „Abriss-Themenpark“ verwandelte.

Widerstand und kulturelle Aneignung

Der Widerstand und die Kritik der Einwohner von Enninglu richteten sich zunächst gegen zu geringe Entschädigungsangebote, gegen die Folgen des schlecht vorbereiteten und rechtlich in vieler Hinsicht unklaren Vorgehens eines auf Flächensanierung hin angelegten Projektes und mündeten später in einen breiteren Reflexionsprozess zu lokaler Kultur, lokaler Identität und kultureller Authentizität. Aus der Frage „wie können wir uns schützen?“ entstanden die Frage „was wollen wir schützen?“ und „wie können wir es schützen?“ Schließlich waren (im Februar 2012) 78 Enninglu-Haushalte erfolgreich damit, dass zahlreiche historische Gebäude und Kulturstätten als kulturelles Erbe in die offiziellen Planungsdokumente aufgenommen wurden.

Der Widerstand und die Kritik der Einwohner von Enninglu richteten sich zunächst gegen zu geringe Entschädigungsangebote

In ihrem Bemühen, sich Gehör zu verschaffen, wurden die Kiezbewohner von einem zunehmend weiteren Kreis von Fotografen, Designerinnen, Stadthistorikern, Architektinnen, Stadtsoziologen, Sozialwissenschaftlerinnen, Journalisten und graduierten Studierenden aus diesen und verwandten Fachrichtungen unterstützt. Von Anfang an spielten dabei die virtuelle Vernetzung, das elektronische Teilen neuer Informationen und Bilder eine wichtige Rolle.

Bei der lokalen Presse stieß dies alles auf großes und kontinuierliches Interesse. Künstlerische Ausdrucksformen waren kleine Ausstellungen, Film- und Videodokumente; daneben gab es Workshops, Gesprächs- und Vortragsreihen zu Fragen von Stadtsanierung und kulturellem Erbe. In dieses Spektrum gehört auch der Kurzfilm Enning Style, der im Dezember 2012 entstand und in dem auf tragikomische Weise von all dem Stress, den Härten und Ungereimtheiten des Sanierungsprojektes erzählt wird.
 

Während sich die Unterstützergruppen 2013 auflösten, blieb der ursprüngliche – 2009 ausgesetzte – Abrissplan erhalten. 2016 bis 2018 sollte mit der Renovierung der Yongqing-Gasse dem ästhetischen Geschmack der „kreativen Klasse“ entsprochen werden. Die Diskussion darüber, ob dieser Projektteil als ein Beispiel behutsamer Stadterneuerung angesehen werden kann, geht weiter. Interessanterweise sind nun die Unterstützergruppen selbst zum Gegenstand organisationssoziologischer Forschung geworden.

Enning Co-Creation

Dabei geht es um Bürgerbeteiligung, um das Zusammenspiel verschiedener Stakeholder in dem Sanierungsprojekt und die Dynamik, die sich zwischen ihnen entfaltet. Im Zentrum steht die Frage nach der Möglichkeit (oder Unmöglichkeit) einer Transformation konflikthafter Auseinandersetzung im Spannungsfeld von Flächensanierung und behutsamer Stadterneuerung in neue internetbasierte und inklusive Governance-Formen, die den Planungsprozess begleiten.

2018 gründete Enninglu Guangzhous erstes „Komitee zur gemeinsamen Gestaltung“ (共同缔造委员会 gongtong dizao weiyuanhui) eines historischen Viertels. Es besteht aus 25 Mitgliedern, von denen 14 Vertreter der Bewohner und Händler des Sanierungsbezirks sind. Umstritten ist, ob das neue Gremium letztlich nur als Legitimation hegemonialer Entscheidungsprozesse dient oder doch dem Anspruch einer internetbasierten kollaborativen Planung des Sanierungsprozesses gerecht werden kann.
 

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