Rapper Namewee Nimm kein Blatt vor den Mund

Ein Screenshot aus dem Video Fragile von Namewee und Kimberly Chen © Ghosician 2021

Der aus Malaysia stammende und in Taiwan lebende Rapper Namewee ist bekannt für kreative Provokationen. Zuletzt veröffentlichte er den Song Fragile. Was klingt wie ein Liebeslied, ist in Wirklichkeit eine beißende Satire auf das chinesische Regime und seinen übereifrigen Propagandaapparat.

Auf den ersten Blick sieht alles ganz harmlos aus. Ein Musikvideo mit einem Panda, der in einer rosa Latzhose steckt, dazu ein Sänger und eine Sängerin, beide tragen Brillen mit herzförmiger Fassung. Das Lied beginnt mit Vogelgezwitscher, dann setzen Klänge ein, die an ein Xylophon erinnern, schließlich trällert der Sänger los. Ein überzuckertes Liebeslied, könnte man meinen, das sich irgendwo zwischen den Kategorien albern und belanglos bewegt.

Aber bei dem überzuckerten Liebeslied handelt es sich um das Lied Fragile der in Taiwan lebenden Musiker Namewee und Kimberley Chen. Und das Lied hat dazu geführt, dass der chinesische Propagandaapparat seit Wochen auf Hochtouren läuft. Das chinesische soziale Netzwerk Sina Weibo hat die Konten der beiden Künstler gesperrt. Mehrere chinesische Internetfirmen haben den Song von ihren Plattformen verbannt. Und das chinesische Parteiblatt Global Times bezeichnete ihn sogar als „bösartig“ und urteilte mit heiligem Ernst, er habe „das chinesische Volk beleidigt“.
 

Denn was auf den ersten Blick nach einem mit Zuckerguss überzogenen Liebeslied aussieht, ist in Wirklichkeit ein feines Spottlied über das chinesische Regime, Chinas Präsidenten Xi Jinping und die Heerschar von chinesischen Cyber-Nationalisten, die im Internet über all diejenigen herfallen, die es wagen, etwas gegen den chinesischen Parteistaat zu sagen. Es ist eine politische Satire auf das zerbrechliche Selbstwertgefühl des chinesischen Regimes, das jedwede Kritik reflexartig mit dem Vorwurf abwehrt, die Gefühle des chinesischen Volkes seien zutiefst verletzt.

Doch in bester chinesischer literarischer Tradition verzichtet Fragile darauf, auch nur einen einzigen Namen zu nennen. Stattdessen verpackt der Song seinen Spott in zahllosen Anspielungen.

Please be cautious if you are fragile pink

Gleich zu Beginn des Lieds wird etwa eine Warnung eingeblendet. „Please be cautious if you are fragile pink“, steht da, „bitte seien Sie vorsichtig, wenn Sie zerbrechliches Rosa sind.“ Der Warnhinweis ist ein Seitenhieb auf die Xiao Fenhong, wortwörtlich die Little Pink, so nennt man im chinesischen Netzjargon junge chinesische Nationalisten, die den autoritären Kurs ihres autokratisch regierten Heimatlandes aggressiv verteidigen. Einer der Akteure des Videos, der chronisch beleidigte Panda, kann als Symbol für China verstanden werden.

Und schließlich tauchen in den Zeilen des Liedes immer wieder Referenzen auf, die auf Chinas Druck auf Hongkong und Taiwan und die Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren anspielen. Das Lied sei ein „wunderbarer, rebellischer Mittelfinger“ an Chinas Präsidenten Xi und an den Propagandaapparat der Kommunistischen Partei (KPCh), sagte der australische Chinaforscher Geremie R. Barmé dem Sydney Morning Herald

Es ist ein früher Dezembermorgen, als ich Namewee per Videotelefonie in Taipei erreiche. Der Musiker stammt aus Malaysia, lebt aber seit vielen Jahren in Taiwan. Namewee trägt einen Dreitagebart und eine Wollmütze. In Artikeln über ihn heißt es oft, er sei Rapper. Aber das trifft es nicht so ganz. Richtig ist, dass er Sprechgesang in seine Songs einbindet. Aber für europäische Ohren hört sich seine Musik weniger nach hartem Gangsta-Rap und mehr nach weichem Mandopop an.
Namewee Namewee | via Baidu Baike Die chinesischen Little Pink seien nach der Veröffentlichung des Songs erwartungsgemäß im Netz über ihn hergefallen, erzählt Namewee. Aber er bereue nichts an dem Lied. Namewee ist Autor, Komponist und Produzent von Fragile. Für den Song hat er mit der in Australien geborenen und auch in Taiwan lebenden Sängerin Kimberley Chen zusammengearbeitet. „Kimberley ist mutiger als ich“, sagt er: „Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.“

Namewee erzählt mir, dass er jahrelang versucht habe, selbst geschriebene Songs an andere Künstler zu verkaufen. Ohne Erfolg. Dann habe er angefangen, eigene Songs auf YouTube hochzuladen. Und plötzlich sei der Erfolg gekommen.

Der Vertrag war voller Einschränkungen. Aber als Künstler ist Freiheit für mich das Wichtigste.

Eine gewisse Lust an der kreativen Provokation scheint dem Mann nicht fremd zu sein. Die Polizei des mehrheitlich muslimischen Malaysias nahm in bereits mehrmals vorübergehend fest. 2016 wurde wegen eines Musikvideos gegen ihn ermittelt, das nach Ansicht der malaysischen Behörden den Islam beleidigte. Und wegen eines Videos aus dem Jahr 2007, in dem er sich über die malaysische Nationalhymne lustig machte, wurde er fast wegen Aufwiegelung angeklagt.

Dabei findet er gar nicht, dass er besonders politisch ist. „Ich mache einfach Musik über das, was mich beschäftigt“, sagt er. Als ihm vor ein paar Jahren angeboten wurde, einen Vertrag mit einer chinesischen Agentur zu unterschreiben, lehnte er ab. „Der Vertrag war voller Einschränkungen“, sagt er: „Aber als Künstler ist Freiheit für mich das Wichtigste.“

Mit Fragile hat Namewee einen Song über Zensur in China gemacht und die chinesische Propaganda damit auf die Probe gestellt. Sie reagierte, wie sie meist reagiert: mit Zensur. In gewisser Weise ist sie Namewee damit auf den Leim gegangen.

Diese Ironie ist vielen Menschen in der chinesischsprachigen Welt nicht entgangen. Auf YouTube ist das Video zu Fragile seit seiner Veröffentlichung Mitte Oktober mehr als 39 Millionen Mal angeschaut worden. Und in Regionen und Ländern wie Hongkong, Malaysia, Singapur und Taiwan schaffte es der Song in den YouTube-Musikcharts bis auf die vorderen Plätze.

Auch scheint der Ruhm, den Namewee seit Fragile genießt, seiner Karriere zusätzlichen Antrieb zu geben. Zuletzt hat der Musiker, der auch ein geschäftstüchtiger Unternehmer ist, sich in die boomende Welt der digitalen Kunst gewagt. Im November veröffentlichte er 100 NFTs (Non-Fungible Tokens) eines neuen Liedes. Die digitalen Besitzurkunden waren innerhalb von drei Stunden ausverkauft. Und machten Namewee um rund 850.000 US-Dollar reicher.

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