Kulturdialog  Brückenbauende Kulturen

Ansicht der Pupin-Brücke in Belgrad von unten
Pupin-Brücke in Belgrad © yì magazìn

Nichts wird im Kulturdialog häufiger verwendet als die Redensart des Brückenbaus zwischen Kulturen. Ingenieurssprech trifft Soft Power. Obwohl gerade eher Brücken kulturell einzustürzen scheinen, bin ich zur ersten chinesischen Brücke in Europa gereist, um mir einen Eindruck zu verschaffen, ob der Bau der Brücke nicht nur zwei Ufer, sondern auch Menschen miteinander verbindet.

Als Infrastruktur-Tourist kann man mich bezeichnen. Hier in Belgrad sind es mit dem Bus 73 knapp 23 Minuten bis zu meinem Ziel: der Pupin-Brücke. Die Brücke ist zwar benannt nach dem Physiker und Schriftsteller Mihajlo Pupin, umgangssprachlich wird sie aber auch Kineski most genannt. Die chinesische Brücke. Wegweiser auf Chinesisch und Russisch haben mich in der Stadt bereits den Weg erahnen lassen. Auf dem Bulevar Nikole Tesla fahre ich parallel zur Donau stadtauswärts, vorbei an dem Palast Serbiens und dem Grand Casino Beograd, in dem ich, so werde ich von meiner Kontaktperson informiert, gute Chancen auf Smalltalk mit chinesischen Managern aus der Bauindustrie hätte. Ich möchte mich aber viel lieber den Geschichten der Menschen vor Ort widmen, die von dem Bau der Brücke unmittelbar betroffen sind.

Ich steige aus dem Bus aus und da ist es: Chinas Tor zu Europa – die Pupin-Brücke. Tatsächlich laufe ich durch eine Art Portal, auf dem die Zusammenarbeit der beiden Länder mit jeweiliger Flagge und den Logos hingewiesen wird. China Road and Bridge Corporation Serbia Branch (CRBC) lese ich und denke an meine Spaziergänge auf Pekinger Straßen und Brücken. Die Brücke liegt hier flussaufwärts des Stadtzentrums und verbindet die Belgrader Stadtteile Zemun und Borča. Ich spaziere los, aber mein 20-minütiger Spaziergang ist trotz geringem Verkehrsaufkommen auf der sechsspurigen Autobahnbrücke über die Donau recht ungemütlich. Kalt und laut. Nicht gerade der beste Ort, um Menschen aus den angrenzenden Stadtteilen zu begegnen und in ein Gespräch zu kommen.

Im Dezember 2014 eröffneten hier der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang und der serbische Präsident Vučić feierlich die Brücke, die nach der Pančevo-Brücke die zweite Brücke über die Donau in Belgrad ist. Die von der CRBC gebaute Brücke ist Chinas erste große Investition in ein Infrastrukturprojekt auf dem europäischen Kontinent. Die Kosten für den Bau der Brücke in Höhe von 170 Millionen Euro wurde zu 85 Prozent von der chinesischen Exim-Bank sowie von der serbischen Regierung und der Stadt Belgrad zu 15 Prozent getragen. Ich rechne grob nach. Jeder Meter auf meinem 1,5 Kilometer langen Spaziergang über die Brücke hat wohl circa 113.000 Euro gekostet. Ich blicke runter zur Donau und beobachte, wie dort jemand mit einem Kanu trainiert. Wie die Brücke wohl von dort unten ausschaut?

Verlassene Arbeiterunterkünfte in der Nähe der Pupin-Brücke Arbeiterunterkünfte | © yì magazìn Während ich an die Bilder der Eröffnung denke, an die Menschenmassen und das Meer an roten Nationalflaggen an den Geländern, die im Wind wehten, fällt mir ein typischer Bau abseits der Brücke an der anderen Uferseite auf, der mich an Baustellengebäude in China erinnert. In dieser Einöde erkenne ich die roten Blechdächer, eine weiße Fassade mit blauen Schriftzeichen und einen angrenzenden Basketball-Platz. „Hochwertige Technik zum Nutzen der lokalen Bevölkerung“ steht da auf Chinesisch. Auf diesem Areal haben vermutlich die chinesischen Arbeiter gewohnt und gearbeitet. Heute wirkt es hier sehr verlassen, bis auf ein kleines Wärter-Häuschen am Eingangsbereich. Ein schlaksiger Mann mittleren Alters kommt mir entgegen. Bojan erzählt mir, dass er der Wachmann sei, der die ehemalige chinesische Baustelle der Brücke überwacht. Er wurde vor kurzem Zeuge eines versuchten Raubüberfalls – Diebstahl von Fenstern. Die Täter wurden jedoch nie gefasst.

Während der anhaltenden Bauphase besuchte der berühmte Filmschauspieler Bata Živojinović die Arbeiter im Januar 2012, um ihnen ein frohes chinesisches Neujahr zu wünschen, denn sein Film Walter verteidigt Sarajevo aus dem Jahr 1972 ist einer der beliebtesten Kriegsfilme in China, während Živojinović selbst einer der beliebtesten ausländischen Schauspieler aller Zeiten in China war.
Wärter-Häuschen in der Nähe der Pupin-Brücke Wärter-Häuschen vor den Arbeiterunterkünften | © yì magazìn Bojan lobt die Brücke: „Das ist eine gute Brücke, denn sie entlastet den Verkehr auf der Pančevački most, der nahe gelegenen Brücke, die die Borča-Seite mit dem Stadtzentrum verbindet.“ Er und seine Kollegen glauben, dass Chinesen „gute Bürger, gute Menschen“ sind. Auf meine Frage hin, ob die Brücke zur neuen Seidenstraße gehört, schüttelt er vehement den Kopf. Er meint, er habe noch nie etwas von dieser neuen Seidenstraße gehört und behauptet fest, dass die Pupin-Brücke nichts mit „was auch immer das sein mag“ zu tun habe. Während unseres kleinen Gesprächs bringen ihm Bauern aus dem benachbarten Stadtteil mit Trinkwasser gefüllte Behälter. Eine Brücke also, die hier Menschen verbindet.

Ich laufe zurück in Richtung Bushaltestelle. Auf dem Rückweg fallen mir neben der neuen Straße in zwei Hälften geteilte Häuser auf. Ich klopfe an eines der angrenzenden Häuser und mir öffnet eine ältere Dame freundlich die Tür. Aleksandrija erklärt mir, das sei ein Nebenprodukt der chinesischen Entwicklung der Pupin-Brücke. Die Wohnhäuser auf beiden Seiten der Brücke wurden aufgekauft und buchstäblich in zwei Hälften geteilt, um eine Bebauung zu ermöglichen.

Aleksandrija selbst ist Seniorin und Rentnerin, geboren und aufgewachsen in Belgrad. Sie lebt seit 1945 am Rande der Pupin-Brücke und ist eine offene und agile Person, sehr gesprächig. Sie lädt mich zu Kaffee und Keksen in ihren Hof ein. Ich erfahre von ihr, dass sie die Brücke sehr schätzt, weil sie „von der Welt benutzt wird und selbst eine Welt für sich ist“. Auf der anderen Seite höre ich allerdings auch etwas ernüchternde Worte, weil für sie „die Donau nun viel kleiner zu sein scheint, und die Straße länger“. Die Straße, die vor dem Bau der Brücke zur ihrem Haus führte, vermittelte ein höheres Gemeinschaftsgefühl. Da war eine Tür nach der anderen und wir begrüßten uns jeden Tag. Erst vor kurzem ist sie zum ersten Mal über die Brücke gelaufen, weil sie erfuhr, dass ihr ehemaliger Vorgesetzter auf dem nahe gelegenen Friedhof Zbeg begraben liegt. Sie wollte ihm die letzte Ehre erweisen und ihn um Verzeihung bitten für ihre aktive Teilnahme an den Arbeiterstreiks der 80er Jahre.

Sie begleitet mich noch ein Stück zurück zur Straße und beginnt am Rand der Brücke auf ihrer Seite des Flussufers zu fegen. „Die Brücke wird hier nicht richtig instand gehalten, daher kümmere ich mich jetzt darum.“

Blick über die Pupin-Brücke Verbindet Menschen: Pupin-Brücke | © yì magazìn Namen wurden von der Redaktion geändert. Dank an Ivan für die Übersetzungen.
 

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