TikTok-Creator*innen waren eingeladen, das Kino-Event durch ihre kreativen Kurzvideos zu begleiten – angefangen bei der Berichterstattung vom roten Teppich über Interviews mit Filmschaffenden bis hin zu exklusiven Backstage-Momenten. Parallel dazu hatte die Berlinale ein eigenes Team für die Produktion von Kurzvideos im Einsatz, das an den verschiedenen Festivalorten unterwegs war, um sowohl mit Besucher*innen als auch mit Filmleuten zu sprechen und besondere Augenblicke aus der vordersten Reihe des Filmfests direkt auf TikTok zu teilen.
Die Macht der Algorithmen: So erreichen sie die Generation ZTikToks Begeisterung für Filmfestivals währt schon länger. 2024 ging die TikTokShortFilm-Competition in Cannes bereits in ihre dritte Runde und vertiefte die Zusammenarbeit mit dem renommierten Filmfestival. Ebenfalls 2024 wurde TikTok offizieller Partner des Toronto International Film Festival. Die Kooperation zwischen der Berlinale und TikTok ist im Wesentlichen ein strategischer Schachzug, um den schon etwas in die Jahre gekommenen traditionsreichen Filmfestspielen neue Vitalität einzuhauchen und auch junge Zuschauer*innen und Digital Natives über neue Medien zu erreichen.
Einer der eingeladenen deutschen TikToker war der 2000er-Jahrgang Levi Penell, der sich mit über 560.000 Followern eine beachtliche Anhängerschaft erarbeitet hat. Auf dem roten Teppich plauderte er über seinen Lieblingsfilm, Triangle of Sadness, und verriet, dass er im Kino das letzte Mal bei Forrest Gump geweint hatte. Eine weitere TikTokerin, zahrairm, mit mehr als einer Million Followern, ließ ihre Community an einem exklusiven Moment teilhaben, als sie Timothée Chalamet und seine Freundin Kylie Jenner bei der Premiere von A Complete Unknown im POV-Shot filmte. Das Video, das das Paar auf ihren Plätzen im Kinosaal – direkt hinter der TikTokerin – zeigt, sammelte mehr als 100.000 Likes.
Lipa.ece, deren Videos üblicherweise nur ein bis zwei Tausend Aufrufe erzielen, machte als Fan mit einer sehr persönlichen Geste auf sich aufmerksam: Am Eingang zur Berlinale-Pressekonferenz schenkte sie Jacob Elordi ein Armband, das sowohl seinen Namen als auch den seines geliebten Hundes trug. Als sie den Star bei seiner Filmpremiere erneut auf dem roten Teppich traf, fragte sie nach dem Armband, und stellte erfreut fest, dass er es noch immer trug. Dieses kurze Video katapultierte die unbekannte TikTokerin in kürzester Zeit zu einem viralen Erfolg mit über 4 Millionen Aufrufen und mehr als 920.000 Likes. Tatsächlich trendete unter den TikTok-Videos zur Berlinale vor allem die Fan-Serie über den Hype um Jacob Elordi – von Debatten über seine Haarlänge bis hin zu Analysen seines roten Teppich-Outfits und seinen Äußerungen bei der Premiere.
Heute haben TikTok-Influencer*innen in den sozialen Medien eine Strahlkraft, die der von Filmstars in nichts nachsteht. Das zeigte sich eindrucksvoll drei Tage nach der Eröffnung der Berlinale: Vor dem Arsenal Kino, dem Hauptspielort der Sektion Forum, bildeten sich lange Schlangen – gefüllt mit jungen Menschen der Generation Z. Viele Filmschaffende nahmen an, diese cinephile Jugend sei gekommen, um avantgardistische Filme zu sehen, und bewunderten bereits den ausgeprägten Filmgeschmack der Berliner Nachwuchsgeneration. Bis sich herausstellte, dass die Crowd keineswegs wegen der Filme gewartet hatte, sondern auf ein Treffen mit einem TikTok-Influencer im Obergeschoss des zum Kino benachbarten Dunkin’ Donuts. Dieses Missverständnis verdeutlicht zweifellos die gewaltige Macht von TikTok, Online-Traffic in reale Menschenströme zu verwandeln. Genau diese Fähigkeit macht es für große Cine-Festivals unmöglich, TikToks Einfluss auf das junge Publikum zu ignorieren.
Im Bestreben, die Kluft zwischen traditionellen Kurzfilmen und den Mikrovideos der Plattform zu überwinden, sucht TikTok in Zusammenarbeit mit cineastischen Festivals neue Wege. Der Plan: Die Creator*innen sollen angeregt werden, die Qualität ihrer Kurzvideos zu erhöhen und die Inhalte trotz des begrenzten Zeitrahmens optimal zu inszenieren. Gleichzeitig will TikTok durch den Schulterschluss mit namhaften Filmfesten seinen Markenwert weiter steigern.
TikTok ist überzeugt, dass seine Form der Kurzvideo-Kommunikation dem Filmnachwuchs eine wertvolle Bühne bietet. Ungeachtet dieses Potenzials bestehen jedoch nach wie vor eklatante Unterschiede zwischen den Strukturen und Kanälen der Kurzfilm- und der Kurzvideowelt. Die Zeitspanne auf TikTok ist in der Regel knapp bemessen – viele Videos laufen nicht länger als 15 Sekunden. Im Gegensatz dazu definieren Filmfestivals Kurzfilme nach einer maximalen Länge: So dürfen im Kurzfilmprogramm der Berlinale nur Werke laufen, die nicht länger als 30 Minuten sind. Und auch wenn es keine Vorgaben für eine Mindestdauer gibt, bleibt bei einer 15-sekündigen Sequenz doch wenig experimenteller Spielraum, um etwas zu erzählen oder zu zeigen. Deshalb haben die Filmchen im Rahmen der Auswahlkriterien von Filmfestivals kaum eine Chance kuratiert zu werden.
Aufgrund der stark komprimierten Erzählweise auf TikTok müssen Creator*innen die Aufmerksamkeit des Publikums ad hoc gewinnen und unmittelbar bei ihm andocken. So bestehen die mit Filmfestivals verbundenen Inhalte auf TikTok oft nur aus fragmentarischen Shots: Wenige Sekunden einer Straßenszene, ein Wortwechsel mit Filmschaffenden, etwas Liveatmosphäre, alles begleitet von Soundsequenzen, die gezielt Emotionen hervorrufen und eine Stimmung transportieren. Ziel ist es, bei den Zuschauer*innen innerhalb kürzester Zeit ein positives Echo zu erzeugen, wobei der Fokus auf der subjektiven Perspektive, persönlichen Gefühlen und Selbstidentifikation liegt, ganz im dem Stil, den die Generation Z kennt und liebt. Erfolgreiche Influencer wie Levi Penell sprechen dabei in einem so rasanten Tempo, dass das Auge den aufploppenden Untertitel nur mühsam folgen kann. Blinzelt man einen Moment zu lange, ist das Video bereits vorbei und der Inhalt verflogen, bevor man ihn richtig erfassen konnte.
Kurzfilme hingegen sind nicht darauf angelegt, den Zuschauer*innen nur einen flüchtigen Moment des Vergnügens zu verschaffen. Vielmehr baut sich durch ihre besondere Kunstform und ihr spezielles Format ein cineastisches Erlebnis auf, das nicht beiläufig entsteht. Sie fordern den Regisseur heraus, sein Verständnis des Mediums auf engstem Raum unter Beweis zu stellen und das audiovisuelle Material gezielt zu nutzen, um eine Geschichte zu formen und voranzutreiben.
Der beste Ort, Kurzfilme zu genießen, bleibt immer noch die große Leinwand im Kino. TikTok-Videos hingegen sind auf kleine Handybildschirm zugeschnitten. Doch selbst dieser enge Rahmen wird von Kreativen weiter fragmentiert. So auch bei der Berlinale: Die von janines.space produzierte TikTok-Filmkritik arbeitet mit einem Splitscreen – oben läuft ein Filmausschnitt, während die Influencerin in der unteren Bildschirmhälfte ihre Gedanken direkt in die Kamera spricht.
Der TikToker noahbasic, der 400.000 Follower hat, würdigte die männlichen Stars auf der Berlinale, indem er den Bildschirm in vier Teile teilte, diese mit Fotos der Schauspieler und Filmstills bespielte und sich selbst mit seinem Videokommentar davor platzierte. So wird der TikTok-Screen, der durch die Symbole der Werkzeugleiste am Bildrand ohnehin schon überladen wirkt, von den Creator*innen durch die Schriftzüge und Kommentare in unterschiedlicher Größe weiter überfrachtet.
Gleichzeitig wird auf TikTok eifrig experimentiert, um das enge zeitliche Korsett des Kurzvideoformats auszuhebeln. Einige Creator*innen veröffentlichen ihre Inhalte in Episoden und bauen sie zu einer Art Mini-Serie aus, um mehr User zum Dranbleiben und Interagieren zur bewegen. Dies wirft auch Fragen zum Medium selbst auf: Verliert das Kurzvideo seinen Reiz, wenn es nicht mehr kurz ist? Bleibt der gewohnte Adrenalin-Kick noch erhalten, wenn eine Story in die Länge gezogen wird? Kann das Format, wenn es ästhetisch weiterentwickelt wird, weiterhin die maximale Aufmerksamkeit der Nutzer*innen fesseln? Und würde eine Aufwertung der audiovisuellen Ästhetik letztlich nicht im Widerspruch zu TikToks bewährten Marketingstrategien stehen?
Das sind wahrscheinlich die Hürden, die einer vertieften Allianz zwischen TikTok und den großen Filmfestivals im Wege stehen. Die strukturellen Unterschiede von Kurzfilmen und Mikrovideos sind schlicht zu groß, um sie ohne Weiteres zu überbrücken. Das zeigte sich auch bei den Kontroversen rund um den ersten TikTok-Kurzfilmwettbewerb in Cannes 2022. Damals legte der renommierte Regisseur Rithy Panh aus Protest sein Amt als Juryvorsitzender nieder. Der Grund: massive Meinungsverschiedenheiten mit TikTok über die Autonomie und Unabhängigkeit der Jury. Panh kritisierte, dass das europäische TikTok-Team das Prinzip der kreativen Freiheit nicht nachvollziehen könne. TikTok hatte die Auswahl der Jury in Frage gestellt und gefordert, statt dem poetischen Independent-Beitrag eines kleinen unabhängigen Creatorenteams groß inszenierte, unpolitische Werke von Tiktoker*innen mit großer Reichweite auf die Liste der Preisträger zu setzen.
Fazit: Marketingstrategie oder Medienrevolution?
TikToks Präsenz bei Filmfestspielen ist weit mehr als eine einmalige interdisziplinäre Kooperation, sondern Teil einer größeren Strategie. Es geht nicht nur um Zusammenarbeit, sondern um die Frage, wie sich verschiedene Medien miteinander vernetzen lassen und wie die audiovisuelle Landschaft der Zukunft aussehen könnte. Für die Festivals indessen bedeutet die Öffnung gegenüber TikTok einerseits den Versuch, eine neue Zuschauergeneration zu gewinnen, andererseits aber auch das Experiment, die Antennen für den Film in einer sich rasant wandelnden gesellschaftlichen Atmosphäre zu schärfen. Zwar werden Kurzvideos wohl kaum bis in die Kern-Narrative der Filmfestivals vorstoßen, doch ihre Rolle verdient eine genauere Betrachtung: Könnten sie sich zu einem eigenständigen Erzählmedium entwickeln? Erweitern sie die Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos und bringen den Film wirklich weiter nach vorne? Oder bleiben sie am Ende doch nur ein geschicktes Marketinginstrument der Festivals.
Februar 2025