Mutter* und andere Zustände  Anan Fries – eine Schwangerschaft in der Handtasche

 Anan Fries Posthuman Wombs © Hairygaze
Mutterschaft betrifft uns alle. Egal ob als Kind einer Mutter, als erwachsenes Kind einer alternden Mutter, als Mutter eines kleinen Kindes oder eines großen, als Freundin von Müttern, als Großmutter. Dieses Verhältnis, ob nun gut und emotional gebunden, oder schmerzhaft mit Wunden, es bleibt unser Leben lang bestehen und reicht gleichzeitig weit zurück in unsere transgenerationale Vergangenheit. Ist es da nicht umso erstaunlicher, dass die Kunst erst in den vergangenen Jahren begonnen hat das Thema visuell, feministisch, philosophisch und gesellschaftskritisch in den Fokus zu nehmen?

Genauer müsste man sagen, dass es die Kunstwerke schon lange gab, dass es immer Frauen gab, die ihr Muttersein in ihrer Kunst thematisierten. Diese Kunstwerke jedoch haben es nur selten in Ausstellungen geschafft, wurden selten in Katalogen besprochen. Das ändert sich, endlich und mit Wucht. Weltweit haben Künstlerinnen immer weniger Lust sich durch männlich-patriarchal geprägte Blickwinkel und Wertungen dieses so umfassende und brennende Thema aus ihrer Kunst zu verbannen.

In der Serie "Mutter* und andere Zustände - Ein Mikro-Fokus auf aktuelle Kunst zum Thema Mutterschaft" stellen wir Ihnen 3 Künstlerinnen vor, die aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Materialien ihre Sicht und ihr Erleben von Mutterschaft in ihrer Kunst zeigen, Tabus brechen und so gleichzeitig mit veralteten Geschlechterrollen aufräumen.

------ Wie sieht Schwangerschaft in der Zukunft aus? Und was wäre, wenn eine Schwangerschaft nicht an den weiblichen Körper gebunden wäre, wenn Schwangerschaft etwas wäre, das alle erfahren könnten? Viele feministische Science-Fiction Schriftstellerinnen haben in ihren Büchern Szenarien entwickelt, in denen die menschliche Reproduktion nicht mehr allein auf den weiblichen Körper angewiesen ist.

Auch die Künstler*innen Anan Fries und Malu Peeters haben sich in ihrer Arbeit„Virtual Wombs und Posthuman Wombs“mit der Frage nach der unbedingten Weiblichkeit von Schwangerschaft beschäftigt. In ihrer Virtual Reality Installation zeigen sie queere Körper, die nicht den vorherrschenden binären Geschlechterrollen entsprechen und fragen: Wie sehr ist Schwangerschaft in unserer Gesellschaft an das Bild des weiblichen Körpers gebunden?

„Das Medium der Virtual Reality hat uns erlaubt, Zustände zu visualisieren, die es bisher so nicht gibt: Die Avatare, die in Virtual Wombs und Posthuman Wombs zu sehen sind, basieren auf 3d-Scans von real existierenden Körpern, die wir digital geschwängert haben. Einige von diesen Körpern können, zum Beispiel aus biologischen Gründen, ausserhalb des virtuellen Raums nicht schwanger werden“,sagt Anan Fries.

In der Arbeit„Ecto Sale“(2023) geht Anan Fries dem Gedanken weiter nach, wie sich Schwangerschaft vom Körper lösen lassen könnte und welche Vorteile das für eine gleichberechtige Aufteilung von Care-Arbeit haben könnte. Die Ectobag sieht aus wie eine Designerhandtasche und funktioniert wie ein externer Uterus. Der Embryo, später das Baby haben darin alles was sie im „Mutterleib“ auch haben würden, nur dass nicht ein Elternteil ihren Körper dauerhaft teilen muss, sondern die Tasche von Elternteil zu Elternteil weitergegeben werden kann.

Anan Fries bekräftigt: „Ich denke, dass Schwangerschaft ein kompliziertes Thema ist, das üblicherweise sehr stereotyp repräsentiert und vereinfacht verhandelt wird, und ich freue mich, wenn meine Arbeit Menschen dazu inspiriert, anders über Schwangerschaft nachzudenken.“

 Anan Fries © privat

Anan Fries arbeitet an der Schnittstelle von digitaler und darstellender Kunst. They nutzt digitale Technologien, um queere Perspektiven sichtbar zu machen. Anans VR-Essay „POSTHUMAN WOMBS“wurde unter anderem von IDFA DocLab Amsterdam, DOK Leipzig, GIFF Genf und in diversen Ausstellungen u.a. in Helsinki, Stockholm und Zagreb präsentiert. Vor kurzem erhielt Anan den 3. Preis des VR Art Prize.