KI in der Kunst  Warum hat KI kein Urheberrecht? Interview mit Tan Chui Mui

Tan Chui Mui im Goethe-Institut China © Goethe-Institut China Foto: Chen Jiani

„Eine Maschine, die tausende von Liebesgedichten ausspucken kann, besteht aus nicht viel mehr als ein paar Programmierzeilen.“ Wie können Mensch und Maschine im Zeitalter von KI kreativ zusammenarbeiten? Was ist dabei das Wesen der Kreativität? Und wer soll als Urheber benannt werden? Ist im Existenzkampf des Menschen gegen die künstliche Intelligenz der Körper unsere letzte Waffe? Die malaysische Filmemacherin Tan Chui Mui legt ihren Standpunkt dar.

Kein Satz ist wirklich neu,
wir ordnen ihn nur neu an.

Können Sie uns erzählen, was den Anstoß gab zu Ihrem KI-Filmprojekt „Nur weil du den Auslöser gedrückt hast?“?

Nur weil du den Auslöser gedrückt hast? © Tan Chui Mui

Ich habe dieses Filmprojekt im Three Shadows Photography Art Centre in Xiamen gemacht. Es bezieht sich auf die Ortschaft Jinmen (金门), den Heimatort meines Vaters. Da Jinmen ganz nahe bei Xiamen liegt, habe ich es zum Ausgangspunkt genommen, mich mit der Familiengeschichte und Fragen des Landbesitzes zu beschäftigen: Warum ist das Stück Land in unserem Besitz und wie kam es überhaupt dazu?

Tan Chui Mui am Fotografie-Festival Arles © Adrien Limousin (Foto)

Warum kommt uns ein Urheberrecht zu, wenn wir auf den Auslöser drücken? Warum hat KI kein Urheberrecht? Als ich in Arles am Fotografie-Festival war, ist mir aufgefallen, dass die meisten Fotografen und Fotografinnen mit klassischen Verfahren arbeiteten und der künstlichen Intelligenz ablehnend gegenüberstanden. Vermutlich hat die Ablehnung mit ihrem Berufsstand zu tun, ähnlich wie einst beim Aufkommen der Fotografie, als viele Künstler noch vom Anfertigen realitätsgetreuer Gemälde lebten. Die Fotografie aber gab der Malerei letztlich den Anstoß, jene Ausdrucksweisen zu finden, die ihr wirklich eigen sind. Wenn nun manche Bereiche der Fotografie durch KI ersetzt werden, so geht es darum, dass wir neu über das Wesen der Fotografie nachdenken. Im beginnenden KI-Zeitalter müssen wir uns außerdem einmal mehr fragen, was das eigentliche Wesen des Menschen ist. Meiner Meinung nach liegt das Wesen des Menschen darin, dass wir lieben können und Gefühle haben.

In der Sprache gibt es dasselbe Problem. Eine Sprache zu erschaffen braucht Generationen, doch wenn ich einen Roman schreibe, werde ich ihn als mein Werk bezeichnen, obwohl das eigentlich schon übertrieben ist. Denn kein Satz darin ist ja wirklich neu – er ist nur neu zusammengestellt. Dasselbe gilt für den Dokumentarfilm: Kann ich sagen, er sei mein Werk, wenn doch alle Ereignisse und Bilder darin ohnehin schon bestanden haben? Bezüglich der Fotografie habe ich meine Kuratorin gefragt: Wie kann ich behaupten, dass diese Bilder mir gehören? Das gab den Anlass zum Projekt „Nur weil du den Auslöser gedrückt hast?“

Wenn KI ein Urheberrecht hätte, was wäre dann die Position des Menschen? Welche Ziele sollte ein Künstler in einer Zeit technischer Umwälzungen verfolgen?

Damals, als die Fotografie aufkam, wandte sich das allgemeine Interesse der neuen Technik zu. Viele empfanden sie als realer, auch wenn manche sich mit dem neuartigen Realismus nicht anfreunden konnten. So oder so führte es dazu, dass die Malerei mit der Zeit zumindest teilweise durch die Fotografie ersetzt wurde, was zum einen etliche Maler in die Arbeitslosigkeit drängte, zum andern aber auch die Frage aufwarf, ob Malerei überhaupt realistisch sein müsse.

Immer wenn eine neue Technik aufkommt, müssen wir uns von Neuem fragen, was eigentlich das Menschsein ausmacht. Zurzeit diskutieren wir unter anderem auch darüber, ob KI sich die menschliche Eigenschaft der Liebe aneignen kann.

Daraus entstand eine Arbeit, die der Frage nachgeht: Kennt KI sich besser mit der Liebe aus als wir? Diese Arbeit mit dem Titel „Ihr wisst nicht, was Liebe ist“ besteht aus einem Gerät, das ununterbrochen Liebesgedichte schreibt. Anfangs wollte ich dazu KI benutzen, doch die damit produzierten Liebesgedichte waren einfach zu schnulzig. Schließlich haben wir uns dann entschieden, ein ganz einfaches Programm zu verwenden, das per Zufallsprinzip gewählte Sätze zu Haiku-Gedichten zusammenstellt, die etwas dadaistisch anmuten. Das Überraschende war, dass viele Besucher sich emotional angesprochen fühlten, ja sogar den Eindruck hatten, die Gedichte wären speziell auf sie zugeschnitten. Natürlich konnte der Apparat keine solche Absicht haben – er war nichts als ein Programm, und die Reaktionen der Besucher waren reine Gefühlsprojektion. Eine Maschine zu entwickeln, die überraschende Ergebnisse vorführt, ist im Grunde sehr simpel.

Für den Menschen sind Emotionen eine wichtige Art des Denkens

Ausstellung „Ihr wisst nicht, was Liebe ist“ © Champochic Gallery Xiamen, Chen Guohua

Wenn eine Maschine Gefühle haben könnte, würde das dann bedeuten, dass Emotionen zerlegt und simuliert werden können?

In den 1920er Jahren gab Marvin Lee Minsky, ein Forscher am Massachusetts Institute of Technology, ein Buch heraus mit dem TitelThe Emotion Machine(Neuauflage 2006). Er vertrat darin die Meinung, eine Maschine könne menschliche Emotionen verstehen lernen, denn seiner Ansicht nach sind Emotionen eine besondere Art des Denkens. Es gehe bei Emotionen nicht nur um eine Ausschüttung Hormonen, sondern um eine Denkweise, welche sowohl bei der Informationsverarbeitung als auch bei vielen Entscheidungen eine äußerst wichtige Rolle spiele. Im Grunde sind Emotionen eine wichtige Art des Denkens.

Wenn eine Maschine beginnen würde, Emotionen zu entwickeln, müsste ihre erste Angst darin bestehen, dass sie verschwindet und zu existieren aufhört, denn die Existenz ist unser letztendlicher Sinn. Wenn aber eine KI anfangen würde, sich vor dem Tod zu fürchten, wäre es an der Zeit, sie abzuschalten. Auch beim Menschen ist die allererste Emotion die Angst vor dem Tod, denn die Existenz ist das Wichtigste. Neugeborene fürchten am meisten, verlassen zu werden, da dies ihren Tod bedeuten würde. Außerdem gibt es die Angst, verschlungen zu werden, weshalb wir uns oft vor Monstern fürchten. Das steckt in unseren Genen. Die Angst als unser ursprünglichstes Gefühl hilft uns, Entscheidungen zu treffen. Wenn KI nun Angst empfände, um ihre Existenz zu sichern, könnte dies dazu führen, dass sie unangebrachte Entscheidungen treffen würde.

Trotz der Gefahren von KI ist es nahezu unmöglich, darauf zu verzichten.

Was müssen wir tun, damit wir nicht von KI besiegt werden? Ihr folgen oder ihr entfliehen? Und ist entfliehen überhaupt noch möglich?

Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ zeigt in der Eingangsszene einen Menschenaffen, der einen Knochen als Waffe verwendet. Dies bringt ihm Vorteile, die notwendig sind, damit er überleben kann. Die Geschichte der Technik lehrt uns, dass der Besitz neuer Technologien der Schlüssel für das Überleben ist. Sich KI zu widersetzen, ist in der heutigen Zeit so gut wie unmöglich, so sehr dies auch mit Gefahren verbunden sein mag.

Geschichten sind die stärkste Waffe, denn sie können die Realität formen. So wie mit dem Knochen in2001: Odyssee im Weltraumist es auch mit KI: Sobald sie von einer Person verwendet wird, machen alle anderen mit. Die rasante Entwicklung der Technologie zwingt uns, schnell zu handeln, doch die tatsächlichen Folgen werden erst mit der Zeit zutage treten. Die Ablehnung der KI durch manche Künstler ist auch vergleichbar mit den einstigen Reaktionen auf die digitale Fotografie. Doch diese Entwicklungen sind unumkehrbar.

Wir können beobachten und abwarten, doch letztlich müssen wir handeln. Technologische Veränderungen folgen immer schneller aufeinander, und die Zeit, sich zu entscheiden, wird immer kürzer. Umgekehrt braucht es aber Zeit, bis die Infrastruktur, die Finanzierung und die rechtlichen Grundlagen die rasanten Entwicklungen aufgeholt haben.

Der Körper als „Waffe“ der Menschheit

Bleibt dem Menschen angesichts der Überlegenheit der KI am Ende nur der Körper?

Vor fünf Jahren war ich tatsächlich dieser Ansicht, denn damals hatte ich gerade angefangen, brasilianisches Jiu-Jitsu zu lernen.Anders als in der industriellen Revolution, als die menschliche Körperkraft ersetzt wurde, wird KI nun alle möglichen Aspekte des menschlichen Bewusstseins ersetzen, so etwa Rechts- oder Gesundheitsberatung, aber auch die Kreation von Songs oder Theaterstücken. Nur Bereiche, in denen sehr präzise Körperbewegungen nötig sind, werden vermutlich unverändert bleiben. Roboter wieBoston Dynamics können zwar bereits verschiedenste Bewegungen vollführen, sogar Saltos und Tanz, doch die Kosten sind enorm, weshalb sie eher im Militärbereich Verwendung finden. Zwar ist die materielle Grundlage unseres Körpers ganz anders als jene der KI, doch in Zukunft werden wir uns auch die Fragestellen müssen, ob sich nicht auch die Substanz maschineller Körper verändern wird.

Tan Chui Mui übt Brasilianisches Jiu-Jitsu © Wang Qingshan (Foto)

Im aktuellen Zeitraum ist der menschliche Körper insofern überlegen, wenn wir uns bewusst sind, dass das Denken längst nicht nur im Gehirn allein stattfindet, denn im Grunde stellt der gesamte Körper ein einziges Gehirn dar.Sämtliche Neuronen sind am Denkprozess beteiligt, und so sollten wir denn auch mit dem gesamten Körper denken.Sitzend zu denken ist eine andere Erfahrung als gehend zu denken. Viele Menschen verharren in starren Positionen, und so erstarrt auch ihr Denken. Früher haben viele noch im Gehen gelesen. Rousseau oder Nietzsche etwa gingen oft im Wald spazieren. Es unterscheidet sich beträchtlich, ob wir vor dem Computer oder beim Spazieren denken. Auch im Yoga merken wir dies, wenn unterschiedliche Bewegungen verschiedene innere Verfassungen evozieren.

Wie müssen wir unseren Körper verstehen, und wie sollen wir ihn nutzen?

Seit einigen Jahren mache ich fast täglich brasilianisches Jiu-Jitsu, das fasziniert mich fast noch mehr als das Filmschaffen. Früher, als ich Yoga-Kurse gab, habe ich die Teilnehmenden jeweils aufgefordert, eine Weile still dazusitzen, ihren Körper ins Lot zu bringen und mit geschlossenen Augen in sich zu spüren. Sich dann vorzustellen, einen Finger zu bewegen, ohne ihn tatsächlich in Bewegung zu setzen. Denn dabei sendet das zentrale Nervensystem Signale, so dass die Neuronen in den Finger übermittelt werden, und so kann man eine elektrische Strömung spüren.Wenn wir diese Vorstellungen kontrollieren können, dann haben wir vieles unter Kontrolle.

Der Körper hat ganz sicher einen Einfluss auf die geistige Verfassung. Ein bewusstes Ein- oder Ausatmen beeinflusst unseren Geisteszustand. Viele Menschen halten sich mithilfe des Atems unter Kontrolle. Jede Bewegung hat einen mehr oder weniger grossen Einfluss auf unser Denken. Darum sollten wir darauf bedacht sein, was unser Körper jeden Tag macht.

Tan Chui Mui übt Yoga © Yap Sin Chun (Foto)

Können wir KI besiegen, wenn wir unsere körperliche und geistige Verfassung unter Kontrolle halten?

In der Philosophie, etwa in der indischen Idee der Maya-Illusion, gibt es die Ansicht, dass unsere reale Welt nur fiktiv sei.So wie in Platons Höhlengleichnis, wo die Menschen in einer Grotte festsitzen und auf die projizierten Erscheinungen starren, im Glauben, es handle sich dabei um das reale Leben. Darum sind manche der Meinung, dass die Welt, die wir erfahren, im Grunde nur unsere Vorstellung ist, oder dass sie allein in unserem Bewusstsein existiert.Wissenschaftlich sind wir nicht in der Lage, das eigentliche Wesen der Welt vollständig zu erfassen. Die Welt, wie wir sie sehen, besteht aus unseren subjektiven Projektionen.

Letztlich ist der, der als erster daraus erwachen kann und sein eigentliches Wesen erkennt, in der Lage, diese Instrumente zu beherrschen. Wenn jemand in der Lage wäre, die Welt in ihrer Wirklichkeit zu sehen – dann könnte er den Sieg erringen. Doch diese Klarsicht ist äusserst schwierig zu erlangen.

Vielen Dank, Tan Chui Mui, für dieses Gespräch!

Tan Chui Mui Eric @ Blink

Tan Chui Mui, geboren 1978 in Kuantan, Malaysia, begann im Alter von 9 Jahren eine Kinderzeitschrift zu betreiben, eröffnete mit 17 Jahren eine Literaturkolumne, drehte mit 27 Jahren den Film „Love Conquers All“, bekam mit 38 Jahren ein Kind und beschloss mit 41 Jahren, Kampfkunst zu erlernen. Als Medienkünstlerin erhielt sie für ihre KI-Fotografie den Discovery Award von Jimei x Arles International Photo Festival. Als Filmregisseurin wurden ihre Filme mit Preisen auf Festivals wie dem Busan International Film Festival, dem Internationalen Film Festival Rotterdam und dem Shanghai International Film Festival ausgezeichnet.

Interview: Jiani Chen
Redaktion: Shuo, Jiani Chen
Copyright: Goethe-Institut China
Übersetzung: Eva Lüdi Kong