Einsam, zweisam, gemeinsam  Ich fühle Dich: Einsamkeit im Generationendialog

Einsamkeit217701000 © Sam Moghadam, unsplash.com

Ihre Lebenswelten könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Großeltern im Krieg geboren, die Enkeltochter im neuen Jahrtausend behütet aufgewachsen. Und doch teilen sie ein Gefühl –einsam zu sein. Wie sich ihre Einsamkeit unterscheidet, wo Schnittmengen liegen und wie die drei damit umgehen, darüber haben sich Leonie, ihr Opa mütterlicherseits Richard und ihre Oma väterlicherseits Amalia*in einem sehr persönlichen Gespräch ausgetauscht.

Von Erdmuthe Hacken

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Leonie: Wann hast Du Dich das letzte Mal richtig einsam gefühlt?

Opa: Gestern. Eigentlich fühle ich mich ständig einsam. Und Du?

Leonie: Bei mir geht es eigentlich. Ich habe ja meine Eltern und meine Schwester täglich um mich. Und wir teilen sehr viel miteinander. Ich fühle mich vor allem allein, wenn mich meine Familie falsch versteht. Auch sehr einsam fühle ich mich in zu großen Freundesgruppen, wo kein wirkliches Interesse an einem Gespräch besteht. Aber zurück zu Euch. Wenn Ihr Euer Leben noch einmal leben könntest – würdet Ihr etwas ganz anders machen?

Oma: Ich würde mit einem anderen Mann ins Leben starten, in der Kunstindustrie arbeiten und niederländisch studieren. Vor allem aber würde ich enge Freundschaften noch mehr pflegen und weniger enge einfach sein lassen.

Opa: Ich bin im Rückblick eigentlich sehr zufrieden.

Leonie: Was habt Ihr früher gemacht, wenn Euch niemand verstanden hat?

Opa: Fußball gespielt. Was machst Du?

Leonie: Ich verliere mich in Serien. Das kann schon zur Sucht werden. Es fühlt sich aber an, als wäre ich Teil des Geschehens. Fühlst Du Dich eigentlich einsam, auch wenn die Familie da ist?

Opa: Nein, gar nicht. Denn wir reden ja sehr viel. Kommunikation ist für mich sehr wichtig.

Leonie: Welche drei Menschen haben Dich in schweren Zeiten am meisten getröstet – und warum?

Opa: Meine Schwiegermutter, also Deine Uroma. Meine Frau und Deine Mama. Einfach durch ihr Dasein. Sie waren und sind mein Leben. Und wer hilft Dir durch Krisen?

Leonie: Meistens helfe ich mir selbst bzw. die Fantasiewelt meiner Lieblingsserie. Manchmal schreibe ich auch meinem Therapeuten. Apropos Therapeut: Wenn unsere Familie ein 'Einsamkeits-Notfallkit' packen würde – was sollte da aus Deiner Sicht rein?

Opa: Bücher. Bücher. Bücher. Und bei Dir?

Leonie: Serienmarathon, ein Flugticket ins Unbekannte, Mamas süß-saure Eier, Opas gefüllte Paprikaschoten, Omas Frühstück und Papas Chili con carne. Was meinst Du Opa, an welchem Ort fühlen wir uns beide niemals allein – und warum?

Opa: Mir ist es eigentlich egal, wo, solange wir zusammen sind. Wenn man zusammen ist, fühlt man sich sicher.

Leonie: Für mich ist es Deine Wohnung, Opa. Fühlst Du Dich eigentlich durch Handy und Internet von uns entfremdet?

Opa: Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Nur so konnten und können wir trotz Entfernung immer Kontakt halten. Für mich ist das also eine große Hilfe.

Leonie: Und welche technische Erfindung macht uns insgesamt einsamer – welche verbindet?

Opa: IT verbindet und trennt gleichzeitig. Es ist Fluch und Segen. Was ich zum Beispiel sehr schade finde, dass wir heutzutage keine Briefe mehr schreiben. Auf der anderen Seite kann ich immer in Kontakt zu Leuten bleiben, die sehr weit weg sind.

Leonie: Ich finde, mit ChatGPT vereinsamen die Leute, man spricht gefühlt nur noch mit der Technik. Online Foren hingegen verbinden. Ich bekomme dort häufig Rat und Unterstützung von Gleichgesinnten. War die Rente für Dich ein Einsamkeits-Risiko?

Opa: Nein, war sie nicht. Ich hatte ein gesichertes Einkommen und viel Zeit für die schönen Sachen der Welt.

Leonie: Bei Einsamkeit denke ich auch immer an körperliche Einschränkungen. Wie gehst Du damit um, dass Dein Körper jetzt manches nicht mehr kann? Fühlst Du Dich dadurch manchmal einsamer?

Opa: Nein, das gehört einfach zum Altwerden dazu.

Leonie: Welche körperlichen oder emotionalen Schmerzen haben wir beide schon verschwiegen – aus Angst, andere zu belasten?

Opa: Ich habe zum Beispiel meine Existenzängste verschwiegen. Ich habe Deiner Oma nie davon erzählt, dass ich auf dem Radar der Staatssicherheit war und wie sehr mich dies belastet hat.

Leonie: Ich habe meine Essstörung, meine Depressionen, meine Angststörung und meine Selbstverletzungen lange verheimlicht. Aber irgendwann habe ich mich dann an Ärzte gewandt. Jetzt kann ich offener darüber reden und mir schneller Hilfe suchen, wenn es mir wieder schlechter geht. Diesen für mich großen Schritt damals gegangen zu sein, hat mir gezeigt, dass ich nicht wirklich allein bin. Wie erkenne ich denn bei Dir, dass Du Gesellschaft brauchst, auch wenn Du es nicht sagst?

Opa: Das erkennst Du nicht. Ehrlich gesagt, ist das mein Handicap. Es verfolgt mich mein ganzes Leben: Ich habe kein soziales Leben gesucht. Das macht natürlich einsam.

Leonie: Lass uns ein Codewort ausmachen für: ‚Ich fühle mich einsam – bitte sei jetzt für mich da.‘ Was könnte das sein?

Opa: Empathie 28.

Leonie: Das gefällt mir. Was glaubst Du hat sich mehr verändert: Wie wir Einsamkeit erleben – oder wie wir darüber reden?

Opa: Das hält sich aus meiner Sicht die Waage. Ich glaube, dass immer mehr Menschen allein leben ohne einsam zu sein. Dann trägt der technische Fortschritt trägt seinen Teil zu Einsamkeit bei. Andererseits sehe ich heute sehr viel mehr Offenheit, darüber zu reden. Das war früher ganz anders.

Leonie: Gerade in meiner Generation ist Einsamkeit ein großes Thema. Ich habe das Gefühl, Ihr wart früher weniger einsam, habt gemeinsam draußen gespielt, Euch mit Freunden getroffen, stundenlang telefoniert. Wir hocken gefühlt nur zu Hause, vorm Smartphone oder vor der Kiste. Vor allem Corona hat viele Kinder und Jugendliche in die Einsamkeitsfalle getrieben. Einsamkeit wird heute zwar mehr thematisiert als damals, aber unterm Strich hat sich das Erleben vom Einsamkeit mehr verändert.

Opa: Warum haben junge Menschen heute mehr ‚Kontakte‘ – aber oft weniger echte Freunde?

Leonie: Zum einen, liegt das daran, dass man sich gerne mal den Kontakt von einer Person holt, dann aber die Beziehung nicht wirklich pflegt und der Kontakt im Sand verläuft. Zum Anderen liegt das an den sozialen Medien. Wir sind alle permanent mit unseren Geräten beschäftigt. Selbst wenn wir zusammen in einem Raum sind, führen wir kein wirkliches Gespräch. Am Ende fehlt dann die Basis für eine wahre Freundschaft. Gibt es etwas, dass zum Beispiel die Städte gegen Einsamkeit anbieten könnten?

Opa: Ja klar. Alters-WGs, beispielsweise. Mehr Unterstützung für ältere Menschen durch Vermischung von Altersgruppen oder Veranstaltungen mit Austausch. Was ich auch wichtig finde: Wir müssen aufhören, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel beim Thema Rente.

Oma: Ich wünsche mir mehr Verständnis. Und mehr Anlaufstellen, Clubs zum Beispiel. Wo man sich zum Spazieren, Spielen oder einfach nur zum Reden trifft. Gesellschaft ist das beste Mittel gegen Einsamkeit. Und Vertrauen. Egal in welchem Alter.

Opa: Vor welcher Art von Einsamkeit hast Du denn am meisten Angst – wenn Du an Dein Alter denkst?

Leonie: Ich habe Angst, dass Menschen durch das permanente Nutzen von Medien ungeduldig werden. Im Netz bekommen sie alles, was sie wollen. Und das innerhalb von Sekunden. Im echten Leben funktioniert das aber nicht. Diese wachsende Ungeduld führt dazu, dass die Menschen schneller irritiert werden, nicht mehr richtig nachfragen und dadurch ihre Mitmenschen nicht mehr richtig verstehen wollen. So entstehen schnell Missverständnisse, vor allem was Gefühle angeht. Vor dieser Art von Einsamkeit habe ich am meisten Angst: von allen missverstanden zu werden, ohne Interesse an „der Wahrheit“. Über Wahrheit gesprochen, in welchen Büchern oder Filmen könnten wir uns abschauen, wie man Einsamkeit bewältigt?

Opa: In den Dresen-Filmen. Sie zeigen sehr prägnant, wie es zugeht und was man machen kann.

Oma: In den Büchern von Françoise Sagan und Pieter Waterdrinker.

Leonie: Mein großer Held ist ja Captain Jack Sparrow – er genießt sein Leben, erlebt Abenteuer allein und mit Freunden. Aber das Alleinsein macht ihm nicht wirklich etwas aus. Er bleibt stets positiv und humorvoll. Und dann denke ich noch an Christopher Robin in seiner eigenen, kleinen kreativen Welt. Für mich ein sehr heilsames Vorbild. Wer hat Dich getröstet, als Du Deine Eltern verloren hast?

Opa: Ich habe ihr Ableben akzeptiert. Meine Mutter war krank und zu meinem Vater hatte ich kein (gutes) Verhältnis. Aber der Verlust geliebter Menschen ist immer eine Zäsur. Jeder muss seinen Weg finden, mit der Trauer umzugehen.

Leonie: Hast Du eigentlich Angst, Oma im Pflegeheim zu besuchen, weil es traurig ist?

Opa: Nein, ich besuche sie gern. Ich versuche, ihr und mir zu helfen. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit durch unsere lange Verbundenheit, unsere lange Liebe.

Leonie: Und wie geht es Dir mit der Tatsache, dass sie jetzt nicht mehr bei Dir lebt?

Opa: Nicht so gut. Ich habe das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Und ich bin traurig, dass ich ihr nicht mehr helfen kann. Ich besuche sie jede Woche und versuche, das Beste daraus zu machen.

Leonie: Das ist schön. Ich wünsche mir auch so eine Beziehung.

Opa: Wie findest Du eigentlich Anschluss, wo Ihr doch oft umgezogen seid?

Leonie: Am Anfang sehr schwer, aber nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran, immer die Neue zu sein. Außerdem hatte ich immer relativ viel Glück mit meinen neuen Mitmenschen. Das hat es mir einfach gemacht, anzukommen und mich so weiterzuentwickeln, dass mir jeder neue Umzug leichter fallen wird als der davor. Wenn Du schlechte Tage hast: Willst du dann lieber Besuch – oder in Ruhe gelassen werden?

Opa: Sowohl als auch. Manchmal hilft reden. Manchmal will ich es lieber allein schaffen.

Leonie: Wie erklärst Du Freunden, dass Du nicht immer Lust auf ein Treffen hast? Fürchtet Du, sie zu verlieren?

Opa: Meine Freunde sind alle tot, das ist ein großes Dilemma. Wie machst Du es mit Deinen Freunden?

Leonie: Den meisten Freunden sage ich das nicht, entweder quäle mich durch ein Treffen oder ich sage mit einer lahmen Ausrede ab. Es gibt aber auch Freunde, von diesen hatte ich bisher zwei, bei denen ich sagen konnte, dass es mir nicht gut geht. Dann haben sie einfach mit mir telefoniert und mir zugehört oder mich am nächsten Tag gefragt, wie es mir geht und mir ein Gespräch angeboten. Bei den beiden hatte ich nie Angst, sie zu verlieren, nur weil es mir mal nicht gut geht. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass man solche Freunde in seinem Leben findet, da sie einem die Einsamkeit nehmen.

Leonie: Was könnten wir nächste Woche zusammen machen, das uns beide aus dem Einsamkeits-Grübeln holt?

Opa: Lass uns gemeinsam kochen und dann einen Spaziergang um den See machen, mit einem kleinen Abstecher zum Gasthof.

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Einsam, zweisam, gemeinsam – Eine Chronik der Hoffnung

Einsamkeit ist eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit. Weltweit beschäftigen sich Experten und Regierungen mit den Auswirkungen von Einsamkeit und Isolation auf Gesundheit, Wohlbefinden und sozialen Zusammenhalt. Und sie reagieren. Mit Analysen, mit Strategiepapieren, ja sogar mit eigenen Einsamkeitsministern und -beauftragten. Auch die Bandbreite an staatlichen wie privaten Initiativen und Programmen, an technologischen Innovationen und gemeinschaftsorientierten Projekten ist groß. Sie alle eint ein Ziel: soziale Kontakte zu fördern und Einsamkeit zu bekämpfen. Das Goethe-Institut China bringt an dieser Stelle Menschen aus China und Deutschland zum Thema Einsamkeit ins Gespräch, beleuchtet unterschiedliche Perspektiven, stellt Ideen und Visionen vor und wagt auch den Blick über die Ländergrenzen hinaus. In den kommenden zwei Jahren präsentieren wir in loser Folge Beiträge aus der Chronik der Hoffnung.

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*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Text: Erdmuthe Hacken