We...Wei...What? #8 Luo Tianyi und das boomende Geschäft mit virtuellen Stars

Virtuelle Stars in China © yì magazìn

Sie treten in Fernsehshows auf und zieren die Cover von Modemagazinen: Der Erfolg virtueller Stars ist ziemlich real.

Im Frühjahr 2021 war das virtuelle Idol Luo Tianyi (洛天依) Gast in der staatlichen TV-Neujahrsgala, wo Jahr für Jahr ausschließlich die Crème de la Crème chinesischer Entertainer*innen auftritt.

Es war ein großer Augenblick für die Medienwelt, der die Bedeutung virtueller Superstars in der chinesischen Popkultur markierte. Luos Auftritt wurde sogar auf den Werbepostern der Show angekündigt und war das erste Mal, dass ein virtueller Star in einer Show dieser Art zu sehen war.
Luo Tianyi Luo Tianyi | Screenshot
Virtuelle Berühmtheiten wie Luo Tianyi werden auch als „vSinger“ bezeichnet und einige von ihnen haben riesige Fangemeinden. Wie ist es zu diesem Boom virtueller Superstars in China gekommen, der dazu geführt hat, dass ein künstlicher Star wie Luo Tianyi in Chinas wichtigster Mainstream-Sendung auftreten konnte?

Luo Tianyi: Chinas erste virtuelle Sängerin

Luo Tianyis Auftritt in der Neujahrsgala war bei weitem nicht ihr erster großer Auftritt. Als Hologramm hatte sie bereits live an Veranstaltungen wie der Bilibili Night und 2019 an einem Konzert des weltberühmten Pianisten Lang Lang teilgenommen.
Lang Lang und Luo Tianyi Werbeplakat für ein Konzert mit Lang Lang und Luo Tianyi | Screenshot Diesen Auftritten geht ein aufwändiger Produktionsprozess voraus: Monatelang werden das Aussehen und die Bewegungen entworfen. Der spektakuläre zweistündige holografische Auftritt von Luo Tianyi wurde von 200 Spezialisten ein halbes Jahr lang vorbereitet.

Luo Tianyi ist eine sogenannte „Vocaloid-Sängerin“ – eine virtuelle Figur mit chinesischer Sprachausgabe, die ursprünglich in der von Yamaha entwickelten Stimmsynthesizer-Software VOCALOID verwendet wurde. Vocaloid kam 2004 auf den Markt und wurde als kommerzielles Produkt entwickelt, um seinen Nutzern Sängerinnen für Texte und Melodien zur Verfügung zu stellen, ohne dass diese auf echte Sänger zurückgreifen müssen.

Luo Tianyi wurde von der Firma Henian in Shanghai in Kooperation mit dem Tokioter Unternehmen Bplats entwickelt.  Die Figur wurde an die Gewinnerin eines Wettbewerbs angelehnt, dessen Ziel es war, Chinas erste Vocaloid-Figur zu produzieren. Die Stimme für Luo Tianyi lieferte die chinesische Sängerin Shan Xin (山新).

2012 wurde Luo Tianyi der Öffentlichkeit offiziell als 15-jährige Entertainerin und virtuelle Sängerin vorgestellt. Heute hat ihr Weibo Account, über den sie Nachrichten zu ihren Auftritten verschickt, etwa 5 Millionen Follower. Tausende von ihnen liken und teilen ihre Posts.

Von Japan nach China: der Boom virtueller Stars

Wie die staatliche Tageszeitung Global Times berichtet, gewannen virtuelle Stars 2020 parallel zum Aufschwung bei Livestreaming deutlich an Popularität. Zum wachsenden Erfolg der virtuellen Publikumslieblinge in China hat die chinesische Video-Sharing-Plattform Bilibili beigetragen. Auf Bilibili tauschen sich viele Fan-Communitys in China aus, da die Plattform einen Fokus auf Animation, Comics und Spiele (ACG) hat. Sie war eine der ersten Plattformen in China, die Konzerte virtueller Stars ausstrahlte. Im Jahr 2020 veranstaltete sie unter dem Titel „BML-VR 2020“ Chinas erstes Konzert, das ausschließlich virtuelle Darsteller zeigte.

Bei dem Bilibili-Konzert traten verschiedene virtuelle Stars auf, darunter zwei japanische Schöpfungen: die beliebte Hiseki Erio sowie Hatsune Miki, das berühmteste virtuelle Idol aller Zeiten. 

Japan ist das Ursprungsland der virtuellen Stars. Ihre Geschichte begann im Jahr 1996 mit dem Debut von Kyoko Date, auch bekannt als DK-96 oder Digital Kid-96. Die Figuren kommen in verschiedenen Gestalten, Formen und Genres und alle haben ihre eigenen Hintergrundgeschichten. Hatsune Miki wurde 2007 als Maskottchen der Vocolaid-Software von Crypton Future auf den Markt gebracht. Außerdem gibt es populäre virtuelle YouTuber, also „vTuber“ und in Japan florieren entsprechende virtuelle Talentagenturen wie Hololive.
Kizuna AI Kizuna AI | Screenshot Der Begriff „virtueller YouTuber“ entstand mit dem Debut von Kizuna AI, die sich erstmal 2016 mit einem Video online präsentierte. Kizuna, die später zur Kulturbotschafterin der nationalen Tourismusorganisation Japans wurde, zählt immer noch zu den bekanntesten vTubern weltweit.

Weil japanische Mangas und Anime auf dem chinesischen Markt so beliebt sind, verzeichnen seit etwa 2017 auch virtuelle Stars aus Japan in der Volksrepublik große Publikumserfolge. Allein Hatsune Miki hat über 3,4 Millionen Fans auf Weibo.
Virtuelle Stars in China Virtuelle Stars werden in China immer populärer | Screenshot Der Markt für virtuelles Entertainment explodiert neuerdings in China, wo auf Bilibili und andernorts die ACG-Szene blüht.

Produkte der japanischen Populärkultur haben sich seit den frühen 1990er Jahren in China ausgebreitet, was immer wieder Gegenreaktionen der Regierung hervorrief. Eine der Maßnahmen gegen die „kulturelle Invasion" aus Japan ist die stärkere Förderung der Produktion von Made-in-China-Animationen und anderer ACG-Produkte.

Während in China ständig neue Animationsfilme  und -serien auf den Markt kommen, gilt das nun auch für eine Welle virtueller Stars, die in China produziert worden sind, zum Beispiel Yousa (冷鸢), ein Bilibili-Idol, und Xing Tong (星瞳), eine Schöpfung von Tencent. Die chinesische Spielefirma Papergames hat für die von ihr kreierte Figur Nuan Nuan (暖暖) eine Existenz auch außerhalb der Spielewelt geschaffen. Nuan Nuan ist inzwischen auch Sängerin, Stylistin und Modebotschafterin.
Ling (rechts) auf dem Cover von VOGUE me Ling (rechts) auf dem Cover von VOGUE me | Screenshot Außerdem ist da noch Ling (翎), eine virtuelle Influencerin, die Pekingoper, Teekultur und Kalligraphie liebt. Produziert vom Studio Next Generation und dem Shanghaier Startup Xmov, trat sie in der CCTV Show Bravo Youngsters (上线吧华彩少年) auf und war im Februar 2021 zusammen mit Showprominenz aus dem wirklichen Leben auf dem Cover von VOGUE me zu sehen.
Ling Bild von Ling von ihrem offiziellen Weibo-Account | via Weibo Es ist davon auszugehen, dass die Menge virtueller Stars zusammen mit dem wachsenden Marktvolumen noch zunehmen wird. Im Oktober 2020 wurde die Unterhaltungssendung Dimension Nova (跨次元新星) erstmals als Talentshow für virtuelle Talente ausgestrahlt.

Virtuelle Werbung und Kontroversen

Der wachsende Einfluss der virtuellen Unterhaltungsindustrie in China wird immer deutlicher, nicht nur in Popmusik und kommerzieller Kultur, sondern sogar in der Politik.

Die virtuellen Stars sind so beliebt, dass auch Marken auf den Zug aufspringen und sie als Markenbotschafter anstellen oder sich eigene Cyber Stars kreieren. Xing Tong (Tencent) wurde zum Beispiel von Levi’s und dem Hersteller von Sportbekleidung Li Ning ausgestattet. Nuan Nuan trat in einer Werbung für Haarpflege von LUX auf und Luo Tianyi war Teil der Werbekampagnen von Huawei, Pizza Hut und Kentucky Fried Chicken.

Im Januar 2021 präsentierte McDonald’s China mit Happy Sister (开心姐姐) ein eigenes virtuelles Idol als Markenbotschafterin. Damit ist das Unternehmen eine von über 30 Firmen in China, die diesen Schritt gegangen sind. Der erste Auftritt von Happy Sister wurde von 200 Millionen Weibo-Nutzern geschaut.

Der Einfluss virtueller Stars zeigte sich auch in den Diskussionen unter ihren Fans, nachdem ein Auftritt von Akai Haato und Kiryu Coco, zweier japanischer virtueller Figuren der Talentagentur Hololive, ein diplomatisches Zerwürfnis auslöste: In einem Livestream, in dem sie über die Google-Analytics-Ergebnisse ihres YouTube-Kanals sprachen, hatten sie Taiwan als „Land“ bezeichnet.
Happy Sister Happy Sister | Screenshot Die japanische Firma Cover, die Hololive betreibt, veröffentlichte danach auf Bibilili eine Entschuldigung. Trotzdem wurden die beiden virtuellen Stars von Bilibili verbannt und kurz darauf auch die chinesische Tochterfirma von Hololive dicht gemacht.

Dieses Beispiel zeigt, dass obwohl virtuelle Idole generell als sichere Option für Marken und Unternehmen gelten, weil sie im Gegensatz zu realen Prominenten nicht in Skandale verwickelt werden, es dennoch möglich ist, dass sie Kontroversen auslösen.

Trotzdem sieht die Zukunft für virtuelle Stars in China rosig aus, da das Marktpotential für Luo Tianyi und ihresgleichen riesig ist. Von Konzerten und Modenschauen hin zu Livestreaming-Kanälen, von Weibo bis Bilibili und darüber hinaus werden wir voraussichtlich erleben, wie virtuelle Stars zunehmend Teil des Alltags in China werden.
 

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