Im Rahmen des Residenzprogramms „Kulturen in Kontakt – Artists in Residence“ kam die Schriftstellerin Stepha Quitterer im November 2025 nach Nanjing, um Recherchen für einen Fortsetzungsband von „Pepe und der Oktopus“ durchzuführen. Dabei befasste sie sich insbesondere mit dem Plastik- und Abfallmanagement, der Seefahrer- und Piratengeschichte Chinas sowie traditionellen Festen. Während des Residenzprogramms beschäftigte sich die Schriftstellerin außerdem intensiv mit Interkulturalität im Kontext von Albträumen und Redewendungen sowie mit Herrschaftsmacht und Geschlechterverhältnissen. Ein Interview.
China ist ein Sehnsuchtsort von mir, seit ich „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ gelesen habe. Während meines Politikstudiums habe ich mich schon schwerpunktmäßig mit China beschäftigt, und in meinem letzten Kinderbuch, Pepe und der Oktopus auf der Flucht vor der Müllmafia, endet eine Abenteuerreise vor dem Hintergrund illegaler Plastikmüllexporte am Südchinesischen Meer.
Ich wollte die Gelegenheit nutzen, wirklich in die chinesische Kultur und den chinesischen Alltag einzutauchen, ohne Tourist zu sein. Das Residenzprogramm gab mir nicht nur die Möglichkeit, auf dem Uni Campus zu wohnen, sondern auch, Studierende zu unterrichten und mit ihnen Projekte zu machen. Auf diesen Austausch war ich neugierig – und er hat mich tatsächlich sehr inspiriert und zu weiteren Projekten angeregt.
Was war dein erstaunlichstes Erlebnis in China?
Als ich eine Adresse gesucht habe, die nicht in der Map verzeichnet war, und sich eine Chinesin, bei der ich nur nach dieser Adresse gefragt habe, extra von der Arbeit abgemeldet hat, um mich eine Stunde lang (!) bei der Suche nach diesem Ort zu begleiten und mir zu helfen.
Und die Akupunktur – oder vielmehr den Ort der Akupunktur – die/den ich mit/dank einer chinesischen Freundin erleben durfte.
Oh, und natürlich Moxibustion.
Welche ist deine chinesische Lieblingsspeise? Warum?
Nudelsuppe zum Frühstück! Ich mag nix Süßes zum Frühstück, ich bin auch kein Brot- oder Brötchenesser – dafür liebe ich Nudeln! Schön scharf mit Chilisoße und ordentlich Koriander! Und dann die Nudeln auf die Stäbchen drehen und schlüüüürfen …
Ich liebe auch Hot Pot – weil man sich aussuchen kann, was man haben will (praktischer für Veganer/Vegetarier!).
Und Xiaolongbao – weil man die erst anbeißt, um die heiße Soße raus zu schlürfen, und das gibt meistens eine Schweinerei. Wahnsinnig saftig und lecker.
Welcher Moment während deines Aufenthalts in Nanjing hat dich bei deiner Arbeit als Künstler besonders inspiriert?
In meiner künstlerischen Arbeit hat mich die lückenlose Videoüberwachung sehr inspiriert. Auch, dass in der Mensa der Uni – und in den U-Bahnen – wirklich ALLE Menschen IMMER an den Handys sind. Selbst, wenn sie bei einer offensichtlichen Verabredung im Café sind, sitzen beide für sich an ihren Handys. Auch ein Tag am See, an dem sehr viel Smog war und alle Spaziergänger (es waren viele!) in Masken unterwegs waren, hat mich nachhaltig inspiriert, das war geisterhaft. Und ein Singvogel in einem winzigen Käfig, der draußen vor einem Café hing, der hat mir das Herz gebrochen.
Welchen Ort in China würdest du deinem*r Nachfolger*in unbedingt empfehlen?
NANJING!! Ich liebe diese Stadt, so modern und gleichzeitig kaiserlich-ehrwürdig … Alte Platanen, verrückte Roller-Fahrer, viele Hanfu, freundliche Menschen … Ich empfehle die alte Stadtmauer von Nanjing, auf der man stundenlang spazieren und den Häusern darunter in die Hinterhöfe gucken kann. Und man sollte definitiv ins Massaker Museum (das heißt so!), zur Nanjing-Jangtse-Brücke, mit dem Fahrrad eine Runde um Jiangxin Continent fahren, und zur Schiffswerft des Ming-Admirals Zheng He …
Die älteste Privatbibliothek in Ningbo ist meine zweite Empfehlung.
Und der Lu-Xun-Park in Shanghai, in dem die Menschen gemeinsam im Chor alte Revolutionslieder singen.
Auch Chongqing hat mir sehr gefallen, schön crazy, irre Architektur und voller Kunst. Xian war ein wildes Erlebnis. Und Lhasa hat mir – im wahrsten Sinn – den Atem geraubt.
Inwieweit hat das Residenzprogramm deine Vorstellung von China verändert?
Sie hat meine Vorstellung gehörig auf den Kopf gestellt. Meine Erfahrung ist mit keiner anderen Auslandserfahrung, die ich bisher gemacht habe, vergleichbar. China ist alles – und das gleichzeitig. Modern und alt, demütig und größenwahnsinnig, rücksichtsvoll und rücksichtslos, organisiert und chaotisch. Vielleicht als ein (!) Beispiel: Es gibt ja Starbucks. Aber die Hälfte der Kundschaft bringt sich einfach frittierte Hühnerbeine und sogar die Getränke von einem anderen Laden mit – um sie bei Starbucks zu essen und zu trinken.
Welche Gewohnheit oder Idee aus China würdest du gerne in Deutschland übernehmen?
Das sind einige. Ich finde großartig, dass sich alle, jung bis alt, ständig gymnastisch fit halten. Sich im Gespräch den Kopf klopfen, das Gesicht massieren, die Arme kreisen, oder rückwärts laufen, täglich 40.000 Schritte gehen – ganz normal. Auch ganz normal ist, dass offensichtlich sehr alte Menschen ihr Bein vor dir auf ein brusthohes Brückengeländer schwingen, um sich zu dehnen.
Oder: Wenn gerade nichts los ist im Laden, kommen die Angestellten raus, um auf dem Gehweg einstweilen Badminton zu spielen. Alte Leute treffen sich in den Parks, um gemeinsam zu singen, zu tanzen oder über Wasserkalligraphie zu diskutieren. Öffentliche Gymnastikgeräte für alte Menschen werden tatsächlich und viel genutzt (anders als bei uns).
Fußmassagesalons sind überall, haben sogar bis nachts um 2 oder 3 auf, sind unfassbar gut und erschwinglich (zumindest in Nanjing) und gehören einfach dazu.
Also der Gedanke mens sana in corpore sano scheint mir in China wirklich gelebt.
Ich mag auch das Verkehrsverhalten, das so diametral anders zu unserem ist: Wenn ich – beispielsweise – als Fahrradfahrer in Deutschland auf die Straße fahren will, muss ich mich erst umschauen, ob niemand von hinten kommt.
In China würde ich einfach auf die Straße fahren – weil dort die, die von hinten kommen, auf das Rücksicht nehmen müssen, was VOR ihnen passiert.
Dadurch gibt es wesentlich weniger Gehupe, Gemotze und Vogel-Gezeige – weil in China eben nicht der Vordermann „Schuld“ ist. Alle haben dort (als Verkehrsteilnehmer, aber vielleicht nicht nur) ein bisschen mehr Recht, dort zu sein, wo sie gerade sind. Jemand hat es mir als mit dem Konfuzianismus zusammenhängend erklärt.
UND, was ich auch noch angenehm fand und finde: die Freundlichkeit. Vor allem und gerade mir als Ausländerin gegenüber. Man muss vielleicht der Erste sein, der den Lächel-Anfang macht (in China ist man nämlich auch sehr zurückhaltend), aber dann weiß man sofort und sehr genau, warum China auch (!) das „Land des Lächelns“ ist.
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Juni 2026