Kultur

Karl’s Bad in der Menge

Pepa Gažur

Das größte tschechische Filmfestival lockt studentische Rucksack-Touristen und Boulevard-Promis

Schauspieler und die Regisseurin des Film Revival. Foto: © IFF Karlovy Vary

Schauspieler und die Regisseurin des Film Revival. Foto: © IFF Karlovy Vary

Das Internationale Filmfestival von Karlovy Vary (Karlsbad) ist eines der wichtigsten in Mitteleuropa. Seine Atmosphäre lockt Filmfans jeden Alters. Zum 48. Jahrgang dieses kulturellen Ereignisses fanden beinahe 130.000 Besucher ins Halbdunkel der Kinosäle. Einige Erlebnisse vom Ort des Geschehens.

Morgens 5:30. Ich schalte den Wecker an meinem Handy aus. Langsames Erwachen in einer Turnhalle, die zu einem Hostel umfunktioniert wurde. Ich schäle mich aus dem Schlafsack, gehe zu den Duschen und reihe mich in die Schlange ein. In die erste von vielen Schlangen, die an diesem Tag noch folgen sollten. Die nächste Schlange erblicken meine noch müden Augen vor der Hauptkasse im Hotel Thermal, einem riesigen Betonkoloss. Sechs Kinos, die gesamte Zentrale des Festivals sowie Cafés, Bars und Restaurants verbergen sich in seinem Innerem. Ich lege meine Isomatte auf den Boden und warte im Halbschlaf, dass um acht Uhr die Kasse öffnet. Vor mir halten Dutzende anderer Rucksäckler Biwak. Im Laufe des Morgens gesellen sich noch gut 300 weitere hinzu. Um sieben Uhr versuche ich, einige Tickets per SMS zu buchen. Das klappt bei rund der Hälfte der Reservierungen. In diesem Augenblick wird die Festival-Revue in dem Ständer daneben ausgelegt und mit einem Fastfood-Kaffee angeboten. Um acht öffnen die Kassen. Heute war ich früh am Start, ich habe alle Karten auf alle Festival-Pässe bekommen, die meine Freunde mir in Auftrag gegeben hatten. Aber: Habe ich aus den zig Filmen, die heute laufen werden, auch die richtigen ausgewählt? Hätte ich nicht lieber auf den jung-frischen Film eines deutschen Debutanten setzen sollen anstatt auf den Sieger der Berlinale?

Der Tag des so genannten Festival-Backpackers auf dem Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary liegt immer totsicher in der ersten Juliwoche. Morgens ab in die Ticketschlangen, am Nachmittag in den ersten Film, dann schnell ein paar Halušky (eine Art tschechisch-slowakische Gnocchi) vor dem Hotel Thermal heruntergeschlungen und schließlich ein wahrer Filmmarathon. Die Ziellinie? Kaum in Sicht. Vielleicht irgendwann so gegen zwei Uhr morgens, wenn der Mitternachts-Horror endet. Den kann man sich zwar auch aus dem Internet herunterladen, aber die Atmosphäre der nächtlichen Filmvorführungen machen die Horrorreihe zu einem der beliebtesten Punkte im Programm.

Oliver Stone als einer der ausländischen Gäste und sein Publikum. Foto: © IFF Karlovy Vary

Oliver Stone war einer der ausländischen Festivalgäste. Foto: © MFF Karlovy Vary

Gerade die Atmosphäre ist einer der Gründe, warum sich zu einem der bedeutendsten europäischen Filmfestivals in diesem Jahr über 12.000 Menschen akkreditiert haben. Was macht die Atmosphäre aus? Ist es der Mann, der – nachdem die Filmemacher gesprochen haben – seit Jahren vor jeder Vorstellung im Großen Saal die Mikrofone vor der Leinwand zusammenklappt, und dafür größeren Applaus kassiert als die Filmstars selbst? Sind es die Festival-Jingles? Oder doch die kleinen komödiantischen Etüden mancher früherer Gäste wie Jude Law, Helen Mirren oder John Malkovich? Oder am Ende der Kampf um die Tickets, von denen es um ein Vielfaches weniger gibt als Interessenten, und dann die Menschenschlangen vor noch unbesetzen Kassen, auch wenn die Vorstellung bereits hoffnungslos ausverkauft ist?

Ich verbinde mit Karlsbad den einzigartigen Festival-Rhythmus. Ganz plötzlich geht es um nichts anderes mehr als Filme. Da heißt es dann: Schlafdefizit ausgleichen bei den schlechten Filmen, Durchhalten bei den guten. Tickets werden zum größten denkbaren Reichtum, jede Vorführung zum Ereignis. Das ganze Jahr über ist es keine Kunst, ein Ticket für das leere Multiplex zu bekommen. Aber jetzt, am gleichen Ort, wiegt man ein Ticket für La grande bellezza von Paolo Sorrentino mit Gold auf und sitzt sogar bei Journalisten-Vorstellungen auf dem Boden. Mehr als 50 Filme kann sich ein einzelner Zuschauer auf dem Festival anschauen. Die geistige und körperliche Unversehrtheit gerät ab 20 Streifen in Gefahr.

Die Bescherungen des Jahrgangs 2013

Auf dem diesjährigen 48. Jahrgang des Filmfestivals, das Karlsbad vom 28. Juni bis zum 6. Juli in Beschlag genommen hat, liefen in den verschiedenen Programmsektionen 235 Filme aus der ganzen Welt. 23 davon waren sogar Weltpremieren. Den Kristallglobus, also den Hauptpreis, heimste in diesem Jahr das Kriegsdrama Le Grand Cahier (Das große Heft) des ungarischen Regisseurs János Szász ein. Aber weder Filmfans noch Journalisten reisen nach Karlsbad, um die Filme aus dem Hauptwettbewerb zu sehen. Größte Aufmerksamkeit genießen die Filme bekannter Regisseure, die in Cannes, in Venedig oder in Berlin gepunktet haben. Heiß erwartet waren also Streifen wie Fruitvale über sinnlose Polizeigewalt, der den Publikumspreis beim Sundance-festival erhalten hat oder die Tragikomödie Prince Avalanche über zwei Fahrbahnmarkierer, ein Film der auf der Berlinale den Silbernen Bären mit nach Hause genommen hat.

Aber auch das tschechische Kino steht beim Festival hoch im Kurs. Im Hauptwettbewerb stellte der Erfolgsregisseur Jan Hřebejk sein Drama Líbánky (Flitterwochen) über eine Hochzeit vor, auf der ein Fremder in die Gesellschaft eindringt. Den Publikumspreis der Tageszeitung Právo erhielt die Komödie Revival, der diesjährige Sommer-Favorit in den Kinos, über die Rückkehr der Rockband Smoke ins Rampenlicht.

Die Jury des 48. IFF Karlovy Vary: (von links) Ivo Andrle, Claudia Llosa, Agniezska Holland - die Jurypräsidentin, Sigurjon Joni Sighvatsson, Meenakshi Shedde, Frédéric Boyer, Alon Garbuz. Foto: © IFF Karlovy Vary

Die Hauptjury des 48. IFF Karlovy Vary: (von links) Ivo Andrle, Claudia Llosa, Agniezska Holland - die Jurypräsidentin, Sigurjon „Joni“ Sighvatsson, Meenakshi Shedde, Frédéric Boyer, Alon Garbuz. Foto: © IFF Karlovy Vary

Revival ist leider nur eine flache, dumme und von Product-placement durchzogene Komödie, in der gediente tschechische Schauspieler Grimassen schneiden. Bolek Polívka bekommt die Höschen von Renterinnen zugeworden, Miroslav Krobot übergibt sich und hat zu allem Überfluss auch noch Durchfall, Zuzana Bydžovská wiederum zeigt in mehreren Szenen ihr Gesäß. Der Rest des Humors ergeht sich darin, dass irgendjemand ein Telefon nicht bedienen oder den Urin nicht halten kann. Einen etwas besseren Eindruck hinterließen die tschechischen Titel Šmejdi, Hořící keř oder Ve stínu (Halunken, Brennender Busch oder Im Schatten). Vorgestellt wurde auch der Streifen Bez doteku (Ohne Berührung) des gerade einmal 18 Jahre alten Regisseurs Matěj Chlupáček.

Großes und kleines Festival

Auf dem Karlsbader Filmfestival treffen sich jedes Jahr aber nicht nur Filmfans, Filmemacher, Journalisten und Stars (in diesem Jahr John Travolta, der sogar einen Hüftschwung aus Grease präsentierte, oder Oliver Stone, der auf seiner Pressekonferenz einen Eklat auslöste). Das Hotel Thermal und die Kurpromenaden locken selbstverständlich die verschiedensten Lokal-Promis an, die in der Regel einen großen Bogen um die Filme machen, aber auf keiner After-Party fehlen. „Wer nicht in Karlsbad ist und sich auf dem roten Teppich fotografieren lässt, den gibt es gar nicht“ - an diese Weisheit halten sich eine Menge Leute. Aber in den letzten Jahren kommen immer weniger dieser zweifelhaften Glamour-Jäger.

Der tschechische Regisseur Jan Hřebejk erhielt einen Preis für die Regie seines Films „Líbánky“. Foto: © IFF Karlovy Vary

Wer in diesem Jahr nicht die Abende in irgendeinem Partyzelt verbringen wollte, der machte sich mit dem Pendelbus auf zum majestätischen Aussichtsturm Goethe-Blick, der während des Festivals zum Party-Klub Aeroport umfunktioniert wurde. Da traten zum Beispiel Johana Švarcová, The Fakes oder DJs von Radio 1 auf. Einmal spuckte ein Pendelbuss, der direkt vom Aussichtsturm in die Innenstadt gefahren kam, eine Handvoll betrunkener Teenager aus. Schrecklich und langweilig sei es dort, es mache keinen Sinn dahin zu fahren, verkündeten sie lauthals. Eine bessere Reklame konnte es für den Aeroport natürlich nicht geben.

Warum ich gerne auf das Festival nach Karlovy Vary fahre...


Adéla Sovová, 22 Jahre, Studentin

Ich fahre gern auf das Filmfestival, weil die wohltuende Luft der Kurstadt nach den bis ins Morgengrauen dauernden Parties im Kino Čas meine Kater heilt. Meist bin ich schon wieder erholt bevor der „Mikrofon-Mann“ die Mikros aufstellt. Und ich warte ständig darauf, wann es mir wohl glückt mit Jiří Macháček seinen Geburtstag zu feiern.


Juliána Silvie Slivoňová, 23 Jahre, Studentin und Produktionsassistentin

Ich fahre schon seit einigen Jahren auf das Festival. Für mich ist das der beste Urlaub. In Karlovy Vary gibt es nämlich alles: nette Leute, gute Filme, tolle Parties. Dieses Jahr habe ich 55 Filme gesehen. Meine Schwester und ich haben einige Kriterien, nach denen wir die Filme auswählen. Wir müssen alle Mitternachtsfilme schaffen, die Sektion Variety und die nordische Kinematographie. Wir stellen uns dann unser eigenes Program zusammen und die Lücken füllen wir damit, was gerade im Gesamtprogramm läuft. Jeden Tag schaffen dann so fünf bis sechs Filme. Für drei davon besorgen wir uns Tickets mit unserem Festival Pass und für die restlichen reihen wir uns in die Schlange vor dem Kino ein. Wenn für alles noch Tickets zu haben wöre, würden wir noch mehr schaffen.


Kateřina Dvořáková, 20 Jahre, Studentin

Weil mir nirgends Pfannkuchen so gut schmecken, wie morgens um sechs in der Ticket-Schlange. Weil ich nirgends so gut schlafe, wie während eines schlechten Filmes im großen Saal des Hotel Thermal. Weil ich nirgends sonst diesen Überraschungsmoment erlebe, wenn ich in einen völlig unbekannten Film gehe, von dem ich nichts erwarte, und er mich dann begeistert, berührt und zum Lachen bringt. Weil es nirgends eine ähnlich hohe Konzentration von Gleichgesinnten und Begeisterten, die stundenlang über die Filme diskutieren können, die sie gerade gesehen haben. Und auch, weil ich nie ein wohligeres Gefühl habe, als wenn ich nach einem Jahr an den Ort des Geschehens zurückkehre, die Akkreditierung um den Hals Hänge, und weiß, dass mich in den kommenden Tagen keine Sorgen erwarten außer der Qual der Wahl, in welchen Film ich gehen, was ich essen und ob ich Bier, Wein oder einen Drink im Jameson-Zelt trinken soll.

Jan Škoda
Übersetzung: Christian Rühmkorf

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juli 2013

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