Kultur

Wahrheit gegen Wahrheit

Foto: © Gekko World s.r.o.Foto: © Gekko World s.r.o.
Der tschechische Schriftsteller und Journalist Josef Formánek, Foto: © Gekko World s.r.o.

In seinem Roman „Die Wahrheit sagen“ erzählt der tschechische Schriftsteller und Journalist Josef Formánek das Leben des Bernhard Mares, Waisenkind, SS-Angehöriger und KP-Funktionär. Ein Leben, das ereignisreich, voller Höhen und vor allem Tiefen war. 2008 war der Roman in Tschechien bereits ein Bestseller. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Eine Lebensgeschichte wie sie unvorstellbarer kaum sein könnte: Geboren in einer Wiener Straßenbahn und von seiner Mutter auf der Türschwelle einer Kirche abgelegt, wächst Bernhard Mares überwiegend in einem Waisenhaus in Třebíč auf. Stets auf der Suche nach Zugehörigkeit, vielleicht auch nach Liebe und Geborgenheit, zieht er als Jugendlicher mit der SS in den Krieg nach Russland, doch findet er dort alles andere als Familie. Seine Kameraden sterben um ihn herum, er bleibt verschont.

Drei Armeen und noch mehr Gefängnisse

In einer Außenstelle des KZ Mauthausen, einer Umgebung, die menschenverachtender nicht sein könnte, trifft er auf Sophie, in der er die Frau aus seinen Träumen zu erkennen meint.

Das Mädchen aus seinem Traum. Bestimmt hundertmal hatte er ihn geträumt. Aus der Schar der Gefangenen schaute sie ihn an.

© Gekko World s.r.o.Der Mann in der Uniform mit dem Totenkopf verliebt sich in das Mädchen in Häftlingskleidung und beschließt, ihr bei der Flucht zu helfen. Als der Krieg vorbei ist, kommt Mares in amerikanische Gefangenschaft, wird jedoch nach achtzehn Tagen wieder entlassen, da die Versorgungseinheit, in der er gedient hatte, nicht an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein soll. Zurück in Krems wird aus dem SS-Mann mehr zufällig als beabsichtigt ein Dolmetscher für die Rote Armee. Dort trifft er auch Sophie wieder und muss mit ansehen, wie zwei Rotarmisten sie vergewaltigen.

Als seine SS-Mitgliedschaft auffliegt, wird Mares auf der Stelle verhaftet und zum Tode verurteilt. Dank eines Gönners kommt er jedoch wieder frei und fährt anschließend in die Tschechoslowakei, wo er „wie jeder gesunde tschechische Mann“ in die Armee eintritt und später Parteisekretär der Kommunisten wird.

Als er eine Bekannte in Österreich besuchen will, wird er hinter der Grenze aufgegriffen und an die sowjetische Kommandatur übergeben. Es folgen Arrest und Gefängnis für seine „Flucht“ über die Grenze. Und auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte verbringt er die meiste Zeit in Gefängnissen und Lagern in der Tschechoslowakei. Zuletzt teilt er sich eine Zelle mit dem ehemaligen SS-General Klein, der sich nach seiner Entlassung für Mares einsetzt.

Er reagierte überhaupt nicht, als sie ihm mitteilten, dass er auf Antrag des Deutschen Roten Kreuzes als letzter deutscher Soldat des Zweiten Weltkrieges entlassen würde.

Er ist wieder frei und verlässt das Land, dieses Mal Richtung Hamburg. Über all die Jahre hat ihn der Gedanke an Sophie nicht losgelassen. Und auch jetzt, als er seine Geschichte einem Journalisten, dem Ich-Erzähler des Romans, erzählt, ist er wie besessen von der Idee, das Mädchen aus dem KZ wiederzufinden.

Du bezahlst mit der Wahrheit. Wahrheit gegen Wahrheit. Du hilfst mir, jemanden zu finden.“ Das soll der Preis dafür sein, dass Mares dem Journalisten sein Leben schildert.

Kraftvoll, bildreich und mitreißend

In Die Wahrheit sagen beschreibt Formánek nicht nur das außergewöhnliche Schicksal eines Menschen. In der Figur des Bernhard Mares verdichtet er das von Gewalt, Verwerfungen und Widersprüchen geprägte 20. Jahrhundert. Der fiktive Protagonist hat jedoch eine reale Vorlage – Waldemar Solar. Formánek traf den inzwischen in Ústí nad Labem gestorbenen Solar, so wie er es im Buch beschreibt. Eines Nachts kam er auf dem Heimweg von einer Bar an einer ehemaligen Mülldeponie vorbei, wo er ein Licht entdeckte. Als er dem Licht nachging, traf er dort den zornigen alten Mann. Solars Geschichte riss den Autor mit.

Mit seinem Buch, das 2008 in Tschechien bereits ein Bestseller war, ist Formánek ein kraftvolles Werk gelungen, das detailreich zu schildern vermag, wie Menschen trotz der Widrigkeiten der Geschichte überleben. Es ist ein Buch voller Grausamkeit, ein „brutaler Roman über die Liebe zum Leben“, wie es bereits der Untertitel beschreibt. Auch wenn hier ein ganzes Leben erzählt wird, schafft es der Autor mit seiner bildreichen, ja poetischen Sprache, den Leser zu fesseln, ihn zum Zeugen der Geschehnisse und der Höhen und Tiefen eines nahezu absurden Lebens zu machen, das sich am Ende dann doch nur um eines dreht – die Liebe.

Josef Formánek: Die Wahrheit sagen
Gekko World, Hardcover, circa 480 Seiten, 2016
Übersetzt aus dem Tschechischen von Martin Roser
Originalausgabe: Mluviti pravdu, Prag, 2008


Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Mai 2016
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