Leben

Der Tabubruch

Foto: © Isabelle Daniel

Die 21-jährige Yeksa Bakircian macht sich für die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern stark.

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Auf dem „Lichterzug für die Vergessenen“ in Berlin gedachten am 23. April 2015 laut Polizeiangaben bis zu 1000 Menschen den Opfern des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren. Foto: © Isabelle Daniel

Es war ein stiller Moment, aber ein historischer. Am 23. April zogen mehrere Hundert Menschen vom Berliner Dom zum Brandenburger Tor. Mit Kerzen und Lichtern gedachten sie der 1,5 Millionen Armenier, die im Ersten Weltkrieg von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches ermordet wurden. Historiker nennen den Genozid an den Armeniern schon lange beim Namen. In der Türkei wird der Völkermord noch immer von staatlicher Seite geleugnet. Wer sich gegen diese Politik positioniert, muss mit einer Anzeige wegen „Verunglimpfung“ rechnen. So ist es vor einigen Jahren dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ergangen. Auch in Deutschland war die Benennung des Völkermords an den Armeniern lange Zeit ein politisches Tabu, das jetzt erstmals vom Bundestag und Bundespräsident Joachim Gauck gebrochen wurde. Eine zentrale Forderung junger Deutscher mit armenischen Wurzeln ist damit erfüllt. Sie wollen jedoch eine wirkliche Aufarbeitung – auch an deutschen Schulen.

Yeksa Bakircian gehört zu den Initiatorinnen des „Lichterzugs für die Vergessenen“. Die 21-jährige Studentin aus Bochum engagiert sich in der Aktiven Armenischen Jugend, ist außerdem Teamleiterin bei den Jungen Armeniern, der Jugendorganisation des Zentralrats der Armenier in Deutschland (ZAD).

Yeksa bezeichnet sich als Armenierin, und dass sie das tut, hat viel mit dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges zu tun. Als Tochter zweier Armenier in Deutschland geboren, habe sie als Kind immer geglaubt, kurdischer Herkunft zu sein. „Meine Eltern sind in Ostanatolien, also der heutigen Türkei, aufgewachsen. Sie sprechen Kurdisch und Türkisch, aber kein Armenisch.“ Yeksa war noch im Grundschulalter, als sie von der tatsächlichen Herkunft ihrer Familie erfuhr.

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Mein Vater sagte: „Du bist noch zu jung.“

Auch die Vokabel „Völkermord“ hörte sie in dieser Zeit zum ersten Mal. „Das Wort fiel öfter, wenn mein Vater mit Erwachsenen sprach. Als ich ihn aber danach fragte, sagte er: ‚Yeksa, warte noch ein paar Jahre, dann erkläre ich es dir. Du bist noch zu jung.‘“

Doch Yeksa wollte nicht warten. „Ich bin heimlich ans Bücherregal meines Vaters gegangen und habe versucht, selbst herauszufinden, was es mit dem Völkermord auf sich hat.“ Aus Romanen erfuhr die damals Zehnjährige vom durch die sogenannte jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches verübten Völkermord an den Armeniern, dem außerdem Hunderttausende Aramäer, Assyrer und Pontosgriechen zum Opfer fielen. Nach Schätzungen wurden in den Jahren 1915 und 1916 mehr als 1,5 Millionen Menschen aus diesen Volksgruppen ermordet – es handelt sich um einen der ersten systematischen Massenmorde des 20. Jahrhunderts.

„Ich war richtig wütend“

„Ich war richtig wütend, als ich davon erfuhr“, sagt Yeksa heute, ein gutes Jahrzehnt später. Nicht nur wegen der entsetzlichen Gewalt, die in den Büchern geschildert wurde. „Ich war auch wütend auf meine Eltern, weil sie mir verschwiegen hatten, was meinen Vorfahren angetan wurde.“ Yeksa erfuhr, dass ihr Großvater als einziges Mitglied seiner Familie überlebt hatte – dank einer kurdischen Familie, die den Waisenjungen bei sich aufzog, ihm den türkischen Namen Mustafa gab, und Türkisch und Kurdisch beibrachte. „Das ist auch der Grund dafür, warum meine Eltern kein Armenisch sprechen“, sagt Yeksa. Es ist auch der Grund, warum Yeksas Vater viele Jahre einen türkischen Nachnamen trug. Per Gerichtsbeschluss setzte er im Jahr 2012 durch, seinen Namen vom türkisch klingenden Bakiriciouglu in den armenischen Namen seiner Großeltern, Bakircian, zu ändern.

„Mein Vater hat sich in dem Dorf, aus dem er kommt, immer wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt. Er konnte seine Kultur, seinen Glauben, nie ausleben“, sagt Yeksa. Auch den Verwandten, die sie noch im türkischen Ostanatolien hätten, gehe es so. „Armenier werden in der Türkei weiterhin unterdrückt.“

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2007 wurde der armenische Journalist Hrant Dink erschossen

Als prominentestes Beispiel dieser Unterdrückung gilt die Ermordung von Hrant Dink. Am 19. Januar 2007 wurde der armenische Journalist in Istanbul auf offener Straße erschossen. Der Mord lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf die problematische Minderheitenpolitik in der Türkei. Weltweit fanden Demonstrationen statt, mit denen der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan aufgerufen werden sollte, den Diskriminierungen der armenischen Minderheit in der Türkei ein Ende zu bereiten.

Da war Yeksa 16 und bereits politisch aktiv. „Ich habe mich in der Schule dafür stark gemacht, dass über den Völkermord gesprochen wird. Ich habe Referate gehalten und meinen Mitschülern Filmausschnitte gezeigt.“ Viele ihrer Lehrer hätten es zu Beginn abgelehnt, im Unterricht über den Völkermord zu sprechen. „Ich hatte sogar das Gefühl, dass die Lehrer viel weniger darüber Bescheid wussten als ich. Dabei sollte es doch eher umgekehrt sein.“

Schüleraustausch in Armenien

Yeksa bezeichnet Armenisch heute als ihre „eigentliche Muttersprache“. „Ich hatte sehr starke Heimatgefühle, noch bevor ich zum ersten Mal in Armenien war.“ In der elften Klasse machten ihre Eltern ihr ein ungewöhnliches Geschenk. Während ihre Mitschüler zum Schüleraustausch nach Großbritannien oder Amerika fuhren, ging Yeksa für viereinhalb Monate nach Armenien. „Der Moment, als ich zum ersten Mal armenischen Boden unter meinen Füßen hatte, war einer der emotionalsten meines bisherigen Lebens.“

In Deutschland leben gut 40.000 Armenier – gegenüber den schätzungsweise 1,7 Millionen Türkeistämmigen, die die größte Gruppe von Ausländern in Deutschland bilden, eine verschwindend geringe Zahl. Recep Tayyip Erdoğan, seit August 2014 Präsident der Türkei, hatte bereits im Vorfeld der Gedenkveranstaltungen Konsequenzen angekündigt, sollten wichtige Wirtschaftspartner der Türkei von der türkischen Version der historischen Darstellung abweichen. Selbst den Papst, der jüngst vom Genozid an den Armeniern sprach, rügte Erdoğan öffentlich. Als Politiker in Frankreich vor einigen Jahren die Aufarbeitung des Völkermordes verlangten, zog Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, den türkischen Botschafter aus Paris ab.

Auch deshalb ist es eine Sensation, dass Joachim Gauck zum 100. Gedenktag den Völkermordbegriff wählte. Insgesamt jedoch meidet die Politik die Auseinandersetzung mit dem Thema. Noch in einer am 21. Januar 2015 veröffentlichten Erklärung des Bundestages wand sich das Parlament wie eh und je, das „Leid der Armenier“, wie das Dokument verallgemeinernd umschrieben ist, beim Namen zu nennen. Bereits 2005 hatte der Bundestag einen Beschluss zum Umgang mit dem Fall Armenien vorgelegt. Darin ist von „Massakern und Vertreibung“ die Rede, nicht aber von einem Genozid.

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Verstrickung des deutschen Kaiserreichs in den Genozid

Die Vermeidungstaktik der offiziellen staatlichen Stellen hat mehrere Ursachen. Zu ihnen mag die Sorge vor Nachteilen in den diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands mit der Türkei zählen. Sie hat jedoch auch mit der eigenen Verantwortung zu tun, die Deutschland übernehmen müsste, würde es den Völkermord an den Armeniern als solchen anerkennen.

In seiner vielbeachteten Neuerscheinung Beihilfe zum Völkermord legt der Journalist Jürgen Gottschlich die Verstrickung des deutschen Kaiserreiches in die Vernichtung der Armenier offen. Diese sieht Gottschlich nicht nur in der Tatsache begründet, dass das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg einer der wichtigsten Bündnispartner war. Er belegt im Buch eine weit darüber hinausgehende aktive Akzeptanz des Völkermords durch die deutschen Alliierten des Osmanischen Reiches: Als „hart, aber nützlich“ bezeichnete Gottschlichs Recherchen zufolge die deutsche Regierung die Massaker.

„Über Geschichte reden wir nicht“

Der Einfluss, den Erdoğans Armenien-Politik auch auf die in Deutschland lebenden Türken hat, wird als groß eingeschätzt. Ein 22-jähriger Armenier, der in Berlin studiert und anonym bleiben möchte, erzählt im Gespräch, dass seine türkischen Kommilitonen einen Dialog über das Thema ablehnten. „Wenn ich sage, dass ich aus Armenien komme, heißt es von meinen türkischen Kommilitonen oft: ‚Über Geschichte reden wir nicht.‘ Das Wort Völkermord kommt ihnen nicht über die Lippen.“

Auch Yeksa hat solche Erfahrungen gemacht. Eine türkische Familie, mit der sie seit langem befreundet sei, habe sie in sämtlichen sozialen Netzwerken blockiert. „Von einer Freundin habe ich erfahren, dass die Familie in diesen Wochen ständig Artikel postet, in denen der Völkermord geleugnet wird. Sie wollen offenbar nicht, dass ich das sehe.“

Allerdings gebe es auch andere Fälle. „Vor wenigen Tagen hat mich eine alevitische Gemeinde angeschrieben und nach einer Kooperation gefragt. Dazu bin ich auf jeden Fall bereit.“ Ihr gehe es vor allem darum, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dafür braucht es aus ihrer Sicht Aufarbeitung in Deutschland – an staatlichen Schulen, aber auch in der türkischen Gemeinde. „Ich glaube, es fehlen vor allem die Informationen. Das muss sich ändern.“


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
April 2015

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