Helma Sanders-Brahms „Deutschland bleiche Mutter“

Deutschland bleiche Mutter
Deutschland bleiche Mutter | Foto (Ausschnitt): © Helma Sanders-Brahms Filmproduktion, DIF

In „Deutschland bleiche Mutter“ schilderte Helma Sanders-Brahms 1980 aus radikal subjektiver Perspektive, wie sie mit ihrer Mutter den zweiten Weltkrieg überlebte. Damit wurde sie zur bedeutendsten deutschen Filmemacherin – im Ausland.

Bevor man die Heldin sieht, hört man Männer über sie reden. An einem Sommertag eilt die junge Lene (Eva Mattes) am Flussufer entlang, verfolgt von vier Hitlerjungen mit Schäferhund, die „das Fräulein“ lautstark belästigen. Belustigt kommentiert Lenes zukünftiger Ehemann Hans (Ernst Jacobi), der mit seinem Freund eine Ruderpartie unternimmt, vom Boot aus die Situation. Er verliebt sich auf den ersten Blick in das Mädchen, doch er hilft ihr nicht.

Diesen starken Bildern einer vergifteten deutschen Idylle ist das titelgebende Gedicht von Bertolt Brecht vorangestellt. Von Anfang an skizziert Regisseurin Helma Sanders-Brahms damit eine von Männergewalt und Ohnmacht geprägte Welt. Die Heirat von Hans und Lene ist glücklich, doch bald wird er in den Krieg eingezogen. Bei der Geburt der Tochter Anna heult der Fliegeralarm. Als das Haus zerbombt ist, schlägt sich Lene mit dem Kind quer durchs zerstörte Land. Bei der Heimkehr von Hans haben sich die Eheleute einander entfremdet. Während er und seine entnazifizierten Freunde beruflich wieder Fuß fassen, leidet Lene nach der Restauration „geordneter Verhältnisse“ an Depressionen und einer rätselhaften Gesichtslähmung. Nur das verzweifelte Flehen ihrer Tochter hält sie vom Selbstmord ab.

Grimms Märchen als Metapher für die Verbrechen der Nationalsozialisten

Die Stimme der erwachsenen Tochter kommentiert das Geschehen aus dem Off. Sie gehört der Regisseurin selbst, die in ihrem vierten Kinofilm explizit die Geschichte ihrer Mutter verarbeitet. Die Angst des Kindes um seine Mutter, deren psychische Versehrungen es symbiotisch verinnerlicht hat, wird in diesem autobiografischen Drama spürbar. Zugleich wird die individuelle Erinnerung mittels einmontierter dokumentarischer Archivschnipsel zum Spiegel kollektiver Erinnerung – etwa wenn historische Aufnahmen eines Jungen, der in den Ruinen nach seinen Eltern sucht, in die fiktive Handlung geschnitten werden. Auf einer dritten Ebene dienen Märchen als Metaphern für die von den Nationalsozialisten verübten Gräuel. In einer Schlüsselszene erzählt die Mutter das Grimm’sche Märchen vom Räuberbräutigam und den Menschenfressern, während sie mit der Tochter durch Fabrikruinen wandert und an einem an Auschwitz erinnernden Ofen Rast macht. Lange Einstellungen und Kamerafahrten verdichten sich zum poetischen Alptraum.

Als zu gefühlig verfemt

„Jede Filmszene muss mehr bedeuten als nur das, was sie abbildet, sie muss wie ein ungeheurer Trichter in die Seele gehen“, kommentierte die Regisseurin ihr kompromissloses Kino der Gefühle, das für deutsche Kritiker – „die Tempelwächter“, so Sanders-Brahms – indes meist zu viel Gefühl war. Zwar war seit Mitte der Sechzigerjahre für den Neuen Deutschen Film die Aufarbeitung der Kriegszeit ein zentrales Anliegen. Doch Helma Sanders-Brahms, neben Leitfiguren wie Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Alexander Kluge eine der wenigen Frauen unter den Autorenfilmern, betrieb das Erinnern mit einem radikal subjektiven Ansatz: „Mein Land ist für mich zunächst einmal meine Mutter und mein Vater, alles andere ist Historikergewäsch. Historiker tun immer so, als könnten sie die Geschichte objektiv deuten. Das ist einfach gelogen.“

Stattdessen schildert Sanders-Brahms bis dahin unerzählte weibliche Verhaltensweisen, die durchaus typisch waren. So empfindet Lene im Überlebenskampf im Krieg ein Gefühl von Freiheit und Selbstbewusstsein. Dieses wird ihr in der Nachkriegszeit durch die erneute Unterordnung, bei der man ihr in Folge ihrer rätselhaften Krankheit sowohl im konkreten wie im übertragenen Sinne die Zähne zieht, wieder genommen. Doch auch Lene, die Nationalsozialisten instinktiv verabscheut, wird, durchaus verallgemeinerbar, zur passiven Mittäterin, wenn sie sich angesichts der Gewalt gegen eine jüdische Bekannte angestrengt wegduckt.

Im Ausland eine Legende, im Inland vergessen

Gespür für tabuisierte Geschichten bewies die Filmemacherin bereits mit Shirins Hochzeit (1976), einem Drama über eine zwangsverheiratete Türkin in Köln. Daraufhin wurde die Regisseurin mit Mord bedroht und stand monatelang unter Polizeischutz. Ihr Vorsatz, dem herrschenden Geschmack „nicht zu gefallen“, rächte sich auch nach ihrem emotionalen Dichterporträt Heinrich, das 1977 mit den Bundesfilmpreis ausgezeichnet, von der Kritik aber verrissen wurde. Und die Reaktionen auf Deutschland bleiche Mutter, 1980 auf der Berlinale uraufgeführt, waren so gnadenlos, dass der deutsche Verleih den Film nicht ins Kino brachte.

So repräsentiert dieses Werk auch ein Stück paradoxe deutsche Filmgeschichte. Denn international wurde Deutschland bleiche Mutter zum Kultfilm, der in Paris bei der Erstaufführung 72 Wochen lang lief. Auf zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnet, war das Drama in Tokio 18, in London 16 und in New York 12 Wochen in den Kinos. In den USA wurde der Film zu einem der Classics of Foreign Cinema gekürt, und in Frankreich erhob man Helma Sanders-Brahms zum Chevalier des Arts et des Lettres. Wurden in Deutschland die „bedeutungsschwangere Symbolik“ und „Nabelschau“ kritisiert, schwärmten die Franzosen hingegen von einem der wenigen Filme, die „die Nazi-Ära von innen inventarisieren“ und dessen „Archivbilder deutscher Ruinen den akademischen Firnis der Fiktion sprengen“. Amerikanische Filmkritiker bezeichneten das Drama als den „vielleicht gewagtesten Film im neuen deutschen Kino“.

Für Sanders-Brahms aber wurde es immer schwerer, Geldgeber für neue Filme aufzutreiben. Am Ende war sie fast vergessen. Zwei Jahre vor ihrem Krebstod im Mai 2014 sagte sie: „Ich möchte nur gerne, ehe ich sterbe, noch einmal den Versuch machen, meine Filme auch in meinem Land ins Bewusstsein zu rücken und zu sagen: Guckt sie euch doch wenigstens mal an.“