Sprachvariation „Deutsch ist vielseitig“

Zur deutschen Sprache gehören auch Jugendsprachen.
Zur deutschen Sprache gehören auch Jugendsprachen. | © Christian Schwier - fotolia.com

Wie beurteilen wir Dialekte, Jugendsprachen, Mehrsprachigkeit und Sprachentwicklung? Ein neues Portal der Universität Potsdam für Fortbildung und Unterricht bietet Lehrkräften und Erzieherinnen die Möglichkeit, eigene Einstellungen gegenüber den unterschiedlichen Ausprägungen von Sprache zu überprüfen.

Frau Wiese, das Portal Deutsch-ist-vielseitig.de richtet sich unter dem Motto „Dialekte, Mehrsprachigkeit und die Frage nach dem ‚richtigen Deutsch‘“ an Fortbilder, Lehrkräfte und Erzieher. Worum geht es Ihnen?

Wir fokussieren uns im Bildungsbereich stark auf die Vermittlung des Standarddeutschen, das sogenannte Hochdeutsch. Dabei gerät oft aus dem Blick, dass viele Kindergartenkinder und Schüler noch ganz andere Kompetenzen haben – außerhalb des Standarddeutschen. Zur deutschen Sprache gehören eben auch traditionelle Dialekte, Jugendsprachen, Kiez-Sprache, SMS-Sprache oder Umgangssprache. Das ist wichtig zu wissen, um Kinder sinnvoll in ihrer Deutschpraxis zu fördern. Das Deutsche kennt – wie alle Sprachen – viele Varianten. Kiezdeutsch, traditionelle Dialekte oder SMS-Sprache sind sprachlich nicht ‚besser‘ oder ‚schlechter‘, sie werden einfach in anderen Zusammenhängen verwendet. Oft geht der Blick dafür verloren, was Kinder außerhalb des Standards können, und deshalb werden sie falsch eingeschätzt.

Sprachliche Vielfalt nutzen

Die Website präsentiert praxisbezogene multimediale Materialien für die pädagogische Aus- und Fortbildung, außerdem auch konkrete Unterrichtsmaterialien. Nun wird in Schule und Kindergarten ja gerade das Standarddeutsche optimiert. Wie können Lehrkräfte oder Erzieher dazu ausgerechnet sprachliche Vielfalt, nämlich Dialekte, SMS oder Jugendsprachen nutzen?

Heike Wiese Heike Wiese | © Steffi Loos Indem ich beispielsweise als Lehrerin zunächst die Kompetenzen und Kreativität der Kinder in anderen sprachlichen Bereichen anerkenne und sie nicht als ‚falsches‘ Deutsch abwerte. Dadurch entwickeln Schüler ein positiveres sprachliches Selbstbild, fühlen sich angenommen und beteiligen sich anders im Unterricht. Wenn ich das schaffe, kann ich sprachliche Vielfalt nutzen, um das Standarddeutsche gut zu unterrichten – vielleicht indem ich meine Schüler spielerisch die Unterschiede zwischen Jugendsprache und formeller Standardsprache oder zwischen gesprochener und geschriebener Sprache herausarbeiten lasse. Pädagogen können Kinder sehr viel besser fördern, wenn sie unverstellt auf sie blicken. Eine Grundvoraussetzung dafür ist es allerdings, sich der eigenen Vorurteile bewusst zu sein.

Deswegen beschäftigt sich ein ganzes Modul mit Vorurteilen in der Wahrnehmung von Sprechern?

Ja, denn oft verbauen uns eigene Vorurteile den Blick für das Potenzial und die Kompetenzen von Schülern. Das kann mit dem „Marktwert“ von Sprachen zusammenhängen: Wenn ein Kind zu Hause Französisch spricht, weil die Eltern beispielsweise aus Frankreich stammen, wird das selbstverständlich als zusätzliche sprachliche Kompetenz erkannt. Wenn zu Hause dagegen Türkisch gesprochen wird, ist die Anerkennung nicht so selbstverständlich: So etwas wird oft eher als Handicap gesehen, und die zusätzlichen Sprachkompetenzen, die so ein Kind erwirbt, sind gar nicht im Blick. Unsere Vorurteile oder Stereotype prägen unsere Wahrnehmung und sogar unser Gedächtnis. Dieses Modul enthält unter anderem einen Videofilm, mithilfe dessen man selbst erfährt, wie die Erinnerung einem mitunter einen Streich spielt und beispielsweise die Einschätzung eines Schülers, der „isch“ statt „ich“ sagt oder im Gespräch mit Freunden zwischen Türkisch und Deutsch wechselt, negativ färben kann.

Welche Sprache passt in welche Situation?

Registerkompetenz üben Registerkompetenz üben | © deutsch-ist-vielseitig.de Im Modul „Sprachgebrauch“ steht das Repertoire von Sprechern im Mittelpunkt. Ein Baustein zeigt beispielsweise anhand von Fotos und Zitat-Karten, wie ein Fahrradunfall von derselben Person sprachlich auf unterschiedlichste Weise wiedergegeben wird – je nachdem, ob sie mit einem Freund, dem Lehrer oder der Polizei redet, einen Bericht oder eine SMS schreibt. Ähnlich verhält es sich bei einem Telefonat wegen eines Kinobesuchs.

Hier lässt sich gut üben, was in Rahmenlehrplänen oft als Registerkompetenz bezeichnet wird. Was bedeutet es, wenn Schüler miteinander auf dem Schulhof Kiezdeutsch oder Dialekt sprechen? Heißt das, sie können kein Standarddeutsch? Natürlich nicht, das sagt über ihre Kompetenzen im Standarddeutschen erst einmal gar nichts aus. Schüler sprechen untereinander anders als in einer formellen Situation. Das muss ein Lehrer wissen. Es wäre ein Zeichen für eine geringe Sprachkompetenz, wenn sie nicht wechseln könnten und immer in formeller Schriftsprache sprächen. Was im Unterricht geübt werden sollte, ist, diese Registerkompetenz zu systematisieren: Welche Sprache passt ins Vorstellungsgespräch, in welcher Sprache unterhalte ich mich mit meinem Freund am Handy, und was sind die sprachlichen Unterschiede zwischen den beiden Registern?
 

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Kiezdeutsch: Anruf im Kino | © deutsch-ist-vielseitig.de

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Kiezdeutsch: Anruf bei einem Freund | © deutsch-ist-vielseitig.de

Jede Sprachvariante hat offenbar auch ihre eigenen Regeln. Im letzten Schwerpunkt-Modul gehen Sie diesem „Sprachsystem“ auf den Grund – unter anderem mit Dialekt-Karten. Warum sollen sich Pädagogen und Schüler ausgerechnet mit dem Berlinischen oder Sächsischen befassen?

Komplexität oder schwierige grammatische Regeln finden sich nicht nur im Standarddeutschen. Wenn ein Berliner sagt „Das ist meiner Mutter ihr Hut“, braucht er komplexere Regeln als „Das ist der Hut meiner Mutter“. Es ist wichtig, zu erkennen: Jemand, der Dialekt spricht, tut das nicht, weil er zu dumm oder zu faul ist, richtig zu sprechen. Auch im Dialekt gibt es „richtig“ und „falsch“, und auch hier finden wir grammatische Regelhaftigkeit.

Sie betonen die Gleichwertigkeit verschiedener Sprachvarianten. Wird dadurch nicht das Standarddeutsche vom Sockel gestürzt?

Sprachlich gesehen ist das Standarddeutsche nicht besser oder schlechter als andere Varianten. Aber sozial gesehen genießt das Standarddeutsche nach wie vor das höchste Prestige. Es ist der Sprachgebrauch der Mittelschicht und wird meist als Ausdruck von Bildung verstanden. Deswegen ist es für Schüler wichtig, das Standarddeutsche zu beherrschen und in den relevanten Situationen zu verwenden.
 

Prof. Dr. Heike Wiese ist seit 2006 Inhaberin des Lehrstuhls für deutsche Sprache der Gegenwart am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Das Portal Deutsch-ist-vielseitig.de präsentiert seit Februar 2015 Inhalte und Materialien des von ihr geleiteten Forschungsprojekts Aus- und Fortbildungsmodule zur Sprachvariation im urbanen Raum: Dialekte, Mehrsprachigkeit und die Frage nach dem „richtigen Deutsch“.