Backsteinarchitektur in Hamburg Spur der gebrannten Steine

Wohn- und Bürogebäude, Am Sandtorkai H20, Hamburg-Hafencity, Spengler Wiescholek Architekten Stadtplaner, 2005
Wohn- und Bürogebäude, Am Sandtorkai H20, Hamburg-Hafencity, Spengler Wiescholek Architekten Stadtplaner, 2005 | Foto: Markus Dorfmüller

Das Baumaterial Backstein prägt das Gesicht der Freien und Hansestadt Hamburg und das nicht erst seit den 1920er-Jahren. In dieser Zeit schossen unvergleichlich viele dieser roten Klinkerbauten als elegante, mitunter trutzige und gleichzeitig schiffsähnlich windschnittige Kontorhäuser und Arbeiterwohnsiedlungen aus dem Boden.

Die Tradition für dieses Baumaterial geht zurück bis in das Mittelalter und ist wie ein verbindender Rohstoff unter dem Himmel des Nordens auch in die Silhouetten anderer Hansestädte im Nord- und Ostseeraum eingebrannt. Doch besonders in Hamburg ist diese Tradition von Handwerkern, Architekten und Künstlern über Jahrhunderte hinweg mit großer Wertschätzung bis heute gepflegt und weiterentwickelt worden. Für Bauherren und ihre Baumeister galt der Backstein im rauen Klima des Nordens im Gegensatz zum weicheren Hau- und Werkstein und zur Putzfassade, als das effektivere und beständigere Material.

Identitätsstiftendes Baumaterial

Grund- und Hauptbestandteil eines jeden Ziegels ist der Ton. Entscheidend für den Charakter des Steins, seine Oberflächenstruktur und sein unvergleichliches Farbenspiel zwischen Rot, Gelb, Blauviolett und Schwarz ist nicht etwa die Tonmischung, sondern erst der Vorgang des Brennens. Das Feuer, die Hitze und die Dauer des Brennvorgangs bestimmen den Stein. Sind Ziegel erst einmal in Form geschnitten, werden sie gelagert und nach der Trocknung in den Brennofen geschoben. Hitze macht die Steine hart, vor allem wasserundurchlässig und schützt sie vor Frosteinwirkung. Je heißer die Backtemperaturen desto dunkler und verfärbter wird der Stein. Dieser Hartbrandstein, der sogenannte Klinker, ist in Hamburg ein identitätsstiftendes Baumaterial, das bis heute für alle Bauaufgaben, öffentliche, private sowie gewerbliche, ab dem 20. Jahrhundert gezielt für ganze Stadtbereiche eingesetzt wurde.

Umschlagplatz aus Backstein

Hamburgs Ruhm ist sein Hafen. Die Speicherstadt auf dem Areal des 1888 errichteten und erst 2013 aufgelösten Hamburger Freihafens, ist im Juli 2015 von der UNESCO zusammen mit dem Kontorhausviertel zum Weltkulturerbe ernannt worden. Entstanden ist dieser weltweit größte zusammenhängende Lagerhauskomplex in drei Bauabschnitten zwischen 1885 und 1927 auf einer Inselgruppe in der Elbe unter Leitung des Bauingenieurs Franz Andreas Meyer (1837-1901). Die über Brücken, Straßen und Fleete verbundenen roten Backsteinlagerhäuser mit ihren neoromanischen und gotischen Giebeln, Bögen, Zinnen, Türmen und Erkern waren Umschlagplatz für Kaffee, Tee, Tabak, Kautschuk, Rum, Rohseide und Orientteppiche.
 
  • Glockengießerwall, Hermann von der Hude und Georg Theodor Schirrmacher, 1869 Foto: Markus Dorfmüller
    Kunsthalle

    Glockengießerwall, Hermann von der Hude und Georg Theodor Schirrmacher, 1869
  • Haus der Landherrschaften und Polizeiwache Foto: Markus Dorfmüller
    Haus der Landherrschaften und Polizeiwache

    Klingberg 1, Albert Erbe, 1908
  • Speicherstadt, HafenCity Foto: Markus Dorfmüller
    Speicherstadt, HafenCity

    Bauherrin, Wilhelm Emil Meerwein, Bernhard Georg Hanssen, Hugo Stammann, Gustav Zinnow, 1888-1927, nach 1960: Kallmorgen und Partner
  • Kaispeicher B Foto: Markus Dorfmüller
    Kaispeicher B

    Magdeburger Strasse 1, Bernhard Georg Jacob Hanssen und Wilhelm Emil Meerwein, 1878/79
  • Kaispeicher A am Kaierhöft, heute Elbphilharmonie Foto: Markus Dorfmüller
    Kaispeicher A am Kaierhöft, heute Elbphilharmonie

    Am Kaiserkai, Kallmorgen und Partner, 1963
  • Kaispeicher A am Kaierhöft, heute Elbphilharmonie  Am Kaiserkai, Kallmorgen und Partner, 1963 Foto: Markus Dorfmüller
    Kaispeicher A am Kaierhöft, heute Elbphilharmonie

    Am Kaiserkai, Kallmorgen und Partner, 1963
  • Sprinkenhof  Burchardstraße 46-14, Altstädter Straße 1-8, Fritz Höger, Hans und Oskar Gerson, 1928-1943 Foto: Markus Dorfmüller
    Sprinkenhof

    Burchardstraße 46-14, Altstädter Straße 1-8, Fritz Höger, Hans und Oskar Gerson, 1928-1943
  • Sprinkenhof  Burchardstraße 46-14, Altstädter Straße 1-8, Fritz Höger, Hans und Oskar Gerson, 1928-1943 Foto: Markus Dorfmüller
    Sprinkenhof

    Burchardstraße 46-14, Altstädter Straße 1-8, Fritz Höger, Hans und Oskar Gerson, 1928-1943
  • Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße  Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927 Foto: Markus Dorfmüller
    Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße

    Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927
  • Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße  Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927 Foto: Markus Dorfmüller
    Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße

    Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927
  • Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße  Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927 Foto: Markus Dorfmüller
    Wohnquartier Bunsenstraße, Helmholzstraße

    Gustav Oelsner und E. Schröder, 1927
  • Krematorium Ohlsdorf  Fritz Schumacher, 1933 Foto: Markus Dorfmüller
    Krematorium Ohlsdorf

    Fritz Schumacher, 1933
Sie wurden über spezielle Ladefahrzeuge, sogenannte Schuten, direkt vom Wasser aus beliefert. Hafenarbeiter haben die Schiffe mit Seilwinden und Muskelkraft entleert. In den Jahren des Wirtschaftswunders entstanden neue Speicheranlagen, wie 1963 der von Werner Kallmorgen (1902-1979) geplante Kaispeicher A. Dieser rote Backsteinbau bildet die Spitze der Speicherstadt und war das einzige Lagerhaus, das direkt von Seeschiffen zwecks Entleerung angefahren werden konnte. Mit der Umstellung des Seehandels zum Containerhafen verlor auch dieser Bau seine Funktion. Heute ist der komplett entkernte Kaispeicher Basis für die von den Architekten Herzog & de Meuron geplante Elbphilharmonie und eine Landmarke für Hamburg und seine HafenCity.

Präsenz der Kontorhäuser

Für die Zusammenhänge von Hafen und Leben, Geschäft und Kultur sind die ab den 1920er-Jahren entstandenen Kontorhäuser das architektonisch Schönste, was den Kern der Kaufmanns- und Seehandelsstadt Hamburg ausmacht. Kontorhäuser brachten damals eine ungeheure Neuerung: Sie trennten Wohnen und Arbeiten und waren einzig für die Büros von Handelsunternehmen konzipiert. Die schmuckreichen Fassaden des Chilehauses und des Sprinkenhofs, beides Kontorbauten des Architekten Fritz Höger (1877-1949), vermitteln mit ihren unter den schrägen Strahlen der Sonne schimmernden eisernen Oberflächen des Steins mehr als nur physische Präsenz.

Vielfalt der Backsteinarchitektur

Die Homogenität im Erscheinungsbild des Klinkerbaus haben die Architekten Hamburgs immer wieder mit unterschiedlichen Mitteln belebt. Mitunter reicht dafür ein Wechselspiel zwischen stumpfen Handstrichsteinen und glänzenden Klinkern. Selbst die Ausbildung der Fugen und die Farbe des Fugmörtels beeinflusst den Charakter eines Klinkerbaus. Der in den 1920er-Jahren als Bausenator von Altona tätige Architekt Gustav Oelsner (1879-1956) hat der Backsteinarchitektur eine neue Dimension verliehen. Seine Planung für das Wohnquartier an der Bunsenstraße entstand 1927 unmittelbar nach seiner ersten Begegnung mit dem sozialen Wohnungsbau in Amsterdam und Rotterdam. Die Außenwände der Zeilenbauten sind mit unterschiedlichen Formaten zu einer rauen, lebendigen und taktilen Oberfläche in unterschiedlichen Tönen mit fast weißen, roten, tiefblauen und violetten Klinkern modelliert.

Der bis 1933 als Oberbaudirektor von Hamburg tätige Architekt Fritz Schumacher (1869-1947) wollte der Stadt mit rotem Klinker ein bauliches Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Backsteinarchitektur war für ihn „Alltagssprache“. Dass Schumacher dieses Raumbild auch als Wegweiser über den Tod hinaus betrachtete, vermittelt der Bau des Krematoriums auf dem Ohlsdorfer Hauptfriedhof. In seiner monolithischen Klinkerstruktur überragt dieser Bau in seiner erhabenen Präsenz alles Weltliche.