50 Jahre „Jugend forscht“ Von der Raumfahrt zur künstlichen Intelligenz

Schüler arbeiten bei „Jugend forscht“ zu alternativen Energien, Nanotechnik oder künstlicher Intelligenz;
Schüler arbeiten bei „Jugend forscht“ zu alternativen Energien, Nanotechnik oder künstlicher Intelligenz; | Foto (Ausschnitt): © Stiftung Jugend forscht e.V.

Seit 1965 gibt es den Wettbewerb „Jugend forscht“. Er hat sich zu einem Netzwerk für erfolgreiche Fachkräfte und Wissenschaftler entwickelt.

Deutsche Unternehmen und Verbände klagen oft darüber, dass ihnen der Nachwuchs fehlt: Biochemiker, Ingenieure und Informatiker. Um Kinder und Jugendliche für die sogenannten MINT-Fächer zu begeistern – also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – veranstaltet die „Stiftung Jugend forscht“ jedes Jahr mehr als 110 Wissenschafts-Wettbewerbe. Seit einem halben Jahrhundert treten die klügsten Köpfe aus Deutschlands Schulen bei „Jugend forscht“ gegeneinander an – 11.500 Jungforscher allein im Jahr 2015.

„Jugend forscht“ ist in Deutschland enorm erfolgreich, wenn es darum geht, wissenschaftlichen Nachwuchs zu akquirieren: Neun von zehn erfolgreichen Wettbewerbsteilnehmern studieren später ein naturwissenschaftlich-technisches, mathematisches oder medizinisches Fach, hat die Stiftung ermittelt. Inzwischen sind mehr als ein Drittel der Teilnehmer Mädchen und junge Frauen. Die Teilnehmer forschen zu Mobilität, 3D-Druckern, Robotern, Speichermedien oder Sudoku – Themen, die sie selbst interessieren und ihren Alltag berühren.

Was viele nicht wissen: Hinter „Jugend forscht“ steht eine private Initiative, die ziemlich klein angefangen hat – lange vor den Nachwuchskampagnen, mit denen das Bildungsministerium und die Industrieverbände heute nach angehenden Ingenieuren und Wissenschaftlern suchen. Henri Nannen, der damalige Chefredakteur des Wochenmagazins Stern, rief „Jugend forscht“ im Jahr 1965 ins Leben. Bei der Namenswahl stand der zwei Jahre ältere Wettbewerb „Jugend musiziert“ Pate.

Reaktion auf den „Sputnik-Schock“

Inhaltlich ausschlaggebend war der sogenannte Sputnik-Schock – 1957 schickte die Sowjetunion den Satelliten Sputnik ins Weltall und zeigte damit seine Ebenbürtigkeit im Bereich Raumfahrttechnologie gegenüber den Westmächten. Die Raumfahrt war damals die wichtigste Disziplin im technischen Kräftemessen zwischen den USA und der Sowjetunion. Ein Grund, warum Nannen mit den Gewinnern der ersten Ausgabe von „Jugend forscht“ nach Cape Canaveral in Florida zum Raketenstartgelände der amerikanischen Weltraumfahrtbehörde NASA fuhr.

In den Vereinigten Staaten hatte Nannen auch das Vorbild für seinen Wettbewerb gefunden: Seit 1950 gibt es dort die „International Science and Engineering Fair“, wie „Jugend forscht“ auf freiwilliger Basis und weitgehend unabhängig von staatlichem Einfluss. Noch heute ist dieser Wettbewerb der größte seiner Art auf der Welt. Dass es in anderen Ländern höhere Teilnehmerzahlen gab und gibt, hängt mit der jeweiligen Organisationsform zusammen. In vielen osteuropäischen Ländern beispielsweise war die Teilnahme an vergleichbaren Wettbewerben während des Kalten Kriegs verpflichtend vorgeschrieben und brachte dementsprechend enorm hohe Teilnehmerzahlen mit sich. In Deutschland ist die Teilnahme freiwillig und wird von mehr als 5.000 Lehrern und Projektbetreuern unterstützt.

Energieprojekte statt Raumfahrtforschung

Mittlerweile dominiert bei „Jugend forscht“ nicht mehr die Raumfahrt. Im Mittelpunkt stehen Projekte zur Nutzung von nachhaltigen Energiequellen, zum Einsatz von Nanotechnik und zu künstlicher Intelligenz. Insgesamt treten die Teilnehmer in sieben verschiedenen Fachgebieten an: Von den klassischen Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik über Mathematik und Informatik, Geo- und Raumfahrtwissenschaften sowie Technik bis zur weit gefassten Kategorie „Arbeitswelt“.

Auch der Charakter des Wettbewerbs hat sich geändert. Waren im ersten Jahr gerade einmal 250 Teilnehmer dabei, sind es nun jährlich mehr als 10.000. Die jüngsten sind zehn, die ältesten 21 Jahre alt. Der deutsche Bundespräsident ist Schirmherr des Wettbewerbs, die Bundeskanzlerin vergibt einen Sonderpreis, der Bund steuert einen Teil zum Haushalt des Trägervereins „Stiftung Jugend forscht“ bei.

Die restliche Finanzierung übernehmen Sponsoren aus der Wirtschaft. Sie treten auch als Gastgeber der Regionalwettbewerbe und des Bundeswettbewerbs auf. Im Jubiläumsjahr 2015 wurden die Bundessieger beim Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen gekürt. Auszeichnungen erhielten unter anderem eine Gymnasiastin aus Kaiserslautern, die das Lernverhalten von Eseln und Maultieren untersuchte, und ein Projekt aus Überlingen am Bodensee, das eine Methode zur Umwandlung von Sonnenenergie in Erdgas entwickelte.

Netzwerk für künftige Fachkräfte

Einige ehemalige Jugend-forscht-Sieger haben es in Deutschland inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit geschafft: die Physikprofessorin Gisela Anton aus Erlangen, Bundesbankpräsident Jens Weidmann oder Andreas Schleicher, der für die OECD den Pisa-Test entwickelt hat, mit dem Schülerleistungen international vergleichbar geworden sind.

Gerade in den Bereichen Mathematik und Informatik sowie für die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studienfächer ist der Wettbewerb zum vermutlich wichtigsten Netzwerk in Deutschland geworden, um künftige Fachkräfte und Wissenschaftler zu gewinnen.