Bautradition Botschaften Deutsche Tugenden in Glas und Stahl

Deutsche Botschaft in Washington, Egon Eiermann
Deutsche Botschaft in Washington, Egon Eiermann | Foto: Reinhard Görner

Bis heute gilt als Maxime beim Bau einer Botschaft, dass Deutschland repräsentiert werden soll. Gleichzeitig will man aber auch die örtlichen Kultur- und Bautraditionen respektieren.

Die Anfänge staatlicher Repräsentanz im Ausland als Form internationaler Kommunikation reichen weit zurück. Botschaftsgebäude als Bautypus gibt es aber erst seit dem 19. Jahrhundert. Zunächst borgte man sich den Glanz früherer Epochen und übernahm ehemalige Adelspaläste. Das gilt für Deutschland zum Beispiel für das Hôtel Beauharnais in Paris, das Palais Schuylenburch in Den Haag oder das Palais Lobkowicz in Prag. Vom Balkon des Palais verkündete der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher 1989 über 4.000 DDR-Flüchtlingen, dass die Ausreise nach Westdeutschland nun möglich sei.

Deutsche Botschaft in Istanbul Deutsche Botschaft in Istanbul | Foto: Friedrich Busam Das erste rein als Botschaft konzipierte Gebäude entstand 1877 in Konstantinopel. Sogar die Preußische Zeitung rügte damals den Neorenaissancebau: „Der neue Palast selbst macht unserer wuchtigen Macht viel mehr Ehre denn unserem Kunstgefühl“. Der „wüste Fremdling“ wirke hermetisch verschlossen und gehe nicht auf die „feenhafte Umgebung“ ein. Zwei Jahre später eröffnete die Botschaft in Wien, ein an den Reichstag erinnernder wilhelminischer Renaissancepalast. Die Kaiserlich Deutsche Gesandtschaft in St. Petersburg wurde 1913 vom jungen Architekten Peter Behrens errichtet. Es gehört ebenfalls in die Kategorie der Renommierbauten, ist aber wegen der Kolossalsäulen und den Rossführern auf dem Portikus zu Unrecht als Vorbote der NS-Architektur bezeichnet worden.

Repräsentation und Gestaltung

Mit der erwähnten Kritik der Preußischen Zeitung ist schon 1877 angesprochen, was später und bis heute als Maxime gilt: Ein Botschaftsbau soll Deutschland repräsentieren, aber auch die örtlichen Kultur- und Bautraditionen nutzen und respektieren. Wie unterschiedlich dieses Gestaltungsprogramm interpretiert werden kann, zeigen die beiden Bauten der deutschen Botschaft in Washington. Es war Egon Eiermann, der 1962-66 das programmatische Kanzleigebäude in der Hauptstadt der USA errichtete. Der in die Landschaft geschmiegte, transparente Stahlbau mit dem zarten Fassadenraster zeigt keine architektonische Repräsentationsformen.

Deutsche Botschaft in Brasilia, Hans Scharoun Deutsche Botschaft in Brasilia, Hans Scharoun | Foto: Nelson Kon Auch in Brüssel entstanden 1968 durch Reinhard Krüger und in Brasília 1972 durch Hans Scharoun radikal der Moderne verpflichtete Bauten, die jegliche Anklänge an die NS-Zeit vergessen lassen sollten. Doch Oswald Mathias Ungers gestaltete 1992-94 das Residenzgebäude in Washington als rationalistische Neuinterpretation des Palasttypus, der betont würdevoll auf einem Hügel thront. Er konzipierte ein Gesamtkunstwerk, einschließlich der Innenausstattung bis hin zu Geschirr und Tafelwäsche.

Wettbewerb Deutsche Botschaft Tiflis Wettbewerb Deutsche Botschaft Tiflis | Entwurf: wulf architekten Die Botschaftsgebäude unserer Zeit spielen mit beiden architektonischen Motiven: mit repräsentativen Pfeilerreihen, Symmetrien und attraktiven Materialkontrasten, aber auch mit Transparenz, Offenheit, Leichtigkeit. Zudem wird die Orientierung an örtlichen Bautraditionen gerne gesehen. Nicht nur, weil diese bewährten Bauweisen sinnvoll sein können, man versteht sie auch als Ehrerweisung der gastgebenden Nation gegenüber. So sehen die Gewinner des Architektenwettbewerbs für die Botschaft in Tiflis, das Stuttgarter Büro Wulf Architekten, zwar moderne Bauformen vor, aber auch Fassaden aus luftgetrockneten Lehmziegeln.

Auslandsvertretungen sind nicht nur große Botschaftsgebäude in der Hauptstadt, sondern auch viele Konsulate in anderen Städten. Häufig haben die Vertretungen Etagen in größeren Büroblocks oder Hochhäusern angemietet. Weil es in solchen Mietbüros keine Möglichkeit der Selbstdarstellung nach außen gibt, bemüht sich das Auswärtige Amt, für sie ein Corporate Design zu entwickeln.

Corporate Design für Deutschland

Ein Planungswettbewerb brachte nun Entwürfe für ein „funktionales, repräsentatives und einheitliches Corporate Design“, wie es in der Ausschreibung des Auswärtigen Amts hieß, ein „markantes, kraftvolles und überzeugendes Konzept, das sich flexibel in verschiedenen Orten, Räumlichkeiten, Kulturen und Klimazonen anwenden lässt“. Von „Identifikation und Orientierung der Mitarbeiter“ ist die Rede, sowie vom „professionellen Image“ Deutschlands. Man betont gleichfalls, dass es auch um Effizienzsteigerung der Planungs- und Bauabläufe durch Standardisierung geht. Die Wettbewerbsteilnehmer erarbeiteten ein Corporate Design mit dem Anwendungsbeispiel Shenyang, China. Gleichzeitig zur Umsetzung soll ein allgemein verwendbares Handbuch entstehen.

Wettbewerb Corporate Design Wettbewerb Corporate Design | Entwurf: Dittel Architekten Gegen jüngere, frischere Arbeiten entschied die Jury sich für die konservative Lösung von Dittel Architekten aus Stuttgart, die mit ihrer Komposition aus Holzfurnier- und Glaswänden „den Masse-Transparenz und Weite-Dichte-Prinzipien folgt“. Leicht und nonchalant oder gar fröhlich kommt das Design nicht daher. Oft beschworene deutsche Tugenden wie Solidität, Werthaltigkeit und Ordnung wird es hingegen perfekt vermitteln und in seiner Zeit- und Ortlosigkeit in vielen Vertretungen rund um die Welt wohl lange Zeit Gültigkeit haben.