Junge Wissenschaftler Aufbruch ins Ungewisse

Eine Zukunft an der Hochschule?
Eine Zukunft an der Hochschule? | Foto (Ausschnitt): © fotolia

Der universitäre Nachwuchs in Deutschland arbeitet oft unter prekären Bedingungen, viele Betroffene hangeln sich von einem Kurzzeitvertrag zum nächsten. Eine Gesetzesreform soll das ändern.

Um das Problem zu verstehen, reicht eine Zahl: 90 Prozent. Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern an Deutschlands Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen sind befristet angestellt. Oft mit Arbeitsverträgen, die weniger als ein Jahr laufen. „Es ist wie ein süßes Gift“, sagt ein Betroffener. „Jedes Jahr gibt es einen neuen Vertrag und jedes Mal die vage Hoffnung auf eine Dauerstelle.“

Deutschlands Wissenschaft preist sich gern für ihre Dynamik, den Neuaufbruch, den besonders die 2005 gestartete Exzellenzinitiative erzeugt hat, ein als Wettbewerb angelegtes Förderprogramm der Bundesregierung. Doch alles Geld und alle wissenschaftspolitischen Innovationen haben eine fundamentale Schwäche der deutschen Hochschullandschaft nicht beseitigt, sondern sie im Gegenteil sogar noch verschärft: Akademische Karrieren sind in Deutschland zu einem großen Teil dem Zufall überlassen. „Der Traumberuf des Wissenschaftlers ist in die Krise geraten“, beklagt Helmut Schwarz, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Eine Umfrage der Wochenzeitung Die Zeit unter knapp 7.000 Nachwuchswissenschaftlern hatte 2015 ergeben, dass 81 Prozent von ihnen wegen der Jobunsicherheit und schlechter Aufstiegschancen über einen Berufswechsel nachdenken.

Zahl der Professorenstellen stagniert

Tatsächlich hat sich der Flaschenhals vor allem durch die Exzellenzinitiative verengt: Die neu entstandenen Graduiertenschulen für Promovierende und die Exzellenzcluster – Forschungsnetzwerke zu einem weit gefassten Themenkomplex – bringen jede Menge hochqualifizierte Jung-Wissenschaftler hervor, die alle auf das große Los zusteuern: eine Professur auf Lebenszeit. Die meisten von ihnen scheitern auf diesem Weg. Im Jahr 2005 gab es knapp 120.000 wissenschaftliche Mitarbeiter unterhalb der Professur, nur fünf Jahre später waren es bereits 35.000 mehr – während die Zahl der Universitätsprofessoren bei rund 20.000 stagnierte. „Vermutlich hatte keine Generation vor ihnen so große Chancen“, sagt Helmut Schwarz über den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland, „und keine stand gleichzeitig unter einem so hohen Druck.“

Während die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren für Veränderungen trommelt und mit dem „Templiner Manifest“ schon 2010 eine Kampagne für mehr Dauerstellen startete, hat die Politik allzu lange gebraucht, um die Schieflage in ihrer ganzen Dramatik zu erkennen. Erst im Dezember 2015 hat der Bundestag die Novelle des sogenannten „Wissenschaftszeitvertragsgesetzes“ verabschiedet, von dem viele Experten sagen, es habe die schlimmsten Fehlentwicklungen überhaupt erst ermöglicht.

Dabei war es bei seiner Entstehung 2007 ganz anders gedacht. Das Gesetz sollte möglichst vielen Promovierenden den Einstieg in die Wissenschaft ermöglichen und dafür sorgen, dass der Sprung hinüber zu anderen spannenden Forschungsprojekten nicht an kleinkarierten arbeitsrechtlichen Barrieren scheitert. Auch sollte es die Dauer der Befristung und damit ihren Missbrauch begrenzen: auf zwölf Jahre, plus ein paar mehr, etwa wenn man Kinder bekommt. Doch was wirkte, waren eigentlich nur die laxen Vorschriften zu den Kurzzeitverträgen.

Laufzeit soll sich an Forschungsprojekten orientieren

Ob das Gesetz nun zumindest im zweiten Anlauf den Praxistest bestehen wird, darüber sind Beobachter uneins. Dass sich Kurzzeitverträge über Jahre aneinander reihen, soll verhindert werden, indem das Gesetz Mindestvertragsdauern vorschreibt. Diese orientieren sich an der Laufzeit von Forschungsprojekten oder auch der jeweiligen Promotionsdauer. Während der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, nach dem Bundestagsbeschluss sagte, mit den Änderungen könnten die Universitäten leben, kommentierte GEW-Vizechef Andreas Keller: „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.“ Zwar erkenne er Fortschritte, doch die entscheidenden Regelungen zu den Befristungen seien weiter „zu vage“ formuliert. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hält dagegen: In der Novelle gebe es kein Schlupfloch. „Die Hochschulen werden künftig genau begründen müssen, wenn jemand kurzfristig angestellt werden soll.“

Fest steht, dass das Gesetz lediglich den Mangel verwalten kann und keine einzige zusätzliche Dauerstelle schafft. Das wiederum soll ein weiterer Vorstoß von Ministerin Wanka leisten, der heftig diskutiert wird. Eine Milliarde Euro zusätzlich, verteilt über zehn Jahre, hat sie den Bundesländern angeboten, wenn sie dafür weitere Tenure-Track-Professuren schaffen. Tenure Track bedeutet, dass junge Wissenschaftler auf eine zeitlich befristete Professorenstelle berufen werden, die nach einigen Jahren und positiver Leistungsbewertung in eine Dauerstelle umgewandelt wird. Strittig ist unter anderem noch, ob nur Stellen an Universitäten geschaffen werden sollen oder auch an Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen. Sicher ist, dass die Gestaltung dieser Stellen verbindlichen, vorher bekannten Regeln folgen soll. Als Signal an Forscher im In- und Ausland, dass Universitätskarrieren in Deutschland künftig nicht mehr von Zufall und Willkür abhängen.